Erinnerungsstätte Marienfelde: Wo der Westen begann Als "Tor zur Freiheit" hatte es hohen Symbolwert: knapp 40 Jahre lang, von 1963 bis 1990 war das Notaufnahmelager im Westberliner Marienfelde die zentrale Anlaufstelle für Flüchtlinge aus dem DDR-Regime. Für den Stasi-Staat war die Auffangstelle am südlichen Berliner Stadtrand ein echtes Feindobjekt, stelle es doch in den Menschenmassen, die täglich in Marienfelde ihr erstes Asyl suchten, offenkundig die Schwäche der kommunistischen Diktatur zur Schau. Rund vier Millionen Menschen verließen zwischen 1949 und 1990 die DDR in Richtung Westen; von ihnen passierten 1,35 Millionen das Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde. So mancher alteingesessener Marienfelder mag sich noch heute daran erinnern, wie regelmäßig ganze Busladungen voller Flüchtlinge vor dem schlichten Plattenbau, einem 50er Jahre Klotz mit vier Stockwerken und kleinen Fenstern, in der Marienfelder Allee abgeladen wurden. Sie alle, nicht nur DDR-Flüchtlinge, sondern später auch Aussiedler aus Polen und der Sowjetunion, wurden hier verpflegt und durchliefen ein Aufnahmeverfahren, um schließlich eine Aufenthaltserlaubnis für die Bundesrepublik bzw. für West-Berlin zu erhalten. Bei manchen dauerte dieser Aufenthalt nur wenige Tage, bei manchen zog er sich auch über Monate hinweg. Hauptsächlich hing das davon ab, wie wichtig die Flüchtlinge für die West-Alliierten als Informanten waren.

Wer hierher gelangte, hatte die innerdeutsche Grenze überwunden und bekam ein zweites Leben irgendwo
in der Westrepublik vermittelt. Manfred Krug saß hier, Dieter Hallervorden, Winfried Glatzeder. Auch die Schriftstellerin Julia Franck passierte Marienfelde. In ihrem preisgekrönten Roman "Lagerfeuer" verarbeitet sie ihre dort gesammelten Erfahrungen: "Du hast vielleicht den Osten verlassen, aber wo bist du gelandet? Ist dir nicht aufgefallen, dass wir in einem Lager wohnen mit einer Mauer drumherum, in einer Stadt mit einer Mauer drumherum, mitten in einem Land mit einer Mauer drumherum. Du meinst, hier drinnen, im Innern der Mauern, ist der goldene Westen, die große Freiheit?".

In der Tat war das Leben für die Flüchtlinge in Marienfelde kein Zuckerschlecken. Zumindest anfangs waren die Aufnahmekriterien streng. Nur wer glaubhaft darlegen konnte, dass er die DDR "wegen einer drohenden Gefahr für Leib und Leben, für die persönliche Freiheit oder aus sonstigen zwingenden Gründen" hatte verlassen müssen, erhielt eine Aufenthaltserlaubnis. Außerdem sollten mögliche Agenten durch das Aufnahmeverfahren, das meist aus tagelangen Verhören bestand, enttarnt werden.

Die Ausstellung in der Erinnerungsstätte gibt auf rund 450 Quadratmetern Ausstellungsfläche einen guten Einblick in dieses Kapitel jüngster deutsch-deutscher Geschichte. Anhand von Einzelbiographien und Fallbeispielen, aufbereitet in Audio- und Videokommentaren, können die Besucher anschaulich typische Schicksale nachvollziehen. Eine originalgetreu rekonstruierte Flüchtlingswohnung vermittelt einen Eindruck davon, unter welchen Umständen Flüchtlinge im Notaufnahmelager gelebt haben. In insgesamt sieben Themenräumen beschäftigt sich die Ausstellung mit den unterschiedlichen Stationen, die Regime-Flüchtlinge passiert haben und spannt dabei den Bogen von der Entscheidung, die DDR zu verlassen bis zur Integration in die BRD. Ein kleiner Exkurs innerhalb der Ausstellung befasst sich jedoch mit dem entgegengesetzten Weg und zeigt Schicksale von Menschen auf, die sich entschieden haben, von der Bundesrepublik in die DDR auszuwandern

Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde
Marienfelder Allee 66-80
12277 Berlin
Tel.: 030 75 00 84 00
Führungen: Mittwochs und sonntags um 10 und 15 Uhr

Text: A.K.


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