Die neue Woll-Lust
Szenige Strick- und Wollbars in Berlin zelebrieren Gruppenstricken.
Von wegen alte Maschen - Handarbeit ist wieder in! Ausgelöst durch Schauspielstars wie etwa Cameron Diaz, Julia Roberts oder Gwyneth Paltrow, die den entspannenden Effekt des Nadelklapperns in den Drehpausen für sich entdeckt haben, hat die traditionelle Handarbeit zunächst in Amerika eine Renaissance erlebt.
Inzwischen ist die neue Trendwelle über den großen Teich auf das alte Europa übergeschwappt und hat auch deutsche Wohnzimmer zurückerobert.
Doch wenn man hört, dass die neue "Woll-Lust" auch Kill-Bill-Bräute wie Uma Thurman am Set von "Prime" packt, dann schwant einem schon, dass das Stricken sein Comeback nicht im biederen Öko-Chic feiert. Statt Tante Friedas kratzigen Socken und sackförmigen, einfarbigen Wollpullies aus Anti-Atomkraftzeiten der 80er sind nun andere Maschen angesagt. Allein bei der Materialauswahl hat sich einiges geändert.
Strick-Trendsetter tauschen sich in Web-Blogs über hautpflegende, mit Jojobaöl oder Aloe Vera angereicherte Garne aus und fachsimpeln über feinste englische Wolle, komplizierte Muster oder Nadeln aus Galaith. Mit diesem Equipment ausgestattet, sind der Phantasie anschließend keine Grenzen mehr gesetzt. Erlaubt ist, was gefällt - egal ob Tanga, klassische Bommelmütze oder Boomerangüberzug.
Auch die Zielgruppe der neu boomenden Woll-Läden hat sich gewandelt. Die "Maschenkünstler" von heute bleiben keineswegs mit ihrer Stricklisl Daheim auf Omas Sofakissen sitzen, sondern treffen sich mit Gleichgesinnten zum Gruppenstricken in angesagten Strick-Treffs wie etwa dem Berliner Opernpalais oder einer der vielen szenigen Wollbars am Prenzlberg, in Pankow oder in Schöneberg.
Den Trend zum öffentlichen Stricken konnte man übrigens auch schon vergangenes Jahr auf der Kölner Messe "handarbeit & hobby" beobachten. Dort klapperten 2006 bei der ersten deutschen Schnellstrickmeisterschaft zahlreiche Teilnehmer unter dem Motto "Wer strickt innerhalb von drei Minuten die meisten Maschen?" so schnell es ging mit den Nadeln. Dem flinksten Needle-Champion winken auch dieses Jahr wieder begehrte Trophäen.
Wer sich diesen Streß nicht antun möchte, muss dennoch nicht aufs Stricken verzichten. Ein genüßliches Stricken mit kuschelig weicher Wolle kann durchaus auch einen Wellness-Effekt haben kann. Es mehren sich bereits die Stimmen, die von Stricken als dem "neuen Yoga" sprechen. Autoren des auf Handarbeit spezialisierten "frechverlags" sind sich sogar sicher: "Wer sich ganz in diese Tätigkeit hineinversenkt, kann einen echten Glückskick erleben!"