Fassadenspiele im Hauptbahnhof "Itīs a technical masterpiece" meinte ein wohl englischer Besucher kurz nach der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofes zu einem Begleiter. "Itīs a what?" war die betont skeptische Antwort. -

Viel Bahnhof um den Bahnhof gibt es in diesen Tagen. Das Dach ist zu kurz, die Kosten zu hoch, Fassadenbalken mitunter zu selbständig. Es wird ermittelt, befragt und geprüft, auch gerne mal mit Klage gedroht. Eine schrecklich nette Bahnhofsfamilie ist da entstanden, so scheint es, der Fahrgast und Steuerzahler in der Rolle des zahlenden Papa. Aber die streitenden Personen dürften im Bahnhof eher selten anzutreffen sein. Wie geht es eigentlich den wirklichen "Bahnhofskindern", den Menschen, die sich längere Zeit dort aufhalten, weil sie dort arbeiten?

Ich nutze den Sonntagnachmittag, um diese Leute zu befragen. Ich fange auf der untersten Etage an, bei den Fernzügen. Ein Zugabfertiger, der gerade auf abzufertigende Züge wartet, meint, er wolle nichts sagen. Ich frage, ob man ihm dies verboten habe, das verneint er. Ein Putzmann mit dem Logo der Deutschen Bahn auf der Weste meint, er dürfe nichts sagen, aber eventuell könne sein Vorarbeiter sprechen. Der ist nicht zu finden. Also eine Treppe hoch. Ich suche nach Ladenmitarbeitern, die gerade keine Kunden haben. Eine Blumenverkäuferin antwortet auf meine Frage, ob sie sich sicher fühle im Hauptbahnhof, mit "jetzt schon". Eine hübsche, junge Verkäuferin in einer Apotheke schaut mich besorgt an, und holt ihre Vorgesetze. Diese teilt mit, man habe Anweisung, nichts zu sagen. Also weiter. Die Leiterin einer Schreibwarenhandlung kämpft gerade mit etwas zu locker im Regal aufgestellten Gegenständen. Im Bahnhof fühlt sie sich wohl und auch sicher, ist aber erst seit kurzem dort tätig. Eine Mitarbeiterin einer Autovermietung beendet freundlich ihr Telefonat im ansonsten leeren Büro, als ich hereinkomme. Sie fühlt sich ebenfalls wohl und sicher. Die Beschilderung für das Auffinden des Parkhauses könne man verbessern, sagten ihre Kunden. Ein umgänglicher Mitarbeiter des DB-Sicherheitsdienstes meint, er sei gerne bereit Auskunft zu geben, wenn das Management dies genehmige, und gibt mir eine Telefon-Nummer, wo ich diese einholen könne. Ein junger Bankangestellter sagt, es sei alles ganz ok, nur das Dach müsse man hie und da nochmal abdichten, an machen Stellen würde es gelegentlich ein wenig reinregnen. Reinregnen - Herr Mehdorn! Nun habe ich genug vom Fragenstellen, und gehe noch etwas stöbern in einen Buchladen.


Fassaden und Dächer müssen gewahrt werden, keine Frage. Die Menschen im Bahnhof wirken auf mich ganz normal bis vergnügt, soweit die Bosse das eben zulassen. Letztere haben sicher Anlass, etwas nachzudenken. Dass die einschlägigen Amts- und Würdenträger derzeit etwas an Nervosität leiden, geht schon in Ordnung.

MM 4.Feb 07


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