Nofretete: Die "schöne Berlinerin" Sie gehört zu den bekanntesten und gleichzeitig beliebtesten Kunstwerken der Welt: nach fast 70 Jahren ist Nofretete im Oktober 2009 wieder an ihren ursprünglichen Ausstellungsort, das Neue Museum, heimgekehrt. Die 1912 von dem deutschen Ägyptologen Ludwig Borchardt (1863-1938) bei Ausgrabungen in den Ruinen der altägyptischen Stadtanlage von Tell el-Amarna entdeckte, rund 50 cm hohe Büste der legendären Gattin von Pharao Echnaton kam 1913 mit Genehmigung der ägyptischen Behörden ins Neue Museum nach Berlin. Zu den Funden, die nach Berlin gelangten, gehörte unter anderem auch das prächtige Ischtar-Tor aus Babylon, welches heute im Berliner Pergamon-Museum zu bestaunen ist. Alle Schmuckstücke aber werden überstrahlt von der Büste Nofretetes, der schönen Königin. Sie ist der Liebling der Berliner und der Touristen.

Aufgrund des Alters der vermutlich 1338 v. Chr. gefertigten farbenprächtige Büste und ihrer kunstvollen Ausarbeitung unternahm die ägyptische Regierung später mehrfach erfolglos den Versuch, Nofretete gegen andere Kostbarkeiten auszutauschen. Doch Berlin blieb hart. Die "schöne Berlinerin", wie sie von den Bewohnern der Hauptstadt bereits liebevoll genannt wird, soll hier bleiben. Sie hat schon zu viele Reisen und Umzüge hinter sich.

Die Odyssee begann 1943. Damals war die Büste aus Kalkstein und Gips zusammen mit den anderen Exponaten des Ägyptischen Museums ausquartiert worden,
um sie vor den verstärkten Bombenangriffen auf die Reichshauptstadt zu schützen. Zunächst wanderte sie in die Tiefen der Saline Kaiseroda im Harz. In den unterirdischen Räumen lagerten im Frühjahr 1945 fast die gesamten Gold- und Devisenbestände der Deutschen Reichsbank und Kunstschätze aus verschiedenen Berliner Museen.1945 konfiszierten amerikanische Truppen die Kunstschätze und brachten sie zunächst nach Frankfurt am Main und dann in ein Zentrallager im Landesmuseum Wiesbaden. 1952 wurde die Büste der stolzen Königin dort gemeinsam mit anderen beschlagnahmten Objekten in einer Sonderschau präsentiert. Später ging Nofretete wieder nach Berlin, allerdings - sehr zum Unmut des DDR-Regimes - in den Westteil der Stadt: zunächst nach Dahlem, dann nach Charlottenburg. In der Geschichte Berlins ist Nofretete ein Symbol der Ost-West-Teilung: Die frühere ägyptische Sammlung, die nach 1945 getrennt wurde, wurde 2005 wieder zusammengeführt, nachdem der innerdeutsche Konflikt um die Büste jahrzehntelang zu massiven Spannungen geführt hatte.

Doch was ist eigentlich das Besondere an der Nofretete, die nun im Nordkuppelsaal des Neuen Museums einen Raum ganz für sich allein hat? In erster Linie ist es die Bemalung. Sie hat sich seit der Entstehungszeit ohne Restaurierung erhalten. Dabei spricht viel dafür, dass Nofretete im eigentlichen Sinne nicht einmal als Exponat bzw. schmückendes Kunstwerk dienen sollte. Das blinde Auge lässt darauf schließen, dass sie als Muster für weitere Büsten in der Werkstatt des Bildhauers diente.

Forscher durchleuchteten die Büsten übrigens mit einem Computertomographen. So fanden sie heraus, dass Nofretete unter der dicken Gipsschicht ein zweites Gesicht hat, das weniger dem Schönheitsideal entspricht. Das filigran auf dem Kalksandsteinkern der Büste herausgearbeitete Gesicht hat gegenüber dem darüber modellierten Gipsgesicht einige Abweichungen: so weisen etwa Mundwinkel und Wangen Falten und die Nase einen kleinen Höcker auf. Schon zu Echnatons Zeiten gab es in der Kunst einen Trend zur naturalistischen Darstellung, die in der hochstilisierten ägyptischen Kunst zuvor nicht erreicht worden war. Dieser Realismus machte auch nicht vor Bildnissen des obersten Herrschers halt. Die vielen Bildnisse der Königin Nofretete zeigen jedoch allesamt ein makelloses Schönheitsideal. So wird Nofretete neben Cleopatra auf ewig die schönste und anmutigste Frau der ägyptischen Antike bleiben.

Neues Museum
Bodestraße 1-3
10178 Berlin
Anfahrt: S/U-Bahnhof Friedrichstraße oder
S-Bahnhof Hackescher Markt
Infotelefon: 030-266 42 42 42
Text: A.K. / 21.10.2009



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