Der jüdische Friedhof Weißensee - Wenn Steine ringen oder fehlen

1929 sah sich der populäre französische "rasende Reporter" Albert Londres
jüdische Friedhof in Berlin
Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof Weißensee
Foto © -wn-
(1884-1932) kämpfenden Grabsteinen gegenüber. Augenzeuge dieses "Aufruhrs der Male" wurde er auf dem nur einen Hektar großen Jüdischen Friedhof in der Prager Josefstadt. Auf dem Gottesacker am südlichen Eingang des Prager Moldau-Mäanders liegen etwa 100000 Gebeine in mehreren Erdaufschichtungen übereinander, trotzdem auch in der Waagerechten auf engstem Raum. Wild durcheinander stehende und sich berührende Grabsteine erwecken den Anschein des Kämpferischen. Die Enge des Prager Begräbnisfeldes wiederholt sich auf dem 440 Jahre jüngeren und um das 40fache größeren jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Zumindest in einigen der 120 ab 1880 streng geometrisch angelegten Grabfeldern herrscht sichtliche Beengung. Auch hier, auf einem der größten Friedhöfe in Europa, ergibt sich das Raumproblem aus dem mittlerweile auf 115000 Gräber angewachsenen Bestand an letzten Ruhestätten, aber besonders aus dem jüdischen Anspruch einer durch nichts angetasteten Totenruhe. Nach jüdischer Tradition löst die undatiert bleibende Ankunft des Messias eine leibliche Wiederauferstehung der Toten aus. Jüdische Gräber bleiben deshalb über unabsehbare Zeiträume erhalten - als "Häuser der Ewigkeit".

Die Trauerhalle, die Verwaltung, das Leichenhaus sowie ein Teil der Mauer
im Eingangsbereich bestehen aus strahlend gelben Ziegeln. Ihr Schöpfer, der renommierte Architekt Hugo Georg Licht (1841-1923), verwirklichte ein Konzept in den Formen der italienischen Neurenaissance, die mit strengen Rundbögen und Wölbungen beeindrucken. Der Blick des eintretenden Besuchers fällt aber zunächst auf eine schlichte Anlage zum Gedenken an die Opfer des Holocaust. Inmitten eines Rondells erinnert eine Steintafel der Jüdischen Gemeinde zu Berlin daran, dass das Verbrechen der Shoa an sechs Millionen Juden Europas nicht nur in deren Vernichtung besteht, sondern auch in der Verweigerung von Grab und Stein sowie in der häufigen Unklarheit von Tod und Todesdatum.

Wie anders nimmt sich Heinrich Heines anrührendes Beklagen des eigenen schleichenden Todes in seiner Pariser "Matrazengruft" aus. "Man hat mir längst das Maß genommen zum Sarg, aber ich sterbe so langsam, daß solches nachgerade langweilig wird für mich, wie für meine Freunde". Der zum Protestantismus übergetretene jüdische Dichter, der an einem Rückenmarkleiden litt, genießt die Begünstigung eines wenn auch schweren, aber natürlichen Todes und eines "guten Ortes" auf dem christlichen Friedhof Montmartre.

Die "guten Orte" des Begräbnisfeldes von Weißensee dienten zwischen 1933 und 1945, einer Zeit, in der die SS die Verwaltung innehatte, nicht nur der Bestattung. Sie boten auch lebenden Juden schwer zu findende Verstecke. In der goldfarbenen Kuppel der monumentalen Grablege des Bankiers Sigmund Aschrott (1826-1915) verbargen sich einige Zeit lang Angehörige der Widerstandsgruppe Herbert Baum, dessen Grab sich ebenfalls hier befindet. In der Decke des überdachten Erbbegräbnises des Kammersängers und Caruso-Partners Joseph Schwarz (1880-1926) konnte man über eine Glasplatte in einen niedrigen schützenden Bodenbereich gelangen.

Zahlreiche weitere Gräber geben einen Eindruck von jüdischer Geistes- und Tatkraft. Bestattet sind u.a. der Komponist Lazarus (Louis) Lewandowski (1821-1894),
der die Orgel in die jüdische Sakralmusik maßgeblich einführte, der Verleger Rudolf Mosse (1843-1929), der Zigarettenfabrikant Josef Garbáty-Rosenthal (1851-1939), der in seiner Pankower Niederlassung u.a. mit der Sorte "Königin von Saba" in die Geschichte einging, der unangepasste Schriftsteller Stefan Heym (1913-2001), der Kaufmann Adolf Jandorf (1870-1932), der 1907 das "Kaufhaus des Westens" eröffnete, der Weinhändler Berthold Kempinski (1843-1910), nach dem die "Kempinski Hotels" benannt sind, oder der Landesrabbiner Martin Riesenburger (1896-1965), der am 29. Juli 1945 im Vorderhaus der demolierten Synagoge Rykestraße ein erstes Hochzeitspaar nach dem Holocaust traute. Trotz Bombenschäden und Vandalismus ist auch das älteste Grab erhalten: die Grabstätte von Louis Grünbaum, bis zu seinem Tod Insasse des jüdischen Altenheims in der Großen Hamburger Straße. Er wurde kurz nach der Eröffnung des Friedhofes am 22. September 1880 als erster bestattet.

Einer von denen, die es nicht nach Weißensee schafften, ist der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890-1935). Schwer krank und deprimiert angesichts der faschistischen Machtergreifung in Deutschland ging er, wird vermutet, in seinem Haus in Hindas bei Göteborg aus dem Leben. Zehn Jahre zuvor hatte er sein leibliches Ende in der Weltbühne hoffnungsfreudig beschrieben:
"Du siehst noch drei, vier fremde Städte,
du siehst noch eine nackte Grete,
noch zwanzig-, dreißigmal den Schnee -
Und dann:
Feld P - in Weißensee -
in Weißensee."
Seine sterblichen Überreste fanden nahe Schloss Gripsholm im schwedischen Strängnäs einen "guten Ort".
Auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee befindet sich auch
das Grab von Stefan Heym.

Wo der jüdische Friedhof Weißensee liegt:
Der Friedhof hat die Adresse Herbert-Baum-Straße 45. Am südlichen Ende der nur 450 Meter langen Straße, die an der Berliner Allee beginnt, befindet sich der Friedhofseingang. Empfehlenswert ist die Straßenbahn M4, aus der man an der Station Albertinenstraße aussteigt. Wie in der Synagoge müssen Männer gleich welcher Konfession auch auf dem jüdischen Friedhof eine Kopfbedeckung tragen. Die Verwaltung leiht Kippas (Judenkäppchen) kostenlos aus.
Text: -wn-



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