Mühlberg: Gräberfeld am Sehnsuchtshügel / Drei ostelbische Lager

Nicht nur Menschen kommen zu Schaden - selbst Wörtern kann der Unstern drohen. Wie arglos sprach man im 18. Jahrhundert vom Lager - einem von Liegen und Legen abstammenden Begriff.
Gedenkfriedhof Mühlberg
Der Gedenkfriedhof Mühlberg - Foto © -wn-
Auch Belagern war bekannt - etwa das der Römer 73 v. Chr. unterhalb Masadas am Toten Meer oder Wallensteins Glücklos-Camp 1628 vor Stralsund. Und sein schlichtes Lager hat der Hase noch heute in der Furche. War von einem Beilager die Rede, entfalteten sich sinnliche Phantasien - wie beim Lustlager vom 31. Mai bis zum 28. Juni 1730 nahe dem ostelbischen (damals sächsischen) Zeithain. Dies um so mehr als der angeblich so lendenstarke Sachsenkönig August II. (1670-1733) Ausrichter dieser als "Spektakel des Jahrhunderts" gepriesenen Truppen-Schau war. Einen "Scheinkrieg (mit) Festen aller Art", nannte Goethe das Manöver, die begleitenden Opern- und Komödienaufführungen, die Gelage und das fünfstündige Feuerwerk auf der Elbe mit feuerspeienden Walfischen und Delphinen. Strafgefangene mussten im Inneren der drapierten Schiffe Böller, Knaller und Raketen zum Abschuss bringen. 30000 Mann hatte August aufgeboten, die auf dem 1000 Hektar großen Areal exerzierten und um sich ballerten. "So schickte sich das Heer so fort, / Musquet und Mörsel loß zu brennen; / Ein Pulver-Dampff und Schweffel-Dufft, / Verfinsterte den Kreiß der Luft, / Man fühlte recht die Erde beben", lobpreist ein embedded writer des Dresdener Hofes. Die Ebene war vorher zur Hälfte Wald und Acker. "Zur Ausrahdung der Heyde sind 500 Bauern, auch einmahl 250 Berg-Leute aus Freyberg genommen worden, welche alle Bäume vermittelst großer Thaue mit der Wurtzel aus der Erde reissen, die Gruben applaniren und die gantze Gegend von allem Gehöltze reinigen" mussten. Als ranghöchster Gast war Preußen-König Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) dabei; mit ihm Kronprinz Friedrich, der wegen beständigen Ärgers mit dem pietistischen Vater eigentlich von Zeithain nach London flüchten wollte. Es bleibt beim Versuch.
Adresse:
Mühlberger Stadtmuseum
Klosterstraße 9
Mühlberg
Tel: 035 342/ 81 628

Öffnungszeiten des Stadtmuseum Mühlberg:


Das Museum bleibt wegen Neugestaltung voraussichtlich bis September 2014 geschlossen.

Speziallager Nr. 1 in Mühlberg


Menschenfluchten bedeuten Risiko, Wörter aber flüchten nicht. Ihnen geschieht anderes: "Neue Worte tauchen auf, oder alte Worte gewinnen neuen Spezialsinn", wie der Philologe Victor Klemperer (1881-1960) in seinem berühmten ideologiekritischen Buch "LTI" ausführt. Spätestens mit Beginn des 20. Jahrhunderts erhält "das Lager" die Aufgabe, auch das Pferchen von Menschen zu bezeichnen. Man muss vom Zeithainer Lustlagerplatz gar nicht weit laufen, um von einer solchen sprachlich-inhaltlichen Metamorphose Eindruck zu bekommen. Nach Norden hin dehnt sich nämlich ein Gelände aus, auf dem seit altersher ebenfalls Manöver abgehalten wurden. Ein aufgeworfener Erdwall, "Alte Schanze" genannt, diente damals als Kugelfang. Im September 1939 konfiszierte die Wehrmacht das landwirtschaftlich genutzte Gelände und schuf Baufreiheit für eines der großen Sammel- und Durchgangslager für Kriegsgefangene in Deutschland. Es heißt Mannschafts-Stamm-Lager IV B Mühlberg. Insgesamt 30000 Menschen aus zwölf Nationen waren hier interniert; bis 1945 starben 3000 von ihnen. Am 23. April 1945 marschierte die Rote Armee ins leere, demolierte StALAG IV B ein. Nun hat der Begriff Lager fünf kyrillische Buchstaben - mit abschließendem Weichheitszeichen. An die zehn Synonyme gibt es im Russischen für den Ausdruck Lager. Benutzt man dortzulande aber den russifizierten deutschen Begriff, sind meist Internierungscamps des GULags gemeint, allenfalls noch das umzäunt gewesene "Friedenslager". Schon im September 1945 wurde der erste deutsche Internierungshäftling ins wieder vorgerichtete Mühlberger Camp geführt. Bis 1948 betrieb es das sowjetische Volkskommissariat für Inneres NKWD als Speziallager Nr. 1 für rund 22.000 Deutsche. Etwa 7000 von ihnen überleben nicht. Das Massengräberfeld nebenan (Foto) ist heute als zentrale Mahn- und Gedenkstätte eingerichtet.

Gefangen waren hier Menschen, die nach damaligem Verständnis dem Aufbau einer demokratischen Ordnung ablehnend gegenüber standen. Während die einen "nur" diesem - im Übrigen meist unbewiesenen - Vorwurf ausgesetzt waren, befanden sich andere in einem Teufelskreis aus teils geringer teils erheblich schuldhafter Verstrickung und schicksalhafter Verlorenheit. Die Krankenschwester Auguste Jeschke hatte im westpreußischen Obrawalde während dort vollzogener Euthanasiemorde die Totenkartei geführt; Haftgrund: "Diversantin". Dem Wurzener Oberbürgermeister Armin Graebert war es 1945 gelungen, seine Stadt kampflos an die US-Army übergeben; Haftgrund: "Bürgermeister". Adelheid Gobbin war seit 1932 Kriminalkommissarin im Reichskriminalpolizeiamt; nach dem Hitlerattentat 1944 warnte sie Juden und Kommunisten vor Verhaftungsaktionen; Haftgrund: "Kriminalpolizei". Max Reschke war von 1927 bis 1942 Direktor der ersten jüdischen Knabenvolksschule Berlin; ab Juli 1943 musste er als Ordner im Sammel- und Deportationslager Große Hamburger Straße Dienst tun; Haftgrund: "Leiter eines jüdischen Lagers". Gertrud Lehmann-Waldschütz war Inhaberin eines Ausflugslokals am Großen Wünsdorfer See und Ortsfrauenschaftsleiterin; Haftgrund: "Frauenschaft". Helmuth Dommain kehrte 1945 aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Lübben zurück; Haftgrund: "Organisation einer illegalen Diversanten-Terroristen-Gruppe". Er tritt später in die SED ein. Curt Trimborn aus Wuppertal-Barmen war nachweislich SS-Mann, Haftgrund: "Kriminalkommissar". Otto Maaß aus Berlin, bis 1933 KPD-Mitglied, arbeitete als Elektriker im KZ-Nebenlager Lieberose. Er ist Augenzeuge des Mordes an 1200 marschunfähigen jüdischen Häftlingen und fertigt später darüber eine Aktennotiz mit den Namen der Täter an. Er wird denunziert und verhaftet. Haftgrund: "Agent der Gestapo". Der Philosoph und Mitbegründer der ungarischen Kommunistischen Partei Georg Krausz war als "politischer Jude" im KZ Buchenwald interniert. Im Mai 1945 wird er als "Agent ausländischer Geheimdienste" verhaftet. Er ist später stellvertretender Chefredakteur des "Neuen Deutschland".

Die wissenschaftliche Sekretärin Ruth Herzfeldt - Haftgrund: "Bund Deutscher Mädel" - macht 1948 eine existentielle Entdeckung. Jahrelang hatte sie von der Außenwelt nur die "Alte Schanze" gesehen, die die vier Meter hohe, mit Stacheldraht bewehrte Bretterwand überragte. Die Schanze war der Sehnsuchtshügel der Internierten. In der Entlassungsbaracke, in der Ruth Herzfeldt nach Jahren erstmals wieder in einen Spiegel sah, bemerkte sie, dass sie sich nicht nur von der Außenwelt entfremdet hatte, sondern auch von sich selbst. Sie sah im Spiegel eine nahezu fremde Person. Darüber schrieb sie: "In der eigenartigen Hellsichtigkeit des Geistes im hungernden Leib wuchs der Abstand zum eigenen Ich bis zum Unerträglichen, und die Gefahr einer Seinsspaltung wurde ebenso empfunden, vielleicht sogar erkannt wie die geringe Kluft zwischen Normalsein und Wahnsinn."

Wie man zum Gedenkfriedhof und zum ehemaligen Lagergelände kommt:
Von Neuburxdorf (mit Regionalbahnanschluss) hinter dem Ortsausgang in Richtung Siedlung Burxdorf links abbiegen; der Feldweg zum Lager ist ausgeschildert. Im Mühlberger Stadtmuseum in der Klosterstraße 9 befindet sich eine ständige Ausstellung über die Geschichte des Speziallagers Nr.1
Text: -wn- / Stand: 29.06.2014

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