Konzerthalle in Frankfurt / Oder

Konzerthalle in Frankfurt / Oder
Die Konzerthalle Frankfurt Oder von Osten her gesehen. Rechts das angebaute Funktionsgebäude - Foto: © wn

Die Konzerthalle Frankfurt Oder - Das Musenwunder Oderbruch

Dass der Belletrist Theodor Fontane (1819 - 1898) in Sachen Mark Brandenburg sehr "bewandert" war, erschließt sich bei der Lektüre der fünfbändigen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Man muss sie aber keineswegs "im Stück" gelesen haben, um erst dann an der Edition Gefallen zu finden. Jeder der Bände steht auch für sich. Dem Leser erwächst jedoch - so oder so - die Frage: Wie hat der Autor bei den unzureichend befestigten Verkehrswegen des 19. Jahrhunderts die teils erheblich langen Strecken durch die Mark zurückgelegt? Machte er mit Freunden Ausfahrten, unternahm er Wandertouren allein oder war er mit einer der immerhin planmäßig verkehrenden Postkutschen unterwegs? Von gelegentlichen Stippvisiten jedenfalls kann bei ihm keine Rede sein. Fontane ist ein gründlicher Rechercheur und bleibt oft lange vor Ort. In kalten Sakristeien und Winterkirchen studiert er, wenn es nicht anderes geht, Kirchenbücher und weitere Urkunden, befragt die Leute und lässt kaum eine erreichbare Quelle unbeachtet. Und erst sein Equipment! Papier und ein paar Bleistifte. Da er Gesehenes in allen Einzelheiten lange im Kopf behält, kann er das Gespeicherte zu Hause am Schreibtisch weiter verarbeiten. Als schon bekannter Autor lässt er trotzdem nicht den Prominenten heraushängen. Lamentiert auch nicht, wenn sich seine Unterkunft als höchst unkomfortabel erweist und er nicht selten auf drei zusammengestellten Stühlen im verqualmten Schankraum einer Herberge die Nacht verbringen muss. Bekommt er ein freies Bett, muss er nicht selten mit benutzter Bettwäsche vorliebnehmen und den Nachttopf mit den Fäkalien des Vorgängers erst einmal zur Jauchengrube tragen. Auch das macht er klaglos. In allem erweist sich dieser lernbegierige Mann, der seine Schreibziele über alles stellt, als ein großzügiger märkischer Hugenotte: Cést la vie..., mag er gedacht haben (So ist das Leben.)

Fenster der Konzerthalle in Frankfurt / Oder
Fenster der Südseite des Langhauses, die über die gesamte Höhe der Fassade gehen. - Foto: © wn

Theodor Fontane auf Recherchetour

Mancher Reisetag ist überaus reizvoll - wie zum Beispiel der 25. Juni 1862. In dieser Zeit - die großen Romane stehen noch aus - sammelt Fontane Material für den Oder-Band der "Wanderungen". Im Tagebuch findet sich an diesem Tag der Eintrag: "Um 5 mit dem Dampfschiff von Frankfurt bis Schwedt. Reizende Fahrt. Etwas windig aber sehr angenehm. In Schwedt zu Tisch. ... Nach Angermünde und Neustadt-Eberswalde. Nachtquartier. Ausgeschlafen. (Die einzige Nacht während der ganzen Woche wo ich wirklich ordentlich geschlafen habe, sonst immer Nachtfahrten und Sopha-Nicken.)" Nach dem Ablegen in Frankfurt auf der Backbord-Seite sieht er als erstes am Ufer die beiden wuchtigen Türme der Nikolaikirche, die 1929 in Friedenskirche umbenannt werden wird. Und während das Schiff Fahrt aufnimmt, passiert es ein weiteres Gebäude: die entwidmete Klosterkirche, in der von 1823-1901 das Städtische Armenhaus untergebracht ist. Das Gotteshaus ist ein dreischiffiger gotischer Backsteinbau mit sechs gewaltigen säulentragenden Jochen, einem markanten spitzwinkligen Dach und einem drei Meter niedrigeren und zur Oder hinzeigenden Altarraum.

Der gesellige Fontane, der sich von einem mitfahrenden Glockengießer die morgendlichen 5-Uhr-Geläute in den flussnahen Orten erklären lässt, ahnt nicht, dass aus jenem Armenhaus etwas mehr 100 Jahre später einer der östlichsten Kulturorte Deutschlands werden würde, den er in allen Einzelheiten beschrieben hätte. Die Halle am Oderufer ist nach dem Mann benannt, der von 1734 bis 1738 Student in Frankfurt Oder war: nach dem zweitältesten Sohn Johann Sebastian Bachs (1685-1750), Carl Friedrich Emanuel (1714-1788). Dieser wird wegen seines "galanten Musikstil" allseits verehrt, in dem sich Züge der Aufklärung alten Schlages mit dem Geiste vom Sturm und Drang, ja, der späteren Romantik wundersam kreuzen. Die 1992 von der Dresdener Bildhauerin Nanette Ghantus geschaffene und an der östlichen Außenwand aufgestellte Büste Carl Friedrich Emanuels zeigt, dass es diesem an Selbstbewusstsein nicht mangelte.

Die Konzerthalle - so wie wir sie heute erblicken - kommt aus "zerrütteten Verhältnissen". Mit dem Vorhaben der Stadt, das heruntergekommene Gebäude der ehemaligen Klosterkirche als Konzerthalle zu nutzen, sollte der fortgeschrittene Verfall des Hauses aufgehalten werden. In einem bemerkenswerten Übereinkommen schloss die Stadt 1967 einen Pachtvertrag mit der Kirchengemeinde, der vorsah, das Gebäude unter denkmalpflegerischen Auflagen als Konzertsaal einzurichten. Von 1969 bis 1970 wird die Klosterkirche mit einem Kostenaufwand von einer Million DDR-Mark erfolgreich saniert.

Feierliche Eröffnung der Konzerthalle Frankfurt Oder 1970

Zur Eröffnung des damals über 400 Jahre alten Hauses am 2. Oktober 1970 erklingt die selten gespielte Fantasie für Klavier, Chor und Orchester in c-Moll op. 80 von Ludwig van Beethoven (1770-1827), die der Neunten Sinfonie ähnlich ist. Es ist ein frohgemuter Hymnus auf Musik und Dichtung in unserem Leben, in dem es heißt:

"Wenn der Töne Zauber walten
und des Wortes Weihe spricht,
muss sich Herrliches gestalten,
Nacht und Stürme werden Licht".


An dieser Lobrede stieß sich im Jahre 1951 die Leitung der Freien Deutsche Jugend (FDJ). Da mit dem Musikstück im selben Jahr die zu den Weltfestspielen der Jugend und Studenten angereisten Teilnehmer begrüßt werden sollten, wurde der Dichter Johannes R. Becher (1891-1958) beauftragt, dem Text die Aussage beizugeben, wonach die DDR als Friedensstaat der Weltgeschichte beigetreten sei. Und so hieß es jetzt:

"Großes, das uns je gelungen,
blüht im neuen Glanz empor.
"Friede, Friede ist errungen",
jubelt laut der Menschheit Chor.

Nehmt denn hin, ihr lieben Freunde,
froh die Gaben schöner Kunst.
Wenn sich Geist und Kraft vereinen,
winkt uns ewgen Friedens Gunst."


Leider - die Gunst erwies sich nicht als ewig. Bereits Jahre vor der Eröffnung der Konzerthalle hatte die UdSSR der UNO die Bronzeskulptur "Schwerter zu Pflugscharen" des Bildhauers Jewgenij Wiktorowitsch Wutschetitsch (1908-1974) geschenkt. Es ist die eindrucksvolle Friedensvision des alttestamentlichen Propheten Micha (Micha 4,3). Anfang der 1980er Jahre wird die Skulptur, die an den russischen Recken Ilja Muromez erinnert, unter der jungen DDR-Generation zum populären Friedenssymbol schlechthin. Aus Angst vor einer pazifistischen Bewegung verbieten die Behörden den meist auf der Oberkleidung aufgenähten Schmiedevorgang.

Büste Carl Friedrich Emanuel Bachs in Frankfurt / Oder
1992 von der Dresdener Bildhauerin Nanette Ghantus geschaffene und an der östlichen Außenwand aufgestellte Büste Carl Friedrich Emanuel Bachs. - Foto: © wn
Seit 1971 ist die Konzerthalle Heimstätte des Philharmonischen Orchesters der Stadt und seit 1995 des Brandenburgischen Staatsorchesters . Zu den regelmäßigen Veranstaltungen gehören die Musikfesttage an der Oder, Bachfeste, Bachsymposien, Wilhelm-Sauer Orgelfesttage, Musikreihen und Konzerte in Klassik und Unterhaltung. An hochrangigen Gästen fehlte es nicht. Gastspiele führten internationale und nationale Künstler an die Oder wie Dawid Fjodorowitsch Oistrach (1908-1974), Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch (1917-2007), Ludwig Güttler (geb. 1943) aus Sachsen, der österreichische Pianist Rudolf Buchbinder (geb. 1946) , Gisela May (1924-2016) und Wladimir Dawidowitsch Aschkenasi (geb. 1937) sowie das britische Royal Philharmonic Orchestra (gegr. 1946).

So sehr es nicht ungewöhnlich erscheint, dass die Stadt Frankfurt Oder ihren kommunalen Bestand um ein klingendes Kleinod ergänzte, um so bemerkenswerter ist es zu sehen, welchen kulturellen Aufschwung auch das einst so einsame nordwärts gelegene Oderbruch nahm. Zöge man eine Linie von der Frankfurter Konzerthalle nach Nordwest, berührte diese Markierung Gebiete des Bruchs, in denen vor den Besiedlungsschüben im 18. und 19. Jahrhundert die wenigen ansässigen Bauer von der Heuwerbung und vom Fischfang lebten. Zum Schutz ihrer Hütten vor dem Hochwasser errichteten sie massive Mauern aus Kuhdung und erduldeten ansonsten sie umgebende Tristes, in der sie "ohne eine ewig unbefriedigte Suche nach höherem Sinn mit Selbstverständlichkeit ihren Alltag leben, Kinder zeugen und "lebenssatt" sterben" - wie es der Soziologe Max Weber (1864-1920) formulierte. Was sich westlich von ihnen auf dem Barnim, in der nördlich gelegenen Schorfheide oder in der östlichen Neumark (heute die polnische Woiwodschaft Lebus) zutrug - es interessierte sie kaum. Das Bruch genügte ihnen als Lebensumwelt.

Neuhardenberg steht für Gemeingeist und Bürgersinn

Am Westrand und auf halber Höhe des Bruchs berührte die gedachte Linie einen Ort, in dem Weltbewusstein einzog: Schloss Neuhardenberg. Das ganze Jahr finden hier hochrangige kulturelle Veranstaltungen sowie Konzerte in der Schinkelkirche statt. Es gab Begegnungen mit dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (geb. 1948), den Philosophen Peter Sloterdijk (geb. 1947) und Rüdiger Safranski (geb 1945) sowie mit dem Ururenkel des russischen Schriftstellers Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (1828-1910), Graf Wladimir Tolstoi (geb. 1963). Der Nachkomme ist Direktor des ehemaligen Gutes der Familie Tolstoi Jasnaja Polana 220 Kilometer südlich von Moskau, das heute ein Kulturzentrum ist. Im Dreiecksgiebel über dem Haupteingang des Schlosses Neuhardenberg ist zu lesen: GRATIA REGIS - Dank des Königs. Der Schenkende ist der Hohenzoller Friedrich Wilhelm III. (1797-1840), der Beschenkte ist Karl August Freiherr von Hardenberg (1750-1822), einer der Preußischen Reformer. 1795 ist der glänzender Diplomat Mitformulierer des Friedens von Basel, mit dem Preußen aus der Kriegkoalition gegen Frankreich ausstieg. 1813 ist er wieder federführend beim Bündnis von Kalisch, mit dem Preußen und Russland endlich den direkten Kampf gegen Napoleon aufnahmen. Um wirtschaftliche Hemmnisse zu beseitigen, traten von Hardenberg und die anderen Reformer erfolgreich für die Abschaffung der Leibeigenschaft, für Gewerbefreiheit und freie Konkurrenz im Wirtschaftsleben ein. Dieser Mann aus dem Oderbruch, dessen Herz in der Schinkelkirche hinter der Kanzel aufbewahrt wird, wirkte für das damals revolutionäre Ziel, in eine monarchische Herrschaft elementare demokratische Grundsätze einzubringen, um zur Belebung von Gemeingeist und Bürgersinn beizutragen.
Mehr Wissenswertes über Neuhardenberg

Der nächste Ort auf der Linie liegt nur etwa 12 Kilometer entfernt: Kunersdorf mit dem Musenhof. Die Gutsherrin und Landwirtschaftsreformerin Henriette Charlotte von Friedland (1754 - 1803) hatte die Vision, dass sich Teile der preußischen Elite in ihrem Musenhof treffen sollten, um in angenehmer Atmosphäre über Zeitfragen zu diskutieren. So kam es auch: Der Musenhof wurde nicht nur ein geistig-kulturelles Zentrum des Oderbruches - sondern auch ganz Preußens. Heute kommen Menschen zu Lesungen, Gesprächen und Konzerten in den Musenhof. Prominentester Besucher ist Adelbert von Chamisso (1781-1838). Der spätere Weltumsegler und Berliner Botaniker aus adligem Elternhaus, dessen Privilegien die Französische Revolution abschaffte, war nach Preußen geflohen und dort sogar Offizier geworden. In der Bibliothek des heute nicht mehr existierenden Kunersdorfer Schlosses wird er das Kunstmärchen "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" abfassen, die Erzählung von einem Pechvogel, der auf einem Gartenfest von einer grauen Teufelsadaption den nie versiegenden Geldbeutel "Fortunati Glückssäckel" erhält und dafür seinen Schatten gibt. Schlemihl geht aufgrund des Schattenverlustes einer gesellschaftlichen Ächtung entgegen. Chamisso ahnt nicht, dass das im Oderbruch verfasste Märchen später zur Weltliteratur gezählt werden würde.

Ist man weitere 20 Kilometer Richtung Oder gefahren, taucht Zollbrücke auf, ein ehemals einsames Dörfchen mit wenigen Häusern, die teilweise unterhalb der Deichkrone stehen. Bereits in der DDR-Zeit zog es Tagesgäste hierher. Der Ort liegt so entlegen, so dass ihn nicht einmal Theodor Fontane erwähnt (und das will etwas heißen); er kam nur bis Bad Freienwalde. Aber auch in diesem einst entrückten Weiler ist man seit Jahrzehnten nicht mehr "aus der Welt". Bevor man früher ans Oderufer gelangte, musste man an einem unscheinbaren Gehöft vorbei, auf dessen angenageltem Mitteilungsbrett zu Aufführungen eines Zimmertheaters eingeladen wurde. Die 32 Sitzplätze waren nicht immer belegt. Anfang der 1990er Jahre beginnen der Schauspieler Thomas Rühmann (geb. 1955, "In aller Freundschaft") und der Musiker Tobias Morgenstern (geb. 1960) das in die Jahre gekommene Gehöft unter Verwendung von überwiegend Naturmaterialien zu einer Spielstätte mit rund 200 Plätzen umzubauen. Und sie nannten die entstandene Spielstätte "Theater am Rand". Den Zuschauern werden in meist ausverkauften Vorstellungen (gezahlt wird am Schluss) zeitgenössisch adaptierte Stücke nach literarischen Vorlagen geboten. Wer eine Vorstellung des Theaters besuchen möchte, sollte rechtzeitig gebucht haben.
Text: -wn- / Stand: 10.08.2019

Adresse:
Konzerthalle Frankfurt / Oder
Lebuser Mauerstraße 4
15230 Frankfurt (Oder)
Ticketkasse: 0335/ 40 10-120
Zentrale: 0335/ 40 10-0

Öffnungszeiten der Konzerthalle Frankfurt / Oder

Die multimediale Ausstellung "Carl Philipp Emanuel Bach: Leben, Werk und Nachwirken" ist außerhalb der Proben und Konzerte täglich von 10:00 Uhr - 18:00 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 2 Euro.

Führungen in der Konzerthalle Frankfurt / Oder

Es werden auch Führungen durch die Ausstellung angeboten. Dazu ist eine Anmeldung im Museum Viadrina unter Tel: 0335/ 40 15 60 oder bei der Tourist-Information unter Tel: 0335/ 61 00 80 11 notwendig.

Anfahrt zur Konzerthalle Frankfurt / Oder

Mit dem Auto:
Über die A12 bis Frankfurt / Oder (Mitte), dann der Beschilderung Richtung Innenstadt folgen und dann weiter zur Konzerthalle. Oder Sie nutzen die B1 / B5, die B112 oder B87.

Mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln:
Bahn: RE1 bis Frankfurt / Oder
Straßenbahn: Linie 1 bis Topfmarkt

Die Orte Neuhardenberg, Kunersdorf und Zollbrücke im Oderbruch erreicht man von Frankfurt Oder aus auf der Bundesstraße 167. In Wriezen biegt man rechts nach Zollbrücke ab.
Auskünfte über den Spielplan der Konzerthalle in Frankfurt Oder bekommt man über die Adresse:
www.muv-ffo.de/konzerthalle-programm.htm

Sehenswürdigkeiten in Frankfurt / Oder

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