Der Majakowskiring in Niederschönhausen: Die Allee der Oberindianer

Ein rheinischer Rosenzüchter namens Adenauer und ein umtriebiges westfälisches Jodeltalent namens Lindenberg machten den peripheren Ostberliner Majakowskiring weltweit bekannt. Sie verhalfen dem Sträßchen zu einem Image, das dieser wenige Hundert Meter lange, einer gestauchten Ellipse ähnliche Fahrweg zwischen Grabbeallee und Ossiẹtzkystraße in Niederschönhausen sonst kaum erlangt hätte.
Der Majakowskiring in Berlin Pankow
Straßenschild auf dem Majakowskiring - Foto © -wn-
Bekanntlich scheute Konrad Adenauer (1876-1967) das Kürzel DDR. So entstand die synonyme Hilfskonstruktion "Pankow", weil in diesem Stadtteil die SED-Spitze einige Zeit im selbst geschaffenen Getto mit Kind und Kegel einwohnte. Adenauer verfeinerte die gefundene Sprachregelung. Bekanntlich zeichnete sich der Mann aus Röhndorf durch keine sonderliche Liebe zum Slawischen aus. Befiel ihn doch schon das Gefühl, Sibirien bedrohlich näher zu kommen, wenn er in Köln mit dem Zug die Deutzer Eisenbahnbrücke Richtung Osten befuhr. Erklärlich, dass er wenig Neigung verspürte zu unterscheiden, wann ein ihm unterkommendes Wort slawischer Herkunft mit "ow"-Endung knochenhart ausgesprochen wird und wann das w gefühlvoll stumm bleibt - wie es eben bei der Vokabel Pankow der Fall ist. Adenauer hieß die Ulbricht-Leute kurzerhand "die Machthaber in Pankoff". Dabei wurden im Majakowskiring nie Regierungsgeschäfte ausgeübt. In den kostspielig umgestalteten Häusern und Gärten versuchten sich die SED-Führer in bürgerlicher Lebensweise, wie es die Schriftstellerin Monika Maron in ihrem scharfsichtigen Buch "Stille Zeile Sechs" beschreibt - die Adresse ist eine Abwandlung des Abzweigs Stille Straße (Foto). In einer Atmosphäre aus Voluntarismus und Parteidisziplin genannter Duckmäuserei wurde in den Villen des Ringes jene selbstgewisse Sprache gesprochen, "in der Rührseligkeit und einfältige Metaphorik oft dicht beieinanderlagen", schreibt die Maron.

Der Majakowskiring ist ein ovaler Straßenzug im Berliner Bezirk Pankow


Jodeltalent Udo Lindenberg (geb. 1946), der Mann mit den mitmenschlichen Botschaften ("Hinterm Horizont geht's weiter")
und dem am letzten Kabelmeter kreisenden Mikro beförderte den Pankow-Mythos auf eigene Weise. Schließlich wollte er beim Oberindianer Erich Honecker um eine Auftrittsgenehmigung einkommen. Trotz Wegfall des Reisegrundes für die "einmalige Einreise" ist Lindenberg mit dem "Sonderzug nach Pankow" noch heute gelegentlich unterwegs - unter Dampf gehalten von Glenn Millers Swing-Klassiker "Chattanooga Choo Choo". "Pankow" hielt sich lange im politischen Sprachgebrauch, obwohl die Arbeiter-Funktionäre Ende der 50er Jahre vom bourgeoisen Lebensversuch längst zu einem solchen nach Gutsherrenart mit Dienern, Datschen und Dekreten in die Bernauer Heide nahe Wandlitz übergewechselt waren. Vermutlich hätten die mit Privilegien verwöhnten Häuptlinge über das Lob sozialistischer Bescheidenheit aus der Feder Wladimir Majakowskis (1893-1930) nur lächeln können. In einem Gedicht des russischen Dichters schwärmt der Gießer Iwan Kosyrew nach dem Einzug in eine zugewiesene Kleinstwohnung dankpflichtig von der eigenen "zärtlichen Dusche, sprudelnd und brausend".

Trotz mancher Neubauten hat sich der Majakowskiring mit seinen Gründerzeitvillen die reservierte Biederkeit bewahrt. Das Wilhelm-Pieck-Haus (Nr. 29) bezog eine Rollstuhlfirma. Die Grotewohl-Villa im nördlichen Alleeteil erwarb die Schauspielerin Jasmin Tabatabai aus einem Angebot der jüdischen Vorbesitzer. In Erich Honeckers früherem Zuhause (Nr. 58) befindet sich "Kulti - das Freizeithaus für Kinder". Im ehemaligen Gästehaus Nr. 63 lädt das Restaurant "Majakowski" zum Verzehr bürgerlicher Kost an dunklen Holztischen ohne Decken ein. Gut, dass man die hier obwaltende süddeutsche Gastlichkeit nicht einem mit Phantomschmerz belasteten ostalgischen Zeitgeschmack opfert. Schade hingegen, dass man die Restauration nicht "Zur Raupe" nennt. Man könnte auf Goethes einzigen und in Pankow bisher unvermeldet gebliebenen Berliner Aufenthalt hinweisen. Am 20. Mai 1778 kam der Geheimrat an der Seite seines Herzogs Karl August durch Niederschönhausen. "Von Berlin um 10 über Schönhausen auf Tegeln", liest man im Tagebuch. Ungeklärt ist, ob beide im Schloss Schönhausen nebenan bei der vom Gatten Friedrich Zwo getrennt lebenden Preußenkönigin Elisabeth Christine aufkreuzten und auf dem Weg dorthin durch den sehenswerten Park mit den mächtigen alten Eichen, Buchen, Kastanien und Platanen gingen. Nachweislich besuchten sie Elisabeth Christines Königliche Seidenraupenzucht in der benachbarten Schönholzer Heide. Der naturbegeisterte Goethe fand allerdings die Schönholzer Raupen sympathischer als die Berliner. Über die Anmut der Raupe heißt es schwärmerisch im "Torquato Tasso": "Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen, / …Das köstliche Geweb' entwickelt er / Aus seinem Innersten, und läßt nicht ab, / Bis er in seinen Sarg sich eingeschlossen." Die Hauptstädter hingegen putzt er als einen "so verwegenen Menschenschlag" herunter, dass man im Umgang mit ihnen "Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muss, um sich über Wasser zu halten."

Wie man zum Majakowskiring kommt :
Den Majakowskiring, das Schloss Niederschönhausen mit Park und den ebenfalls nahen Pankower Bürgerpark erreicht man mit der Tram M1 Richtung Schillerstraße oder Rosenthal Nord. Zum Aussteigen eignen sich die Haltestellen Bürgerpark Pankow oder Tschaikowskistraße. Mit kurzen Fußwegen ist zu rechnen.
Text: -wn-




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