Die Weidendammer Brücke: Liebesschwüre, Liebesschlösser, Liebesleid

"Da, wo die Friedrichstraße sacht / den Schritt über das Wasser macht" (Wolf Biermann) - dort streckt sich die 73 Meter lange, 1898 als Nachfolgerin zweier früherer Flußquerungen fertig gestellte Weidendammer Brücke
Weidendammer Brücke in Berlin
Blick auf die Weidendammer Brücke in Berlin
Foto © -wn-
in kaum wahrnehmbarer Wölbung über die Spree. Ab 1685 verbindet an dieser Stelle eine Holzzugbrücke das Stadtinnere mit der Spandauer Vorstadt, dem jetzigen Teil von Berlin-Mitte etwa zwischen Friedrich-, Tor- und Liebknechtstraße. 1826 wird die Brücke durch eine in Mitteleuropa bis dahin einmalige gusseiserne Bogen-Zug-Brücke ersetzt, deren Pfeiler unter Wasser auf einem massiven Holzunterbau ruhen. Stolz vermerkt der Berliner "Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen", ein lobbyistischer Zusammenschluss von Gewerbetreibenden, in seinem 1828er Jahrbuch: "Obgleich alle einzelnen Baustücke der fünfbogigen Brücke nur schwach und leicht scheinen, so ist sie doch stark genug, bedeutende Lasten zu tragen, und eine Verbindung aller Theile von der Art, daß nur eine sehr geringe Erschütterung bemerkbar ist, wenn schwere Lastwagen über sie weg gehen." Schon nach einem halben Jahrhundert kann die Brücke den anschwellenden Verkehr der wachsenden
Stadt aus und nach Norden nicht mehr bewältigen. Um Fahrfläche zu gewinnen, werden die Bürgersteige außen angesetzt. Nach Aufzeichnungen des Schriftstellers Otto Julius Bierbaum (1865-1910) vernahm man den Verkehrslärm im Brücken-Bereich als Brodeln und rollendes Rauschen. "Dazu das Rattern der Züge, die in den Bahnhof Friedrichstraße einfuhren, und von den Arbeiten am Neubau der Weidendammer Brücke her (klangen) die dröhnenden Schläge des Rammwolfs, der die Notpfeiler in das Flußbett trieb". 1895 hatte der Neubau der Brücke begonnen, und es entsteht jener nach einer ehemaligen Weidenbepflanzung am Nordufer der Spree benannte Brückenbau - so wie wir ihn heute kennen.

Geschichte der Weidendammer Brücke am Schiffbauerdamm


Die beeindruckende Baugeschichte dieser drittältesten Brücke der Innenstadt scheint es jedoch nicht mit der Attraktivität aufnehmen zu können, die das Bauwerk für Schriftsteller aller Couleur besitzt. Während Heinrich Heine 1822 die über die Brücke führende "große Friedrichstraße" respektvoll als eine Veranschaulichung der "Idee der Unendlichkeit" apostrophiert, hat der Sänger Wolf Biermann bei einer Brückenpassage etwa 150 Jahre später eine ganz andere Eingebung: Er erkennt - durchaus auf Heinesche Art - auf dem Mittelschild des eisernen Reichsadlers auf der Brückenmitte im dort dargestellten preußischen Adler den "preußischen Ikarus / mit grauen Flügeln aus Eisenguß". Es ist aber ein müde und mutlos gewordener Ikarus, der nicht wie sein antikes Vorbild auf der Insel Kreta zumindest den Aufflug wagt, um freilich später wegen seiner nur durch Wachs zusammengehaltenen Flügel und der Hitze der nahen Sonne bei Samos ins Ägäische Meer zu stürzen. Im Gedicht geißelt Biermann den aggressiven Kleingeist in der DDR, dem "Inselland", das "umgürtet (ist) mit dem Drahtverband". Wenn der Hamburger Barde wohl auch den wortstärksten Text über die Weidendammer Brücke schrieb - der einzige ist er nicht, dem auf ihr die Idee eines jähen Auffluges kam. Eine ähnliche Intention hatte auch der naturalistische Schriftsteller Richard Dehmel (1863-1920). Von ihm berichtet ein Zeitgenosse, Dehmel sei nach einem feuchtfröhlichen Abend in der von Intellektuellen gern aufgesuchten "Wein- und Probierstube G. Türke" an der Ecke Wilhelmstraße / Unter den Linden, auch "Zum Schwarzen Ferkel" genannt, "voll von himmelstürmendem, dionysischem Jauchzen über die Weidendammer Brücke gerast, erklomm ihre Brüstung und wollte emporstreben in die Sternennacht!" Durch zupackende Hilfe seiner Freunde blieb Dehmel das Schicksal des Ikarus erspart, hier ein sofortiger Absturz ins trübe Wasser der Spree, ohne dass der fürs Fliegen unerlässliche Bernoulli-Effekt zum Tragen gekommen wäre.

Die auf der Brücke von Autoren angeschlagenen literarischen Töne sind sonst jedoch eher dem Traurigen zugeneigt, als dass es zur Schilderung humoriger Szenen aus dem Berliner Alltag gekommen wäre. 1886 publiziert der ebenfalls naturalistische Schriftsteller Arno Holz (1863-1929) sein Gedicht "Großstadtmorgen", in dem "Krumm an seiner Krücke / ein Bettler auf der Weidendammer Brücke" Wachsstreichhölzer anbietet, die man auf vielen Oberflächen entzünden konnte. 1922 veröffentlicht der Klabund genannte Schriftsteller Alfred Henschke (1890-1928) sein Anti-Kriegsgedicht "Die Kriegsbraut". Die junge Witwe sagt schmerzvoll und sarkastisch:
"Mein Bräutigam hiess Robert.
Er hat ganz Frankreich allein erobert.
Dazu noch Russland und den Mond,
Wo der liebe Gott in einer goldnen Tonne wohnt."

Liebesschlösser an der Weidendammer Brücke


Dann ein authentisch-freudiger Brückentag, der 8. Dezember 1845 - der Tag eines Liebesschwurs mit Langzeitwirkung. An diesem Tage lustwandelt der 26jährige Theodor Fontane mit der befreundeten Nachfahrin eines Beeskower Kanzlisten - sie heißt Emilie Rouanet-Kummer - über die Brücke Richtung Oranienburger Tor.
Beim Überschreiten der Spree versucht Fontane der Dame den Gedanken einer gemeinsamen Ehe schmackhaft zu machen. Über seinen Vorstoß schreibt er später: "Es war wenige Schritte vor der Weidendammer Brücke, daß mir dieser glücklichste Gedanke meines Lebens kam, und als ich die Brücke wieder um ebensoviele Schritte hinter mir hatte, war ich denn auch verlobt." Beim Abschied "nahm ich plötzlich, von einer kleinen Angst erfaßt, zum Abschiede noch einmal die Hand des Fräuleins und sagte ihr mit einer mir sonst fremden Herzlichkeit: ‚Wir sind aber nun wirklich verlobt.'" Beide werden eine 48 Jahre andauernde Ehe führen. Auch die "Liebesschlösser", mit denen Verliebte die Fänge der beiden Preußenadler rechts und links an den Geländern sowie die Stäbe der von beiden Vögeln gehaltenen Zepter umschließen und die Schlüssel ins Wasser werfen, belegen die Anziehungskraft des Bauwerkes. Diese Zweckentfremdung der Heraldik wurde kürzlich von amtlicher Seite beendet, die Liebesschlösser mit Bolzenschneidern entfernt. Mit neuerlichen Umschließungen ist jedoch zu rechnen.
Weitere Berliner Brücken mit Liebesschlössern.

Die Weidendammer Brücke befindet sich unweit des Bahnhofes Friedrichstraße. In nächster Nähe befinden sich das Berliner Ensemble und der Friedrichstadtpalast.
Text: -wn-

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