Die Treptower Sternwarte - Friedrich Archenholds Himmelskanone

Hätten die legendären Heiligen Drei Könige auf ihrem vom Bibelautor Matthäus erwähnten Landweg aus Persien hin zu Jesus' Geburtsstall auf einer Bethlehemer Schafweide ein astronomisches Gerät mit sich geführt,
Wassersport in Berlin auf dem Berliner Müggelsee
Foto © -wn-
würden sie bald bemerkt haben: Ach Gott, unser heller Leitstern da oben wandert ja gar nicht - weder vor uns her und schon gar nicht in Richtung Westen. Möglicherweise, so hätten die Männer mit Gold, Weihrauch und Myrrhe im Gepäck vermutet, sehen wir ein Zusammenscheinen zweier benachbarter Sterne (heute Konjunktion genannt). Doch wann, wenn überhaupt, waren die drei gebildeten Perser unterwegs? Die moderne Wissenschaft hat inzwischen zweifelsfrei errechnet, dass am 17. Juni des Jahres 2 v.u.Z. ein leuchtendes Rendezvous von Jupiter und Venus stattgefunden hat. Irrtümer und Falschannahmen waren damals in himmlischen Angelegenheiten die Regel. Bekanntlich ließ sich der Himmel Hunderte Jahre Zeit, um endlich mit ein paar seiner Geheimnisse herauszurücken. Nikolaus Kopernikus (1473-1543) erkannte, dass die Sonne den Mittelpunkt der kreisförmigen Planetenbahnen bildet, Isaac Newton (1643-1727) formulierte sein Gravitationsgesetz und wurde zum Begründer der Himmelsmechanik. Mit Hilfe physikalischer Gesetze ist es seitdem möglich, das Jagen der Planeten durch das All zu berechnen.

In der Archenhold-Sternwarte


Im zurückliegenden 20. Jahrhundert spricht man gar von einer "Physik des Himmels". Deren Grundgedanke ist es,
dass sich die Dinge am Firmament nach denselben Naturgesetzen vollziehen wie auch im Leben der Menschen. In mehreren Wellen bricht eine Bewegung des Beobachtens und Messens der Planetenbahnen, von Kometen und Doppelsternen an. In Berlin geht ein von dieser Materie beseelter Mann namens Friedrich Simon Archenhold (1861-1939) in die Spur. Sein Unternehmungsgeist mündet schließlich in das, was wir heute noch in Berlin-Treptow besichtigen können: die inzwischen älteste Volkssternwarte Deutschlands mit dem längsten Linsenfernrohr der Welt. Astronomen gab es damals viele. Aber keiner war wie Archenhold. Wohlbedacht liest man auf seinem Grabstein auf dem Friedrichsfelder Friedhof den Ausspruch der Manto, Tochter eines Thebanischen Sehers: "Den lieb ich, der Unmögliches begehrt". Denn Archenhold war nicht vom Gedanken der Sternenkunde schlechthin erfüllt, vielmehr von dem einer Astronomie für jedermann. Gut gedacht, aber in Zeiten schon damals leerer Kassen blieb ihm nichts anderes übrig als das Unmögliche zu wollen. Nie hatte er genug Geld für seine Pläne - aber selbst in aussichtslosester Situation war er unfähig zu verzagen. Eine Sternwarte gab es zudem schon seit 1823 in Berlin-Kreuzberg, wo man z.B. die Teilung des Saturnrings und drei Kometen entdeckte, und in Potsdam beobachtete man im Astrophysikalische Observatorium die Aktivität der Sonne.

Der umtriebige Friedrich Simon Archenhold war damals neben dem Sammeln von Sponsorengeldern für das Fernrohrprojekt in einer abgelegenen Halenseer Außenstelle der Kreuzberger Sternwarte mit dem Fotografieren von kosmischen Nebeln beschäftigt, was mit einem populärwissenschaftlichen Erleben des Sternenhimmels wenig zu tun hatte. Immer wieder bekam er es mit herablassender Skepsis von Fachkollegen gegenüber seinen Plänen zu tun. Hermann Carl Vogel, Direktor des Potsdamer Observatoriums, klassifizierte Archenhold als einen "anscheinend durchaus von Eifer für sein Fach erfüllten Mann, dem jedoch weder gründliche Erfahrungen in astronomischer Technik noch zureichende Kenntnis von den astronomischen Aufgaben zugesprochen werden kann". Archenhold und sein Unterstützerkomitee sammelten dennoch 250000 Goldmark und gaben das Riesenfernrohr 1894 bei der Berliner Maschinenfabrik Paul Hoppe in Auftrag. Die Linsen kamen vom Jenenser "Glastechnischen Laboratorium SCHOTT & Genossen". Es gelang, das Linsenfernrohr mit einer Brennweite von 21 Metern - etwas verspätet - auf der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 befristet zu platzieren. Das Publikumsinteresse - gewaltig. Dann der Beweis, dass eine klamme Kasse auch Glück bedeuten kann. Denn für den Abbau des Refraktors mit einem beweglichen Gesamtgewicht von 130 Tonnen war kein Geld da. Somit gilt 1896, in dem der durchaus weiterblickende Berliner Magistrat den Verbleib des Fernrohrs in Treptow "gegen einen mäßigen Pachtzins" nolens volens auf Dauer genehmigte, als das Gründungsjahr der später nach Archenhold benannten Volkssternwarte.

Und selbst als seit 1990 das Hubble-Weltraumteleskop den Sternenhimmel ohne den störenden Einfluss der Erdatmosphäre beobachtet
und phänomenale Bilder ferner Welten liefert, hat die Anziehungskraft der Volkssternwarten nicht gelitten. Nach einer Rekonstruktion ist die Treptower Himmelskanone selbst als technisches Denkmal wieder voll funktionsfähig. Ferner ist der Vortragssaal zu besichtigen, in dem Albert Einstein am 2. Juni 1915 erstmals öffentlich über die Allgemeine Relativitätstheorie sprach, das Zeiss-Kleinplanetarium und ein gewaltiger Eisen-Meteorit. Überdies bietet die Sternwarte ein vielfältiges Programm für alle Altersklassen. Eines der Gebiete der Astronomie, das hier am intensivsten betrieben wird, sind sogenannte streifende Bedeckungen von den Mond tangierenden Himmelkörpern, bei deren Beobachtung ein exaktes Mondrandprofil gewonnen werden kann. Hobby-Astronomen messen die Zeiten der Ein- oder Austritte von Sternen am Mondrand und schicken die Werte an internationale Auswertungszentren, darunter nach Greenwich und Tokio. Archenholds Anliegen blieb lebendig. Mancher Beleg für ungeschmälerte Anerkennung geht aber zu weit. Vor einiger Zeit hat jemand seine Büste vor dem Haus entwendet.

Wie man zur Archenhold-Sternwarte kommt:
Sie liegt inmitten des Treptower Parks, etwa gegenüber
der Gaststätte Zenner/Eierschale.

Anfahrt zur Archenhold-Sternwarte:
S-Bahn: S 8, S 9 bis Bf. Plänterwald oder S41, S42 bis Treptower Park.
BVG: Busse 166, 265, 365: Haltestelle Alt-Treptow
Text: -wn-.



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