Sinnfindung macht nur gemeinsam Sinn: Ethikunterricht in Berlin
Die Regelung ist in Deutschland einmalig: Seit 2006 gibt es in Berlin das reguläre Fach Ethik, das in den Klassen 7 bis 10 verbindlich besucht werden muss, während der Religionsunterricht freiwillig und
zusätzlich stattfindet. Über die Pros und Contras dieser Lösung wurde im Vorfeld des von der Initiative "Pro Reli" initiierten Volksentscheids am 26. April 2009 hitzig diskutiert.
Letztendlich haben Berlins Bürgerinnen und Bürger so entschieden, wie es nach vorangegangenen Meinungsumfragen absehbar war: Ethik bleibt Pflichtfach. Auch in Zukunft werden Schülerinnen und Schüler aus verschiedensten religiösen, kulturellen und weltanschaulichen Zusammenhängen sich gemeinsam mit Wert- und Sinnfragen auseinandersetzen und dabei Toleranz und Dialogfähigkeit entwickeln.
Integration ist ein wichtiges Ziel des Ethikunterrichts - und die kann nur dann stattfinden, wenn alle mitmachen. Wäre "Pro Reli" erfolgreich gewesen, hätten gerade diejenigen, die sich über ihren Glauben definieren, Religion statt Ethik gewählt - ein Dialog zwischen den verschiedenen Weltanschauungen wäre so kaum möglich gewesen.
Ethik ist praktische Philosophie. Sie untersucht moralische Urteile, Werte und Normen, um auf dieser Grundlage Entscheidungs- und Handlungskriterien für den Alltag zu entwickeln. Im Mittelpunkt des Ethikunterrichts steht damit die Praxis: Soziale Kompetenzen und moralische Urteilsfähigkeit sollen gefördert werden, die Jugendlichen sollen lernen, ihre Positionen glaubwürdig und überzeugend zu vertreten. Zu diesem Zweck setzen sie sich mit den ethischen Grundsätzen sowohl des eigenen Lebens als auch des gesellschaftlichen Zusammenlebens auseinander. Um das nötige Hintergrundwissen aufzubauen, werden unterschiedliche religiöse, weltanschauliche und kulturelle Inhalte erarbeitet.
Ziel des Unterrichts ist die Vermittlung der Grundlagen eines friedlichen Zusammenlebens. Dazu gehören die Achtung der Menschenwürde,
Toleranz und die Vermeidung von Gewalt. Dabei sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, dass verschiedene Wertvorstellungen und Lebensentwürfe konfliktfrei nebeneinander existieren können.
Den Rahmen für die Diskussion stecken sechs Themenfelder wie "Identität, Freundschaft und Glück", "Diskriminierung, Gewalt und Toleranz" oder "Wissen, Hoffen und Glauben". Innerhalb dieses Rahmens kann an die Erfahrungen der Jugendlichen angeknüpft und der Unterricht auf die spezielle Zusammensetzung einer Klasse ausgerichtet werden.
Benotet wird nicht nach Überzeugungen, sondern nach den Kenntnissen der Schülerinnen und Schüler und den Methoden, mit denen sie die Problemstellungen bearbeiten. Auch wenn Ethik die Werte untersucht, nach denen wir unser Leben ausrichten, ist sie als wissenschaftliche Disziplin selbstverständlich wertfrei.
Text: J.J.