Die Neuköllner Sehitlik-Moschee - die Minarette lautlos schön:

Zum "all-inclusive"-Angebot eines türkischen Urlaubs zählen häufig nicht nur fünf schwelgerische Mahlzeiten - je nach Lage des Quartiers können zwischen Morgendämmerung und Nachteinbruch
Die Neuköllner Sehitlik-Moschee
Die Sehitlik Moschee in Berlin Neukölln
Foto © -wn-
die Rufe des Vorbeters einer vis-à-vis gelegenen oder ferneren Moschee zum indirekten Service zählen. Fünfmal hat man das "Allahu ạkbar" (Gott ist groß) aus dem Megafon im Minarett-Gesimse im Ohr. Stimmgewaltig dehnt der Muezzin die Worte solange der Luftvorrat reicht und fällt darauf meist in ein üppiges, die Melodie verzierendes Vibrato. Diese gesungene Ornamentik gibt trotz Klirrfaktor im Schallrohr dem mithörenden Ungläubigen zumindest eine Ahnung vom Reichtum der türkischen Musiklandschaft. Aber bei Allah, nicht jeder Muezzin ist wie der andere. Der britische Schriftsteller Thomas Edward Lawrence wurde Ohrenzeuge eines Vorbeters, dessen "Stimme rauh und so gebieterisch (war), daß wir uns aufgescheucht erhoben, sei es zum Beten oder Fluchen".

Die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm


Was aber, wenn der muslimische Mesner - jedenfalls nach aussenhin - schweigen muss? In den über 2200 deutschen Moscheen unterbleibt jegliche öffentliche Aufforderung zum Gebet. Das Stillschweigen der Muezzine hat keinen diskriminierenden Grund, sondern ergibt sich aus der Verfassung, wonach keine Unbeteiligten zu "religiösen Übungen gezwungen werden" dürfen, die ja nicht mit Urlaubserlebnissen zu vergleichen sind. Stille Schönheiten bleiben deshalb auch die beiden Minarette des unbestritten imposantesten deutschen islamischen Gotteshauses, der 2005 eingeweihten Neuköllner Sehitlik-Moschee. Sie schützt bis zu 1500 Betende vor Sonne, Wind und Wetter. Das Gebäude steht auf dem Territorium des 1863 angelegten Türkischen Friedhofes am Neuköllner Columbiadamm.

Das achteckige bilderlose Bethaus besteht aus einer beeindruckenden Stahlbaukonstruktion aus kuppeltragenden Pfeilern und Stützbogen. Die rituell belangreiche Gebetsnische zeigt nach Südosten - Zielpunkt ist das saudiarabische Mekka. Keramik und Marmor sind die Materialien der inneren Dekoration. Zu den vorherrschenden Farben des stuhllosen Raumes zählen Kobaltblau und Weiß. Ins Auge fallen die auf grünen Grund gemalten goldverzierten kaligraphischen Elemente an den Wänden und in der Kuppel. Zu lesen sind die Namen Allahs, Mohammeds, seines Nachfolgers Abu Bakr, der sunnitischen Kalifen Omar und Osman, von Mohammeds Schwiegersohn Ali - den die Schiiten als einzigen legitimen Nachfolger Mohammeds ansehen - sowie der Enkelsöhne des Religionsgründers. Die Atmosphäre aus gebremstem Prunk, religiösem Ernst und belebendem Farbenglanz korrespondiert mit der Offenheit, mit der die Moscheegemeinde (auf dem Foto bei einem Freitagsgebet) regelmäßig andersgläubige Besucher zu Besichtungen und interkonfessionellen Gesprächen einlädt. Hier scheint verwirklicht, wofür der bedeutendste Dichter der persisch-islamischen Mystik, Mevlana Rumi (1207-1273), zeit seines Lebens eintrat: für Achtung und Gleichberechtigung Andersgläubiger. Umso bedauerlicher, dass vor einigen Jahren in einer ausgerechnet nach Mevlana benannten Berliner Moschee der inzwischen aus Deutschland rechtskräftig ausgewiesene Imam Yacup Tasci nicht nur Selbstmordattentäter zu rühmen suchte, sondern auch Hass auf Juden und Amerikaner schürte.

Geschichte der Sehitlik-Moschee:


Der Baugrund der Sehitlik-Moschee und die sie umgebende Begräbnisstätte sind - streng genommen - exterritoriales Gebiet. Das Grundstück gehört der türkischen Regierung. Das im Grundbuch eingetragene Besitzrecht ist interessant vor dem Hintergrund des unnötigen Streites um den inzwischen abgeschlossenen Bau einer Moschee der Ahmadiyya Muslim Gemeinde in Heinersdorf. Sinnvoll ist es, sich der Toleranz des preußischen, wenn auch Obrigkeitsstaates unter Friedrich II. zu besinnen, der alle Religionen als "gleich und gut" bezeichnete. "Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten hier im Land wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen", heißt es 1740 in einem Brief von seiner Hand. Auch sein Nachfolger Friedrich Wilhelm III. befleißigte sich dieser aufgeklärten Haltung, als er 1798 ein Gelände an der heutigen Urbanstraße erwarb, auf dem der im selben Jahr verstorbene osmanische Botschafter Ali Aziz Efendi als einer der ersten nach muslimischem Ritus in deutscher Erde bestattet werden konnte.

Nach der Verlegung dieses Friedhofes an seinen heutigen Ort ging das Gelände 1922 in das Eigentum des türkischen Staates über, der bekanntlich Rechtsnachfolger des zusammengebrochenen Osmanischen Reiches ist. Aus diesem Grund ist der Friedhofseingang heute deutsch und türkisch beflaggt, so dass die Pforte einem Grenzübergang zumindest ähnelt. Doch die Tür steht weit offen. Goethe, der dem Islam ebenfalls mit Achtung begegnete, behielt im "West-Östlichen Divan" Recht mit seiner Überzeugung: "Wer sich selbst und andere kennt, / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen."

Sehitlik-Moschee
Islamischer Friedhof
Columbiadamm 128
10965 Berlin-Neukölln

Wie man zur Sehitlik-Moschee in Berlin kommt:
U6: bis Bahnhof Platz der Luftbrücke
U8: bis Bahnhof Boddinstrasse
Bus-Linie 104, Haltestelle Friedhöfe Columbiadamm
Die Sehitlik-Moschee hat die Adresse Columbiadamm 128 in 10965 Berlin-Neukölln. Tel.: 030 / 692 11 18

Kostenlose Besichtigungen können unter der Internet-Adresse
www.sehitlik-moschee.de angemeldet werden.
Man betritt die Moschee ohne Schuhe.
Text: © -wn-

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