Die Außenkunst am Detlev-Rohwedder-Haus: Aufbruch und Zorn

Er gab vor, ein harmloser Besucher zu sein - damals in den 70er Jahren im Museum der Bildenden Künste
Das Detlev-Rohwedder-Haus in Berlin
Die Kunst am Detlev-Rohwedder-Haus
Foto © - wn -
zu Leipzig. Zielgerichtet steuerte er auf sein vierteiliges Gemälde "Pariser Commune" zu, zog - man sagt: heimlich - die Palette mit vorgemischten Farben aus der Aktentasche und malte an dem verkauften Bild weiter. Der Maler Bernhard Heisig (geb. 1925) hat ein Problem: Er hält keines seiner Werke für vollendet. Ein so kreatives Weitermalen war hingegen am Wandbild "Aufbau der Republik" in der Pfeilervorhalle an der Nordostecke des heutigen Detlev-Rohwedder-Hauses unmöglich. Dabei lagen 1952 genügend Gründe vor, die historische Stichhaltigkeit des Dargestellten in Zweifel zu ziehen. Der Porträt- und Landschaftsmaler Max Lingner (1888-1959) hielt sein 24 mal drei Meter großes Arbeitsergebnis am Schluss nicht für überarbeitungswürdig. Im Gegenteil: er hielt es für fatal und ist - nach Auskunft seiner Frau - vor dieser Wandgestaltung nie mehr erschienen. Seine musischen "Berater", SED-Generalsekretär Walter Ulbricht und DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl, hatten seinen ursprünglichen Entwurf mehrfach "präzisiert", so dass von einer die Nachkriegszeit bestimmenden, sorglichen Aufbruchsstimmung, die Lingner mit mehreren Familiengruppen ausdrücken wollte, wenig übrig blieb. Stattdessen war er angehalten worden, die angeblich alles gestaltende, Macht ausübende Arbeiterklasse rigoros in Szene zu setzen. Das so auf Linie gebrachte Bild erzählt von einem verzückt-schwärmerischen Neubeginn im Osten Deutschlands, in dessen Verlauf bekanntlich alle Nichtverzückten mit dem Stigma des Abartigen belegt wurden. Spätere Korrekturen á la Heisig waren am Wandbild schon deshalb undurchführbar, weil die am Ende sechste Fassung des Werks in Kacheln aus Meißener Porzellan gebrannt wurde.

Das Detlev-Rohwedder-Haus

Vermutlich würde es Max Lingners heute denkmalgeschütztes Wandbild nicht mehr geben, wäre der Vorschlag des Schriftstellers Ludwig Renn (1889-1979) in einer
proletkultistischen Reportage zum Tragen gekommen: Beim Aufmalen der damals beliebten Wandbilder sollten Arbeiter mit authentischen Gesichtern dargestellt werden. Verheerende Folgen hätten sich eingestellt. Sofern sich Max Lingner dieser Methode hätte bedienen müssen, wären von den knapp 90 im Wandbild dargestellten Personen nach aller Erfahrung einige von ihnen Maßregelungen, Ausschlüssen und Zersetzungen zum Opfer gefallen und hätten optisch getilgt werden müssen, was z.B. in der Sowjetunion zum Aufblühen einer gewaltigen Retuschier-Branche führte.

Aber sie sind - wie man sehen kann - alle noch beisammen: die Gleisbauarbeiter, die wie Hans Ballas Zimmermänner in "Spur der Steine" mit dem Charme des Derben zupacken, die Hochöfner, für die jeder Abstich ein Schlag gegen den Weltimperialismus ist, die mit affektierter Fröhlichkeit marschierende Jugend, der glückliche Professor und der noch kreuzfidele Einzelbauer, beide dankbar in die dargereichte Arbeiterhand einschlagend, und der selbstbewusste Traktorist, der mit der im zweiten Entwurf nachblondierten Garbenbinderin schäkert und mit ihr allem Anschein nach abends ins Heu will.

Kunst am Rohwedder-Haus in Berlin

Seit einigen Jahren zieht am Rohwedder-Haus ein anders geartetes Kunstwerk die ausschweifend gemalte Illusion einer Arbeitermacht in ein starkes Spannungsfeld. "Denkmal für die Ereignisse des siebzehnten Juni Neunzehnhundertdreiundfünfzig" nennt der Berliner Künstler Wolfgang Rüppel (geb. 1942) seine gläserne Einlegearbeit. Die Glasplatten im Steinboden, mit genau den Ausmaßen des Wandpanoramas, zeigen in grobem flaschengrünen Raster das Foto einer Demonstrantenreihe. Man sieht zornige, enttäuschte und unheldische Gesichter - so blicken keine Menschen, die Macht ausüben, sondern solche, die von Macht betroffen und mit ihr unzufrieden sind. Rüppels intarsienartiges Bodenbild liegt auf den Meter genau an der Stelle, an der am späten Vormittag des 16. Juni 1953 demonstrierende Industriearbeiter über die Leipziger Straße gekommen waren und sich hinter dem Transparent mit der Aufschrift "Wir wollen mit der Regierung sprechen!" aufbauten.
Einzig der damalige, später ausgesonderte Minister für Industrie Friedrich Selbmann (1899-1975) hatte es gewagt, zu den Demonstranten zu sprechen.

Wer heute das Bild an der Wand und das im Boden betrachtet, dem wird nicht unentdeckt bleiben, dass am historischen Ort ein Gesamtkunstwerk entstand, dessen Teile man sich nicht mehr anders als zusammengehörend vorstellen kann. Im Blick voraus die grandiose Hauruck-Aktion bei heiterster Corporate Identity, und im Vordergrund die mit künstlerischer Wirkkraft dargestellte ernste Lektion der Geschichte - wie sie sie an ausgewählten, seltenen Tagen immer mal wieder den meist sehr überraschten Mächtigen erteilt.

Wie man zu Detlev-Rohwedder-Haus kommt ?
Adresse: Detlev-Rohwedder-Haus
Wilhelmstraße 97 / Leipziger Straße 57.
10117 Berlin

Das Gebäude, das heute das Bundesministerium der Finanzen beherbergt, erreicht man vom
Potsdamer Platz aus (S1, S2, S25, U2) bequem zu Fuß über die Leipziger Straße. Der Jurist und Industriemanager Detlev Karsten Rohwedder fiel 1991 einem Attentat (vermutlich der RAF) zum Opfer.
Text: -wn-

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  • Karl-Liebknecht-Haus
  • Das Dalí-Museum am Potsdamer Platz
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  • Auswärtiges Amt - Das Haus am Werderschen Markt
  • Kriminalgericht Moabit - Boxer, Bonzen und Betrüger


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