Der Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg: Pyrrhus kontra Kindermacht:

Mehr als einen ganzen Tag lang war der Wörther Platz - heute Kollwitzplatz - im Prenzlauer Berg Anfang Mai 1945 ein schicksalhafter Ort.
Sanierter Altbau am Kollwitzplatz in Berlin Prenzlauer Berg
Sanierter Altbau am Kollwitzplatz
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Foto © D. ArTo
In seiner Umgebung, in der benachbarten Schultheiss-Brauerei - heute Kulturbrauerei - ging der Zweite Weltkrieg einige Zeit nach der am 2. Mai bereits eingetretenen Waffenruhe zu Ende. Hier fielen die allerletzten Schüsse dieses Krieges. Wie Todgeweihte schwiegen die Häuserfassaden des ramponierten Platzes in der eingetretenen Stille, erinnert sich ein Zeitzeuge. Doch schon 1950 ging die 6000 Quadratmeter große, dreieckige Freifläche, die zwei trapezförmige Häusergevierte spitz auslaufend fortsetzt, in Rekonstruktion. Unbekannt war der Kampfruf "Kinder an die Macht" des Herbert Grönemeyer, dessen Geburt noch sechs Jahre auf sich warten ließ. Aber der Entwurf des Gartenarchitekten Reinhold Lingner für das inzwischen in Kollwitzplatz umbenannte Areal verfolgte eindeutig die Intention des später erfolgreichsten deutschsprachigen Rockstars im berühmten Kinder-Kantus, der in seiner tiefen Sinnigkeit Brechts Kinderhymne "Anmut sparet nicht noch Mühe…" gleichkommt. Außerdem machte sich Lingner auch die kinderfreundlichen
Vorstellungen der hier einst beheimateten Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz (1867 - 1945) zu Eigen, auf deren Wohnhaus Kollwitzstraße 56a (ehemals Weißenburger Straße) die Südspitze des Platzes hinzeigt. Ein Ort für Kinder sollte entstehen. Neben den alten Bäumen an der Westkathete entstand der inzwischen legendäre Spielplatz, in dessen zentraler Blickachse die in sich ruhende, von jedwedem Zeitgeschmack abhängig schöne Kollwitz-Plastik des Bildhauers Gustav Seitz (1906-1958) platziert ist. [ Es gibt ein Käthe Kollwitz Museum in Berlin ]

Die Steinfigur erweckt überdies den Eindruck eines Selbstporträts. Beide Künstler pflegten die Verknappung ästhetischer Formen. Trotz einer daraus folgenden Strenge spricht aus dem Antlitz der sitzenden Frau mit dem weiten Rock mütterlich-weibliche Mitmenschlichkeit. Das steinerne Bildnis ist ins Treiben einbezogen, ist selbstredend manchmal Kletterort, und es hat auch schon einige Graffiti-Hieroglyphen abbekommen. Ansonsten erinnert die Figur stark an Anna Bronski, Oskarchens Großmutter in der Blechtrommel von Günter Grass. Anna Bronski hatte am Rande eines nordwest-polnischen Kartoffelackers den flüchtenden Brandstifter Joseph Koljaiczek vor den Polizisten unter ihren ausladenden Röcken versteckt. Koljaiczek konnte, das nur nebenbei, trotz seiner bedrängenden Lage nicht davon ablassen, im Unterschlupf Oskarchens Mutter Agnes zu zeugen.

Spaß für Kinder auf dem Kollwitzplatz


Generationen von Kleinkindern sind seitdem auf dem Weg zum Sandkasten oder zu den Geräten an der Kollwitz-Plastik vorbei gepilgert. Heute streben die Geh- und Trittsichereren unter ihnen den modernen Aktivburgen zu, Rutschtürmen, Kletterelementen und anderem abenteuerlichen Gerät. Unter den Augen der Eltern oder Großeltern kommt ein Besteigen und Rutschen in Gang, ein Klimmen und Kraxeln, ein Rufen und Tönen, dem erst der einbrechende Abend oder das Wetter ein Ende setzen.

Der Kollwitzplatz hat berühmte Bewohner


Die Anziehungskraft des Platzes erhöht sich laufend. Wer dazu kommt, kann der bedeutenden Schauspielerin Corinna Harfouch begegnen, die unweit wohnt. Eine NTV-Moderatorin geht mit ihrem Kind vorbei. Der SPD-Funktionär Wolfgang Thierse erscheint recht oft. Er bewohnt hier seit längerem eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung und verschmähte in den 90er Jahren als Bundestagspräsident die Schmargendorfer Dienstvilla. Thierse gehört zu denen, für die das Wohnen im Prenzlauer Berg eine Frage der Anschauung ist, also einer Bereitschaft zugunsten der Atmosphäre des Geselligen und Nahen auf etwas Komfort-Plus zu verzichten. Gern zeigt er sich auf dem Platz als Beweis für die angebliche Nähe der politischen Klasse zum Volk im Vollzug der repräsentativen bürgerlichen Demokratie.

Besuche wie der des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder und Bill Clintons - an der Seite Joschka Fischers
und seiner heutigen Arbeitgeberin Madeleine Albright - im Restaurant Gugelhof, lassen die Frage aufkommen, ob sich am Kollwitzplatz "Volkes wahrer Himmel" (Goethe) unmerklich zur schicken Zone wandelt. Unter Touristen ist es mittlerweile ein Muss, einmal um den Platz die Runde zu machen und in die Geschäfte einzutreten. Bisher mussten nur vereinzelt Händler die Gegend in Richtung Friedrichshain verlassen. Aber die Gewerbemieten steigen. Und sobald die bisher festen Mietobergrenzen im sanierten Wohnungsbau wegfallen, wird Platz und Kiez voraussichtlich noch mehr zum Paradies zugezogener Gutverdiener werden. Fraglich, ob sich die junge und kinderreiche Bevölkerungsschicht hier wird auf Dauer halten können. Es wäre ein Pyrrhus-Sieg, würde sich der Kollwitzplatz zum eleganten Hochpreisort entfalten. Grönemeyer ist gefragt: "Gebt den Kindern das Kommando!"
Übrigens, auf dem Kollwitzplatz gibt es auch einen schönen Wochenmarkt.
Wenn Sie am Kollwitzplatz hunger bekommen besuchen Sie doch mal die Stullenmacherin oder das Restaurant Zander.

So kommen Sie zum Kollwitzplatz
Zweckmäßig ist es, die U-Bahn U2 zu benutzen. Vom Bahnhof Eberswalder Straße beträgt der Fußweg über die Danziger und Knaackstraße etwa 600 Meter.
Text: © -wn-

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