Gymnasium Zum Grauen Kloster - Die in das Rad der Geschichte griffen

Auf dem Platz vor der Ruine der franziskanischen Klosterkirche in Berlin-Mitte entwindet sich ein Mann einem Kreuz, entledigt sich der Dornenkrone.
Das Auswärtige Amt in Berlin
Eingang zur Ruine der Klosterkirche, links die
Bronze-Plastik "Auferstehender" Foto © wn
Bekanntlich wurde seinerzeit im bekanntesten Fall einer Kreuzigung die Selbstbefreiung nicht angestrebt. Hier schon. Sie ist Inhalt der bronzenen Skulptur "Auferstehender" des Bildhauers Fritz Cremer (1906-1993). Die Figur steht neben dem Spitzbogenportal der Kirche auf einer mannshohen Stele (Foto). Die auf den ersten Blick wie abgestellt wirkende Plastik ist demnach ein kaum religiöses Sinnbild menschlichen Emanzipierens. Soweit so gut - vor einiger Zeit kam einen aber doch in den Sinn, was in Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion über Jesus' Anblick auf seinem Weg über die Jerusalemer Via Dolorosa zum Richtort Golgatha gesagt wird: "Wie bist du so bespeit!" Unterbauch und Geschlecht der Skulptur fand man mit einer weißen Substanz verunziert, vielleicht war es nicht entfernter Taubenkot; doch einen zwei Finger dicken roten Querstrich über den Unterleib kann kein Vogel ziehen. Die Folgen des entwürdigenden Vorganges vor einem der letzten gotischen Baudenkmäler der Stadt wurden inzwischen beseitigt. Die Wiederherstellung eines angemessenen Zustands war umso belangreicher, als der Platz selbst nicht nur eine, sondern eine doppelte geschichtliche Prominenz besitzt. 1574 wurde im Zuge der Reformation das 300 Jahre alte Kloster des Franziskaner-Ordens geschlossen und die "Stiftung des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster" ins Leben gerufen - eine Berliner Erfolgsgeschichte. Hier seien "die mehresten gelehrten Staatsbürger erzogen" worden, lässt uns das 1806 erschienene "Lexicon von Berlin und der umliegenden Gegend" wissen.

Das Gymnasium "Zum Grauen Kloster" in Berlin


Mit dem Unterrichten von Kindern hatten die wegen ihrer Habit-Farbe "graue Brüder" genannten Franziskaner bereits um die Mitte des 13. Jahrhunderts in Berlin begonnen. Die Kuttenmänner,
die heute im Pankower Kloster aus franziskanischer Mitmenschlichkeit eine vielbesuchte Suppenküche betreiben, fielen in der Geschichte allerdings nicht nur durch menschenfreundliches Wirken auf. Ab der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ist der straff geleitete Orden, der sich gegen die Vorstellungen Franz von Assisis (1181/1882-1226) gebildet hatte, an der Verurteilung tatsächlich oder angeblich vom Glauben Abgefallener beteiligt. Goethe lässt deshalb in der Walpurgisnacht des Faust "fanatische Priesterschaften ein Hochgericht" über die Ketzer abhalten ("Wo fließet heißes Menschenblut"); die "graue Brüderschaft" ist in ihrem Element. Trotz ihrer von der Inquisition belasteten Ordens-Geschichte erleben die Berliner Franziskaner persönlich eine "sanfte Reformation". Zwar durften sie keine Novizen mehr aufnehmen, aber die noch im Kloster Lebenden, hatten Wohnrecht auf Lebenszeit. Erst als 1571 Bruder Peter, der letzte Mönch starb, war ihre Zeit abgelaufen. In den alten Dokumenten ist vermerkt, dass nunmehr "die überflüssigen silbernen Geräthschaften des Klosters zur kurfürstlichen Silberkammer abgeliefert" wurden. Zu diesem "kürchen sylber" zählten Monstranzen und Kelche, selbst "eyn klein Sylberin kreutzlein" übersah man nicht. Schließlich der entscheidende Satz im Protokoll: "Das Graue Kloster … ist auf befelch unsers gnedigen hern (das war Johann Georg von Brandenburg) dem Rath zu Berlin wiedergegeben und überantwort worden."

In das Gebäude ziehen zunächst die Nicolai- und Marienschule ein, später kommt das Köllnische Gymnasium dazu. Von dem "höchst ausgezeichneten Gymnasium ‚Zum Grauen Kloster'" spricht Theodor Fontane vor allem wegen der qualifizierten Lehrerschaft, die man sich nicht als pädagogische Ulknudeln aus der "Feuerzangenbowle" vorstellen darf ("Jeder nur einen wönzigen Schlock"). Das Gymnasium ist einer der Berliner Orte, an dem sich die Lebenswege Tausender ambitionierter junger Menschen treffen und trennen. Die einen verschwinden spurlos in den Zeitläuften. Andere machen von sich Reden und versuchen - jeder auf seine Weise - das Rad der Geschichte mitzudrehen. Der spätere Publizist und Staatsrechtler Franz Lieber (1800-1872) verlässt die Schule vorzeitig und geht aus patriotischen Erwägungen zum Lützowschen Freikorps, das an den Befreiungskriegen 1813/14 teilnimmt. 1821 finden wir ihn unter den deutschen Philhellenen, die den Griechen helfen, nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches das türkische Joch abzuschütteln. Otto Fürst von Bismarck (1815-1898) verlässt die Schule Ostern 1832 und - wie er in den "Gedanken und Erinnerungen" festhält - "als Pantheist, und wenn (schon) nicht als Republikaner, doch mit der Überzeugung, dass die Republik die vernünftigste Staatsform sei". Unter den Schülern ist der Historiker jüdischer Herkunft Siegfried Hirsch (1816-1860). Aufgrund seiner großen Begabung nimmt er an der Universität ein Studium der Geschichte auf - er ist erst 17 Jahre alt. Nicht weniger talentiert ist der nachmalige Strafrechtler und Hochschullehrer Franz von Holtzendorff (1829-1889). 1855 übersetzt er - mutig, mutig für preußische Verhältnisse - die Abhandlung "Ueber Lehre und Wesen der Ehescheidung" des englischen Dichters und Staatsphilosophen John Milton, der dafür eintrat, vor Gericht auch persönliche Scheidungsgründe anzuerkennen. Einer ist beim Griff ins Rad der Geschichte von diesem wohl eher ein Stück mitgerissen worden, als dass er helfen konnte, es zu beschleunigen: Ferdinand Gumbert (1818-1896), zunächst Bühnen-Sänger, später Gesangslehrer und schließlich ein bekannter Lieder-Komponist mit einem Repertoire von rund 400 eher dem trivialen Bereich zuzurechnenden Werken. Gumbert besitzt die Chuzpe, eine "Morgenhymne" zu basteln, deren Melodie sich am (ersten) C-Dur-Präludium in Bachs Wohltemperiertem Klavier (BWV 846) orientiert. Voller Empörung vermerkt die Leipziger Neue Zeitschrift für Musik am 9. November 1855: "Jetzt hat sich dieser Orpheus der Harfenjungfrauen, Leierkästen … herausgenommen, das erste Präludium … für eine eigene Melodie herabzuwürdigen … Mag Hr. Gumbert ferner für sein gedankenloses Publikum schreiben, so viel er will - nur ziehe er nicht das Erhabene in den Staub und gönne Ruhe den großen Entschlafenen, dass sie sich nicht im Grabe umzudrehen brauchen".

Unter den bekannteren ehemaligen Kloster-Schülern befindet sich auch "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852);
als späterer Lehrer turnte er mit Schülern des "Grauen Klosters" in der Hasenheide. Der berühmte Architekt Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) wird als kein guter Schüler geschildert. Fontane zufolge "ging es (bei ihm) nicht glänzend mit dem Lernen, die Kunst hatte ihn bereits in ihrem Bann". Noch lebende ehemalige Gymnasiasten sind der Politiker Lothar de Maiziére (geb. 1940) und Oscarpreisträger (2007) Florian Henckel von Donnersmarck (geb. 1973). Ihre Reihe könnte sich eines Tages mit neuen Namen fortsetzen, wenn die Stadt Berlin - wie geplant - die Grunerstraße am Molkenmarkt auf Höhe des Alten Stadthauses in eine Linkskurve ableitet. Dann würde geradeaus, also auf der linken Seite der Klosterruine, genügend Baugrund freiwerden - damit am alten Ort wieder ein "Gymnasium Zum Grauen Kloster", eine evangelische Schule mit altsprachlicher Prägung, entstehen kann.

Wie man zur Klosterruine kommt:
Die Ruine befindet sich in der Nähe des U-Bahnhofes Klosterstraße (U2). Zu Fuß kommt man etwa vom Roten Rathaus, dem Alexanderplatz oder aus dem Nikolai-Viertel zur Ruine, indem man die Grunerstraße überquert.
Text: -wn-

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