Die Widmung am Reichstag in Berlin

Widmung am Reichstag in Berlin
Widmungsspruch unter dem Architrav am Westgiebel des Deutschen Reichstages - Foto © wn

Deutscher Reichstag: DEM DEUTSCHEN VOLKE - Wo rote Feuerwanzen tanzen

Häuser beherbergen Menschen, aber dann und wann machen sie auch kund, was man ferner über sie wissen soll.

Das Sommer-Schlösschen auf dem Weinberg im Potsdamer Westen macht geltend, ein Ort zu sein, an dem man ohne Sorgen lebt. Auf dem halbovalen Mittelbau an der Südseite unterhalb der Kuppel des vorgeblichen "Lust-Hauses" ist zwischen zwei Bacchantinnen zu lesen: Sans.Souci. Auch wenn man sich den ersten Schlossbewohner Friedrich II. (1712-1786) bei erotischen Lusthandlungen inmitten barbusiger Wohlgestalten nicht vorstellen kann, so war dieses Sans.Souci. dennoch ein (eben frauenloser) Sehnsuchtsort des Monarchen. Jahrzehnte brachte er hier im Sommer zu, Jahre, in denen er - wie der Chronist schreibt - vielmehr "in den Armen der Ruhe sich mit den Wissenschaften vergnügte". Mehr als zehn Jahre sind von der Gesamtwohndauer (41 Jahre) abzuziehen, in denen das oft verwaiste Schloss eher Tristesse (Traurigkeit) hätte genannt werden müssen. Es waren die ungewissen Jahre der von Friedrich vom Zaune gebrochenen drei Schlesischen Kriege, von denen der dritte der Siebenjährige war. (Infos über Schloß Sanssouci in Potsdam)

80 Kilometer weiter östlich im Brandenburger Land lautet eine Losung "Gratia Regis" (Dank des Königs). Zu lesen ist sie in einem Architrav (Dreiecksgiebel) über dem Haupteingang des eingeschossigen Schlosses Neuhardenberg. Die Losung bezeugt den Dank des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) an den gefürsteten Staatskanzler Karl August von Hardenberg (1750-1822) für dessen Einsatz beim Auslösen der preußischen Reformen am Beginn des 19. Jahrhunderts. Im Auftrag des Königs hatte der Beschenkte eine vielbeachtete Denkschrift mit Reformvorschlägen (Rechtsgleichheit und Wirtschaftsfreiheit) zur Neuordnung des preußischen Staates verfasst.

Otto Bismarcks große Gottesfurcht

Nicht alle Hausgiebelsprüche in Berlin-Brandenburg sind so glanzvoll in Sprache und Motiv. Zur deutschen Vergangenheit zählt eine Sentenz, die man als einen verwegenen Aphorismus der deutschen Parlamentsgeschichte (außerhalb der Nazizeit) einstufen kann. In den Gründerjahren (1870-1890) wurden in Deutschland Häuser errichtet, über deren oft mit historisierenden Elementen geschmückten Oberlichttüren dieser kernige Spruch zu lesen war. Der Satz "Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt" stammt aus dem Mund des Reichskanzlers Otto Eduard Leopold Fürst von Bismarck (1815-1898). Er schleuderte ihn am 6. Februar 1888 ins Plenum des Deutschen Reichstages. Aus Anlass der Lesung eines Gesetzentwurfes über die Aufnahme einer Anleihe für die Heeresverwaltung hielt er eine mit Wortspielen gewürzte Rede. In ihr setzte er sich mit dem, wie er meinte, entstehenden französisch-russischen Zweiverband auseinander, der im Ersten Weltkrieg (1914-1918) zu den Entente-Mächten gehörte. Gott, so klagte der Fürst, "hat uns die kriegerischste ... Nation, die Franzosen, an die Seite gesetzt, und er hat in Russland kriegerische Neigungen groß werden lassen". Mit Blick auf diese zwei für feindlich gehaltenen Länder wählte er das Bild: "Die Hechte im europäischen Karpfenteich hindern uns, Karpfen zu werden". Dieser zoologisch inspirierte Satz war natürlich für eine Haustür im preußisch-deutschen "Karpfenlande" etwas zu lang und geriet - im Gegensatz zum gottesfürchtigen Ausruf Bismarcks - kaum in den Raum öffentlicher Wahrnehmung.

Eine von eigenartiger Stifterlaune geprägte Hauslosung findet sich unter dem Architrav am Westgiebel des Deutschen Reichstages am früheren Königsplatz, dem heutigen Berliner Platz der Republik. Seit den Weihnachtstagen des Jahres 1916 kann man dort lesen, dass das von 1884 bis 1894 gebaute Parlamentsgebäude DEM DEUTSCHEN VOLKE gewidmet sei. Es ergeben sich Fragen, besonders die, warum ein Bauherr - das war die Masse der Steuerzahler, von deren Geld der Bau bezahlt wurde - sich selbst ein Parlament widmen sollte. Man vermutet, dass diese unstimmige Widmung vom Erbauer des Reichstagsgebäudes, dem Architekten Johann Paul Wallot (1841-1912), stammt. Es war offenbar ein durchaus gutmeinender Stifterwillen, der diesen Nachfahren französischer protestantischer Hugenotten 1894 erfüllte, als er sich nach Vollendung seines Werkes in der Rolle eines Widmungsgebers sah. Doch der Spruch wurde in den Medien stark diskutiert, bevor er überhaupt anmontiert war. Vier Tage nach der Eröffnungssitzung des Reichstages am 5. Dezember 1894 zog das satirische Wochenblatt Kladderadatsch die Widmung wie auch die politische Bestimmung des Hauses selbst in Zweifel. In einem gereimten Statement schreibt das konservative Blatt:

Wem soll der Bau gewidmet sein?
Dem deutschen Volke wohl? O nein!
Bedenk' die Sache ich genau,
So geht der ganze Reichstagsbau
Das Volk im Grunde wenig an,
Genug, dass dort mal dann und wann
Ein Volksvertreter etwas spricht.
Im Übrigen, besehn bei Licht,
Hat doch allein der Büreaukrat
Deutschland geeinigt durch die That,
Und ihm zu Ehren war erbaut
Das Haus, das stolz herniederschaut.
...
Dem deutschen Volke sei dies Haus
Gewidmet - komisch säh' dies aus.
Vier Worte nenn' ich inhaltsschwer,
Die passten doch viel besser her,
Zumal sie Ruhe vor dem Geplärre schafften:
Sie heißen: Eingang nur für Herrschaften.
"

Ein anderer krasser Vorschlag lautete: "Dem Deutschen Volk ist der Eintritt verboten." Der Schriftsteller und Kabarettist Ernst Freiherr von Wolzogen (1855-1934) ließ sich von der Monumentalität des Neubaues inspirieren und schrieb: "Festgefügt steh ich aus Stein, nun schau Geist, wie Du kommst herein." Seriösere Vorschläge lauteten: "Dem Deutschen Reich" und "Die Deutsche Einigkeit". (Weitere Infos über den Reichstag)

Abgeordneter von Payer: "Wo ist die Widmung?"

Bereits in der 5. Sitzung des Reichstages am 13. Dezember 1894 im neuen Haus am Königsplatz brachte der Abgeordnete Friedrich Ludwig von Payer (1847-1931) von der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) das Thema zur Sprache. Der Stuttgarter Rechtsanwalt zeigte sich verwundert, dass auf den Abbildungen des Reichstags in den Zeitungen die Widmung sorgsam hineingeschrieben war. Und er fuhr fort: "Wie ich jedoch hierher kam, habe ich diese Inschrift nicht gefunden, und ich zerbreche mir seitdem den Kopf, da die Tafel für die Aufnahme der Inschrift so schön hergerichtet ist, was es eigentlich zu bedeuten hat, dass diese Inschrift dort nicht steht." Er vermutete, die Verzögerung sei "mit Rücksicht auf die Herren vom Bundesrath geschehen", die ebenfalls im Reichstagsgebäude saßen. Unter heiterem Beifall erklärte der Abgeordnete: "... man könnte die Inschrift so formulieren: Dem deutschen Volk und seinem lieben Bundesrathe." Es sei ja nicht beschämend, wenn der Bundesrat "in einem Hause wohnt, das dem deutschen Volke gehört". Die angesehene "Vossische Zeitung" hatte am Vorabend des Ersten Weltkrieges eine düstere Zukunftsvision, als sie bitter ironisch die Formulierung "Dem Deutschen Heere" vorschlug.

Eine sonderbare Rolle beim Finden der besten Formulierung spielte Kaiser Wilhelm II. (1859-1941). Er behauptete, vom ganzen Vorgang erst aus der Zeitung erfahren und sich nicht eingemischt zu haben. Dabei zeigt der Fortgang der Geschichte, dass er die Widmung DEM DEUTSCHEN VOLKE alles andere als sympathisch fand und sie zunächst zu verhindern wusste, weil er sie für viel zu demokratisch hielt. Sein Gehabe in dieser Sache ist einer der letzten Akte des hohenzollerschen Dramas "Wir und das Volk". Begriff sich Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) noch als "Erster Diener des Volkes", hatte sein übernächster Thronfolger Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1813 zunächst ernsthafte Probleme damit, das Signal zum Kampf des Volkes gegen Napoleon zu geben. Der Mann, der ohne Leibwächter durch den Tiergarten spazierte und dort keinem Kontakt mit den Leuten auswich - er misstraute dennoch seinen Untertanen. Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) verstieg sich zu einem ausgesprochenen Volkshass. Er lehnte im April 1849 die deutsche Kaiserkrone ab, die ihm eine "plebejische" Delegation der Preußischen Nationalversammlung (Paulskirche) angeboten hatte - ein selten-dummer Affront aus manischer Angst vor den Bürgern im Lande. Sein Nachfolger auf dem preußischen Thron, der spätere populäre kaiserliche Grantler Wilhelm I. (1797-1888) wird als 51-jähriger Prinz von Preußen als Kartätschenprinz beschimpft, weil er am 18. März 1848 im Berliner Schloss seinem Bruder Friedrich Wilhelm IV. allen Ernstes rät, die Berliner Barrikadenkämpfer mit Kartätschen niederzumachen. Sein Vorschlag: "Wir müssen die Aufrührer zusammenschießen."

Es mussten 22 Jahre vergehen bis im Dezember 1916 unter dem Architrav am Giebel des Reichstags die Inschrift im heutigen Wortlaut angebracht werden konnte. Am 27. August 1915 war die Entscheidung gefallen: Die bitter und heiter geführte Debatte um die passende Widmung kehrte zum Ausgangspunkt zurück. Reichstagspräsident Johannes Kaempf (1842-1918) erklärte am Schluss der 20. Sitzung im Plenum: "Verheißungsvoll möge ... die Inschrift klingen, die auf Anregung und direkten Antrag des Herrn Reichskanzlers (Theobald von Bethmann Hollweg, 1856-1921), dem wir dafür Dank schuldig sind, nunmehr an diesem Haus lauten wird: DEM DEUTSCHEN VOLKE. (Lebhafter Beifall)." Der Präsident geriet sodann ins Schwärmen: Deutschland möge als ein Land besungen werden, "das durch die ungeheuren Opfer an Gut und Blut ... sich das Recht erkämpft, ein Hort des Friedens zu werden für sich selbst, ein Hort des Friedens für die ganze Welt". Die deutsche Propaganda hatte im Spätsommer 1914 ein Problem: Zu Weihnachten sollten alle Soldaten, die im Sommer in den Krieg gezogen waren, schon wieder zu Hause sein. Es kam anders. Viele Männer kehrten nicht nur zu Weihnachten nicht zurück, sondern nie. Der Schlusssatz des Präsidenten lässt erkennen, dass der nun beschlossene Giebelspruch die deutsche Bevölkerung anregen sollte, den noch Jahre andauernden Langzeitkrieg zu ertragen.

Hiermit wäre die Geschichte des Giebelspruch- Kuriosums zu Ende erzählt - wenn es nicht eine direkte Verbindung zu einem der größten Menschheitsverbrechen gäbe, zur Vernichtung der Juden in der Zeit des deutschen Faschismus. Vom 20. bis 24. Dezember 1916 wurden - wie es hieß: "ohne großes Medieninteresse", aber dennoch als "Weihnachtsgeschenk für das deutsche Volk" - die siebzehn 60 Zentimeter hohen gusseisernen Buchstaben der Inschrift über dem Westgiebel des Reichstages angeschraubt. Die Buchstaben sind eine Synthese von germanischer Fraktur- und römischer Antiqua-Schrift. Für die Buchstaben waren auf Wunsch von Kaiser Wilhelm II. zwei erbeutete französische Kanonen aus den Befreiungskriegen gegen Frankreich (1813-1815) eingeschmolzen worden.

Grabstein für Peter Loevy
Der verwitterte Grabstein für Peter Loevy auf dem Berliner Kirchhof Sankt Elisabeth I - Foto © wn
Den Auftrag hatte die am 1. April 1855 in Berlin gegründete jüdische Bronzegießerei Loevy erhalten. Die Firma goss die Buchstaben und brachte sie zur Zufriedenheit der Reichstagsbaukommission am Reichstag an. Begründer des Unternehmens war der aus der preußischen Provinz Posen stammende Gelbgießermeister Samuel Abraham Loevy (1826-1900). Dessen Handwerk wurde als edles Metier betrachtet, dessen Ausübung Qualifikation und Erfahrung voraussetzte. Die Gelbgießer verarbeiteten vor allem Messing und damit vermischte Metalle. Die Lehrzeit betrug sieben Jahre. Das Gesellenstück konnte z.B. ein Kronleuchter oder ein sechsteiliges Pferdegeschirr sein. Nach dem Tod des Firmengründers Samuel Abraham Loevy führten die Söhne Albert (1856-1925) und Siegfried (1859-1936) die Firma erfolgreich weiter und machten sie zum führenden Branchenunternehmen in Berlin. Mit Siegfried Loevys Sohn Peter (1891-1915) beginnt die Auslöschung der Familie Loevy. Peter Loevy fiel im Ersten Weltkrieg im belgischen Flandern. Der zweite Sohn Erich (1888-1944) hatte sich von einem befreundeten Lehrer namens Gloeden adoptieren lassen, um im Schutz dieses Namens der sich abzeichnenden Judenverfolgung zu entgehen. Er stand dem Kreis um Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944) nahe. Nach dem misslungenen Attentat auf Adolf Hitler (1889-1945) vom 20. Juli 1944 wurde er im selben Jahr verhaftet, zum Tode verurteilt und in Plötzensee enthauptet. Mehrere Mitglieder der Familie Loevy fanden in Konzentrationslagern den Tod.

An die von den Nazis letztlich liquidierte Firma Loevy erinnern heute der Giebelspruch an der Westfront des Reichstagsgebäudes, für dessen mangelnde Sinnhaftigkeit die Loevys keine Verantwortung tragen, sowie eine kleine Tafel am Fuß einer der Säulen. Dritter Ort ist eine verwahrloste und namenlos gewordene Grabsäule auf dem Kirchhof Sankt Elisabeth I in der Berliner Ackerstraße. Der neuklassizistische Muschelgrabstein in Form eines Kubus mit aufgesetzter Schmuckurne wurde nach dem Tod Peter Loevys errichtet. An unbekanntem Ort gleich in der Nähe sollen auch die Eltern Siegfried und Lina Loevy (1865-1942) liegen. Im Sommer tanzen und wimmeln auf dem verwitterten Grabstein Trupps geselliger Feuerwanzen (Pyrrhocoridae) und kopulieren lustvoll, die Hinterteile angedockt. Diese Landwanzen mit den markant schwarz gepunkteten roten Rücken kommen als Tagesausflügler vom Boden hoch auf den Stein. Sie sind Pflanzensauger und nisten im Laub zu Füßen umstehender Linden, deren Saft sie mögen. Ansonsten herrscht intensive Ruhe an der porösen Grabruine der Berliner Familie Loevy.

Wie man zum Reichstag kommt:

Das Reichstagsgebäude, in dem der Deutsche Bundestag tagt, befindet sich in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tores. Der Eintritt in den Reichstag und in seine Kuppel ist frei. Es ist jedoch notwendig, sich vor dem Besuch auf der Webseite des Reichstages online anzumelden. Ohne diese Anmeldung wird kein Einlass gewährt. Das Gebäude ist täglich von 8:00 Uhr bis 24:00 Uhr geöffnet. Letzter Einlass ist um 22 Uhr.

Der Bus 100, der vom Alexanderplatz zum Zoologischen Garten und zurück fährt, hält ganz in der Nähe.
Text: -wn- / Stand: 15.09.2016

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