Die Glienicker Brücke: Journaille und Journaliere

Eine befestigte Grenze ist immer eine unsympathische Blockade natürlichen Strebens von Mensch und Gut,
Blick auf die Glienicker Brücke
Blick auf die Glienicker Brücke in Richtung Potsdam
Foto © -wn-
bei der meist eine politische Diktatur Angstkomplexe auslebt. Auf die Spitze treiben es die Eiferer unter den Machthabern, die sogar eine Tausende Jahre alte Erfindung der Menschheit zum Abgrenzen und Verhindern benutzen - die Brücke. Bekanntlich ist es gerade deren Aufgabe zu verbinden und geografische Hindernisse wie Flüsse, Sunde und Tiefen aller Art zu überspannen. Das tut auch die 146 Meter lange Glienicker Fachwerk-Brücke mit ihren eleganten stählernen Doppelbögen an jener schmalen Stelle der sich gelegentlich seeweit öffnenden Havel, an der das Zehlendorfer Ufer und die Gestaden der Berliner Vorstadt von Potsdam einander nahekommen und sich die Wasser des Jungfernsees im Norden und der südlichen Glienicker Lake mischen. Die zum festungsartigen Grenzübergang mutierte Brücke war eines der seltenen Beispiele dafür, dass sich Verbindendes radikal ins Gegenteil verkehrt. "Hier stoßen die Reiche zusammen - und jedes Reich paßt sehr auf, daß die Bewohner des andern nicht die Grenze überschreiten." So definiert Kurt Tucholsky - beim Erfahrungsstand von 1920 - jedwede drahtstarrende Grenzanlage. Es überstieg das Vermögen dieses scharfsichtigen Publizisten sich vorzustellen, dass einmal nur das eine "Reich" von beiden an der Grenze "aufpasst". Denn das war seit 1961 an der einzig auf DDR-Seite schwer bewachten Glienicker Brücke der Fall, einem Grenzübergang meist nur für Alliierte und Diplomaten.

Der mittige Weiß-Strich auf der Fahrbahn zeigte bis 1989 die Grenze an zwischen der pseudomarxistischen DDR
und der "selbstständigen politischen Einheit" Westberlin. Das entmilitarisierte Bauwerk wäre heute längst eines von vielen seiner Art, sofern nicht gerade dieser Strich den Rang einer Sehnsuchtsgeraden historischen Ausmaßes erhalten hätte. 1962, 1985 und 1986 überschritten insgesamt 38 Agenten genannte Personen die Brücke in beide Richtungen - 27 von Ost nach West, 11 von West nach Ost. Genauer gesagt: Die aus dem Westen kamen, gingen über die Brücke in Richtung Westen, um im Osten anzukommen - die anderen entsprechend. Unter den Augen der auf Zehlendorfer Seite auf Distanz gehaltenen Journaille überschritt der sowjetische Spion Rudolf Iwanowitsch Abel (1903-1971) nach knapp fünfjähriger Haft in den USA die magische Linie. Er hatte Informationen über das Kernforschungszentrum Los Alamos im US-Bundesstaat New Mexico nach Moskau geliefert. Von gleichem Kaliber war der ihm zur selben Minute entgegenkommende US-Pilot Francis Gary Powers (1929-1979), der während eines Spionagefluges von der sowjetischen Luftverteidigung nahe der Ural-Stadt Jekaterinburg (Swerdlowsk) abgeschossen worden war. Auch der damals 38jährige, kleingewachsene sowjetische Dissident Anatoli Schtscharanski durfte die Havel-Brücke Richtung Westen überschreiten. Nicht ohne letzte Schmach: Man zwang ihn, das mit einer gürtellosen XXL-Hose zu tun. Schließlich kamen von der CIA tatsächlich vergessene Agenten frei.

Die Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam


Die Austausche erregten weltweites Aufsehen. In den Hintergrund trat, dass es an gleicher Stelle mindestens drei weitere Glienicker Brücken gegeben hatte: Die erste wurde schon 1682 erbaut und 1777 verbreitert sowie mit einer Zugbrücke versehen. 1831 entstand eine steinerne mit zehn Durchflüssen. Architekt Friedrich Schinkel fügte die Brücke gefühlvoll in die flache märkische Landschaft ein. Der heutige Havelübergang geht auf das Jahr 1907 zurück. Schon zu Zeiten des Alten Fritz (1712-1786) stationierte man auf der Brücke Wachsoldaten, die den anschwellenden Verkehr zwischen Berlin und Potsdam kontrollierten. Beide Städte waren durch eine tägliche Schnellpost, die Journaliere, verbunden. Die Wachsoldaten prüften - so gut es ging - die Begleitpapiere. Legastheniker, Analphabeten oder im Lesen Ungeübte waren am Werk, und manche Kontrolle zog sich hin. So kam der gewaltsame Grenzdurchbruch in Mode - hier noch mit erklecklichen Erfolgsaussichten. Um sich den Inspektionen der uniformierten Dummköpfe zu entziehen, brauste mancher Kutscher in schneller Fahrt an den Soldaten vorbei. Im Dezember 1987 versuchten zwei Männer aus der DDR, es den Journaliere-Kutschern mit einem Auto gleichzutun und scheiterten.

Allererste Teilungs-Opfer aber waren die Havelschwäne. Die Glienicker Brücken griffen mit ihrer auf dem Wasser
sperrenden Wirkung in deren Leben nachhaltig ein, so dass die damals flugunfähig gehaltenen Vögel in zwei Bereichen lebten: Die einen im nördlichen Jungfernsee mit Wannseeverbindung; die anderen im südwestlichen stadtnahen Tiefen See. Die Lebenswelt der Schwäne, der weißen Blumen auf der blauen Havelfläche (Fontane), ist heute bedroht, sofern die geplante durchgehende "Wasserautobahn" Magdeburg-Berlin einmal Wirklichkeit werden sollte. Der deutsche Kulturstrom Havel und seine Uferbiotope würden durch die baulichen Eingriffe erheblichen Schaden erleiden. Nur noch Erinnerung wäre dann auch Alfred Kerrs (1867-1948) heitere Schilderung des Havelländischen Bade-Betriebes: "Havelschwäne, grüne Blätter, / Menschenbeene, Hundstagswetter. / Menschen beiderlei Geschlechts. / Ein Gepaddel; ein Geächz."

Wie man zur Glienicker Brücke kommt:
Mit dem Auto über die aus der Berliner bzw. Potsdamer Innenstadt kommende B1.
Vom S-Bahnhof Wannsee (S1, S7) (Infos über die S-Bahn) fährt der Bus 316
( Infos über die BVG ) zur Glienicker Brücke.
Text: -wn-


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