Das Alte Palais Unter den Linden in Mitte: Gehasst, geschont, geachtet

Auch ein preußischer Geheimrat musste gelegentlich früh aus den Federn. Im vorliegenden Fall eilt ein solcher Hochrang-Diener frühmorgens in Richtung des
Altes Palais Unter den Linden
Das von 1834 bis 1837 gebaute Alte Palais Unter den Linden;
links stößt es an die Königliche Bibliothek, heute die Juristische
Fakultät der Humboldt-Universität - Foto © -wn-
Berliner Opernplatzes (Bebelplatz): es ist Hofrat Louis Schneider (1805-1878), der sich zwischen Boten, Besorgern und Pedellen wie diese ebenso sputen muss. Alle sind zu dieser frühen Stunde mit Aufträgen ihrer Brotherren unterwegs. Zeitgenössische Berichte schildern den Rat als einen nicht sehr großen, wohlbeleibten Mann mit bartlosem Gesicht und frischen freundlichen Zügen. Sein behändes, kontaktfreudiges Auftreten habe eher einen Professor oder einen Hofprediger statt einen Beamten vermuten lassen, wird berichtet. Der umgängliche Mann hatte an einem Sonnabendmorgen den Gasthof erster Klasse "Meinhard's Hotel" Unter den Linden 32 nahe der Kreuzung Friedrichstraße verlassen, in dem er - am Vortage aus Potsdam angereist - die Nacht zubrachte. Der allwöchentliche Frühtermin obliegt ihm seit den 1860er Jahren - seit der damalige Preußenkönig Wilhelm I. (ab 1871 Kaiser Wilhelm I.) (1797-1888) Schneiders Hofratstitel mit dem Zusatz "Geheim" ausschmückte, ihn ferner die Aufsicht über seine Privatbibliothek übertrug und verfügte, dass er die - wir würden heute sagen - Public Relations der Preußenmonarchie maßgeblich zu steuern habe. In dieser Funktion wird der Geheimrat auch eine Art Pressebeauftragter des Monarchen.

Als solcher geht er nun inmitten des Gesindes zügig die Linden hinauf. Es ist schon halb sieben durch. Auf Höhe des Königlichen (Alten) Palais, das diametral an die
Bibliothek am Opernplatz anschließt, geht er über die Straße - nicht ohne hochzublinzeln zu Christian Daniel Rauchs (1777-1857) Reiterstandbild mit dem in ruhiger Zweitaktgangart heran kommenden Friedrich II. (1712-1786). Der überblickt mit aufgeräumtem Gestus das vor ihm liegende, nach ihm benannte Forum Fridericianum u.a. bestehend aus Opernhaus, Hedwigskathedrale, Prinz-Heinrich-Palais (Humboldt-Universität) und Königlicher Bibliothek (Juristische Fakultät). Nun geht der Hofrat auf die überdachte portikusartige Vorfahrt des Königlichen Palais mit der zweigeschossigen Fassade zu. Pilastergerahmte Fenster mit Dächern aus flachen Dreiecksgiebeln gliedern das Hauptgeschoss, der obere Attikabereich ist zwischen den quadratischen Fenstern durch Wappenschilder und allegorische Statuetten aus Terrakotta geschmückt. Der mittige Balkon wird von vier dorischen Säulen getragen und lässt die Bautradition des Architekten Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) erkennen, in der die Formensprache der Romantik und die des Klassizismus unter Vermeidung eklektischer Manier eine Achtung heischende Nachdenklichkeit zur Wirkung bringt. Im unteren Stockwerk links liegen die Wohn- und Arbeitsräume Wilhelms, im oberen die seiner Frau Augusta (1811-1890), die sehr im Gegensatz zum Gatten musisch veranlagt ist und besonders den Geheimrat Goethe (1749-1832) verehrt.

Die Passanten um den Hofrat herum, ahnen nicht, dass dieser kurze Zeit später dem Mann gegenüber stehen wird, vielleicht auch sitzt, von dem es nach dessen Tod im
Reiterstandbild Fridrich II.
Das vom Bildhauer Christian Daniel Rauch geschaffene
Reiterstandbild Friedrich II. (Blick aus der Universitätsstraße,
im Hintergrund ein Teil der Fassade des Alten Palais)
Foto © -wn-
Jahre 1888 in Preußen frenetisch heißen wird: "Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben!" Dass diesem euphorischen Satz auch noch die Melodie des fanfarengestützten "Fehrbelliner Reitermarsches" unterlegt ist, unterstreicht wie ernst, natürlich auch witzig, der Wunsch nach Wiederkehr des toten Kaisers gemeint war. Der unwiederbringlich Hingeschiedene ist der im Dreikaiser-Jahr 1888 aufs Höchste verklärte Monarch mit dem herkulischen Backenbart zu beiden Seiten des ausrasierten Kinns - eben Kaiser Wilhelm I. Von ihm schreibt der Historiker Christopher Clark (geb. 1960) in seinem Buch "Preußen - Aufstieg und Niedergang 1600-1947", er sei "ein ehrbarer und weithin bewunderter Mensch (und) eine Persönlichkeit mit der Würde eines biblischen Patriarchen" gewesen. Selbst seinen Steifsinn findet man zurückblickend erträglich, ja amüsant. Als man ihm vor seiner Krönung zum König von Preußen am 2. Januar 1861 in der Breslauer Schlosskirche probeweise die Krone aufsetzen will, lehnt er dies brüsk ab: "Man nehme Maß an meiner Mütze."

Der Geheime Hofrat Louis Schneider verhindert in Versailles einen Eklat


Mit dem Hofrat verkehrt der Monarch vertrauensvoll und ohne Allüren. Weiß er doch, was er an seinem klugen und beweglichen Untertan hat. Kein Wunder aber auch, dass diese Gunst Neider auf den Plan ruft und zu Sticheleien Anlass gibt. In Anspielung auf Schneiders Kontaktfreude höhnt das satirische Wochenblatt Kladderadatsch: "Herr Louis Schneider, der gelehrte Sprachkenner, der alle lebenden Sprachen zu sprechen, aber in keiner zu schweigen weiß." Seine vorzüglichen Russisch-Kenntnisse haben indessen deutsche Geschichte offenbar maßgeblich beeinflusst. Louis Schneider kann an jenem 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, in dem die Proklamation des Noch-Königs von Preußen zum Deutschen Kaiser stattfinden soll, einen regelrechten Eklat verhindern helfen. Gegen alle Absprachen verlangt Wilhelm am Krönungstag plötzlich den Titel "Kaiser von Deutschland". Dass Otto von Bismarck (1815-1898) ihn schließlich die als passender empfundene Formulierung "Deutscher Kaiser" abringt, ist dem Hofrat zu danken. Der in Aussicht genommene Titel sollte an die Regenten des 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation erinnern. Louis Schneider erklärt Wilhelm, dass die von diesem ins Feld geführte und falsch übersetzte russische Formulierung "pruskomu koroliu" (in Adressen von Briefen aus Russland an ihn) nicht "König von Preußen" bedeutet, sondern "an den preußischen König" heißt. Nach der profunden fremdsprachlichen Nachhilfe eines Geheimen Hofrates bekam das Deutsche Reich schließlich einen Deutscher Kaiser.

Nun ist der Hofrat aber ins noch morgenstille Haus eingetreten - ohne dass ihm von den diensthabenden Flügeladjutanten eine Legitimation abverlangt worden wäre. Man
kennt ihn. In seiner Biografie "Aus dem Leben Kaiser Wilhelms 1849-1873" schreibt er: "Früh sieben Uhr fand ich mich, Sommer wie Winter, im Palais ein und wartete im Adjutantenzimmer, bis der Kammerdiener aus dem Schlafzimmer kam und den Kaffee in das Arbeitszimmer bestellte; dann ging ich … in die (benachbarte) Bibliothek." Dorthin kam der König nach dem Kaffeetrinken, "wo ich dann zur Bibliothek Gehöriges oder die Militärliteratur und Tagespresse Betreffendes vortragen durfte." Die Angelegenheiten sind mannigfaltig. Hat der Kaiser irgendwo eine Rede gehalten oder sich zu einer solchen hinreißen lassen, wird die vom Hofrat danach angefertigte und vom Monarchen autorisierte schriftliche Fassung dem Reichs- und Staatsanzeiger übermittelt. Die in Leipzig erschienene "Gartenlaube - Illustrirtes Familienblatt" erläutert den Grund für das Verfahren: "Bekanntlich schreibt sich der Kaiser niemals auf, was er öffentlich reden will. Er spricht stets unter Eingebung des Augenblicks, aus der Situation, aus dem Herzen heraus."

Das Königliche Palais, in dem Wilhelm mehr als ein halbes Jahrhundert wohnte, war diesem so ans Herz gewachsen, dass er 1887 Otto von Bismarck aus Anlass von dessen 25 Jahre zurückliegender Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten einen Brief schickte, in dem das Haus als das preußische Herrschaftssymbol figurierte: "Zur Erinnerung … sende ich Ihnen die Ansicht des Gebäudes, in welchem wir so endscheidende Beschlüsse berathen u(nd) ausführen mussten u(nd) die immer Preußen u(nd) nun hoffentlich Deutschland zur Ehre und zum Wohle gereichen mögen." Die Wertschätzung, die der Kaiser für den Empfänger der Botschaft hegte, liegt auch in seinem selbstironischen Satz: "Es ist schwer, unter Bismarck Kaiser zu sein". Andererseits scheint es nicht wenigen Berlinern angenehm gewesen zu sein, diesem als Übervater angesehenen Kaiser untertan zu sein, von dessen privatem Tun und Lassen sie möglichst viel erfahren wollten. Das lässt sich beweisen. Im einfach möblierten Arbeitszimmer des Kaisers befindet sich das im 19. Jahrhundert wohl am häufigsten beschriebene Berliner Fenster, von dem aus Wilhelm gelegentlich auf den Opernplatz hinausschaute. Regelmäßig brandete Jubel unten auf dem Platz auf, wenn Wilhelm am Fenster erschien - ähnlich wie wenn sich der Papst sonntags zum Angelus-Gebet am Fenster seiner Wohnung zeigt. Die Berliner Fensterszenen beschreibt auch der für seine satirischen Romane bekannte preußische Schriftsteller Karl Gutzkow (1811-1878) in den Erinnerungen "Unter dem schwarzen Bären": "Dort an Rauchs großartigem Reiterstandbild des ‚alten Fritz' steht die Menge und gafft ein Spiegelfenster an der Ecke eines mit Fahnen geschmückten Palais an. Man streitet, wohnt dort ‚der König' oder ‚die Königin'? Man sucht sich über die innere Einrichtung landesväterlicher oder landesmütterlicher Wohnungen nach dem Schimmer einzelner Vasen oder Statuetten oder glänzender Gummibäume zu unterrichten." Selbst der Belletrist Theodor Fontane (1819-1898) stand im Banne der kaiserlichen Blickkontakte, und er formulierte: "Am Fenster steht er, grüßt uns freundlich mild, / Und jeden trifft's, als träf' ihn Heil und Segen".

Das Königliche Palais Unter den Linden - ein literarischer Handlungsort


Auch der Schriftsteller Ernst Wichert (1831-1902), der nicht mit dem ebenfalls in Ostpreußen geborenen Autoren Ernst Wiechert (1887-1950) zu verwechseln ist, führt
Palais am Festungsgraben
Blick auf das Palais am Festungsgraben hinter dem
Kastanienwäldchen (im Frühwinter); links das
Maxim-Gorki-Theater, die ehemalige Singakademie
Foto © -wn-
eine seiner literarischen Personen sogar direkt hinein ins Königliche Palais - den litauischen Jungbauern Ansas Wanags aus der Erzählung "Ansas und Grita". Dessen reicher deutscher Nachbar Geelhaar will ihn zum verlustreichen Verkauf seines Bauernhofes zwingen, und Ansas weiß sich keinen Rat mehr, als den König persönlich um Hilfe zu bitten. Und so steht er Unter den Linden vor dem Palais. "Er wusste auch sehr gut, wo des Königs Arbeitszimmer lag, und dass derselbe mitunter ans Fenster trat und hinausschaute. Er stellte sich also schon frühmorgens am Gitter des Denkmals Friedrichs des Großen auf, nahm seinen großen Brief in die Hand und sah unverwandt nach dem Königlichen Palais und nach dem bekannten Fenster desselben hinüber. Sobald er dort jemand zu bemerken glaubte, hob er seinen Brief in die Höhe", heißt es in der Erzählung. Schließlich wird er von einem Beamten ins Haus geholt und zum Kronprinzen gebracht, dem späteren 99-Tage-Kaiser Friedrich III. (1831-1888). Der verspricht, die Rechtmäßigkeit der Aufkaufaktion untersuchen zu lassen. Ansas wird am Schluss kein Recht bekommen. Mehr noch: Er wird zum rächenden Michael Kohlhaas und findet den Tod. Neben ihm liegt am Schluss seine tote Braut. Sie nahm Gift.

Das Palais und seine Geschichte haben aber noch eine ausgesprochen dunkle Seite. So wie der Hausherr derjenige preußische Potentat ist, der Tiefen (Attentate, Spott, Racheschwüre) sowie lichte Höhen des eigenen Images erfuhr - so wurde auch das Gebäude während der Revolution von 1848 gehasst und war Anschlagsversuchen ausgesetzt. Im Frühjahr dieses Jahres geht Wilhelm, noch Prinz von Preußen, als verschriener "Kartätschen-Prinz" in die Geschichte ein. Er drängt König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) zur militärischen Niederschlagung der Berliner Revolution. Verbürgt ist sein vehementes Statement gegen das Erfüllen der demokratischen Bürgerforderungen: "Nein, das soll nicht geschehen! Eher soll Berlin mit allen seinen Einwohnern zu Grunde gehen. Wir müssen die Aufrührer mit Kartätschen zusammenschießen." Vor dem Palais, wo es am Abend des 18. März zunächst die größte Menschenansammlung in der Stadt gab, wurde schon mal ein Exempel statuiert. Polizisten gingen mit "Hieb und Schwert" gegen die Menschen vor. "So stürzten Menschenopfer, theils verwundet, theils todt zusammen. Unter den Lezten ein Student, ein Kaufmann, ein vierzehnjähriges Mädchen", berichtet ein Augenzeuge. Am Tag nach dem blutigen Barrikadenkampf in Berliner Straßen, als König Friedrich Wilhelm IV. gezwungen wird, vor den auf dem Schlosshof aufgebahrten "Märzgefallenen" seine Mütze zu ziehen, wird die Situation vor dem Palais erneut prekär. In seinem Buch "Die deutsche Revolution" schreibt der Historiker Wilhelm Zimmermann (1807-1878): "Größer war die Verbitterung des Volkes gegen den Prinzen von Preußen, gegen seinen Palast war der Hauptandrang am Abend der 19. (März). Zahllose Menschenhaufen umschwärmten ihn. … Eine starke Abtheilung der Berliner Schüzengilde, Studenten und Bürgerwehr beschüzten den Palast. Volkshände schwangen die Brandfackeln. Die Volksrache forderte die Zerstörung des Palastes." Da sei ein Maurergeselle vor die Leute getreten und den erzürnten Umstehenden zugerufen, "dass hart an den Palast, hinten, die Bibliothek anstoße, und dass durch die Flammen des Prinzlichen Baues auch diese ergriffen werde, und sie mit ihren unersezlichen Schäzen der Wissenschaft unrettbar zu Grunde gehen müsste". Dann sei ein Maler auf eine Leiter gestiegen und habe "an Wand und Thüren (des Gebäudes geschrieben): Eigenthum der Nation". Auf das Dach und den Balkon habe man deutsche Fahnen gesteckt.

Das Alte Palais, von den Berlinern einst gehasst, dann geschont, später geachtet, wird im Zweiten Weltkrieg zerstört. In den DDR-Jahren ist es als modernes Institutsgebäude mit einer rekonstruierten Straßenfassade in den Formen von 1837 wieder aufgebaut worden.

Adresse:
Altes Palais
Unter den Linden 9
10117 Berlin

Wie man zum Alten Palais kommt:
Am benachbarten Bebelplatz und in dessen Nähe halten
die Busse der BVG 100, 200, N2, TXL, 147, N6
An der nahen Haltestelle Am Kupfergraben enden die Straßenbahnlinien 12 und M1
(Text: -wn- 15.01.2014)

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