Das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen
Die Gedanken sind frei und gelegentlich, wie es im Volkslied heißt, schwer zu erraten. Diese naturgegebene Sachlage ist das Arbeitsproblem ideologischer Überwachungsbehörden aller Art.
Öffentlich geäußerte Vorstellungen über vernünftige Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens führten in der Geschichte immer wieder zum Aufbau einer Gedankenpolizei.
Zwischen den Berliner Straßenzügen Bahnhof-, Gensler- und Lichtenauer Straße befindet sich ein solcher Ort früherer Gesinnungs-Kontrolle und, was damit einher ging, menschlicher Erniedrigung. Es ist das zur Gedenkstätte gestaltete zentrale Untersuchungsfängnis des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Hohenschönhausen. Hinter einer fünf Meter hohen erdfarbenen Mauer hatten die Gedanken“verbrechen“ nicht weniger kriminalisierter DDR-Bürger ausufernde Verhöre und - im Ergebnis von Prozessen - maßlose Urteile wegen selbstständigen Denkens zur Folge.
Während des Rundganges durch die Trakte erfährt man, dass hier in den DDR-Jahren rund 40 000 Menschen festgehalten wurden. Zu ihnen zählen der ehemalige Leiter des Aufbau-Verlags, Walter Janka, der Autor des Buches und Reformversuches „Die Alternative“ Rudolf Bahro, der Schriftsteller Jürgen Fuchs, der Philosoph Wolfgang Harich und die Malerin Bärbel Bohley. Sie und viele andere unbescholtene Menschen hatten ihre Sorge über den Krebsgang des Landes öffentlich gemacht und den allherrschenden Dogmatismus als Grund benannt. Ihre patriotische Haltung wurde in der Presse mit Verbalinjurien bedacht wie „diese Handvoll Faulenzer, kriminelle DDR-Verräter, Sprachröhren der Gestrigen, Kleindarsteller des BRD-Fernsehens“.
Während man sich im so genannten U-Boot, einer weitgehend fensterlosen, bis in die 60er Jahre genutzten unterirdischen Zellenflucht im Mittelalter wähnt, lassen die Zellentrakte des Hauptgebäudes nur vage erkennen, wie sehr der Verlust an Humanität in der politischen Klasse der DDR zu einem Totalverlust morali¬schen Empfindens geführt hatte. Die Gesinnungs-Häftlinge waren von der Außenwelt hermetisch abgeschnitten, allenfalls den Wechsel von Tag und Nacht konnten sie wahrnehmen. Es gab weder Lektüre und noch Kontakte zu Mithäftlingen. Diese so genannte Untersuchungshaft kam einer verschärften Strafhaft gleich. Gut ausgebildete Vernehmer verhörten die Häftlinge oft monatelang, um sie zu belastenden Aussagen zu bewegen. Auf sie wurden unendlich dehnbare Paragraphen des Strafgesetzbuches angewandt wie „öffentliche Herabwürdigung der staatlichen Ordnung“, „ungesetzliche Verbindungsaufnahme“ oder „staatsfeindliche Gruppenbildung“.
In ihrem Hass auf Andersdenkende versuchte die SED-Führung, das Ansehen der inhaftierten Angehörigen der geistigen DDR-Elite dadurch zusätzlich zu beschädigen, indem sie sie, wenn es sich anbot, Wand an Wand mit Nazi-Verbrechern zusammensperrten: z.B. mit dem aufgegriffenen stellvertretenden SS-Standortarzt von Auschwitz, Dr. Horst Fischer, oder dem ehemaligen SS-Offizier Heinz Barth, der im französischen Oradour Frauen und Kinder erschießen ließ.
Die Führungen durch die weitläufige Gedenkstätte betreuen ehemalige Häftlinge. Diese Zeitzeugen bemühen sich um sachliche Erläuterung der bedrückenden Tatsachen. Der 42jährige Mike Fröhnel weiß sogar von einem Bewacher zu berichten, der ihm in den späten 80er Jahren zuraunte: „Mensch, Junge, halt aus, hier ist bald Schluss.“ Ansonsten aber sind die weitgehend unbestraft gebliebenen Gedanken-Polizisten ohne Einsicht und Reue und bagatellisieren ihr Vorgehen nach Kräften. In einem Schriftsatz erklärt das „Insiderkomitee zur Förderung der kritischen Aneignung der Geschichte des MfS“, eine Art Berufsgenossenschaft der Uneinsichtigen, das Gefängnis in Hohenschönhausen habe im Vergleich zu anderen Anstalten als „gute Adresse“ gegolten.
Über solche Versuche des Schönredens von Grausamkeit hatte sich bereits Heinrich Heine 1844 mit Blick auf die diktatorischen Verhältnisse des Vormärz lustig gemacht. In „Deutschland. Ein Wintermärchen“ schreibt er im Caput XXV: „So übel war es in Deutschland nie, / Trotz aller Zeitbedrängnis - / Glaub mir, verhungert ist nie ein Mensch / In einem deutschen Gefängnis.“ Text: -wn-
Wie man mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Gedenkstätte kommt:
- Straßenbahnlinie M 5 ab S-Bhf Alexanderplatz oder S-Bhf Landsberger Allee
bis zur Haltestelle Freienwalder Straße.
- Straßenbahnlinie M 6 ab S-Bhf Hackescher Markt, Haltestelle Genslerstraße.
Fußweg ca. 10 min.
- Straßenbahnlinie Tram 16 ab S/U-Bhf Frankfurter Allee,
Haltestelle ebenfalls Genslerstraße.
- Ab U-S-Bhf Berlin Lichtenberg, dort in die Buslinie 256 umsteigen.
Haltestelle: Liebenwalder Straße/Genslerstraße. Fußweg ca. 5 min.