Kapelle der Versöhnung - Ballistik und Beten - Berlins kleinste Kirche

Pfarrer Manfred Fischer von der Evangelischen Versöhnungsgemeinde Bernauer Straße kommt ohne seine pastorale Dienstanweisung, die Bibel, in die "Kapelle der Versöhnung".
Kapelle der Versöhnung in Berlin
Die kleinste Kirche in Berlin: Die Kapelle der Versöhnung
Foto © -wn-
Natürlich trägt er Talar und Beffchen. Im außergewöhnlichsten, kleinsten Berliner Bethaus treffen Touristen und Schulklassen aufeinander, Gottesnähe suchende Christen treten ein und Menschen, die das kuriose Haus mit seiner lichtdurchlässigen Ummantelung aus wenig sakral wirkenden Holzlamellen auch von innen sehen wollen. Das Gebäude aus dem Jahre 1999 ist ein ovaler, etwa neun Meter hoher und bis zu 20 Meter breiter Stampflehmbau mit einem schmucklosen inneren Wandelgang. An gleicher Stelle - mitten im ehemaligen Grenzgebiet - stand die unerreichbar gewordene Kirche der Versöhnungsgemeinde, die die DDR-Regierung 1985 sprengen ließ. In der geosteten Altarnische zieht ein aus dem Sprengschutt gerettetes Schnitzwerk mit Jesus und den Jüngern beim Abendmahl die Blicke auf sich. Die Sprengmeister gaben ihrer Barbarei noch einen orgiastischen Kick, indem sie einige Figuren durch das Abschlagen der Gesichter zu Unpersonen machten.

Die Kapelle der Versöhnung in Berlin


Es ist Mittag. In diesen Minuten wird das Haus zur "Kapelle des Erinnerns", in der allerdings weder heiliger Märtyrer noch edelmütiger Weltveränderer gedacht wird. Die Namen von Menschen werden aufgerufen, deren meist einsame Versuche, private Lebensumstände durch Ortswechsel zu verändern,
finale Fangschüsse beendeten. Nach Ablauf ihrer Totenruhe greift nun erst recht Gesichtslosigkeit zu - sofern nicht Verwandte Vergessen verhindern. Gegen dieses lautlose Absinken ins Dunkel der Geschichte sollen - von Dienstag bis Freitag - die mittäglichen Gedenk-Viertelstunden für die Toten an der Berliner Mauer helfen. Der tägliche Totenkult ohne Pathos und Floskeln versucht jeweils ein einzelnes Opfer ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Dazu bringt Manfred Fischer statt der Heiligen Schrift einen deckellosen, mit Stoff ausgepolsterten Kasten mit, in dessen Falten der Schlüssel liegt, der zum kleinen Schrein im Kanzel-Quader passt. Ihm entnimmt der Geistliche das "Totenbuch" mit den Namen und Lebensdaten der bisher bekannten 136 Personen, die bei Fluchtversuchen an der Mauer erschossen wurden oder später ihren Verletzungen erlagen. In jeder dieser mit dem Geläut der ebenerdig aufgehängten alten Glocken eingeleiteten Zeremonie gibt das "Totenbuch" etwas von seinem Inhalt preis.

Heute hätte Herbert Kiebler, ein aus Mahlow stammender ehemaliger Presser im Metallhütten und Halbzeugwerke Berlin-Schöneweide, seinen 57. Geburtstag gefeiert. Er und sein Schicksal stehen im Mittelpunkt. Im Sommer 1975 trafen den 23jährigen beim Fluchtversuch sechs Schüsse. Sie beendeten sein Leben im Kfz-Sperrgraben an der heutigen südlichen Stadtgrenze nahe dem Düppeler Forst. Vor den Besuchern der Kapelle werden sein Name verlesen sowie die Todesumstände bekannt gegeben. "Abhauen" war für Herbert Kiebler ein lang gehegtes Ziel. Am Abend des Fluchttages geht er mit widersprüchlichen Gefühlen nach Hause. In der Nacht soll es geschehen. Der Mutter schreibt er: "Auf Wiedersehen im Knast oder in Westdeutschland", und weiter: "Liebe Mutti, wenn ich sterben sollte, dann wünsche ich Dir viel Glück!"

17 Jahre später gibt der wegen Totschlags auch an Herbert Kiebler angeklagte Politiker Erich Honecker (1912-1994) vor der 27. Großen Strafkammer beim
Wandelgang in der Kapelle der Versöhnung
Der Wandelgang in der Kapelle der Versöhnung
Foto © fuxart
Landgericht Berlin-Moabit mit kreidiger Stimme an: "Der Tod an der Mauer hat uns … menschlich betroffen." In seiner Erklärung bezeichnet der Beschuldigte, der das frühe Ableben eines seiner Enkel mit großväterlichem Schmerz tief fühlend betrauern konnte, die fortgesetzten Totschlags-Handlungen ausweichend als "unnatürlichen Tod". Die Finesse zielt darauf ab, das Töten an der Grenze - wo irgend möglich - in Richtung Suizid zu rücken. Im Falle des aus 100 Meter Entfernung niedergestreckten Herbert Kiebler zimmerten die Behörden mit Hilfe einer bestellten Falschaussage eines Försters die Selbstmord-Lüge. Man will die Leiche im Falkenseer Wildpark vorgefunden haben. Am Begräbnistag kann die Familie in einem unbeobachteten Moment den Sarg noch einmal öffnen und sieht: Herbert Kiebler wurde von Schüssen getroffen, die man nach den Gesetzen der Artillerieballistik in Bezug auf Anzahl und Richtung nicht selbst auf sich abgeben kann.

1889 wäre Kiebler fast Endvierziger gewesen, nicht zu alt, um von der damals wie heute populären Rockballade von 1987 "Als Ich fortging" beflügelt worden zu sein. Autorin Gisela Steineckert formuliert hier den damals kaum glaubhaften Satz, der sich später als wahrhaftig herausstellt: "Nichts ist von Dauer, wenn's keiner recht will". Für Kiebler, der das Land nicht verändern, sondern ihm fliehen wollte, gab es die ermutigende Gewissheit von 1989 nicht. In Abständen wird in der Kapelle deshalb auch sein Name ausgesprochen. Es soll nicht vergessen sein, dass es den Presser aus Mahlow einmal gab und warum es ihn heute nicht mehr gibt. 60000 Menschen jährlich haben bisher im Stampflehmbau an der Bernauer Straße über solche ballistische Fragen nachgedacht.

Kapelle der Versöhnung
Bernauer Straße 4
10115 Berlin
Telefon: 030 / 4636034

So kommt man zur "Kapelle der Versöhnung":
Die Kapelle befindet sich gegenüber der Mauer-Gedenkstätte in der
Bernauer Strasse 4.
Das Gedenken an die Mauertoten findet jeweils zwischen 12.00 und 12.15 Uhr statt.
U-Bahn: U8 Bahnhof Bernauer Straße,
S-Bahn: S1 und S2 Station Nordbahnhof,
Bus 245
Text: -wn-


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