Mongolische Galerie ZURAG - Zärtliches Abbild von Pferden und Göttern

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Hätte sich der junge mongolische Maler Otgonbayer Ershuu 2005 auf seinem Weg von Ulan-Bator nach Berlin
Das DDR Museum in Berlin
Ein alter Arat spielt auf einer Pferdekopfgeige
(Morin Khuur), Südgobi, 70er Jahre Foto © -wn-
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jenem abgasfreien Verkehrmittel anvertraut, das Tschingis Khans Sohn Batu Kahn (1205-1255) beim Vorstoß seiner (angeblich) 100000 Reiterkrieger zum niederschlesischen Schlachtort Legnica 1241 benutzte - Otgonbayer hätte nach damaligen logistischen Usancen unterwegs mindestens 140mal das Pferd wechseln müssen. Zumindest traf er - wenn schon nicht im Sattel - so doch mit der verinnerlichten Denkart ein, dass es für einen mongolischen Künstler - abgesehen von Talent und Tauglichkeit - ohne das "pferdische Prinzip" kein Fortkommen gibt - also nicht ohne Beweglichkeit im Denken, nicht ohne Willensstärke, nicht ohne Ausdauer. Diese seelische Dispositionen musste der Absolvent der Mongolischen National-Universität mit dem Abschluss eines Masters of Art in sich aktivieren, als er es 2010 wagte, im Kulturdschungel von Berlin-Kreuzberg die erste Galerie eines Mongolen außerhalb der Mongolei zu eröffnen. Das Spektrum der Galerie wird mit Malerei, Zeichnung, Skulptur, Kalligraphie, Fotografie, Druckgrafik, Musik, Literatur, Video und Installation sowie Performance beschrieben.

Mongolische Galerie ZURAG in Berlin


Eine der ersten Ausstellungen heißt "Bull and Horse composition": eine von vitaler Gelassenheit, hochstrebender Kraft und unschamhaft dargetaner Potenz
lebende Tier-Präsentation. Urheber ist der 1979 geborene Maler Chadraabal Adiyabazar aus Dsuunmod, dem Zentrum des Töv-Aimaks am Nordrand der Wüstensteppe Gobi. Mit seiner Leidenschaft für Stier und Pferd steht Chadraabal nicht allein. Bereits in der frühesten mongolischen Literatur aus dem 13. Jahrhundert ist das Pferd eine vielbeschriebene Kreatur, ja es dient als - keineswegs satirische - Allegorie. In der "Geschichte von den zwei Grauschimmelhengsten des Tschingis Khan" stehen die Tiere, geworfen von einer schön gebauten und jadeweißen Mutterstute, für benachteiligte Untergebene des "ozeangleichen Herrschers". Beide Hengste verlassen deshalb die heimatlichen Weiden und kehren nach einiger Zeit zurück - ein zentralasiatisches Happy End. Das eine Tier hatte schließlich das andere noch zögernde gefragt: "Aber sag, wie willst du das Mütterchen / Ermeg Tschagagtschi vergessen, / Die dich getragen und zur Welt gebracht hat? / Bis ihr Rückgrat ermattete, hat sie dich zwölf / Monate getragen, / Hat dich ihre erste gelbe Muttermilch saugen / lassen, / Hat dich ihre starke weiße Milch saugen lassen, / Sag nun, wie willst du deine geliebte Mutter / vergessen?"
Das DDR Museum in Berlin
Relief-Miniaturen
lamaistischer
Tsam-Tanzmasken
Foto © -wn-
(Übersetzung Walther Heissig) Kaum eine andere nationale Kunst hat das Pferd so vielgestaltig, innig, ja zärtlich dargestellt - wie die mongolische. Es gibt keinen Körperteil - Kopf, Rumpf oder Widerrist - der nicht schon Gegenstand einer ausführlichen rhapsodischen Beschreibung gewesen wäre. Haben doch sogar die Worte "Gefährte" und "Reittier" im Mongolischen einen gemeinsamen Begriff: külüg. Als Mongolei-Reisender will man das viele Aufheben von Pferden gar nicht verstehen, wenn man die Tiere stundenlang an der Ujaa neben den Jurten angebunden stehen sieht, dem aus zwei Pfählen und einer dazwischen gespannten Leine bestehenden Gerüst.

Mit seiner Ausstellung "Dröhnende Hufe" steuert Otgonbayar eine Ausstellung mit eigenen miniaturisierten Pferden bei. Ganze Herden galoppieren über die Leinwände - jedes Tier ein Individuum. Eine halbe Million Pferde hat er schon gemalt. Eine weitere Abteilung im Schaffen des mongolischen Freidenkers nimmt die buddhistische Thangkamalerei ein. Das sind auf Baumwollleinwänden gefertigte Darstellungen lamaistischer Götter, die eindeutig von dieser Welt sind; in Pose und Ausdruck zwischen innerer Einkehr und Lebenslust gelegen - schrullig-lebensvolle Typen, mit denen man im Sommer gern eine Schale Kumys oder auch, wenn es denn sein muss, gebutterten grünen Salztee (suutei zai) trinken würde. Vermutlich wird Otgonbayar aber mit jenen etwa 3000 Miniaturen besonders bekannt werden, mit denen er das prominenteste Literaturstück illustrierte - die "Geheime Geschichte der Mongolen". Es ist die vor etwa 800 Jahren verfasste Geschichte Tschings Khans und des mongolischen Staatswesens, die mit den archaischen Sätzen beginnt: "Einst lebte ein blaugrauer Wolf, geboren mit Vorherbestimmung vom Himmel oben. Seine Gattin war eine falbe Hirschkuh. Sie kamen über den Tenggis-See. Als sie an der Quelle des Onan-Flusses, am Berge Burqan Qaldun, ihr Lager aufgeschlagen hatten, wurde (der Sohn) Bataciqan geboren." (Übersetzung Manfred Taube) Vom bislang größten Reich der Weltgeschichte, das an diesem Lagerplatz seinen historischen Ausgang genommen haben soll, blieben die heutige Mongolei und das nordchinesische Autonome Gebiet Innere Mongolei übrig. Anfang des 19. Jahrhunderts war der russische Sinologe Nikita Jakowlewitsch (Hyacinth) Bitschurin (1777-1853) nicht wenig erstaunt, in der Mongolei kein kriegerisches Reitervolk anzutreffen. "Gegen Fremde sind sie nicht blöde, (sondern) höflich, gefällig, gegen die Ihrigen freundlich." Noch mehr beeindruckten ihn gesetzlichen Regelungen wie die: "Wer einem Reisenden kein Nachtlager gewährt, und ihn erfrieren lässt, der soll um neun Stück Vieh gestraft werden".

Dass in der ZURAG-Galerie mongolophile und von der Hinneigung zu Ferne und Fremde weniger ergriffene Deutsche und Mitglieder der mongolischen Community aufeinander treffen, hat mit dem Zulauf aus Zentralasien zu tun, der spätesten seit Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzte. Galerist Otgonbayer Ershuu steht in einer langen Reihe von meist jungen Mongolen,
die sich in Deutschland zur Ausbildung aufhielten. In den 20er Jahren lernten rund 50 junge Mongolen in der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, einer Thüringer Reformschule, unter ihnen der spätere Begründer der modernen mongolischen Literatur Daschdordschijn Natsagdordsch (1906-1937). "Mit Kostbarkeiten im Gürtel" (ein um den Deel getragenes Schärpen-Band mit Taschenfunktion) kehrte er heim, heißt in einem von Paul Wiens übersetzen Gedicht Natsagdordschs. In den DDR-Jahren studierten rund 25000 Mongolen an Hoch- und Fachschulen - unter ihnen der 1943 im Altai geborene, heute in Ulan-Bator lebende tuwinisch-mongolische Autor Galsan Tschinag. Sein Germanistik-Studium in Leipzig (1963‒66) beendete er aufgrund von Fleiß und Hingabe mit dem verdienten Abschluss "summa cum laude". Der Autor, der vorwiegend in deutscher Sprache schreibt und sich neuerdings als Schamane begreift, tritt in deutschen Talk-Shows im prächtigen Deel als ein an Jesus Christus erinnernder Wunderheiler und Handaufleger in Erscheinung. Jesus war aber bekanntlich kein Schamane; er hatte ohne Trance einen guten Draht zu seinem Vater. Und nach Jerusalem hinauf kam er auf dem Rücken eines Esels. Das hätte sich ein mongolischer Schamane nicht angetan und wäre lieber gelaufen.

Wo sich die Galerie ZURAG befindet:
Die Galerie ZURAG und das Mongolei Kultur Zentrum befinden sich in der Böckhstrasse 26 in 10967 Berlin in unmittelbarer Nähe des U-Bahnhofes Schönleinstrasse (U8) Öffnungszeiten während einer Ausstellung: Dienstag bis Samstag 14:00-19:00 Uhr Informationen über www.zurag.de Text: -wn-

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