Die Berliner Parochialkirche: "…bleiben wir erst einmal am Wirthaus stehn"

Das Schlesien des 19. Jahrhunderts schenkte uns nicht nur das hartnäckig mahnende Lied "Die Gedanken sind frei". Zu den musischen Importen aus dieser heute drei Woiwodschaften einnehmenden südost-polnischen Landschaft,
Foto: Alte Nationalgalerie in Berlin Mitte
Berliner Parochialkirche
Foto © -wn-
aus der berühmte Menschen wie der Dichter Joseph von Eichendorff, der Maler Adolph von Menzel oder der Dirigent Kurt Masur stammen, zählt auch ein Lied, das dem Gedanken von freiem Tun und Lassen eine besonders gesellige Note verleiht… Wer in Berlin-Mitte die Gaststätte "Zur Letzten Instanz" verlässt, die seit dem 17. Jahrhundert beständigen Zulauf hat, und sich geradeaus in die Parochialstraße hinein begibt, sieht linkerhand durch raumgreifende Ahorn-Kronen eines Kirchhofes die restaurierte, hell strahlende Parochialkirche, einen Barockbau mit voluminösen Pilastersäulen zu beiden Seiten des übergiebelten Rundbogenportals. Das Haus ist der älteste, 1703 eingeweihte, zunächst turmlos gebliebene Kirchenbau für die (calvinistisch) deutsch-reformierte Gemeinde Berlins, die heute zur Evangelischen Kirchengemeinde Marien gehört. Und das zweite Lied? Ein Blick über die Schulter in Richtung der "Letzten Instanz" macht sichtbar die auffallend kurze Entfernung nicht nur zwischen Gericht und Schenke, sondern auch zwischen Gast- und Gotteshaus. Wer den Text kennt, wird bei dieser Gelegenheit an ein anderes schlesisches Lied erinnert - an den kecken Gassenhauer, in dem Theke und Altar vertraut und eng zusammenstehen: "Wenn wir sonntags in die Kirche gehn, s'war immer so, s'war immer so, / bleiben wir erst einmal am Wirthaus stehn". Es gibt allerdings keine sicheren Augenzeugenberichte darüber, dass hiesige Gemeinde-Schäflein kurz vor dem einleitenden Christus-Bekenntnis "Kyrie eleison" gerade erst vom Biertisch aufgestanden waren. Ein Autor des in Kanada erscheinenden "Berliner Journals" schrieb hingegen 1880 mit anerkennendem Grundton, die Berliner verbrächten ihren Sonntag damit, nach der Kirche in den Biergarten zu gehen, ohne sich aber dort dem Suff hinzugeben. Zum Thema Gottgefälligkeit schreibt im selben Jahr das "Geschichtlich-statistisch-topographische Taschenbuch von Berlin", "der Kirchenbesuch geschieht in Berlin nicht aus dem reinen Triebe, sich an Gottes Wort … zu erbauen, sondern selbst auch der Besuch der Gotteshäuser unterliegt und zwar hauptsächlich bei dem jüngern Theile der Einwohner der Allgewalt der Mode, … je nachdem dieser oder jener Geistliche gerade beliebt ist".

Die Parochialkirche in Berlin


In die Parochialkirche scheint es viele junge Gläubige gezogen zu haben. Den Überlieferungen zufolge besaßen die Prediger dort eine große Kanzelberedsamkeit.
Einer der Rhetoren ist Friedrich Philipp Wilmsen (1770-1831), von dem es heißt, er habe sich in einer "einfachen, leichten, klar fließenden Sprache" geäußert. War er doch auch mit seinem lebendig geschriebenen, sehr populären Volksschul-Lesebuch "Brandenburgischer Kinderfreund" bekannt geworden, aus dem - schrieb man - "die damalige preußische Jugend buchstabieren, lesen, denken und empfinden gelernt hatte". Friedrich Philipp Wilmsen trug später auch Verantwortung für das der Kirche angeschlossene Armen-Hospital, in dem heute ein Teil der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität untergebracht ist. Die Voraussetzungen für die Aufnahme in dieses Hospital waren im "Reglement aus dem Jahre 1768" hinlänglich geregelt: "§. I. Es müssen dieselben (Bewerber) Reformiert und vorzüglich von unserer Gemein(d)e seyn. §. 2. Untersuchter und befundenermassen so arm (sein), daß sie ohne Allmosen sich nicht erhalten können." Schon sein Vater war hier Pfarrer und Friedrich Philipp verbrachte einen Teil seiner Kindheit faktisch im Kirchenhaus. Er erlebte nicht nur ausgelassene Tage. Im Kirchengewölbe, einer Gruft, von der man liest, dass die dort Bestatteten vertrocknen statt zu verwesen, stieß er eines Tages auf die Leiche eines Soldaten, der sich dort aufgehängt hatte. Sein schlimmstes Erlebnis aber hatte er im Turmzimmer, wo der Betreuer der berühmten "Singeuhr" mit ihren 37 Glocken Reparaturarbeiten ausführte. Er wurde Zeuge wie dieser Mann plötzlich in das massive Räderwerk hineingezogen und auf der Stelle getötet wurde.

Das im Stadtzentrum weithin vernehmliche Glockenspiel, ein Geschenk von Friedrich Wilhelm I. (1688-1740), wurde am 1. Januar 1715 - ein Jahr nach dem vollendeten Turmbau - erstmals in Gang gesetzt. "Wie helles Schwalbengezwitscher (klingt) das silberne Glockenspiel durch die Nacht" frohlockte später einmal das Berliner Tageblatt. Weniger gewogene Schilderungen des Klangerlebnisses gibt es auch: "Jede Viertelstunde quälte ihn da ein ‚Allein Gott in der Höh' sei Ehr' von zusammenklappenden Eisenstäben", schreibt der Schriftsteller Karl Gutzkow in den autobiographischen Erinnerungen "Unter dem schwarzen Bären". Am 24. Januar 1764 hatte das Schlagwerk von einem großes Ereignis zu künden: dem 52. Geburtstag des zu dieser Zeit regierenden Königs Friedrich II. (1712-1786). Im Stadtschloss lief eine "Große Cour en Galla", berichtet Biograph Erdmann Preuss, und das Glockenspiel der Parochialkirche, das man sowohl von einer Mechanik angetrieben als auch von Hand erklingen lassen konnte, spielte die Melodie des Lob-, Dank- und Bittgesangs "Te Deum laudamus". Dabei wussten alle, die das Stück hörten, dass gerade das "Te Deum", in dem es heißt: "Du wirst kommen zum Gericht, wenn der letzte Tag anbricht", Friedrichs religiösen Überzeugungen nicht entsprach. Zwar bestritt er nicht - jedenfalls nicht direkt - die Existenz des Allerhöchsten. In seinen schriftlichen Äußerungen findet sich jedoch der unmissverständliche Satz "Post mortem hihil est" - Nach dem Tod ist nichts. Damit entfiel für ihn das Jüngste Gericht als wichtiger persönlicher Termin - und wohl auch der Gerichtsherr selbst.

Zurzeit steht der Neubau des im Krieg ausgebrannten Turmes in der Planung. Der Klosterstraße wird wieder ihr "vornehmes Straßenbild" zurückgegeben, dem "der schlanke Turm der Parochialkirche zu hoher Zier gereicht", wie die Vossische Zeitung am 8. März 1907 die Vorkriegssituation beschrieb. Der Berliner Verein "Denk mal an Berlin" wird in den nächsten Jahren weitere Spenden zur Rekonstruktion des Kirchturms und des Glockenspiels zu akquirieren versuchen. Von drei Millionen Euro ist die Rede. Die Turmspitze soll bis 2012 den barocken Kirchbau wieder bekrönen. Nicht ausgeschlossen ist, dass dann einmal vom Turm die Melodie jenes schlesischen Liedes erklingt, in dem es auch heißt: "Zum Wirtshaus lenkt sich unser Schritt, zuletzt kommt auch der Pfarrer mit".

ParochialKirche
Klosterstrasse 67
10179 Berlin-Mitte

Wie man zur Parochialkirche kommt:
S-Bahn: S+U Alexanderplatz Bhf: S3, S5, S7, S75
U-Bahn: S+U Alexanderplatz Bhf: U2, U5, U8
Tram: S+U Alexanderplatz Bhf: M2, M4, M5, M6
Bus:
Alexanderstr.: 248
S+U Alexanderplatz Bhf: TXL
S+U Alexanderplatz Bhf/Grunerstr.: 248
S+U Jannowitzbrücke: 248


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In der Kirche finden im Sommer zu besonderen Anlässen Gottesdienste statt; sie wird auch für Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerte genutzt und kann für weitere Veranstaltungen gemietet werden - soweit diese für einen Kirchenraum geeignet sind. Die Kirche ist in der Regel montags-freitags von 9.00 Uhr - 17.00 Uhr geöffnet und kann besichtigt werden.
-wn-


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  • Sehenswertes in der Nähe der Parochialkirche:
  • Weidendammer Brücke: Liebesschwüre, Liebesschlösser, Liebesleid
  • Nikolaiviertel: Die Wiege Berlins
  • Alexanderplatz mit der Weltzeituhr
  • Rotes Rathaus - auf dem Vorplatz befindet sich der Neptunbrunnen
  • Brandenburger Tor - die meistfotografierte Sehenswürdigkeit Berlins
  • Gymnasium zum Grauen Kloster - Die in das Rad der Geschichte griffen
  • Bundeskanzleramt - auch Kohlosseum genannt


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