Der Dorotheenstädtische Friedhof in Berlin – Es darf geraucht werden

Am Grab rauchen – wo gibt es denn so etwas? Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Eine kleine Mulde in einer Grabeinfassung – eindeutig kein Weihwasserbecken -
Der Dorotheenstädtische Friedhof in Berlin
Der Dorotheenstädtische Friedhof in Berlin
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Foto © wn
lädt dazu ein. Der Bestattete, leidenschaftlicher Zigarrenraucher, heißt Heiner Müller (1929-1995), war aber ansonsten gegen den Blauen Dunst, den einfache Antworten und ewige Wahrheiten verbreiten. Während sich die aerobe Grabfauna nun schon ein paar Jährchen an seiner sterblichen Hülle gütlich tut, steigt der umstrittene, auch bekämpfte deutsche Dichter in den Rang eines Weisen auf. Er dachte vor, worüber andere nicht einmal nachdenken wollten: z.B. dass sich im Leben die gut gemeinte Tat einschließlich diverser Revolutionen am Ende als böse und das gemeinhin als Böses Geächtete als das Bessere erweisen kann - und weitere unvorstellbare Dinge. Auch der satirische Autor Rudi Strahl (1931-2001) gibt sich auf seinem Grabstein in Blicknähe zweiflerisch und hinterlässt den Rat: „Lasst uns die nächste Revolution in einem August beginnen.“ Unverdrossen der Philosoph Herbert Marcuse (1898-1979) gleich gegenüber. Sein Stein gewordenes Credo: Weitermachen!

Dorotheenstädtischer Friedhof in Berlin


Während Müller mit einer seinerzeit dem Sarg beigegebenen Kiste Montecristo-Havannas gelassen auf ein abschließendes Urteil über sich warten kann, durchlaufen
andere, schwierigere Beerdigte ein Verfahren, in dem sich Eloge und kritischer Nachruf heftig mischen. Gleich neben Brechts Grab steht ein verwitterter Sandstein auf Johannes R. Bechers (1891-1958) letztem Ort. Der Dichter sprach gern des Menschen Größe und sein Elend an. Becher wird sich hoffentlich mit einbezogen haben. „Du schützt mit deiner starken Hand / den Garten der Sowjetunion. / Und jedes Unkraut reißt du aus“, pries er Väterchen Stalin in einer Ode und verfasste andrerseits eines der schönsten deutschen Gedichte über Bachs Musik, in dem es heißt: „Die Klänge kommen so, wie Berge gehen.“

Brechts Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof


Aus dichtem Efeu ragt gegenüber eine vielsagend nach links eingedrehte Stele mit dem Namen des Wirtschaftshistorikers Jürgen Kuczynski (1904-1997). Er war ein herausragender marxistischer Gelehrter mit einer Privatbibliothek von 70 000 Bänden auf 1,7 Kilometern Buchregal und gefragter Zeitzeuge bis zu seinem Tode. Im Dezember 1988 sprang er „dem Erich“ bei und lobte den „einzigartigen“ Lebensstandard der DDR. Begründung: Es hungere und fröre keiner, und jedermann decke fröhlich seinen Grundbedarf.

Man kann sein Grab mit dem wohlmeinenden Gedanken passieren, dass auch der Klügste nicht vor Torheit gefeit ist. Im Weiteren aber macht das Erinnern traurig. Ein unscheinbarer Stein: Rudolf Bahro (1935-1997). Seine tiefgehende, nicht unanfechtbare Analyse der DDR-Gesellschaft der 70er Jahre im Buch „Die Alternative“ brachte ihn geradewegs in eine Ge-fängniszelle des besten Staates der Welt. Regisseur Frank Beyer (1932-2006), unweit gelegen, durfte nach seinem Film „Spur der Steine“ mit einer Aufführungszeit von zweieinhalb Tagen jahrelang keine Spielfilme mehr drehen. Ein paar Schritte weiter liegt unter einem schwarzen Tempeltorgrabstein der Literaturwissenschaftler Hans Mayer (1907-2001) – ein früher Substanzverlust der DDR auf ihrem Kurs permanenter geistiger Selbstbeschädigung. Mayer verlies das Land nach politischen Konflikten Anfang der 60er Jahre.

Im hinteren Teil liegen unter „stehenden Felsen“ die volkstümlichen Schauspieler Erich Franz (1903-1961) und Günter Simon (1925-1972). Franz, bekannt für seine
raue, kehlige Stimme mit dem oberschlesischen Dialekt gab stets den redlichen Arbeiter. Beide standen auf der Besetzungsliste zweier Thälmann-Filme der DEFA, einer Geschichtsklitterung auf Zelluloid. Franz hatte sich als ein Hamburger Kanalarbeiter empört gegen einen Sozialdemokraten zu wenden, weil der zu fragen gewagt hatte, ob man den Kommunisten trauen könne. Der Film blendet aus, dass die KPD die Sozialdemokratie als „linken Flügel des Faschismus“ diffamier-te. Schließlich kommt das Grab des Komikers Rolf Herricht (1927-1981) ins Blickfeld, des Mannes, der den „Einzug der Alligatoren“ kreierte. Und mit etwas Phantasie könnte man den Schauspieler Dietrich Körner (1926-2001) alias Luitpolt Löwenhaupt aus einer Thujahecke hervortreten sehen, natürlich mit Friedrich Wolfs schimpfender Weihnachtsgans Auguste unterm Arm, und immer noch unfähig, das Tier endlich seiner Bestimmung zuzuführen.

Der Gedanke, auf diesem Friedhof mit all diesen interessanten Grabnachbarn, den alten Bäumen und der Fülle an kulturgeschichtlichen Denkmalen beigesetzt zu sein, beisammen mit dem „Fichteschen Ich“, das die Welt nur als gedacht begreift, und umweht von Hegels allschaffendem Weltgeist – eine solch amüsante Fortexistenz nach dem Tod erscheint so gesehen recht lebenswert.


Dorotheenstädtischer Friedhof - die Öffnungszeiten :

  • Jan, Dez: täglich von 8:00 Uhr - 16:00 Uhr
  • Feb, Nov: täglich von 8:00 Uhr - 17:00 Uhr
  • Mär, Okt: täglich von 8:00 Uhr - 18:00 Uhr
  • Apr, Sep: täglich von 8:00 Uhr - 19:00 Uhr
  • Mai - Aug: täglich von 8:00 Uhr - 20:00 Uhr
  • Wie man zum Dorotheenstädtischen Friedhof kommt:
    Der Friedhof hat die Adresse Chausseestraße 126 und ist zu erreichen mit der U 6 (Oranienburger Tor) sowie mit der Tram M1, M6, M8, 12, und dem Bus 245.
    Text: -wn-

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