Das Strassmann-Haus in der Schumannstraße - Als Elite noch was galt

Nicht nur Menschen leiden unter Diktatur und Unfreiheit - auch Wörter. Aus gutem Grund meiden wir in Hitlerdeutschland missbrauchte Begriffe wie Neger,
Bild vom Sony Center in Berlin
Das Strassmann-Haus in der Schumannstraße 18
Foto © -wn-
Polack oder Zigeuner. Dabei verweist das zwischen 1852 und 1960 erschienene Grimmsche Deutsche Wörterbuch (DWB) noch auf deren ursprüngliche, weitgehend unbeschädigte Begriffsinhalte. Nachdenklich macht, dass in der heutigen freiheitlich-demokratischen Ordnung ein geläufiger Begriff nachhaltig verhunzt wird, ohne dass Nazi-Ideologen die Hand im Spiele gehabt hätten: das u.a. auf Geistesadel hinzielende würdevolle Wort Elite.
Auch wenn es noch genügend honorige Personen im Lande gibt, hört es sich mittlerweile oft schrill und unglaubwürdig an. In den Blick gerät dabei jene gesellschaftliche Gruppe, deren Tun und Lassen der Soziologe Max Weber (1864-1920) in seinem immer noch aktuellen Vortrag "Politik als Beruf" aus dem Jahre 1919 kritisch untersucht - die Interessengruppe der Politiker. Grundlage allen Macht ausübenden Handelns, bekräftigt Weber, sei Leidenschaft, Verantwortung und Augenmaß. Das Leben zeigt, wie anders die Dinge sehr oft liegen. Bedeutende Vertreter der politischen Elite hinterließen Bleibendes: Konrad Adenauer (1876-1967) fand den Weg zum Ausgleich mit Frankreich, fügte die Anerkennung des Existenzrechts Israels in die westdeutsche Staatsräson ein; Willy Brandt (1913-1992) schloss gegen Widerstände Frieden sichernde Verträge mit dem Osten.
Ergebnis: Deutschland ist nur von Freunden umgeben. Warum aber kommt heute vielen der Elitebegriff dennoch nur mit sarkastischem Unterton über die Lippen. Ist es einfach schick, "die da oben" am Stammtisch sozialneidisch zu belamentieren? Keineswegs: Anödendes Parteiengezänk, das einen Sinn fürs Gemeinwohl vermissen lässt, Schwarze Partei-Kassen, in einem Fall angeblich gespeist aus dreist erlogenen "jüdischen Vermächtnissen", das Selbstversorgen der Großkopfeten mit Ersatz-Posten bei drohender Abwahl aus einträglich gewesenen Funktionen, betrügerische Promotionen und das sich Zumessen ansehnlicher Diäten einschließlich Erhöhungen derselben - diese Malaisen tragen zum Verfall des politischen Elite-Begriffes bei.

Kunst am Strassmann-Haus


Wer die Schumannstraße in Mitte in Richtung Luisenstraße entlang geht, passiert gleich hinter dem Deutschen Theater ein Haus, an dem sich Formen des floralen Jugendstils mit Elementen der
Relief am Strassmann-Haus
Relief in der Hausfassade vom Strassmann-Haus
Foto © -wn-
Renaissance verbinden. Das Erdgeschoss ist mit Quadern in italienischer Manier bewehrt, die dem Gebäude zu ebener Erde einen massiven Rahmen geben. Drei in die Hauswand eingelassene Reliefs des österreichisch-ungarischen Bildhauers Sandor Járay (1845-1916) stellen eine stillende, eine genesende Mutter und einen Gelehrten dar. Es ist das Haus, das der deutsche Gynäkologe Paul Ferdinand Strassmann (1866 -1938) 1900 mit geborgtem Geld hochziehen ließ. Der Bauherr - einer weltoffenen polnisch-jüdischen Gelehrtenfamilie aus dem Posener Gebiet entstammend - richtete im Neubau eine private Frauenklinik mit 75 Betten ein, die bald über den Ruf einer prominenten Heilstätte verfügte. Sein berufliches Interesse zeigte sich bereits 1889 beim Promovieren. Thema der Doktorarbeit war "Zur Lehre von der mehrfachen Schwangerschaft". In der 119 Seiten langen Dissertation verarbeitet er die Krankenakten von 476 Frauen mit Zwillingsgeburten und von 10 Frauen, die Drillinge gebaren. In 27 Jahren kamen in seiner Klinik 15000 Kinder zur Welt. 26000 Patientinnen wurden gynäkologisch betreut. 4000 Ärzte konnten später bei Bewerbungen andernorts nicht ohne Stolz darauf verweisen, in dieser Klinik eine gediegene Ausbildung erhalten zu haben. Strassmann - bald als Mediziner in ganz Europa und Übersee bekannt - verwirklichte jenen Grundsatz, den heutzutage die Deutsche Bank als Reklame plakatiert: Leistung aus Leidenschaft. Leidenschaft und Wissensdurst wiesen den Berliner Gynäkologen als einen Angehörigen der deutschen Elite aus, der seiner Arbeit aus Liebe zu und aus Respekt vor den Menschen nachging. Sowohl sein Vater Heinrich als auch drei seiner Onkel waren Mediziner und bekannten sich zum Prinzip "(der) Arzt als Anwalt der Armen". Den Kreis seiner Patientinnen kann man trotz dieser plebejischen Hinwendung illustre nennen; er umfasst das damalige politische Spektrum, reichte von der Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz (1867−1945) bis zu Prinzessin Hermine von Schönaich-Carolath (1887 -1947), der zweiten Frau des letzten deutschen Kaisers.

Paul Ferdinand Strassmann, der als weltlich erzogener Jude 29jährig zum evangelischen Glauben konvertierte, war deutschnational eingestellt.
Es muss nicht verwundern, dass sein Name auf der langen Unterschriftenliste unter einer "Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches" vom 23. Oktober 1914 zu finden ist, in der die Überzeugung ausgedrückt wird, "dass für die ganze Kultur Europas das Heil an dem Siege hängt, den der deutsche ‚Militarismus' erkämpfen wird, die Manneszucht, die Treue, der Opfermut des einträchtigen freien deutschen Volkes". Man kann überdies in Thomas Manns Roman "Doktor Faustus" nachlesen, wie selbst unter liberalen Intellektuellen damals eine Kriegsbereitschaft um sich griff. Dieser Erste Weltkrieg, der sich als einer der brutalsten der Militärgeschichte herausstellen sollte, wirkte im Vorfeld "ganz vorwiegend als Erhebung, historisches Hochgefühl, Aufbruchsfreude, Abwerfen des Alltags, Befreiung aus einer Welt-Stagnation, mit der es so nicht weiter hatte gehen können, als Zukunftsbegeisterung, Appell an Pflicht und Mannheit, kurz, als heroische Festivität". Genau so dachte auch der Arzt aus der Schumannstraße. Erst der Tod seines Sohnes Hellmuth, der am 5. November 1916 im Alter von 22 Jahren bei Tilloy an der Somme fiel, brachte Zweifel am patriotischen Charakter dieses eskalierenden Krieges und bewirkte ein schnelles Abflauen der ursprünglichen "volkstümlichen Hochgefühle".

Nach einer intensiven Schaffensphase während der Weimarer Republik (1919-1933) kommt 1936 das Aus. Die weltbekannte Klinik wird zwangsweise geschlossen. Prof. Strassmann verlässt das Haus
Relief an der Hausfassade
Weiteres Relief in der Hausfassade
Foto © -wn-
in der Schumannstraße, in dem er auch wohnte, und zieht mit seiner Frau nach Dahlem. Sein berufliches Ende ist ein Teilvorgang beim Eliminieren des wichtigen jüdischen Segmentes aus dem deutschen Geistesleben - ein Umstand, von dem sich die deutsche geistige Elite bis heute nicht vollends erholt hat. Die arrogante Brutalität der Nazis gegenüber den deutschen Juden, die auch Paul Ferdinand Strassmann zu spüren bekommt, beschreibt der deutsche Literaturwissenschaftler und Schriftsteller jüdischer Herkunft Victor Klemperer (1881-1960) in seiner Untersuchung "LTI. Notizbuch eines Philologen", eine Auseinandersetzung mit der nazistisch eingefärbten deutschen Sprache. Als sich Klemperer in einer Gestapo-Dienststelle melden muss, herrscht man ihn dort an: "Was, Professor bist Du? Mensch, du willst unsereinem was beibringen? Na für solche Unverschämtheit allein gehörste schon nach Theresienstadt …"

1938 besucht Prof. Strassmann eine seiner Töchter im schweizerischen Gstaad - es wird eine Reise ohne Wiederkehr. Am 15. August 1938 stirbt er in Gstaad an einem Riss in der Bauspeicheldrüse. Seit den siebziger Jahren wird in der Literatur ein Freitod ins Spiel gebracht. Es bleibt ein Gerücht, Beweise fehlen. Seine Urne, die die Ehefrau mit nach Berlin bringt, wird dem Familiengrab auf dem Neuen Friedhof Wannsee beigegeben. Schon im Jahr darauf tilgt der Berliner Adressbuch-Verlag dienstpflichtig den bisherigen Eintrag "Straßmann - Paul Dr med Prof Geh San Rat Frauenarzt Dahlem Faradayweg 14". Die Ruhestätte auf dem Friedhof hat heute den Status eines Ehrengrabes. Am nach ihm benannten Haus, nunmehr ein Bürogebäude, erinnert seit 2003 eine Gedenktafel an den verdienten Mediziner. Es ist das Mindeste, was man für einen Angehörigen der deutschen Geistes-Elite tun konnte.

Über die Strassmann-Familie sind in den letzten Jahren Bücher erschienen. U.a. im Berliner Hentrich & Hentrich Verlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte die Publikation "Eine bedeutende Ärztedynastie: Die Strassmanns" von Dr. Jutta-Barbara Lange-Quassowski und Volkmar Schneider sowie im Campus Verlag Frankfurt/Main "Die Strassmanns: Schicksale einer deutsch-jüdischen Familie über zwei Jahrhunderte" von Wolfgang Paul Strassmann und Dr. Jutta-Barbara Lange-Quassowski. Die Mitautorin (geb. 1944) ist die langjährige Leiterin der Ernst-Strassmann-Stiftung in der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn.


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Wie man zum Strassmann-Haus kommt:
S-/U-Bahn: Bahnhof Friedrichstraße
U-Bahn: Oranienburger Tor
Bus: Linie 147, Haltestelle Deutsches Theater; TXL, Haltestelle Karlsplatz
Straßenbahnen: M1, M6, M12, Haltestelle Oranienburger Tor Das Strassmann-Haus, das an Anwaltskanzleien vermietet ist, verfügt über keine Ausstellung. Man kann es auf einem Spaziergang durch die Schumannstraße von außen in Augenschein nehmen, etwa wenn man auf dem Weg später nach rechts in die Luisenstraße Richtung Charité oder nach links zum Schiffbauerdamm ist.
( Text: -wn- / 22.11.2012)

Sehenswürdigkeiten in der Nähe des Strassmann-Haus:
  • Karl-Liebknecht-Haus
  • Dali Museum
  • Gropiusbau
  • Bundeskanzleramt
  • Alte Nationalgalerie
  • Das Zeiss Großplanetarium: Abenteuer Unendlichkeit
  • Die Alte Bibliothek am Bebelplatz - Die Kommode - "einwärts gebogen"
  • Mauerweg
  • Eine Fahrt mit dem M48 von Zehlendorf zum Alex
  • Willy-Brandt-Haus
  • Preussischer Landtag

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