Das Willy-Brandt-Haus - Ein alter Tanker sucht nach Tiefen

Wie ein aufragender Tanker mit wenig Wasser unterm Kiel scheint das nach Willy Brandt benannte fast spitz zulaufende Haus des SPD-Parteivorstandes mit seiner blauen Glasfassade an einer scharfeckigen
Im Willy-Brandt-Haus
Blick ins Willy Brandt Haus - Foto -wn-
Straßenmündung nach neuen sicheren Tiefen zu suchen. Geradezu eingezwängt wird das Gebäude des Architekten Prof. Helge Bofinger von der nach Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. benannten Wilhelmstraße (backbord) - und steuerbord von den letzten fünfzig Metern des Boulevards, der nach dem Locarno-Friedenspakt-Architekten Gustav Stresemann heißt, der auch als Urheber des "Stresemanns" gilt, eines halb diplomatisch-feierlichen halb dienstlichen Anzuges. Doch die Zeiten heute sind dem Feiern kaum gewogen. Eher sind sie gefährlich flau; abnorm geschrumpft das Wähler-Reservoire der SPD - einer Partei, die zwischen 1919 und 1930 die wählerstärkste deutsche war - und älteste bestehende im Lande ist. Die 1996 fertig gestellte Parteizentrale ist die zehnte in der SPD-Geschichte - mitgerechnet die Außenstellen zwischen 1933 und 1945 in Prag, Paris und London und den Zentralausschuss der später schmählich assimilierten Ostzonen-SPD von 1945/46 in der Behrenstraße. Bei ihrem Versuch die Zukunft auszuloten haben die Steuerleute der heutigen SPD den Blick auf das Nordende des Kreuzberger Mehring-Dammes. Der politische Publizist und Historiker Franz Mehring war ein zu den Spartakisten hingewechselter Sozialdemokrat, der von seiner Vorstellung vom Klassenkampf mit Aufstand und Umsturz nicht ablassen wollte. Von ihm scheint kein Impuls in Richtung der ratbedürftigen Genossen Gabriel und Nahles zu kommen. Wahrlich: auf einem Traumschiff stehen sie nicht.

Das Willy-Brandt-Haus in Berlin besichtigen


Die Frage ist: Wo kommt jenes politische Charisma her, das Parteiführer neben einem vernünftigen Programm brauchen, um die Partei in der Gesellschaft zu
verankern? Sicher ist: Ausstrahlung entfaltet sich massenwirksam nur, wenn da ein Mensch ist, der zur richtigen Zeit von einer bedeutsamen, menschenfreundlichen Idee erfüllt ist und das Zeug hat, diese zu verbreiten. Unter den Kapitänen und Offizieren, die die SPD lenkten, fällt einem spontan Herbert Wehner ein. Dieser personifizierte Ingrimm, Langsatzsprecher und - laut Egon Bahr - einsame Mann tat 1959 mit dem Godesberger Programm das Seine, die SPD erfolgreich von einer klassenkämpferischen Parteiung zur linken Volkspartei zu wandeln. Letzten Ausschlag habe der legendäre Ausruf des ehemaligen Kommunisten gegeben: "Glaubt einem Gebrannten!" Der lehrerhafte Hans-Jochen Vogel ging als disziplinierender Parteimanager in die Geschichte ein, der - wie man kolportiert - der dreiseitig geschlossenen, abheftbaren Tasche zum Schutz von Dokumenten, der Klarsichthülle also, zu Ausschlag gebender Anerkennung verhalf. Oder "Schmidt-Schnauze!", der als Kanzler durch Intellektualität und beherztes Handeln der SPD viel Ansehen zuwachsen ließ und noch heute von einer Volksmehrheit wegen gutmütig-hanseatischer Arroganz und begnadeter Alterweisheit nachgerade verehrt wird. In Sachen Intellektualität wollte es ihm Björn Engholm gleichtun; erinnerlich bleibt zumindest seine exorbitante Tabakspfeife, so wie einem die Posen herausgestellter Festigkeit und Tugend einfallen, denkt man an Matthias Platzeck, den Kurzzeit-Vorsitzenden, zurück. Ein überaus gewagtes Spiel mit sozialdemokratischen Grundwerten riskierte der Erfinder der Rente mit 67, der Mann mit rotem Schal und akkurat gelackter Föhn-Frisur, der sich gern in pseudobergmännischem "Glück auf"-Populismus dartut: Franz Müntefering, der Bräutigam mit spätem Honeymoon. Seine Aktivität löste während der vergangenen Monate in der Parteizentrale Debatten über die Grundsätze sozialdemokratischen Denken und Fühlens aus: über Gerechtigkeit und Solidarität. Nun erkennen sie auf dem Tanker, dass bereits eine nennenswert große Menschengruppe im Land das Leben nicht mehr mit verdientem Lohn bestreiten kann, dass andere nach arbeitsreichem Leben und kurzer Arbeitslosigkeit mit ALG 1 dem entwürdigenden Verfahren anheimfallen, das nach dem 2007 vom Landgericht Braunschweig wegen Untreue und Begünstigung verurteilten Manager Peter Hartz benannt ist. Hartz, der von Gerhard "Basta" Schröder auf den Schild gehoben worden war, entwickelte das umstrittene System zum Zwecke des Einsparens von Sozialausgaben. Vermutlich dreht sich der Wortführer der frühen Arbeiterbewegung Ferdinand Lassalle in seinem Breslauer Grabe um; er hatte vor dem "ehernen und grauenvollen Lohngesetz" gewarnt, das die Arbeiter auf dem Niveau der Armutsgrenze hält.

Nicht von ungefähr betitelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung unlängst einen Beitrag mit der Zeile "Vergangenheit, die wiederkehren soll". Sie steht über einer Hommage an den Mann, der als eine 3,40 Meter hohe Skulptur des Bildhauers Rainer Fetting im Erdgeschoß der Parteizentrale steht: Willy Brandt (1913-1992) - Visionär wie praktischer Politiker, dem der Zuspruch der Masse mehr war als ein Mittel zum Befriedigen von Eigensucht (Foto). Gern erinnern die Nachfolger dieses Patrioten und Friedensnobelpreisträgers von 1971 an dessen Wort vom Zusammenwachsen beider deutscher Staaten sowie an den Entschuldigung heischenden Kniefall am 7. Dezember 1970 auf der regennassen Vorfläche des Warschauer Mahnmals des Ghetto-Aufstandes, das der jüdische Bildhauer Nathan Rapoport schuf. Erheblich verhaltener schon ist die Zitier- und Erinnerungslust angesichts eines noch uneingelösten Anspruches Willy Brandts. Am 28. Oktober 1969 hatte er als gewählter Bundeskanzler erklärt: "Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn werden im Innern und nach außen. Wir wollen mehr Demokratie wagen." Leider scheiterten auch an den sozialdemokratischen Parteieliten die Versuche, den plebiszitären Gedanken praktisch zu befördern - etwa Ministerpräsidenten und Bundeskanzler direkt vom Volk wählen zu lassen und in der Partei die berüchtigten Parteitags-Vorabsprachen und Hinterzimmer-Kungeleien zu beenden. Das zu wichtigen Teilen noch uneingelöste Erbe Brandts endlich ernst zu nehmen heißt, diesen Anspruch nicht aus Angst um Sitze, Pfründe und Macht wegzureden, sondern Urwahlen und Mitgliederentscheide ins Parteileben einzuführen - damit der alte Tanker SPD wieder ins Tiefwasser kommt. Noch sind die Sozis nicht verloren. Text: -wn-

Wie man zum Willy-Brandt-Haus kommt:
U-Bahn: Linien U1 und U6, Haltestelle Hallesches Tor Linie U7, Haltestelle Möckernbrücke
S-Bahn: Linien S1 und S2, Haltestelle Anhalter Bahnhof
Bus: Linie M41, Haltestelle Willy-Brandt-Haus Die auf Besucher eingerichtete SPD-Parteizentrale besitzt eine umfangreiche Kunstsammlung und zeigt aktuelle Kunst- und Fotoausstellungen. Am Eingang ist der Personalausweis vorzuweisen. Für Besucher ist das Haus von Dienstag bis Sonntag in der Zeit von 12.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.


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