Das Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer

Im Dezember 1918 sagt Rosa Luxemburg (1870-1919) in einem Artikel voraus, erst in einer sozialistischen Wirtschaft würden die Arbeiter “reellste und pünktlichste Arbeit“ liefern.
Gedenkstätte Berliner Mauer
Blick auf die Gedenkstätte Berliner Mauer,
mit Dokumentationszentrum
Foto © -wn-
Ihre Prophetie sollte sich lange nicht erfüllen. Denn trotz allen Fleißes der Werktätigen in der späteren DDR gibt es dortzulande kaum ein Plansoll, das zu dem erwarteten Haben geführt hätte. Dann bricht ein entscheidender Spätherbst an, und es erfüllt sich das Orakel der Luxemburg. Wie gewohnt ist ein Termin amtlich verordnet. Und mit einem Mal halten die Planerfüllung in ihrem Lauf weder Ochs noch Esel auf. Was war geschehen? Am 13. Juni 1990 beginnen Pioniere der NVA und der DDR-Grenztruppen an der Ecke Acker- und Bernauer Straße mit dem Abbau der Mauer. Der Minister für Verteidigung und Abrüstung, Rai¬ner Eppelmann, hatte befohlen, die 45000 Betonsegmente bis zum 1. Dezember zu demontieren. Die Riesendinger sind 3,60 Meter hoch und 1,20 Meter breit, wiegen 2,75 Tonnen und haben eine freund- und eine feindwärtige Seite. Das Wunder: Schon im November ist alles erledigt.

Die Gedenkstätte Berliner Mauer mit Dokumentationszentrum


Heute aber macht sich Vergessen breit, und der Berg unbereuter Taten auf Seiten der ehemaligen Mauerbetreiber nimmt kaum ab. Die Gedenkstätte Berliner Mauer
zwischen Brunnenstraße und Mauerpark will gerade deshalb die geschichtliche Lehre lebendig halten, nämlich dass die Zeiten wechseln und die „riesigen Pläne der Mächtigen“ am Ende zum Halt kommen, wie es in Brechts schönem Moldau-Lied heißt. Diese Erfahrung befördert Hoffnung und lässt auch Mut entstehen, z.B. heute einen Gewissensirrtum einzuräumen. Im Ausstellungszentrum stellen modernste Medien Informationen über Bau, Betrieb und Beseitigung des „Schutzwalls“ dar. Ein digitales Besucherarchiv kann genutzt werden. Hörstationen bieten im Originalton Berichte und Aussagen von Zeitzeugen. Es liegen Kopien von Dokumenten aus. Zu betrachten sind Fotos und Filme. Zu den bewegendsten Filmaufnahmen zählen diejenigen, die nach dem Mauerbau in nächster Nähe gedreht wurden: Am 25. September 1961 springt die 80jährige Olga Segler wegen der angekündigten Zwangsräumung aus ihrer Wohnung im zweiten Stock in der Bernauer Straße 34 in das Sprungtuch der Westberliner Feuerwehr. Sie überlebt nicht. Frieda Schulze (77) gelingt der Sprung aus der ersten Etage des Hauses Nr. 29, obwohl Grenzpolizisten zunächst an ihr zerren. Der Student Bernd Lünser (22) springt am 4. Oktober vom Dach des Hauses Nr. 44, verfehlt das Sprungtuch. Er ist tot.

Was die “reellsten und pünktlichsten Arbeiter“ des Rainer Eppelmann von der Mauer stehen ließen, befindet sich gegenüber dem Zentrum. Die angebaute Aussichtsplattform bietet einen Blick auf das 70 Meter lange Stück Grenzanlage im weitgehenden Originalzustand. Linkerhand fällt die "Kapelle der Versöhnung" ins Auge, die auf den Chorraum-Fundamenten der 1985 gesprengten Evangelischen Versöhnungskirche errichtet wurde. Vor der Kapelle hängen im Holzgerüst die geretteten Glocken. Im geosteten Neuen Altar liegt das Mauertotenbuch. Während der täglichen Mittagsandachten werden daraus Namen vorgelesen, um diese vor Vergessen zu schützen. Noch ist die Zahl aller an innerdeutscher Grenze und Mauer zu Tode Gekommenen nicht ermittelt; sie liegt – bei unterschiedlichen Kriterien der Erfassung – derzeit zwischen 270 und 780 Personen.

Ihr Schicksal nahm 59 Tage vor dem 13. August 1961 mit der dreisten Lüge Walter Ulbrichts (1893-1973) „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ seinen Lauf.
Zu der durchsichtigen Falschaussage hatte sich der Leipziger Tischler mit der dominanten Fistelstimme von der Korrespondentin der Frankfurter Rundschau Annamarie Doherr (1909-1974) hinreißen lassen. Am Abend des 9. November 1989 beschleunigte wieder ein Journalist den Lauf der Dinge. Mit seiner Frage "War das Reisegesetz vor ein paar Tagen nicht ein Fehler?" gab Riccardo Ehrmann von der Römischen Agentur ANSA dem Pressegespräch im ZK der SED eine unerwartete Wendung. Nach einigem Hin und Her sprach der irritierte Günter Schabowski nicht über Fehler, sondern löste kurzerhand mit dem Satzfetzen "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort … unverzüglich“ die Öffnung der Mauer aus. Einzig die unübertreffliche Kodderschnauze Wolfgang Neuss (1923-1989) hatte sich zur Mauer stets ungefragt geäußert. Im Frühjahr 1965 gab er den hinterlistigen Auguren: "Die Mauer bleibt bis Himmelfahrt stehn - die Queen aus England muss sie noch sehen." Die Queen musste sie bis 1989 noch zweimal feindwärts sehen.
Text: -wn-

Dokumentationszentrum Gedenkstätte Berliner Mauer
Bernauer Straße 111
13355 Berlin-Mitte
Telefon 030 / 467 98 66 66

Besucherzentrum Gedenkstätte Berliner Mauer
Bernauer Straße 119
13355 Berlin-Mitte
Telefon 030/ 467 98 66 66

Öffnungszeiten der Gedenkstätte Berliner Mauer:


November bis März: 09.30 – 18.00 Uhr
April bis Oktober: 09.30 – 19.00 Uhr
Geöffnet von Dienstag bis Sonntag
Öffentliche Führungen jeden Sonntag um 15 Uhr (Startpunkt ist das Besucherzentrum)
Eintritt frei

Veranstaltungen der Gedenkstätte Berliner Mauer


Sonntag, 21.06.2015 - 15:00 Uhr
1961 - 1989. Die Berliner Mauer
Führung durch die Dauerausstellung im Dokumentationszentrum Gedenkstätte Berliner Mauer

Anfahrt zur Gedenkstätte Berliner Mauer:
U8 Bahnhof Bernauer Straße, S1 und S2 Bahnhof Nordbahnhof, Bus 245;


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