Die Karl-May-Ausstellung im Berliner Deutschen Historischen Museum Wer fände nicht, dass das Karl-May-Museum zu Radebeul mit seiner Anschrift Karl-May-Straße 5 eine zutreffende Adresse hat.
Fahrradfahrer in Berlin © D. Beselt
Foto © al rey
Das nach dem sächsischen Webersohn, späteren Volksschriftsteller und Überlebensgaukler benannte Sträßchen stößt an Verkehrswege, die ausgerechnet die Namen des Dichters Friedrich Hölderlin und des Komponisten Robert Schumann tragen. Die drei Namensgeber vereint eine Lebensart: ihr Trachten und Wirken bietet eine ersichtliche Verbindung von Talent, Wahnsinn und Genie. Hölderlins poetische Sensibilität erfuhr durch schizophrene Störung eine ungewöhnliche Steigerung. Robert Schumanns seelische Wechselbäder beflügelten dessen Musik.

Auch die Karl-May-Ausstellung, die zurzeit im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums rund 500 Objekte meist aus dem Nachlass des schillernden Erzählers zeigt, führt zu der Erkenntnis, dass ein abweichendes, auf Ausbrechen aus bedrückenden Verhältnissen angelegtes Erleben oft mit besonderer Schaffenskraft im Künstlerischen einhergeht. Aber natürlich fällt in der Berliner Schau zunächst Handfesteres ins Auge: Old Shatterhands und Kara Ben Nemsis Henry-Stutzen, jenes von May in Auftrag gegebene Repetiergewehr mit zwei übereinander liegenden Läufen, sowie der ebenfalls nach literarischer Vorlage gebaute und schweres Kaliber verschießende Bärentöter, nicht zu vergessen: Winnetous Silberbüchse.

Dass diese Waffen, besonders natürlich ihre Träger so populär werden konnten, hat eben mit Karl Mays seelischer Beschwernis zu tun, einer multiplen Identitätsstörung, bei der ein Mensch auf den ersten Blick überzeugend in andere Persönlichkeiten mit jeweils eigenen Umgangsformen, Vorlieben und Erinnerungen schlüpft. Diese Neigung entfachte in ihm ein Schöpfertum, das ihn weltberühmt, allerdings nicht auf Dauer glücklich machte.

Die Ausstellung mit dem Titel „Karl May. Imaginäre Reisen“ zeigt dies, indem sie den Besuchern das Leben des Karl Friedrich May (1842-1912) mit beeindruckendem musealen Aufwand nahe bringt. Aufgewachsen ist er in der erzgebirgischen „Armetei“, fünftes von 14 Kindern, bis zum fünften Lebensjahr angeblich blind gewesen. Es waren elende Verhältnisse, denen der – zwischenzeitlich polizeibekannte - Endzwanziger entkommen wollte. Dazu versucht er sich zunächst im niederrangigen Gaunermilieu. Polizei-Oberleutnant, Schriftsteller Heichel aus Dresden, Sohn eines Prinzen von Waldenburg, sogar Plantagenbesitzer Albin Wadenbach von Orby auf der Insel Martinique – sie sind keineswegs Gestalten früher Romane. Es sind Figuren, in die er um irgendeines Vorteils willen selbst schlüpfte. Er ließ Dinge mitgehen, eine Lampe, eine Brille im Etui, zwei Brieftaschen mit wenigen Talern, einen Satz Billardkugeln.

Dann aber kam seine Zeit. Die Kolonialpolitik des deutschen Kaiserreiches, aufkommende Orientsehnsucht und die Kunde vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die Millionen Deutsche nach Amerika lockte – das war das geistige Umfeld, in dem Karl May schließlich die großen Erfolge landete. Er selbst wanderte keineswegs aus. Er gab stattdessen vor, im nordamerikanischen Westen und im Morgenland auf abenteuerlichen Pfaden unterwegs gewesen zu sein, schrieb seine vorgeblichen Erlebnisse nieder und wurde auf diese Weise von einem anfänglichen Kolportageschreiber zum beneideten und angefeindeten Volksschriftsteller. In den genial ausgedachten Geschichten geht es um Gerechtigkeit und den Kampf gegen das Unrecht – dafür stehen der christianisierte Winnetou und Old Shatterhand, ein Vorfahr von »Plattfuß« Bud Spencer, was die Technik des Zuhauens betrifft.

Der Ausstellungsbesucher erfährt auch von Karl Mays spätem Schwenk vom Reiseabenteuer hin zu einem pazifistischen Symbolismus. Es war zu spät: Die Woge der Orient- und Wildwest-Romantik rollte und rollt noch heute. Und wenn die Westmänner in den Karl-May-Filmen das Whiskyfaß im Saloon durch das Einschießen von Spundlöchern öffnen, so ist es ohne Belang, ob ein Karl May das so erlebt hat oder nicht. Wissen wir doch aus den Winnetou-Filmen, dass es sich hierbei um „Abenteuer von unwahrscheinlicher Realität“ handelt.

Eines bleibt unbestritten: Mit 200 Millionen verkauften Büchern in über 40 Sprachen ist Karl May der bis heute auflagenstärkste deutschsprachige Buchverfasser.

Die Ausstellung ist bis zum 6. Januar 2008 täglich von 10 bis18 Uhr geöffnet. Vom 16. bis 18. November 2007 wird am Deutschen Historischen Museum mit Unterstützung der Karl-May-Gesellschaft e.V. ein Symposium zu Werk, Rezeption und Aktualität des Autors stattfinden.
Text: -wn-

Deutsches Historisches Museum
Unter den Linden 2
10117 Berlin
Telefon: 030 / 20304 444



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