Zu Besuch im Puppentheatermuseum Berlin-Neukölln, im frühen 21. Jahrhundert. Ganz Neukölln ist von erschlafften Langzeit-arbeitslosen und hyperaktiven, desorientierten Jugendbanden besetzt. Ganz Neukölln? Ein kleines Häuflein Unerschrockener leistet weiterhin tapfer Widerstand, verschanzt in einem Hinterhof,
Puppentheatermuseum in Berlin-Neukölln
Foto © jakezc
in der der Karl-Marx-Straße 135. Natürlich kämpfen sie mit den Mitteln der Poesie. Ich komme um 11 Uhr, weil per Internet verheissungsvoll eine "Taschenlampenführung" angekündigt ist. Am Empfang sitzt eine freundliche Dame mit Mütze, die 3 € Eintritt verlangt ("es kostet aber Eintritt"), obwohl im Internet € 2,60 ausgeschrieben sind. Ich möchte nicht verhandeln und bezahle. Bei einer Taschenlampenführung würde die normale Beleuchtung ausgeschaltet, und all die Hexen und Zauberer nur mit Taschenlampe ins rechte, schauerliche Licht gesetzt. Leider, leider bin ich der einzige Interessent. Ab etwa acht Besuchern erst mache man eine solche Führung, zu der zwei Theaterpädagogen antreten würden. Während wir sprechen, endet eine - normal beleuchtete - Führung für eine Gruppe Jugendlicher. Anschließend bin ich der einzige Besucher. Die Poesie hat es nicht leicht, wahrlich.

Aber wie es sich für ordentliche Märchen gehört, gibt es im rechten Moment eine gute Fee. Die Dame mit der Mütze ist so liebenswürdig, mich ein wenig zu begleiten, zu erzählen, und sie gestattet mir, eine kurz vor der Eröffnung stehende Ausstellung im Obergeschoss anzusehen. Sie zeigt Puppenwerke des spanischen Künstlers Alejandro Corral - sehr liebevoll gestaltete, große Puppen, denen erwachsene Zeitgenossen zum Teil auf Augenhöhe in die schönen Glasaugen blicken können. Corral fertigt gar wunderbare Schreckschrauben, Nachtmahre und Märchenmonster. Aber auch langwimprige, in schwarze Stoffe gehüllte Matronen, Figuren für Literaturinszenierungen, wie zB Bernarda Albas Haus von Federico García Lorca.

Wieder unten, in der ständigen Ausstellung, finden sich zum Beispiel wehrhaft gerüstete Ritter aus Italien - gewichtige Puppen, nicht an Fäden, sondern an Stangen befestigt, mit einem beweglichen Schwertarm, so dass sie schön miteinander kämpfen können. Interessant sind abstrakte Puppen, zum Beispiel aus Draht gefertigt, entstanden für aus der Bauhaus-Tradition inspirierte Puppendarbietungen. Es gibt einen eindrucksvollen Ludwig Erhard mit dicker Zigarre, natürlich jede Menge Märchenpersonal, Könige, Prinzessinnen und Zauberer, man trifft Fred Astaire und einige Chinesen. Die Puppen haben Charakter, sie werden individuell gefertigt, zugeschnitten für bestimmte Inszenierungen und auf den besonderen Stil des Puppenspielers.

Nun kommt doch ein wenig Leben auf im Puppenhaus. Im Hintergrund laufen anscheinend Vorbereitungen für eine Veranstaltung, jemand möchte 16 Teller holen. Im Puppentheatermuseum kann man nicht nur Dinge anschauen, sondern auch viele Dinge selbst tun. Das Museum bietet vielerlei Themen als Workshop an, zum Teil über die Volkshochschule. Wer dann Feuer fängt, geht vielleicht an die Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Dort kann man in acht Semestern zum professionellen Puppenspieler ausgebildet zu werden.
Nun ist es Zeit zu gehen. Die freundlichen Puppenpoeten verabschieden ihren im Moment einzigen Gast: "Bleiben Sie uns erhalten!". Die Antwort fällt leicht: "Ebenso!"

Usere Empfehlung: vor Besuch anrufen.
Telefon: 030-6878132
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9.00 bis 16.00 Uhr
Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr
http://www.puppentheater-museum.de


Text © : MM


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