Gewalt wird öffentlich: Straftaten in Berlins Bussen und Bahnen häufen sich Busse und Trams mit Steinen zu bewerfen, scheint sich zum neuen Volkssport auszuweiten und Schläger greifen nicht nur Fahrgäste an, sondern prügeln sogar die Fahrer bewusstlos. Ist es inzwischen wirklich lebensgefährlich, Berlins öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen?

Gewalt in Berlins Bussen und Bahnen
Foto © Udo Kroener
08.01.08: In einem S-Bahnhof schlagen drei Jugendliche einen 30jährigen zusammen. 22.01.08: Ein glücklicherweise leerer Bus der N24 wird von Unbekannten mit Pflastersteinen beworfen. Zwei Fensterscheiben und eine Tür gehen zu Bruch. 25.02.08: Der Fahrer der M 48 wird von einem Gast zusammengeschlagen, weil die Haltestellenansage defekt ist. Zum Glück kann er den Bus noch rechtzeitig anhalten, bevor er das Bewusstsein verliert. 28.02.08: Eine junge Frau erleidet in der Buslinie 247 ein Knalltrauma, als ein Stein die Scheibe neben ihr durchschlägt.

Am ersten Märzwochenende überschlagen sich die Ereignisse: Ein 44jähriger wird in der U-Bahn von einem jungen Mann, den er davon abhalten wollte, Frauen anzupöbeln, brutal zu Boden getreten und muss reanimiert werden. In der gleichen Nacht stoßen zwei jugendliche Randalierer dem Busfahrer, der sie hinauswerfen will, ein Messer in den Rücken und verletzen außerdem eine zur Hilfe eilende 40jährige Frau. Eine 20jährige greift einen dunkelhäutigen jungen Mann mit rassistischen Parolen an und versucht dann, ihn vor die einfahrende S-Bahn zu stoßen. Zwei Fahrgäste können ihn gerade noch retten. Am gleichen Wochenende kommt es außerdem zu einer Messerstecherei und einem weiteren Angriff auf einen Busfahrer. In der Woche darauf geht es weiter mit Steinwürfen auf Busse.

BVG und Senat reagieren angesichts dieser Gewaltwelle eher ratlos. Von Nachrüstung der Videoüberwachung ist die Rede und vom Einsatz hunderter nicht für diesen Job ausgebildeter Langzeitarbeitsloser als Sicherheitspersonal. Fahrgastverbände und Gewerkschaft fordern statt dessen Polizeieinsatz und gezielte Kontrollen auf gefährdeten Linien; regierender Bürgermeister und Polizei mahnen Zivilcourage an. Doch kann man diese nach den jüngsten Vorfällen wirklich noch erwarten?

So traurig das ist: Nachrichten von verletzten Mitbürgern, die eingreifen wollten, werden die ohnehin schon ausgeprägte Kultur des Wegschauens eher noch verstärken. Hier täte öffentliche Aufklärung statt halbherzigen "Sicherheitsmaßnahmen" Not: Wer von Horrormeldungen über brutale Gewalt geprägt ist, wird im Zweifelsfall nichts tun, um wenigstens sich selbst zu schützen. Wer dagegen gedanklich vorbereitet ist und dies auch bei anderen Fahrgästen voraussetzen kann, hat eine gute Chance, deeskalierend zu wirken.

Man muss bei einem Kampf nicht handgreiflich dazwischengehen, sondern es gibt andere Methoden, einzugreifen. So rät die Polizei z.B. dazu, sofort den Notruf zu wählen und den Tätern dies dann aus sicherer Entfernung mitzuteilen. Eine weitere Möglichkeit, Angreifer zu verunsichern, ist, die Notbremse zu ziehen. Andere Fahrgäste sollten gezielt angesprochen und zur Mithilfe aufgefordert werden. All dies kann mit dem nötigen Sicherheitsabstand gestehen, um nicht Gefahr zu laufen, selbst verletzt zu werden Gar nichts zu tun ist aber sicher der falsche Weg, wenn man der Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht freie Bahn lassen will. Text: J.J.

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