Russische Haus in der Friedrichstraße: Kalinka meets Kalina krassnaja

Das Schneebällchen Kalinka und Kalina krassnaja, die rot gereifte Beere, - zwischen diesen beiden Symbolen,
Das Russische Haus in der Friedrichstraße
Russische Haus in Berlin die Straßenfront
Foto © -wn-
hilfsweise genommen für das 19. und 20. Jahrhundert, sowie in den Jahren seit 1989 liegen beim Versuch, Vergangenes noch besser zu begreifen, Operationsfelder des Berliner Russischen Hauses der Wissenschaft und Kultur. Für Kalinka steht auch das Jahr 1860, in dem der fast vergessene russische Komponist Iwan Petrowitsch Larionow die Eingebung zu Text und Melodie des populären Kunstliedes hat. Die Rezeption dieses selten ungesungen bleibenden slawischen Wohlklangs, den Kosaken, Mönche oder anders gekuttete Barden durch leidenschaftliches Zusammenwirken von Tenor und Bass erzeugen, setzt in nichtrussischen Gemütern meist dynamisierende und sentimentale Gefühle frei. Und mit Kalina krassnaja (1973), dem hochsensiblen, auch im Russischen Haus immer wieder gezeigten Film des Schriftstellers, Regisseurs und Schauspielers Wassili Makarowitsch Schukschịn (1929-1974), ist man in der - von heute aus gesehen - nun schon fast drei Jahrzehnte zurückliegenden bleiernen Zeit angekommen: in der nach einer trügerischen Tauwetterperiode sich noch einmal mit Drangsal, Zensur und Ausbürgerung die Breschnew-Ära gebärdetet. Filmheld Jegor Prokudin ist in dem Streifen ein tragisch endender Dieb, der nach damaliger Lesart im "Land aller Werktätigen" hätte gar nicht vorkommen dürfen - so demoralisiert wie er war und menschlicher Hilfe dringend bedürftig. Schukschịn zeigt die Realität - unter listiger Ausnutzung des Minimums an künstlerischer Freiheit, was er wohl dem in jeder Weise genialen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906-1975) abgesehen haben mag.

Das Russische Haus in Berlin - Kultur ist Programm


Mit seiner beachtlichen Bibliothek (über 30000 Bände), dem Großen Saal für 500 Besucher,
einem Kino, Musik- und Tanzsalons sowie Ausstellungs- und Konferenzräumen zählt das architektonisch wenig bestechende Haus zu den bedeutenden kulturellen Einrichtungen des Auslands in Berlin. Es gehört der Russischen Föderation und bietet Interessierten mannigfache Möglichkeiten, sich der russischen Kultur zu nähern oder vorhandene Kenntnisse zu vertiefen. Zu Zeiten des kleinen Bruders DDR war der "Verband der sowjetischen Gesellschaft für Freundschaft und kulturelle Beziehungen mit dem Ausland" der Herr des Hauses und Untermieter die "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft" (DSF). Mit wachsender Verzweiflung suchte diese die mannigfach ironisierte Losung zu verbreiten "Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen". Wie perplex wären die DFS-Mitglieder gewesen, wenn man Lenins freimütiges Lob der Deutschen und ihrer "strengsten Rechnungsführung (und) Kontrolle" öffentlich gemacht hätte. Im Brief an den Funktionär Lew Borissowitsch Kạmenew (1883-1936) hatte Lenin ostentativ verlangt: "Lernt von den Deutschen, ihr verlausten russischen kommunistischen Faulenzer!"

Ein Standbein der Einrichtung war und ist die Verbreitung der russischen Sprache. In der DDR war diese - außer unter den gebildeten Verehrern und Kennern russischer Literatur und Musik - mäßig beliebt. Grund: Der überwiegend leidenschaftsarme Russisch-Unterricht an vielen Schulen mit seinem Grammatikstreß und jeden Konversations-Versuch behindernden Wortendungs-Fetischismus minderte das Ansehen dieser Sprache. Zu der ambivalenten Haltung hatte z.B. auch der sowjetische Generalstaatsanwalt Andrei Januarjewitsch Wyschịnski (1883-1954) schon beizeiten seinen Teil dazu beigetragen. Während der Schauprozesse von 1936-38 plädierte er, die Angeklagten müssten wie "die tollwütigen Hunde allesamt erschossen werden" oder sie seien "Spione, Hochverräter, Restauratoren des Kapitalismus". Das klang nicht nach Lermontow und Puschkin. Der polnische Schriftsteller Stefan Chwin (geb. 1949) bringt es auf den Punkt: "Die russische Sprache war die hölzerne Sprache der Propaganda - auf diesem Gebiet war die Zusammengehörigkeit der slawischen Sprachen vollkommen, ja sie umfing in brüderlicher Umarmung sogar die absolut nichtslawische Sprache der DDR." Dennoch ist er, der Pole (!), "fest davon überzeugt, dass Versdichtungen in keiner Sprache besser klingen als in Russisch". Russisch ist im Kommen! Im Haus an der Friedrichstraße sind zahlreiche Sprachkurse für den Anfänger bis hin für weit Fortgeschrittene im Angebot. Nach dem Erwerb einer Sprach-Befähigungen wird man nicht nur geschäftlich erfolgreicher sein, sondern auch umso eher begreifen, was der israelische Schriftsteller Amos Oz (geb. 1939) in seinem Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" über seine Mutter berichtet: "Nicht auf hebräisch sang sie, sondern in süß klingendem Russisch."

Zu den Veranstaltungen des Hauses zählen Klavierunterricht für jedermann, die Malschule für Kinder, Aerobic-Kurse, Gymnastik und, was man in einer russischen Einrichtung füglich erwarten kann: eine Schachschule und ein Ballettstudio. Ein fortlaufender Seminar-Zyklus fällt ins Auge, der sich herausragenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur widmet, die zur Entwicklung der russisch-deutschen Beziehungen beitrugen. Ein Meeting ist dem Schriftsteller und Historiker Nikolai Michailowitsch Karamsịn (1766-1826) und seinen 1802 in Leipzig erschienenen "Briefen eines reisenden Russen" gewidmet. Der publizistische Erfolg der Edelfeder Karamsịn, dem sein Übersetzer Johann Richter (1763-1829) "eine zarte Empfindung und eine gewisse Naivität der Darstellung" zueignet, beruht auf Menschennähe und unverfälschten Gefühlen. Während seiner Reise durch Europa 1789-90 besucht er auch Berlin. Karamsin, dessen Grundsatz es ist "Alles Nationale ist nichts gegen das Menschliche", geht mit einer von innen kommenden Freundlichkeit auf Berliner Gesprächspartner zu und kommt neben vielen anderen gewichtigen Eindrücken zu dem Schluss: "Man lobt die Berliner wegen ihrer Betriebsamkeit und frugalen Lebensart. Selbst reiche und vornehme Leute verschwenden ihr Vermögen nicht in eitlem Luxus, sondern halten in Kleidung, Tafel, Equipage u.s.w. eine strenge Oekonomie." Das sollte nachdenklich machen. Und noch bevor Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. (1744 -1797), auch Dicker Lüderjan genannt, "zur Steuerung der heimischen Unzucht öffentliche Häuser einzurichten" befahl, recherchiert Karamsin in nämlichen Kreisen. "Man sagt, dass die Zahl lüderlicher Frauenspersonen in Berlin sehr groß sey. Wenn sie aber die Regierung nicht duldete, so würden vielleicht mehr Lüderlichkeit in den Familien seyn".

Ein ebenso bedachtsam wie Karamsin recherchierender Forscher, dessen berühmte russische Exkursion
im Haus an der Friedrichstraße thematisiert wird, war Alexander von Humboldt (1769-1859). 1829 bricht er in einer Halbchaise zu einer 15000 Kilometer langen Reise auf. Von Berlin geht es über St. Petersburg, Moskau, zum Ural und weiter bis ins Gebiet der heutigen Teilrepublik Bergaltai, in dem sich die Mongolei und Kasachstan bis auf einen 40 Kilometer langen Verlauf der russisch-chinesischen Grenze nahekommen. Physikalische Messungen im sibirischen Raum und Besichtigung von Bergbau-Betrieben stehen auf dem übervollen Programm. Im Expeditionstagebuch findet sich - eher nebenbei - die wahrscheinlich detailierteste deutschsprachige Beschreibung einer kasachischen Jurte mit allen inneren Details. Humboldt, der mit viel Erkenntnissen und Material zurückkehrt, gilt auch den Russen als ein Wissenschaftler von Rang, der die Feststellung des Berliner Physiologen Emil Du Bois-Reymond (1818-1896) hochhielt: "So ist die Naturwissenschaft das wahre internationale Band der Völker". Der gesamte Zyklus des Russischen Hauses steht im Zeichen dieses fortgeltenden und keineswegs plakativen Befundes.
Besuchen Sie auch das Blockhaus Nikolskoje an der Havel.
( Text: -wn- 04.04.2011)

Wie man zum Russischen Haus kommt:
Es befindet sich in der Friedrichstraße 176-179 Zu erreichen mit der U-Bahn U6, Bahnhof Französische Straße.
Die Homepage des Hauses mit einer Übersicht aller Veranstaltungen und Einrichtungen sowie interessanten Weblinks hat die
Adresse www.russisches-haus.de

Russisches Haus - die Öffnungszeiten:
Mo-Fr: 10.00-20.00 Uhr
Sa-So: 12.00-18.00 Uhr
Öffnungszeiten der Ausstellungen:
Di-Fr: 14.00-19.00 Uhr
Sa-So: 12.00-18.00 Uhr

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