Das Schwule Museum Berlin: "Jenen starken Individualitäten" In der filmischen Karl-May-Parodie "Der Schuh des Manitu" versucht der Mime Michael Herbig die Zuschauer mit
Das Schwule Museum Berlin
Das Schwule Museum in Berlin ( Am alten Standort! )
Foto © -wn-
tuntigen Gebärden zu erheitern. Das Objekt seines durch ewige Wiederholung matten Humors heißt Winnetouch und ist schwuler Inhaber einer Beauty-Farm. Das feminine Getue vollzieht sich als hanswurstige Nummer, die heutzutage keine aggressive Verachtung des Andersartigen zum Hintergrund hat; leben wir ja nicht mehr in Zeiten, in denen der deutsche Sprachforscher Johann Christoph Adelung (1732-1806) die Bezeichnung "schwuhl" aufgrund damaliger Denkgewohnheit als den "gemeinen sprecharten" zugehörig betrachten musste. Seit den 1970er Jahren führte in der BRD (alt) ein kämpferisches Selbstverständnis zu mannigfaltigen schwulen und lesbischen Freiheiten. In der DDR strich man, spät genug, 1988 den Paragrafen 151 StGB, der sexuelle Handlungen Erwachsener mit Jugendlichen gleichen Geschlechts verfolgte (danach Schutzalter 14 Jahre). Seit 2001 ermöglicht das gesamtdeutsche Lebenspartnerschaftsgesetz gleichgeschlechtliche Ehegemeinschaften.

Wenn es sich heute eine Einrichtung wie das Schwule Museum in Kreuzberg (Foto) zur Aufgabe macht, einer noch verbreiteten Typisierung und Stigmatisierung der Homosexuellen entgegenzuwirken, macht dies trotz aller Fortschritte weiteren Normalisierungsbedarf deutlich. Das Museum, in dem jedermann willkommen ist,
behandelt keine Praktiken des schwul-lesbisches Liebeslebens. Mit seinen ständigen und zeitweiligen Ausstellungen geht die Sammlung andere Wege. Über die Jahre hinweg entstand ein kleines, noch überschaubares Universum aus sorgsam und sensibel recherchierten Lebensläufen schwuler, lesbischer oder bisexuell veranlagter Menschen. Im Blick ist der Zeitraum zwischen 1790 und 1990. Als publizistischer Leuchtturm steht hier die von 1886 bis 1932 in Berlin-Wilhelmshagen herausgegebene weltweit erste Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene". Ihre Gründungsnummer widmete Verleger Adolf Brand (1874-1945) "Jenen starken Individualitäten, die des Lebens Wert nach eigenem Maßstab messen und sich eine neue Welt nach ihrem Sinn gestalten." Zu den Autoren zählten Thomas Mann und Erich Mühsam.

Aus der Gruppe der bisher museal Erfassten oder - noch wichtiger - vor dem Vergessen Geretteten ragt u.a. der einstmals berühmte Damenimitator "Frenchy" heraus, der 1936 in Wolfshagen bei Kassel geborene Harald Linss. 15jährig wusste dieser, dass er als Transvestit auftreten wird. Die Neigung - und erheblicher Trainingsfleiß - brachten es zu Wege, dass er später auf nahezu allen Revue-Bühnen Europas gefeiert wurde. Man sieht sich ferner der "fröhlichen bisexuellen" Marlene Dietrich gegenüber und dem Schauspieler Hans Heinrich von Twardowski, der sich im berühmten Film "Casablanca" als deutscher Offizier in "Rick's Café Américain" mit einem Franzosen ausgerechnet wegen einer Frau schlagen muss. Oder Hans Mayer: er gehörte zu den wichtigsten Literaturkritikern des 20. Jahrhunderts. In einer ihm gewidmeten Ausstellung wird er als Wanderer zwischen den Welten geschildert. Das Engagement des Marxisten für eine demokratische Gesellschaft in der DDR ging letztlich ins Leere. Seine Beschäftigung mit Franz Kafka, Marcel Proust und Boris Pasternaks "Doktor Schiwago" erregten den Widerwillen der kleingeistigen Funktionäre. 1963 kehrte er ihnen enttäuscht den Rücken und steht mit am Beginn der intellektuellen Verarmung des Landes. 1975 bekannte er sich in seinem Buch "Außenseiter" unaufgefordert zu seiner Homosexualität. Fremdheit blieb dennoch sein vorherrschendes Lebensgefühl. Als Jude wurde er in der jungen Bundesrepublik nicht heimisch.

Dass man als Homosexueller "Zwischen den Stühlen" sitzen kann, dokumentiert auch die jüngste gleichnamige Präsentation des Schwulen Museums, die dem 100.
Ein schwules Pärchen
Im Schwulen Museum werden auch Lebensgeschichten
berühmter Schwuler erzählt - Foto © Markus Schieder
Geburtstag des Historikers und Publizisten Golo Mann (1909-1994) gewidmet ist. Wie schon sein Vater Thomas Mann, machte auch der Sohn die eigene sexuelle Neigung nicht öffentlich. Während der Vater zumindest im Tagebuch zu erkennen gibt, "die Leiden des Liebenden" zu kennen (Marcel Reich-Ranicki), berührte Golo das Thema lediglich in Briefen. Eines seiner Grundgefühle war nach eigenem Bekunden das der Nichtzugehörigkeit. Bereits im elitären Landeserziehungsheim Schloss Salem am Bodensee verbarg er seine erotische Leidenschaft. Im Fokus stand dort die "Gesundung einer gesellschaftlich kranken Jugend", zu der der Hochbegabte und Wissensstarke wahrscheinlich gezählt worden wäre. Weil er sich später als eigenwilliger wie erfolgreicher Historiker auch der literarischen Form bediente, erfuhr der Bestseller-Autor die Missgunst anderer Verfasser, wohl auch, wie meist, der mittelmäßigen, und spürte auf diese Weise sein Anderssein.

Die Lebenswege zeigen, wie sehr eine bei sich früher oder später erkannte Orientierung mitunter Verzweiflung hervorruft, aber auch Willensqualitäten und geistige Kräfte freisetzt, um zu Selbstfindung und Lebensleistung zu gelangen. Man begegnet in diesem Museum deshalb Menschen, die einem - abseits aller erotischen Verzückungen - schnell vertraut werden. Ihre Viten beweisen, was der Schriftsteller Karl Kraus (1874-1936) in einer Zeit, in der Schwulsein noch Krankheitsbild war, ironisch-drastisch ausdrückte: "Perversität kann eine Krankheit, sie kann aber auch eine Gesundheit sein."

Wie man das Schwule Museum in Berlin findet:
Update vom 17.05.2013:
Achtung!
Das Schwule Museum Berlin ist umgezogen. Seit dem 17.05.2013 befindet sich das Museum in der
Lützowstr. 73
10785 Berlin

Öffnungszeiten:
tägl. außer Di 14 bis 18 Uhr Sa bis 19 Uhr,
Tel. 030-69599050
Text: -wn-


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