Die Gedenkstätte der Sozialisten - Patrioten, Schurken, Kader Es staunt der Knecht des Weinbauern Trygaios in Aristophanes’ Lustspiel „Der Frieden“ nicht schlecht,
Foto von der Gedenkstätte der Sozialisten
Foto © -wn-
als er von seinem Herrn nach Rückkehr von dessen Himmelfahrt erfährt: Die meisten Sterne brauchen die Strahlkraft anderer Himmelskörper, um selbst - im Widerschein - zu leuchten. Die Gedenkstätte der Sozialisten bestätigt die Beobachtung des umsichtigen attischen Winzers. Der heutzutage dort zum Gedenken erschienene Besucher wird nämlich den Eindruck nicht los, dass man nach dem Ableben von der Reputation anderer Verstorbener zehren kann, gerade wenn es einem zeitlebens an Ansehen gemangelt hat. Ursprünglich war das ummauerte Gräberfeld auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde, das der Architekt Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) 1924 schuf, Menschen sozialistischer Denkart zugedacht, doch mit den Jahren nahmen es Personen in Anspruch, die von Menschenfreundlichkeit denkbar unterschiedlichste Auffassungen besaßen.

Neben den Grabstätten von patriotischen und „selbstleuchtenden“ Gestalten wie Wilhelm Liebknecht (1826-1900), Franz Mehring (1846-1919) und Paul Singer (1844-1911) wurden in der rechten Ringmauer der Anlage Nischen für die Urnen verstorbener Parteikader aus der DDR-Zeit ausgeschlagen und bei Bedarf während pompöser Rituale belegt. In der Reihe der Tafeln liest man heute mit Achtung etwa die Namen des mutigen Ulbricht-Kritikers Anton Ackermann (1905-1973), der schließlich den Freitod wählte, und des Arztes und Dichters Friedrich Wolf (1888-1953). Doch so manch anderer Kader in der Nische sonnt sich im hellen Licht der nahe liegenden charismatischen Gestalten Rosa Luxemburgs (1870-1919) und Karl Liebknechts (1871-1919). Diese wurden bekanntlich in der Nacht vom 15. zum 16. Januar 1919 von Freikorpsoffizieren ermordet und hier bestattet.

In der Erde und den Nischen der Gedenkstätte ruhen Verfolger und Opfer nebeneinander – soweit man unter solcher Bedingung eine Totenruhe voraussetzen kann. Man geht an den Grabstätten des Parteisäuberers Hermann Matern (1893-1971) und der Juristin Hilde Benjamin (1902-1989) vorüber, die für hasserfüllte Schauprozesse verantwortlich war. Man liest: Ernst Melsheimer (1897-1960), Generalstaatsanwalt und Befürworter „langjähriger Umerziehungsprozesse“. Im Janka-Prozeß übermittelte er dem Gericht wie ein Lakai die von Ulbricht festgelegte fünfjährige Haftstrafe. Konspirativ versteckt unter einem anonymen Rasenstück ist die Urne Erich Mielkes (1907-2000) abgelegt. Nur wenige Schritte, und man hat die Gräber einiger Opfer im Blick: Jacob Walchers (1887-1970) Grab, der als Journalist gesellschaftliche Missstände kritisierte und von den Matern-Leuten zum "ärgsten Feind der Arbeiterklasse" erklärt, später rehabilitiert wurde. Dem ebenfalls hier beerdigten stellvertretenden Hamburger KPD-Vorsitzenden und Westemigranten Fritz Sperling (1911-1958) hatte man im beweislosen Verfahren Zusammenarbeit mit amerikanischen und englischen Agenten angelastet. Er verstarb 46jährig.

Es ist ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass die SED-Ideologen trotz der religiös anmutenden Januar-Demonstrationen nach Friedrichsfelde das Ansehen der Luxemburg mit dem diffamierenden Begriff des Luxemburgismus zu schmälern suchten. Luxemburgistisch war die Auffassung, wonach Sozialismus nur mit Demokratie möglich ist – eine entscheidende Frage. Zum Knall kam es am 17. Januar 1988, als die von Demonstranten korrekt gezeigte Randbemerkung „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ aus Luxemburgs Aufsatz „Zur russischen Revolution“ Anlass für den Einsatz der Stasi-Greifer war. Die Dummköpfe rissen Luxemburgs auf Stoff gemalten mitmenschlich orientierten Freiheitsbegriff zu Boden.

Auch seit Erich Honecker nicht mehr auf der fußbodengeheizten Ehrentribüne die Zobelmütze zurechtrückt und die Faust zum hilflosen Gruß erhebt, kommen Menschen im Januar ungerufen nach Friedrichsfelde. Vorsicht ist geboten: Selbst wenn man nicht zum DKP-, Antifa-, Sozial- oder Jugend-Block gehört, gerät man im Gedränge leicht unter die Fahnen von Splittergruppen. Oder man steht im Umkreis eines Komitees zur Vorbereitung einer weiteren Weltrevolution oder einer Sekte, die sich in einen sozialrevolutionären Ismus hineinsteigert. Möglich auch, dass man auf einen ehemaligen SED-Funktionär trifft, der um Solidarität anhält, weil die Klassenjustiz ihn die Rentenzuschläge strich. Und wer schließlich nach dem Genuss eines straffen Rotweinpunsches mit dem Veteranenchor „Auf, auf zum Kampf“ singen oder bei Klang von Schalmeien seine Bratwurst verzehren möchte, dem ist in Friedrichsfelde insgesamt wieder einmal ein durchwachsenes politisches Erlebnis zuteil geworden.

Zu ihrem Glück wissen diese versammelten Menschheitsbeglücker: Rosa Luxemburg steht nicht mehr auf. Und so wird die Vorstellung, es höbe sich in der Januarsonne einmal die Platte über dem Grab und die kluge couragierte Frau erschiene mit einem fest geschnürten polnischen Rutenbesen in der Hand, auf immer eine Fiktion bleiben.

Verkehrsverbindungen:
U- und S-Bhf. Lichtenberg, S-Bhf. Friedrichsfelde-Ost
Bus 193, Straßenbahn 21, 27
Die Zufahrt mit dem Auto über Frankfurter Allee - Atzpodienstraße - Rüdigerstraße - Gudrunstraße.

Text: -wn-


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