Shopping bis zum Umfallen: Bald totale Freigabe der Ladenöffnungszeiten -
Während im Frühjahr 2007 so mancher Berliner noch neidgeplagt nach Metropolen wie
London blickte, wo der 24-Stunden-Shoppingbetrieb bereits längst eingeführt ist, hat die deutsche Hauptstadt im Verlauf des Jahres einen Riesensprung Richtung Shoppingparadies gewagt. Inzwischen ist sie sogar die liberalste Stadt im ganzen Bundesgebiet, was die Regelungen des Ladenschlusses anbelangt. Alle Geschäfte dürfen rund um die Uhr geöffnet haben. Theoretisch zumindest. Denn nicht überall zahlt es sich unbedingt aus, auch nachts um viertel nach drei noch Kassenkräfte zu entlöhnen - auch wenn deren Salär teilweise sogar noch unter dem Mindestlohn entlangschrammt. Und dennoch: War bis vor kurzem noch der Late-Night-Shop im Szene-Kiez die Alternative zur teuren Tanke, sind heute Ladenöffnungszeiten bis 22 Uhr schon fast Normalität. Supermärkte mit 24-Stundenbetrieb wie Vorreiter Reichelt in Wilmersdorf werden vermutlich auch keine Exoten bleiben.
Jeder darf, keiner muss - so lautet aktuell die Devise. Was sich für wen zu welchen Zeiten rentiert, muss jeder selbst entscheiden. Der Wettkampf wurde dadurch natürlich noch härter als er ohnehin schon ist. Vor allem für kleinere Einzelhändler, die derzeit neben den immer mehr aus dem Boden schießenden Shoppingcentern bestehen müssen. Bei den Überlegungen hinsichtlich der eigenen Öffnungszeiten müssen die Händler auch stategisch denken. Das kann dazu führen, dass man bei längeren Öffnungszeiten trotzdem nur denselben Umsatz wie früher einfährt, aber auf diese Weise wenigstens keine Kundschaft an die Konkurrenz verliert. Dass der Euro nur einmal ausgegeben werden kann, ist sicher kein falsches Argument. Die Frage bleibt dennoch: wo? Überflüssige Geldreserven, die nicht unters Volk kommen, weil ihr Besitzer keine Zeit findet, sie auszugeben, sind rar. Mit Ausnahme der Singles. Und von ihnen gibt es in Berlin bekanntlich überdurchschnittlich viele; einige unter ihnen auch noch mit 60-Stunden-Woche. Das Dilemma: Sie können den Einkauf nicht auf weniger gestresste Haushaltsmitglieder abwälzen. Um ihre unbefriedigte Kaufkraft gilt es also zu buhlen. Vermutlich dachte sich das auch der Reichelt-Vorstand, als er im halbwegs betuchten Wilmersdorf seinen Supermarkt nur noch sonntags schloß.
Sonntag ist das letzte Tabu. Doch auch hier bröckelt die Hemmschwelle. War noch vor einiger Zeit der verkaufsoffene Sonntag ein echtes Highlight im Shopping-Jahreskalender, sind es inzwischen ganze zehn Sonntage statt nur noch vier im Jahr, an denen die Berliner Geschäfte öffnen dürfen, die Adventssonntage miteingerechnet. Wird Berlin auch wieder der Vorreiter sein, wenn es um diesen letzten Tabubruch geht? Der katholische Nachbar in Polen hat schließlich ebenfalls keine Scheu, den Sonntag für Arbeit und Konsum freizugeben. Von den vielen Argumenten, die von Pro- wie von Contraseite an dieser Stelle angeführt werden können einmal abgesehen, steht eines fest: der Sonntag als "Tag der Arbeitsruhe und seelischen Erhebung", wie es im Grundgesetz geschrieben steht, genießt (noch) Verfassungsschutz.
Spekulation bleibt, ob Berlin nicht in ein paar Jahren eine Ausnahmeregelung erwirken kann, wenn die gestiegenen Mieten anfangen, die Armut wie in Paris oder London an die Peripherie zu drängen und die in Berlin noch sehr moderaten Löhne gezwungenermaßen langsam aber sicher an den westdeutschen Durchschnitt angepasst werden. Die Tatsache, dass Berlin noch überdurchschnittlich viele Bezirke mit sehr niedrigem Durchschnittseinkommen wie Neukölln, Wedding oder Hohenschönhausen hat, ist dem geschichtlichen Schicksal der Stadt geschuldet. Doch schon jetzt beginnen Bauherren, in Lichtenberg an der Grenze zu Friedrichshain, heruntergekommene Altbauten in schicke Eigentumswohnungen umzusanieren - nur als Beispiel. Irgendwann einmal wird Berlin aus seinen Slogan "arm, aber sexy" vielleicht das Wort "arm" streichen müssen. Ob es die Vokabel "sexy" ebenfalls opfern muss, bleibt abzusehen - genauso wie die Frage, ob Berlin dann die Heilige Kuh, den arbeitsfreien Sonntag, gleich mit über die Klinge springen lassen wird. Sagen Sie Ihre Meinung zum Thema Ladenöffnungszeiten in Berlin