Karlshorster Kirche Zur frohen Botschaft in Berlin Lichtenberg

Anna Amalie von Preußen: Klosterfraus beflissener Geist
Wohl nicht allzu viele kennen Anna Amalie von Preußen (1723-1787), und die sie zu kennen glauben, verwechseln sie oft mit Anna Amalia. Diese Fast-Namensvetterin war
Amalienorgel in der Kirche zur frohen Botschaft in Karlshorst
Prospekt der Amalien-Orgel in der
Karlshorster Kirche "Zur Frohen Botschaft" - Foto © -wn-
die Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach (1739-1807). Nach ihr ist die berühmte Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek benannt. Seit 1969 fungiert diese als "Zentralbibliothek der deutschen Klassik". Die Namensgeberin war eine Nichte des Königs in Preußen Friedrichs II. (1712-1786). Anna Amalie hingegen ist die musikalisch talentierte, ambitionierte und jüngste Schwester des Alten Fritz. Mithin ist Amalie Amalias Tante. Amalies Name ist mit einer der Raritäten der Deutschen Staatsbibliothek zu Berlin verbunden - mit der für die Öffentlichkeit kaum zugänglichen Amalien-Bibliothek. Das Kleinod besteht größtenteils aus einer von ihrer Großmutter Sophie Charlotte (1668-1705) hinterlassenen Musikaliensammlung, in der vor allem Originalpartituren und Abschriften von Werken Johann Sebastian Bachs, seiner Söhne Friedemann, Carl Philipp Emanuel und Johann Christian versammelt sind. Zur Bibliothek gehören neben Manuskripten Werke Georg Friedrich Händels, François Couperins, Giovanni Pierluigi da Palestrinas sowie weiterer Komponisten.

Auf dem bis heute geltenden Ausleiheverbot hatte Amalie bestanden, geflissentlich und ohne Ausnahmen zuzulassen. Selbst Friedrich Wilhelm II. (1744-1797) musste
sich bei einer versuchten Ausleihe mit Abschriften zufrieden geben. In der strikten Durchsetzung bibliothekarischer Ordnung zeigte sich ihr eigenwilliger, von calvinistischer Strenge und Disziplin geprägter Charakter. Er war dem des Bruders ähnlich. Möglicherweise war ihr Friedrich deshalb in so inniger geschwisterlicher Liebe zugetan. Briefe zeugen davon, die er ihr aus Feldlagern des Siebenjährigen Krieges (1756 - 1763) schrieb. Am 14. August 1758, wenige Tage vor der (siegreichen) Schlacht bei Zorndorf (Sarbinowo), schließt er - mit dramatisch herausgestellter Schicksalsergebenheit - einen Brief mit den Worten: "Ich umarme Dich von ganzem Herzen und bitte Dich, eines Bruders zu gedenken, der Dich im Leben wie im Tode liebt." Und einige Monate vor Ende dieses Krieges, am 7. November 1762, spielt der atheistische Monarch ironisch auf ihre zwischenzeitlich erfolgte Einsetzung als (dennoch oft in Berlin lebende) Äbtissin des weltlichen Quedlinburger Stifts an, der ihr gute Einnahmen brachte: "Lebe wohl, liebe Braut Christi! … und wenn Du in mir auch einen großen Ketzer siehst, sei trotzdem überzeugt, dass ich Dich mit wahrer Zärtlichkeit liebe. Ich bin … Dein getreuer Bruder und Diener Friderich."

Die Kirche Zur frohen Botschaft


Wäre es nach dem ursprünglichem Willen des väterlichen Bruders gegangen, wäre die Schwester (zu diesem Zeitpunkt noch keine Klosterfrau) Mitte der 40er Jahre mit dem späteren König von Schweden Adolph Friedrich (1710-1771) verheiratet worden - und vermutlich würde es heute die Amalien-Orgel in der Karlshorster Pfarrkirche "Zur frohen Botschaft" nicht geben. Denn die Königsschwester wäre in den schwedischen Alltag abgetaucht und mitleidender Ehepartner eines regierungs- und willensschwachen Königs geworden. Die Ständevertretung im Stockholmer Senat hatte ihm bei der Inthronisation gleich klargemacht, dass es sich im Land nur um eine "beschränkte Monarchie" handeln könne. Der Monarch musste mit einer Pressefreiheit und dem damals neuen Recht aller Schweden leben, bei Behörden und Ämtern in alle staatlichen Akten und Dokumente Einsicht zu bekommen. Adolph Friedrich war Günstling der russischen Zarin Elisabeth (1709-1762) und nach dem Merkelschen Erkürung-Prinzip auf den Thron gehievt worden, nach dem für die Besetzung eines politischen Postens selbstbewusste Männer nicht in die Nähe Macht ausübender Frauen gehören. Den Regierungsstress suchte der Protegé offenbar auch mit reichlicher Nahrungsaufnahme zu kompensieren. Es heißt, sein tödlicher Schlaganfall am 12. Februar 1771 habe damit im Zusammenhang gestanden. Nach einem Diner opulenten Ausmaßes hatte er als Dessert noch mehrere Portionen seiner Lieblingsspeise Semla gegessen - mit Kardamom gewürzte und mit Marzipanmasse sowie Schlagsahne gefüllte Hefeteigkugeln, die in einem mit heißer Milch gefüllten Teller serviert werden. Die vierzehnte Portion Semla überlebte Adolph Friedrich nicht. Seine Witwe war übrigens Amaliens Schwester Ulrike. Die zeitlebendes unverheiratet gebliebene Amalie hatte eine andere Liaison, die - Hofberichten zufolge - sogar Bruder Friedrich selbst eingefädelt hatte, als er seinen später wegen Spionageverdacht in Ungnade gefallenen Ordonnanzoffizier Friedrich Freiherr von der Trenck (1727-1794) auf einem Ball zum Tanzpartner der Schwester machte. Wie von der Trenck in seinen Aufzeichnungen "Friedrich Freyherr von der Trenck merkwürdige Lebens Geschichte, von ihm selbst geschrieben" (Berlin 1787) mitteilt, soll es im Winter 1743 zu näheren Beziehungen zu ihr gekommen sein. Ohne je ihren Namen zu nennen, betont er seine große Liebe zu ihr. "Ihrem Umgang, ihrer Scharfsicht, Ihrer Gewalt mich ganz an sich zu fesseln, habe ich die Politur meiner sittlichen … Eigenschaften zu danken", schwärmt er und fährt fort: "Auch im tieffsten Unglück hat Sie mich nie verlaßen, nicht verachtet, noch miskannt". Über das Liebesverhältnis beider hat die Geschichte den Mantel des Schweigens gelegt. Vieles ist Vermutung.

Anna Amalie hatte jedoch noch ein anderes lebenslanges "Liebesverhältnis" - das zur Musik. Sofort nach dem Tod des durch und durch amusischen Vaters 1740 - es war der Soldatenkönig - konnte sie endlich ihre Begabungen ausleben, lernte Cembalo und Klavier, Flöte, Laute, Orgel und Geige und befasste sich mit Komposition. Der Musiktheoretiker, Komponist und Bachschüler Johann Philipp Kirnberger (1721-1783) erteilte ihr Unterricht in diesem Fach. An Friedrich schrieb sie: "Mein teurer Bruder, Sie wissen, dass ich mich seit einiger Zeit ein bisschen mit der Musik beschäftige und ich brenne vor Lust mich darin zu perfektionieren. Hätten Sie die Güte, mir … zu helfen und mir einige nette Stücke zuzusenden, mit denen ich weiter üben könnte". In diesem Bestreben kam die Endzwanzigerin auch mit der beseelenden Musik Johann Sebastian Bachs (1685-1750) in Berührung. Alles in ihrem musikalischen Tun und Hören war seitdem von Bach überstrahlt. Sie hatte erkannt, dass dessen Passionen keineswegs nur religiös intendierte Musik ist, sondern Eindrücke von menschlichem Denken und Handeln wiedergibt. Sie spürte, dass diese Musik ansteckend froh und zärtlich traurig sein kann. Zweifellos hat sie gewissen Anteil daran, dass nach ihrem Tod auf maßgebliches Betreiben der Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) und Carl Friedrich Zelter (1758-1832) anfangs wesentliche Teile der Matthäus-Passion Bachs (BWV 244) 1829 in der Berliner Singakademie, dem heutigen Maxim-Gorki-Theater, mit großem Erfolg wiederaufgeführt wurde und seitdem zur Welt-Musikkultur gehört.

Die Geschichte der Amalienorgel in der Kirche Zur frohen Botschaft


Nicht bekannt ist, welcher konkrete Umstand Anna Amalie 1751 eigentlich auf die Idee gebracht hatte, sich eine eigene Orgel mit 22 Registern auf zwei Manualen und Pedal
bauen zu lassen und sie im Balkonzimmer auf der Lustgartenseite des Berliner Stadtschlosses aufstellen zu lassen. Ihr Auftrag an den Berliner Orgelbauer Peter Migendt ist die Geburtsstunde jener Orgel, die wir heute mit ihrem Namen verbinden - der Amalien-Orgel. Man musste schon über erkleckliche Einnahmen verfügen, Königsschwester sein und auch ein bisschen "verrückt" daher kommen, um sich - was unüblich war - eine Orgel in den Wohnbereich, wenn auch eines Schlosses einbauen zu lassen. 1755 war das Instrument installiert, und sie schreibt an die in Bayreuth verheiratete Schwester Wilhelmine: "Heute habe ich zum ersten Mal auf meiner Orgel gespielt. Die Gräfin Schwerin meint, sie sei ein bisschen laut, was natürlich ist, aber der Ton ist charmant." Genau diesen klanglichen Charme bestätigen Hörer heute, die in der Karlshorster Kirche dem Spiel des Instrumentes lauschen. Es gebe Stimmen, wie zum Beispiel die Flöte/Gedackt 4' (oben verschlossen) im Oberwerk, die im Kirchenraum sogar einen zauberhaften Eindruck hinterließen, andere Stimmen wirkten eher normal, doch insgesamt alle gut auf den Kirchenraum abgestimmt, resümiert der mit der Restauration beauftragt gewesene Dresdener Orgelbauer Kristian Wegscheider (geb. 1954). Würde, Weihe, aber auch die Anlage zu wuchtvoller Modulation - statt aber dass das Gotteshaus "durchheult (sein würde) von wildem Orgelklang" (Charles Baudelaire) - so seien die erlesenen klanglichen Merkmale dieser ältesten Berliner Barockorgel umschrieben. Im Bereich des Instrumentalstils der Norddeutschen Schule fanden Instrumente dieser Art schon vor Amaliens Lebenszeit ihren noch heute gültigen Platz in der "Dreieinigkeit" neben Choral (Kirchenchor) und Gemeindegesang. "Der Choral wurde der Erzieher der Organisten und führte sie von der falschen auf der Klaviatur herumirrlichternden Virtuosität zum wahren, einfachen Orgelstil", schreibt der evangelische Theologe, Arzt und Philosoph Albert Schweitzer (1875-1965) in seinem Buch "Joh. Seb. Bach".

Die Amalien-Orgel hat auf dem Weg nach Karlshorst einige Stationen hinter sich. 1767 nahm sie die erste Besitzerin mit in ihr neues Palais Unter den Linden. Nach ihrem Tod wurde das Instrument in Buch aufgestellt. Es folgte eine kriegsbedingte Einlagerung in Potsdam. 1959/60 wird sie in die Karlshorster Kirche eingebaut und nach gründlicher Überholung am 10. Dezember 2010 neu geweiht. "Amelie Organiste" - wie sich die Namensgeberin gelegentlich nicht ohne Stolz nannte - gehört zweifellos zu den faszinierenden Gestalten des auf uns gekommenen Preußentums. Allerdings trifft es in ihrem Fall nicht zu, dass Menschen mit intensivem musikalischem Umgang überwiegend gutartige Eigenschaften ausbilden, weil - wie der Berliner Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) meint, "die eigentümliche Gewalt der Musik eine elementarische Macht (ist)". Im fortgeschrittenen Alter zumindest wird ihr Verhalten als mehr und mehr unausgeglichen, rechthaberisch und boshaft-sarkastisch geschildert. Auch darin ähnelt sie dem Bruder. Ein Glück ist es dennoch für Berlin, dass diese Frau nicht Königin in Schweden werden musste.

Kirche Zur frohen Botschaft
Weseler Straße 6,
10318 Berlin

Wie man zur Kirche "Zur Frohen Botschaft" kommt:
Die Kirche "Zur Frohen Botschaft" befindet sich südlich des Tierparkes in der Weseler Straße 6 in 10318 Berlin. Aus der Innenstadt kommend befährt man die Straße Am Tierpark und biegt rechts in Treskowallee ein. Nach dem Linkseinbiegen in die Marksburgstraße stößt man kurz darauf auf die Weseler Straße.
Fußgänger fahren mit der U-Bahn U5 bis Bahnhof Tierpark, dann mit der Tram M17 Richtung Schöneweide bis Marksburgstraße; ein Fußweg von 200 Metern Länge schließt sich an.

Über das Konzertprogramm informiert man sich über www.amalien-orgel.de.
Text: -wn- / 16.03.2012


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