Grab von Adelbert von Chamisso in Berlin Kreuzberg

Grab von Chamisso auf einem der Friedhöfe vor dem Halleschen Tor
Das Grab Adelbert von Chamissos auf dem Friedhof III der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde in Berlin-Kreuzberg; Eingang am Mehringdamm. Die Eule auf dem Bild vorn rechts gehört zum Nachbargrab und kann denjenigen als Orientierung dienen, die das Grab einmal besuchen wollen. - Foto © wn

Adelbert von Chamissos schattiges Grab /
Peter Schlemihls schattiger Handel

Steht die Mittagssonne gleißend über der Tempelhofer Freiheit, finden ein paar abgestrahlte Lichtquanten auch zum südlich gelegenen Friedhof III der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde in Berlin-Kreuzberg.

Einige Licht-Teilchen prallen an der Baruther Straße auf die Außenseite der Friedhofsmauer aus Backstein und lassen die aufgespritzten Graffitis in grellem Lichte leuchten. Andere Strählchen jagen über sie hinweg und verfangen sich an einer bestimmten Stelle des Friedhofes entweder im Geäst oder, wenn Sommer ist, im Laubwerk einer hochgewachsenen Linde. Darunter, auf der schrägen Grabplatte irrlichtern dann kleine Schattenreflexe über die Namen der Toten im Grab. Der Baum mit seiner gefurchten Rinde, die erkalteter Lava ähnelt, steht nahe der Innenseite der erwähnten Mauer. Und wenn sich die Sonne nachmittags weiter westwärts wandte, tritt Schattenwechsel ein. Nun fallen die Lichtquanten vermehrt auf eine immergrüne Eibe, die an der Vorderseite der Grabtafel ihren Standort hat. Die Eibe tut dasselbe, was die Linde in der Mittagshelle tat: Auch sie löst zu ihren Füßen zitternde Schattenflecke aus. Sie werden hier nicht nur am Rande erwähnt. Denn der da unten neben seiner Frau im Grab liegt, hatte mit vorhandenem und weggegebenem Schatten zu tun. Er selbst verlor den seinen nie. Aber seine bekannteste literarische Figur namens Peter Schlemihl verkauft ihn an einen mephistophelischen "grauen Mann", an den Teufel, und bekommt es bald trotz des im Gegenzug eingetretenen Reichtums mit existenziellen Folgen zu tun. Nach seinem Handel mit dem Teufel wird er - nun ohne Schatten - gesellschaftlich diskriminiert und nennt sich einen "reichen, aber unendlich elenden Mann". Auch nachdem er den Lieferanten seines Reichtums, den nie leer werdenden "Fortunati Glücksseckel", verzweifelt wegwirft, kommt der Schatten nicht zurück. Peter Schlemihl führt jetzt das Leben eines zurückgezogenen Botanikers. Die Geschichte endet mit stark gebremstem Happyend.

Auf dem Grabstein, auf dem die Schatten der Äste und Blätter unselig spielen, ist zu lesen:

Park von Schloss Kunersdorf
Diese Parklandschaft voller Ruhe und Inspiration hat Adelbert von Chamisso vor Augen, als er im Sommer des Jahres 1813 in der Bibliothek des ehemaligen Schlosses in Kunersdorf im heutigen Landkreis Märkisch-Oderland die Novelle "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" verfasst. - Foto © wn
ADELBERT von CHAMISSO
GEB. D. 30 Januar 1781
GEST. D. 21 August 1838
ANTONIE von CHAMISSO
Geb. PIASTE
GEB. D. 30 OCTOBER 1800
GEST. D. 21 MAI 1837


Der Schriftsteller Julius Rodenberg (1831-1914) beschreibt in seinen "Bildern aus dem Berliner Leben" die Ruhestätte des Dichters zu damaliger Zeit: "Ein Grab, ein Stein für beide (Eheleute), reich mit Efeu umwunden und ein Kranz darauf von Lorbeerblättern mit Astern und weißen Rosen. Er hatte sich mit der Achtzehnjährigen vermählt, die er im Hause (des Verlegers) Hitzig aufwachsen sah und mit der er, da sie noch ein Kind war, gespielt (hatte). Sie starb früh, und er hat sie nur um ein Jahr überlebt; er, der ein Wandrer, ein Fremder, ein Franzose (war, der) zu uns kam und nach allem, was er an Liebe, Freundschaft und Ruhm hier gefunden, um nichts (weiter) bat, als um ein Grab in deutscher Erde." Die Bitte äußert er bereits 1818 in einem expressiven Gedicht. Er formuliert, es habe er, der Wanderer, nach wegereichen Jahren seinen Stab in die Ecke gestellt "und knieet nieder / Und feuchtet (der Erde) Schoß mit stillen Thränen, / O deutsche Heimat! - Wollt ihm nicht versagen / Für viele Liebe nur die eine Bitte: / Wann müd' am Abend seine Augen sinken, / Auf deinem Grunde laß den Stein ihn finden, / Darunter er zum Schlaf sein Haupt verberge". Der Wunsch wird ihm am Ende der zwanzig noch verbleibenden Lebensjahre in großer Einmütigkeit des gesellschaftlichen Umfeldes erfüllt. Keiner ahnt damals, dass diese singuläre Bestattung nur ein Vorzeichen ist. 175 Jahre später werden millionenfache Bleibe- und damit auch Bestattungswünsche Deutschland in nicht gekanntem Ausmaß beben lassen.

Chamisso: Ein deutscher Ehrendoktor mit Migrationshintergrund

Adelbert von Chamisso ist im Zweit-, oder wenn man will im Erstberuf Botaniker; 1814 nimmt er an der Berliner Universität ein naturwissenschaftliches Studium auf. Er wird später zu einem Ehrendoktor mit Migrationshintergrund, mit einem geburtlichen Bezogensein wie es so mancher in der geistigen Elite des deutschen Sprachraumes besitzt (Fontane, Beethoven, Chodowiecki) und der mit Liebe, Leidenschaft und Leistung die deutsche Kultur bereichert, ja in Teilen mitbegründet. Stammt er doch aus einem kultivierten adligen französischen Elternhaus, dessen Privilegien die Französische Revolution 1789 abschafft. Seine Familie flieht daraufhin vorübergehend nach Preußen. Der Sohn bringt es dort zum Edelknaben, worunter man sich eine niedere dienende Position am Königshof vorstellen muss. Viel Gutes sieht er nicht; er ist bedienstet im engeren Umfeld der Pro-Forma-Gemahlin Friedrich Wilhelms II. (1744-1797), der in Preußen auch als "Der dicke Lüderjahn" (Taugenichts) verhohnepiepelt wird. Wilhelms Gattin Elisabeth Christine Ulrike (1746-1840) steht, wie es heißt, dem notgeilen Ehemann in Sachen "Fremdgehen" nicht nach.

Steintafel am Schloss Kunersdorf
An dem Ort des Kunersdorfer Schlosses, das im Zweiten Weltkrieg ausbrannte, steht heute eine Steintafel mit der Aufschrift "Hier schrieb Adelbert von Chamisso 1813 Peter Schlemihls wundersame Geschichte". - Foto © wn
Nach einem Dienst in der preußischen Armee (1798-1807) und ersten Veröffentlichungen wird Adelbert von Chamisso bald zum damals bekanntesten "französischen Deutschen". Von der Sprache seiner Kindheit und frühen Jugend trennt er sich trotz gewachsener Nähe zum Deutschen dennoch nicht. Thomas Mann (1875-1955) schreibt in einem glänzenden Essay über ihn, wenn zum Beispiel im Haushalt etwas abzuzählen war, zählt Chamisso französisch oder "dass er, produzierend, bis zuletzt seine Eingebungen laut auf Französisch vor sich hinsprach, bevor er daran ging, sie in Verse zu gießen, - und was zustande kam, war dennoch deutsche Meisterdichtung". In der schnell bekannt werdenden Novelle "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" geht es letztlich um eine Lebenserfahrung, die einfach und verstehbar, aber zivilisatorischen Ausmaßes ist. Sie besagt, dass viel verfügbares Geld bei fehlender Bildung des Besitzers Kaufräusche und Konsumsklaverei erzeugt, die in ein unglückliches, geistig verarmendes Leben führen können. Dabei stimmt der sozial überaus sensible Chamisso keineswegs ein Loblied auf materielle Armut an nach dem Motto der Seligpreisung in der christlichen Bibel "Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer". Es ist ihm um die die kranke Seele zu tun, und er ist allerdings nicht der Erste, der das Thema aufgreift. Bereits 1759 veröffentlichen die "Hannoverischen Beyträge zum Nutzen und Vergnügen" den hellsichtigen Aufsatz eines anonymen Autors, der meint, der über viel Geld Verfügende "kennet kein Glück, das ihm zufrieden machen könnte, welches nicht mit Pracht und Ansehen verbunden ist. Er setzet sein Glück in dem Urtheile anderer, und wenn diese ihn für glückselig halten, so glaubt er (selbst auch) recht glücklich zu sein." Was er auch kauft und besitzt - sein gehetzter Zustand, der hält an. Aus heutiger Sicht ist der eingetauschte Schatten eine warnende Metapher mit Blick auf den Konsumismus unserer Tage und seine Bauernfängereien mittels Marken, Rabatten oder verführerischen Null-Prozent-Finanzierungen. Der Psychoanalytiker Erich Fromm (1900-1980) meint, ein ausufernder Konsum "erzeugt Unrast, treibt den abhängigen Menschen in die Befriedigungssuche und erzeugt gähnende Langeweile im Zustand des Sattseins". Der so Getriebene kauft eine Ware nicht, weil er sie erstmals nutzen will, er erhandelt sie, weil die Ware, die er schon besitzt, in neuem Design oder mit ein paar weiteren, unwichtigen Eigenschaften angeboten wird.

Die Schlemihl-Novelle entsteht als "verrückte Idee"

Die Schlemihl-Novelle entsteht nicht, wie man vermuten könnte, nach einem tiefgründigen gesellschaftspolitischen Diskurs im Freundeskreis, sondern eher nebenher. Sie geht auf eine "verrückte Idee" zurück, die während eines Besuches beim befreundeten Dichter Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué (1777-1843) aus heiterem Himmel Gestalt annimmt. Der Einfall soll den beiden im Park des Schlosses Nennhausen im heutigen Landkreis Havelland gekommen sein. Chamissos Herausgeber Wilhelm Rauschenbusch (1818-1881) ist Ohrenzeuge unter den alten Bäumen des Parks: "Die Sonne warf lange Schatten, so dass der kleine Fouqué nach seinem Schatten fast so groß aussah als der hochgewachsene Chamisso. Sieh, Fouqué, sagt da Chamisso, wenn ich dir nun deinen Schatten aufrollte und du ohne Schatten neben mir wandern müsstest? Fouqué fand die Frage abscheulich und reizte dadurch Chamisso, die Schattenlosigkeit neckisch weiter auszubeuten" (zu diskutieren). Thomas Mann schildert die Entstehungsgeschichte der Novelle noch etwas anders: "Zerstreuungsbedürfnis, Onkelgüte gegen ein paar Kinder (in der Familie Hitzig), ... ein Scherz unter Freunden, Muße und Langeweile, - das sind äußerst bescheidene Anlässe und Beweggründe für das Entstehen einer Dichtung, die man unsterblich nennen darf." Diese bei heiterem Brainstorming in frischer Luft entstandene Geschichte erhielt, schreibt Thomas Mann, "unter den Händen eines Dichters die Eigenschaften, eine Welt zu ergötzen". Für ihn ist Schlemihls noch vorhandener Schatten ein "Symbol aller bürgerlichen Solidität und menschlichen Zugehörigkeit".

Auf die heute unverminderte Aktualität der Novelle verweist auch der in dieser Sache allerdings pessimistische Schriftsteller Alfred Georg Hermann Henschke (Klabund) (1890-1928). Sie sei ein "Glanzstück unserer novellistischen Poesie" und "eine sinnbildliche und sprichwörtliche Figur geworden. Ich weiß allerdings nicht, ob (sie) auf meine Mitbürger noch viel Eindruck macht. Sie sind ja längst gewohnt, nicht nur ihren Schatten, sondern auch den Schatten ihres Schattens, und die Sonne, die den Schatten hervorruft, zu verkaufen. Ja, sie verkaufen sogar Peter Schlehmils wundersame Geschichte, statt sie einem jeden gratis ins Haus zu bringen", heißt es unheilverkündend bei Klabund. Trotzdem hat der "Schlemihl" in den über 200 Jahren seit seinem ersten Erscheinen den Status einer Erfolgsgeschichte. Mit begründetem Stolz schreibt der Autor bereits Anfang 1819 an den französischen Naturwissenschaftler Louis de La Foye (1780 od. 1781-1847): "Und noch ein Wort von Schlemihl - selten hat ein Buch so eingerissen - man liest es, die Kinder laufen mir nach dem Schatten - in Copenhagen, Petersburg, Reval ist unberufen Schlemihl da, so bei den Deutschen am Cap, aus Lesebibliotheken wird er regelmäßig gestohlen und keine Zeitung hat ihn je angekündigt oder genannt."

Der friedfertige Jesus Christus wird handgreiflich

Es gibt im Werdegang der Menschheit drastischere Versuche, frühe händlerische Exzesse zu stoppen als die von Bucherscheinungen, die auf die Vernunft des Menschen setzen. Von einem solchen Versuch berichtet die christliche Bibel. Er spielt sich ab in Jerusalem. Dort kommt es vermutlich zum einzigen Gewaltausbruch des ansonsten friedfertigen Jesus Christus (4. V. Chr.-30 od.31 n.Chr.). Dieser schreitet ein gegen den Konsumismus seiner Zeit - und wird handgreiflich. Nach heutigen Begriffen erfüllt sein Vorgehen die Tatbestände Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Beleidigung. Die Bibel berichtet im Evangelium des Johannes, Jesus habe bald nach seiner Ankunft in Jerusalem von einem Markttreiben in der jedermann zugänglichen Vorhalle des heiligen Tempels gehört. Daraufhin sei er dort erschienen und habe sich über die Geldwechsler und Verkäufer von Opfertauben und Weidevieh empört. "Und er fand im Tempel sitzen, die da Ochsen, Schafe und Tauben feil hatten, und die Wechsler", berichtet Johannes. Jesus, heißt es, "machte eine Geißel (Peitsche) aus Stricken und trieb alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Ochsen und verschüttete den Wechslern das Geld und stieß die Tische um". Heinrich Heine (1797 od. 1799-1856) findet die Aktion absolut sympathisch. Aber er ist Realist und weiß: Rechthaben und Vernunft anmahnen ist das Eine... Im Versepos "Deutschland ein Wintermärchen" kommt er darauf zu sprechen: "Geldwechsler, Bankiers, hast du sogar / Mit der Peitsche gejagt aus dem Tempel - / Unglücklicher Schwärmer, jetzt hängst du am Kreuz / Als warnendes Exempel!" Angesichts trickreicher Berliner Händler, Banker und Finanziers ächzt Heinrich Heine in seinen "Briefen aus Berlin" von 1822: "O Gott, welche Gesichter! Habsucht in jedem Muskel. Wenn sie die Mäuler öffnen, glaub ich mich angeschrien: "Gib mir all dein Geld!"
Ein Rat zum Schluss: Man beneide die nicht, die einen vollen Säckel, aber keinen Schatten haben.

Wie man zum Grab Adelbert von Chamissos kommt:
Der Friedhof III der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde in Berlin-Kreuzberg ist Teil der Friedhöfe vor dem Halleschen Tor. Der Eingang zum Friedhof III befindet sich in der Nähe des U-Bahnhofes Gneisenaustraße am unteren Mehringdamm. Zum Ehrengrab des Dichters kommt man, wenn man sich sofort nach dem Betreten des Friedhofes rechts hält und in Richtung der Friedhofsmauer an der Baruther Straße geht. Das etwas versteckt, aber am Weg liegende Grab ist nur ca. 150 Meter vom Eingang entfernt. Der Mehringdamm ist mit der U-Bahn U7 zu erreichen.
Text: -wn- / Stand: 20.01.2016