An einen Tisch bitte! Den Dienstweg abkürzen gegen bröckelnde Klassenzimmer

Kolumne von Andrea Beck

Kinder in der Schule
Kinder in einer Schule / Beispielfoto: © Rido- stock.adobe. com

Mein Sohn hat bald Geburtstag. Nicht irgendeinen, sondern den sechsten. Das bedeutet: Während mein Nachwuchs schon jetzt das Innenleben seiner Zuckertüte imaginiert, beschäftige ich mich damit, die Untiefen der Berliner Grundschullandschaft zu vermessen. Natürlich war mir als Zugezogene schon bewusst, dass Berlins Schulen im Bundesländerranking nicht zu den strahlenden Leuchttürmen gehören. Aber unter dem im INSM-Bildungsmonitor viel zitierten „Schlusslicht“ hatte ich mir trotzdem irgendwie ein helleres Lichtlein vorgestellt.

Marode Schulen – trotz voller Kassen

Neben der hohen Schulabbrecherquote, dem Unterrichtsausfall und dem Lehrermangel ist für mich zunächst das augenscheinlichste der immer noch so massive Investitions- und Sanierungsstau. Turnhallen sind gesperrt, Toiletten nicht benutzbar, von den Decken bröselt und bröckelt es, manchmal schimmelt es auch. Dabei sind die Zeiten, in denen Berlin aufgrund klammer Kassen Mängel kurzerhand als „sexy“ kultivieren konnte, schon lange passé. Das Geld ist seit Jahren da, kann aber vielerorts einfach nicht in voller Summe abgerufen werden. Weil Baufachleute in den Bezirken über Jahre weggespart wurden und eine ausufernde Ausschreibungsbürokratie viele ausführende Firmen kapitulieren lässt.

Dass hier in Berlin alles so lange dauert, liegt unter anderem auch an der zweistufigen Verwaltungsstruktur: auf der einen Seite der Senat, auf der anderen Seite die zwölf Bezirksverwaltungen mit unterschiedlichen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Ein Chaos, das dank „Zukunftspakt Verwaltung“ ab 2021 Geschichte sein soll.

Dringend benötigte Schulen werden nicht gebaut

Am Schulsanierungsstau ist für mich persönlich der gravierendste Missstand, dass oft trotz stark zunehmender Schülerzahlen dringend benötigte Schulneubauten nicht gebaut werden. Vielerorts müssen Grundschulen bereits erheblich mehr Kinder aufnehmen als sie Kapazitäten haben.
In Mahlsdorf beispielsweise trieb die immense Überbelegung die Eltern Ende 2019 zum Demonstrieren auf die Straße. Das führte dazu, dass in diesem Ortsteil einer der kuriosesten Verzögerungsfälle Berlins ins Visier der Medien geriet. Auf dem Areal einer seit 2009 geschlossenen Oberschule soll eine dringend benötigte Grundschule entstehen. Die könnte natürlich schon längst stehen, jedoch stritt man sich zuletzt noch rund ein Jahr lang um die Frage: „Stinkt’s oder stinkt’s nicht?“ und schob die entsprechenden Geruchs-Gutachten monatelang auf dem Dienstweg hin- und her. Konkret ging es dabei um die Geruchsimmissionen einer nahen Entsorgungsanlage. Der Fairness halber sei erwähnt, dass Mahlsdorf auch vormachen kann, wie es geht: Vergangenes Jahr entstand hier im – vergleichsweise – absoluten Zeitraffertempo aus vorgefertigten Holzbauelementen eine Integrierte Sekundarschule, berlinweit ist das ein Vorzeigeprojekt.

Bildungs-, Bau- und Bezirksverwaltung an einen Tisch bringen

Wenn Gas geben nur immer so einfach wäre! Dabei könnte man sicher noch an einigen Stellschrauben drehen, um das Geld auch dort komplett zu verbauen, wo es am nötigsten gebraucht wird. Am meisten täte es Not, Bildungs-, Bau- und Bezirksverwaltung in gemeinsamen Kolloquien an einen Tisch zu bringen, um im Fall des Falles auch mal den ein oder anderen Dienstweg abkürzen zu können.

Die Autorin
Über Berlin meckern als Zugezogene – darf die das überhaupt? Unsere Autorin Andrea Beck, die 2004 nach Brandenburg und 2013 nach Berlin gezogen ist, hat sich das auch schon gefragt. Wagt es aber einfach: In unregelmäßigen Abständen – hier an dieser Stelle. Das Meckern hat sie schon in Bayern gelernt, denn dort wird ja bekanntlich auch fleißig „gegrantelt“. Trotz aller Anlässe zum Lästern hat sie Berlin fest in ihr Herz geschlossen.

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