Bölschestraße

Bölschestraße in Friedrichshagen
Die Bölschestraße in Friedrichshagen ist 1,3 Kilometer lang und verbindet den Fürstenwalder Damm im Norden mit dem südlichen Müggelseedamm, der parallel zum Seeufer verläuft. - Foto: © wn

Die Bölschestraße in Friedrichshagen: Ein See wird besichtigt

Ostern war es, vermutlich 1901, ganz sicher an einem Aprilmorgen. Der Schriftsteller, Herausgeber und Kulturphilosoph Wilhelm Bölsche (1861-1939) verlässt seine Wohnung im Haus Ahornallee 42 in Friedrichshagen. Sein Ziel: der nahe Müggelsee, an dessen Nordufer sich der heutige Berliner Ortsteil auf zwei Kilometern Länge ans Seeufer schmiegt. Was sucht der Mann aus dem antiwilhelminischen Friedrichshagener Dichterkreis ausgerechnet jetzt am Müggelsee? Keineswegs das, was zu Ostern nahe läge. Nein, weder sucht er Kontakt "nach oben" noch will er "des Frühlings holden, belebenden Blick" (Goethe) auf sich ruhen sehen, will auch nicht begutachten, ob hier - im Richtung Nordwest verlaufenden Berliner Urstromtal - wieder frühlingshaftes "Hoffnungsglück grünet". Lyrik und Religiöses sind nicht gefragt. Der Zweiundvierzigjährige hat anderes im Sinn. Er ähnelt in Habitus wie Barttracht auffallend dem russischen Komponisten Modest Mussorgski (1839-1881). Eine Fotografie aus dem Jahre 1908 zeigt Wilhelm Bölsche in genussfreudiger Pose und mit vollem, leicht verschwitztem Gesicht. So wie uns auch der Russe auf einem anderem Bild vergeistigt (dem Wodka erlegen) entgegenblickt.

Der Deutsche wirkt wie ein Mann, der immer dabei ist, etwas zu suchen und zu finden, um es anschließend tiefgründig zu evaluieren. Aber es ist nicht nur die Ähnlichkeit beider Männer. Da ist auch Mussorgskis teils ekstatische Musik ("Bilder einer Ausstellung", "Eine Nacht auf dem Kahlen Berge") sowie dessen Nähe zum russischen Menschen und seinen geschichtlich entstandenen Lebensumständen. Und da sind Bölsches Schriften, die das Natürliche in den Vordergrund holen und detailliert beschreiben. Beide Männer entwickeln Leidenschaft und Enthusiasmus. Wilhelm Bölsche sieht die Natur nicht als augenblicklichen Zustand, vielmehr in ihrem erdgeschichtlichen Entwicklungsgang, in dem das "kürzliche" Auftauchen des Menschen eine von vielen irdischen Ankünften ist. (Diese Sicht beschreibt er in seinem noch heute lesenswerten Buch von 1919 "Eiszeit und Klimawechsel".) Doch er ist trotzdem kein Naturwissenschaftler, sondern einfach vielseitig interessiert. Er gibt auch Texte heraus etwa vom Dichter mit Emigrationshintergrund Heinrich Heine (1797/99-1856), publiziert Schriften von Wilhelm Hauff (1802-1827), dem Schriftsteller mit dem kurzen Leben und der überbordenden Phantasie ("Der kleine Muck", "Zwerg Nase", "Das kalte Herz"), sowie Beiträge des Frühromantikers Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg (Novalis, 1772-1801). Seit dem Erscheinen seines vielgelesenen Buches "Das Liebesleben in der Natur" (1898) gilt Wilhelm Bölsche in Deutschland vor allem als der Schöpfer des modernen Sachbuches.

Ein Osterspaziergang zum Müggelsee

Gasthaus Die Spindel in der Bölschestraße
Das Gasthaus "Die Spindel" in der Bölschestraße Nr. 51. Das Haus wurde 1850 als Wohnhaus gebaut.
Foto: © wn

Auf seinem Osterspaziergang biegt er nun aus der Ahornallee in die Kirchstraße ein (die heutige Assmannstraße) und ist bereits nach wenigen Schritten in der Friedrichsstraße, die seit 1947 seinen Namen trägt. An der Einmündung wendet er sich nach rechts, also nach Süden. Keine 400 Meter sind es bis zum Nordufer des Sees. Zu diesem Zeitpunkt ist Friedrichshagen bereits ein beliebtes Ausflugsziel für Sommerfrischler aus Berlin und darf sich "Klimatischer Luftkurort" nennen. 1753 hatte Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) den Ort aus anderem Grund anlegen lassen und dort schlesische und böhmische Baumwollspinner in niedrigen Lehmfachwerkhäusern untergebracht. Die auffallende Breite der Bölschestraße geht auf die ehemals zu beiden Seiten mehrreihig angepflanzten Maulbeerbäume zurück. Deren Blätter war die Nahrung der Seidenraupen, die die Siedler in den Häusern züchteten. Die Raupenzucht ist Friedrichs Projekt. Bekanntlich erschien ihm keine Angelegenheit in Preußen zu gering, als dass sie nicht von ihm persönlich geregelt werden musste. So auch der "Seidenanbau". Im "Politischen Testament von 1752" doziert er, dass die Raupenzucht noch "in der Wiege (liegt)". Und er sagt voraus: "In sechs Jahren, wenn die Bäume kräftig genug sein werden, dass man ihre Blätter pflücken kann, muss eine hinreichende Masse von Eiern der Seidenraupe beschafft werden, um sie dem Publikum ausgiebig liefern zu können." Dazu müssten auch Vorschriften erlassen werden, die festlegten, "wie man die Seidenwürmer zieht und Seide, Organsin (Zwirn), Tramseide (schwach gezwirnt), Florettseide (aus minderwertigen Fasern der Kokons der Seidenraupe) herstellt" Eine Art Lehranstalt müsse ferner "eingerichtet werden, wo die Mägde und Landleute lernen können, wie und wann man die Würmer ausschlüpfen lässt, wie man sie ernährt und wie man die Kokons abhaspelt". Man sieht: Friedrich hatte sich schlau gemacht. Friedrichshagen wird bald die "Spinnerkolonie bei Cöpenick" genannt.

Christophoruskirche in der Bölschestraße
Die von 1901 bis 1903 erbaute evangelische Christophoruskirche gegenüber dem Friedrichsplatz.
Foto: © wn

Kein Wunder, dass es am Ort heute wieder ein Denkmal gibt, das an den "großen" und "einzigen" Philosophen von Sanssouci mit militaristischem Hintergrund erinnert. Das vom armenischen Bildhauer Spartak Babajan (geb. 1933) geschaffene Bronze-Standbild am Friedrichsplatz gegenüber der Christophoruskirche zeigt den Monarchen als Einundvierzigjährigen und in einer für ihn typischen zivilen Pose: Mit der rechten Hand stützt er sich auf den leicht zur Seite ausgestellten Krückstock und schaut mit einem Feldbeschauerblick in die Runde. So kennt man ihn auch als Initiator der Melioration im Oderbruch und als Gründer von weiteren Kolonisten-Dörfern. Ein erstes Denkmal war 1904 aufgestellt worden; die unbeschädigt gebliebene Statue wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von staatssozialistischen Denkmalsstürmern vom Sockel gerissen und 1946 eingeschmolzen. Nahmen doch die politischen Dumpfbacken tatsächlich an, dass sich die DDR mit solcher Gewalt gegen Sach- und Kunstwerte von der preußisch-deutschen Geschichte abkoppeln kann. 1987 hatte man in Ostberlin den Unsinn solcher Übergriffe offenbar erfasst; das bekannte Reiterstandbild Friedrichs wird wieder Unter den Linden aufgestellt. Es ist das Hauptwerk des Bildhauers des deutschen Klassizismus Christian Daniel Rauch (1777-1857) und eine der bedeutendsten Skulpturen des 19. Jahrhunderts. Wilhelm Bölsche passiert auf seinem Weg zum See eines der ältesten Häuser des Ortes. Das heute noch existierende Haus Nr. 115 stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Andere etwas jüngere Häuser sind in den Stilen der Gründerzeit mit ihren Stuckfassaden sowie des Jugendstils erbaut. Beide sich ausschließende Stilrichtungen lassen jedoch den wirtschaftlichen Aufschwung Friedrichhagens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkennen. Die erhalten gebliebene architektonische Vielfalt ließ die 1,3 Kilometer lange Bölschestraße - die "Bölsche" - zu einer Meile werden, in der man heute gut shoppen und schauen kann.

Wilhelm Bölsche erlebt den Frühling am See

Bölschestraße Nr. 87
Das 1899 erbaute Amtshaus der ehemaligen Gemeindeverwaltung Friedrichshagen in der Bölschestraße Nr. 87. Nach langem Leerstand soll es nun (2015) zu einem offenen Volkshaus gestaltet werden.
Foto: © wn

Es bleibt unbekannt, von wo Wilhelm Bölsche auf den morgendlichen Müggelsee hinaus sah. Hingegen ist dokumentiert, dass er am Ostersonnabend, dem 11. April 1903, im Periodikum "Ethische Kultur - Wochenschrift für sozial-ethische Reformen" einen Beitrag über den österlichen Müggelsee veröffentlicht, den er mit der keineswegs religiös gemeinten Überschrift "Osterglaube" versieht. Weder ist es ihm darum zu tun, die christliche Ostergeschichte der Szenerie des Sees aufzudrücken noch die morgendlichen Wahrnehmungen mit schwulstigen Worten darzustellen. Er beginnt den Beitrag stichhaltig und sachlich: "Ueber dem Müggelsee liegt eine ernste Duftstimmung des Frühlings, doch noch ohne starke Farben. Der Himmel (ist) wie von leichtem Rauch verdunkelt, in dem die Sonne als gelbweiße Insel mit verschwaschenem Umriss schwimmt. Der See gibt das wieder mit einem zartesten Perlmuttergrau, durch das ein Reflexband aus tanzendem Silberpunkten schaukelt. Drüben das Waldufer blass grau darauf und über ihm die Müggelberge wie ein blaugrünes Wölkchen, ganz weich, in einen Himmelrauch verfließend ..." Plötzlich nimmt der Autor einen "singenden Ton und ein eigentümliches rhythmisches Rauschen (wahr); ein großer Keil von einigen fünfzig Wildgänsen kehrt zur gewohnten Fünfuhrstunde von den Aeckern heim auf sein Wasserrevier". Die Notierung könnte in einem Material des NABU stehen. Denn auszuschließen ist eine lyrische Ambition. Auch die hohen oder knarrenden oder trompetenden Wildgansrufe versetzen ihn nicht in Stimmung. Er erkennt in ihnen aber den Weltenlauf in seinen alljährlichen, ja täglichen Wiederholungen; und so wird er in seinem Oster-Traktat nicht müde, den Leser anzuregen, "sich wieder resolut darauf zu besinnen, wie wunderbar das Natürlich selber ist". Dessen wundersames Wesen ist nach seiner Meinung nichts Übersinnliches, nichts Mythisches; es ist die vom Menschen erkannte Gesetzmäßigkeit, die das eigentliche Wunder ist. Und schließlich war es ihm am Seeufer, "als hauchte es jetzt wirklich in leisen Osterglocken über den einsamen See. Die Sonne hatte sich mehr befreit. In dem breiter strömenden Silberband zuckte etwas wie das Lachen eines schönen Mädchens, das schelmisch die blanken Zähne zeigt." Allein eine solche nun das Poetische zumindest streifende Mitteilung hätte den Schriftsteller Karl Gutzkow (1811-1878) bereits auf den Plan rufen können, der sich immer vehement gegen - wie er meint - romantisierende Schilderungen der märkischen Natur wandte. Deshalb glaubte er warnen zu müssen, "durch das Preisen und Aufputzen des Dürftigen, Ärmlichen, Unzulänglichen der Mark versündigt man sich an jener Welt, die seither für schön gegolten hat". Der Vorwurf trifft Wilhelm Bölsche nicht. Wo immer er eine Landschaft betrachtet, denkt er in erdgeschichtlicher Dimension, gerade hier, wo vor rund 18000 Jahren das Berliner Urstromtal durch das Abfließen des Schmelzwassers des Inlandeises entstand. In seinem populärwissenschaftlichen Buch "Das Leben der Urwelt: Aus den Tagen der großen Saurier" schreibt er über den persönlichen Gewinn, der sich einstellt, wenn man sich vergangene Naturzustände vor Augen führt. Die Phantasie führe uns "in fremde Zonen und Meere, zu geheimnisvollen Wäldern und seltsamster Tierwelt, kaum dass wir unsere engste Heimat dafür zu verlassen brauchen - nur mit etwas Zeitvertauschung und etwas Zauberstab der Phantasie, der viele kleine graue Tatsachen der Forschung wieder zu wirklichem Licht, zu Farbe und Gestalt zu beleben weiß."

Skulptur des Preußenkönigs Friedrich II
Die vom armenischen Bildhauer Spartak Babajan geschaffene Skulptur des Preußenkönigs Friedrich II.
Foto: © wn

Angesichts dieser Betonung des Natürlichen ist auch zu bedenken, in welcher Zeit der Autor dies zu Papier bringt: in den Jahren des Wilhelminismus (1890-1918), in der ruhmlosen Regierungsperiode des letzten Deutschen Kaisers Wilhelm II. (1859-1941). Es ist der Monarch, der bei Ausbruch der Novemberrevolution am 9. November 1918 "abgedankt wurde". Wilhelm Bölsches Friedrichshagener Dichterkreis ist eine Reaktion auf die allherrschende Deutschtümelei. Als eine Gruppe mit "lebensreformerischen Zielen bei bohemhafter Lebensführung" wird dieser Kreis aus Literaten und anderen Intellektuellen mit durchaus unterschiedlichen Denkarten beschrieben. Was alle vereint, ist die Ablehnung der Parole von der Weltmacht Deutschland, der pompösen Militärparaden, der Faszination des Kaisers für die Marine, der Matrosenanzüge für Kinder und der Pickelhaube als vaterländisches Symbol. Diesem Allen setzt der Dichterkreis den literarischen Naturalismus entgegen (z.B. Gerhart Hauptmann) sowie das Natürliche in seinen zyklischen Abläufen. Der Naturbetrachter ist nicht der Schwärmer, sondern der Experte, der mit hohem Wissen eine Landschaft aufnimmt und beschreibt. Allen Spielarten des Naturalismus ist im gesellschaftlichen Bereich das Bemühen gemeinsam, auch dem Ungeschliffenen, dem Unterprivilegierten, ja selbst dem Hässlichen künstlerischen Raum zu geben. Naturalistische Künstler beanspruchen, die Wirklichkeit möglichst genau darzustellen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Wilhelm Bölsche das amerikanische Reisebuch "Ansichten der Natur" von Alexander von Humboldt (1769-1859) ein flammendes Vorwort voranstellt. In dem Buch sei "der scharf erfassende Naturforscher ... zu Wort" gekommen. Weiter heißt es: "Aber neben ihm sprach bestimmend der ä s t h e t i s c h sich hingebende Empfindungsmensch, (und) das Beruhigende, Befreiende, Läuternde, das die (amerikanische) Natur ihm geboten, sollte kraft der Sprache, der Naturmalerei in Worten, mit voller physischer Wirkung (für den Leser) zum Ausdruck gelangen."

Eine literarische Frontstellung gegen das vaterländische Gedöns der Wilhelminischen Jahrzehnte bauten nicht nur die Naturalisten auf. Auch der radikalpazifistische Publizist (und Womanizer mit tragischen Entwicklungen) Kurt Tucholsky (1890-1935) bekämpfte mit satirischen Mitteln den verhängnisvollen Kurs des letzten Deutschen Kaisers und seiner Generalität. Im Jahr 1914 schreibt "Tucho" das Gedicht "An die Meinige", in dem er diese daran erinnert, nun fleißig Untertanen für den Kaiser und seinen Krieg zu gebären.
In dem Gedicht heißt es:

"Wohlauf! Wohlan! Zu Deutschlands Ruhm und Ehren!
Vorbei ist nun der Liebe grüner Mai -
da hilft nun nichts: du musst etwas gebären,
einmal, vielleicht auch zweimal oder drei!

... Und wer soll in des Kaisers Röcken dienen,
umbrüllt vom Leutnant und vom General?
Ins Bett! Hier hast du deine Wickelbinden!
Schenk mir den Leo nebst der Annmarei!
Und zählt man nach, wird man voll Freude finden
sechzig Millionen, und von uns
die zwei."

Und auch ein Ostergedicht hat Kurt Tucholsky parat. Hintersinnig nennt er es: "Fröhliche Ostern", und es beginnt so:
"Da seht aufs Neue dieses alte Wunder:
Der Osterhase kakelt wie ein Huhn
und fabriziert dort unter dem Holunder
ein Ei und noch ein Ei und hat zu tun.

Und auch der Mensch reckt frohbewegt die Glieder -
er zählt die Kinderchen; eins, zwei und drei ...
Ja, was errötet denn die Gattin wieder?
Ei, ei, ei / ei, ei / ei!"

Geschäfte, Kneipen, Restaurants in der Bölschestraße

Natürlich gibt es in der Bölschestraße viele gute Restaurants, Kneipen, Cafes und Geschäfte. Wir können hier nur einige Beispiel auflisten!

Restaurants in der Bölschestraße

  • Die Spindel
  • Gasthaus Hahns Mühle
  • Indisches Restaurant Haweli
  • Restaurant Bräustübl
  • Zum alten Fritz
  • Mauna Kea
  • Schrörs am Müggelsee
  • Windrose

Geschäfte in der Bölschestraße

  • Fred Herrenmode
  • Buchhandlung vielseitig
  • Fahrradhaus Cyclomania
  • Blume 2000
  • Manita Kinderladen
  • Bio Company
  • Antiquariat Brandel
  • Bettenhaus Friedrichshagen

Wie man zur Bölschestraße in Friedrichshagen kommt:

Ab der Stadtmitte (Alexanderplatz) benutzt man die S-Bahn S7 bis Ostkreuz und steigt dort in die S-Bahn S3 Richtung Erkner um und fährt bis zum Bahnhof Friedrichshagen. Ab dort benutzt man die Tram 60 bis zur Station Müggelseedamm/Bölschestraße.
Text: -wn- / Stand: 16.04.2015

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