Berliner Einzelhandel im Wandel
Text: O. K. / Letzte Aktualisierung: 05.02.2026
Warum der Berliner Einzelhandel in der Krise steckt und was er jetzt dagegen tun kann
Wer in diesen Tagen durch die Friedrichstraße flaniert, die Schloßstraße in Steglitz entlang bummelt oder einen Abstecher in die Seitenstraßen des Kurfürstendamms macht, stellt fest, dass sich das Gesicht Berlins zunehmend verändert. Klar, Metropolen sind immer im Wandel. In der Hauptstadt ist es jedoch allgemein leiser geworden. Bekannte Traditionsnamen verschwinden zunehmend von den einst schillernden Fassaden, große Schaufenster sind notdürftig mit Packpapier zugeklebt und Schilder mit "Räumungsverkauf" oder "Wir schließen" sind allgegenwärtig.
Überall wird deutlich, dass der Einzelhandel in Berlin und Brandenburg knietief in der Krise steckt. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von den allgemein gestiegenen Kosten für Mieten und Personal über schrumpfende Umsätze bis hin zu der ständigen Konkurrenz durch die großen Ketten und den Online-Handel. Um zu überleben, muss sich der Einzelhandel an die heutigen Gegebenheiten anpassen. Aber auch die Politik ist in der Pflicht und muss handeln, wenn die Berliner Einkaufsmeilen nicht komplett aussterben sollen.
Auf einen Blick:
- Der stationäre Handel in Berlin steckt in einer tiefen Krise und wird von immer neuen Insolvenzmeldungen erschüttert.
- Gründe sind die teilweise exorbitant hohen Mieten, die gestiegenen Personal- und Energiekosten und die allgemeine Kaufzurückhaltung.
- Sonntagsöffnungen, die für mehr Umsätze sorgen könnten, sind in Berlin immer wieder in der Diskussion, durch den anhaltenden Widerstand von Verdi & Co. aber in absehbarer Zeit kein Thema.
- Statt den Laden zu öffnen und auf Kunden zu warten, müssen Händler aktiv werden. Ein Online-Shop, digitale Marketingkanäle wie Instagram und WhatsApp und clevere Aktionen bieten die Chance, neue Kunden in die Läden zu holen.
Das große Ladensterben: Der Berliner Handel steckt in der Krise
Im Berliner Einzelhandel kriselt es an allen Ecken. Betroffen sind aber längst nicht mehr nur die kleinen Boutiquen, die ohnehin immer ums Überleben kämpfen müssen. Auch die weit über Berlins Stadtgrenzen hinaus bekannten Namen, die Einheimische wie Touristen gleichermaßen in die City zogen, haben heute zu kämpfen, stehen vielfach vor dem Aus oder mussten ihre Türen schon dauerhaft schließen.
Eines der prominentesten Opfer sind sicher die Galeries Lafayette an der Friedrichstraße. Das französische Luxuskaufhaus schloss bereits Ende Juli 2024 die Pforten seines 1996 von Stararchitekt Jean Nouvel entworfenen Glaspalastes. Das Problem: Mit dem Lafayette verloren auch viele kleine Einzelhändler in der unmittelbaren Nähe einen wichtigen Frequenzbringer.
Auch in der City West macht sich die Krise bemerkbar. Hier traf es mit Möbel Hübner erst kürzlich eine echte Institution. Nach 117 Jahren gehen in dem 14-stöckigen Möbelhaus in der Genthiner Straße, wo schon Generation von Berlinern ihre erste Couch gekauft haben, die Lichter aus. Grund auch hier: sinkende Umsätze, gestiegene Energiekosten und die immer stärker werdende Konkurrenz durch den Online-Handel.
Dieses Bild setzt sich momentan quer durch alle Branchen fort. 2025 traf es zum Beispiel den seit über 100 Jahren bestehenden Charlottenburger Feinkosthandel Rogacki, aktuell den auch mit einer großen Filiale in Berlin vertretenen Modehändler Wormland. Und auch für das Jahr 2026 erwarten Wirtschaftsexperten eine Fortsetzung der Insolvenzwelle.
Einnahmen, Ausgaben: Die Rechnung geht für den Einzelhandel einfach nicht mehr auf
Händler müssen Gewinne erwirtschaften, um Mieten und Mitarbeiter bezahlen und selbst leben zu können. Über viele Jahrzehnte war das auch möglich. Heute geht die Rechnung jedoch in vielen Fällen nicht mehr auf und zwingt einst florierende Unternehmen in die Knie. Verantwortlich sind dafür vor allem die folgenden Faktoren:
- Explodierende Mieten
Für Händler ist Berlin zu einem teuren Pflaster geworden. Die Mieten für Gewerbeobjekte sind in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Und das nicht nur in absoluten 1A-Lagen wie am Tauentzien, wo der Quadratmeter bis zu 300 Euro kostet. Auch in anderen Teilen Berlins, die weniger exklusiv sind, kennen die Mietpreise seit Jahren nur den Weg nach oben. So mancher Händler zahlt dadurch für seinen vergleichsweise kleinen Laden 4.000 Euro und mehr an Miete pro Monat, die erst einmal erwirtschaftet werden müssen. - Hohe Energiekosten
Das zweite Problem sind die unter anderem durch die Ukraine-Krise gestiegenen Energiekosten. Für Strom und Gas zahlen Berliner im Vergleich zum Niveau vor dem Angriffskrieg Russlands 124 Prozent mehr. Allein diese Kostensteigerung frisst bei vielen Händlern die ohnehin schon knappe Marge komplett auf. Zusammen mit den gestiegenen Mieten wird deutlich, warum vielen das Wasser bis zum Hals oder noch darüber steht. - Gestiegene Personalkosten
Gutes Personal soll auch gutes Geld verdienen. Das sehen sicher auch die meisten Händler so. Das Problem ist jedoch, dass der Anstieg des Mindestlohns zu den anderen Kostensteigerungen hinzukommt und die Luft für Händler dadurch noch dünner wird. Von 9,50 Euro im Januar 2021 ist der Mindestlohn im Januar 2026 auf 13,90 Euro gestiegen. Das entspricht einer Kostensteigerung von rund 40 Prozent. Und die nächste Steigerung auf 14,40 Euro steht im Januar 2027 an. - Konsumflaute und Online-Handel
Mit Lust und vor allem offenem Geldbeutel shoppen gehen? Für den Großteil der Berliner ist das wegen der gestiegenen Mieten-, Energie- und Lebensmittelkosten schlichtweg nicht mehr drin. Besonders Produkte, die nicht zwingend zum täglichen Leben benötigt werden, wie zum Beispiel Mode-, Sport- und Freizeitartikel, bleiben deshalb in den Regalen liegen.
Hinzu kommt der Druck durch den Online-Handel. Von Elektronik über Bücher und Möbel bis hin zu Kosmetik und Lebensmitteln lässt sich heute alles vom Sofa aus bestellen und wird (z. B. von Amazon, Wolt oder Flink) noch am selben Tag geliefert - einige Artikel sogar an Sonn- und Feiertagen. Sich selbst ins Auto setzen und durch die City schlendern ist so gar nicht mehr nötig und günstiger ist das Online-Shoppen in vielen Fällen auch noch.
Politik: (Mehr) Sonntagsöffnungen müssen her
In so gut wie allen internationalen Großstädten sind die Geschäfte auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Bis auf wenige Ausnahmen (Verkaufsoffener Sonntag in Berlin) ist das in Berlin jedoch undenkbar. Dadurch stehen Berliner und Touristen, die an Sonntagen durch die City flanieren oder dringend etwas besorgen müssen, vor verschlossenen Türen. Ökonomisch gesehen ist das mehr als problematisch. Das Geld fließt so nicht in die Kassen der Berliner Händler, wo es dringend benötigt würde, sondern wird gespart oder online ausgegeben.
Der Handelsverband Berlin-Brandenburg (HBB) setzt sich deshalb schon lange für einen selbstbestimmten Sonntag ein. Händler, die mögen, sollen ihre Geschäfte auch sonntags öffnen dürfen und Verkäufer sollen selbst entscheiden können, ob sie an Sonntagen arbeiten und sich die Zuschläge sichern wollen oder eben nicht. So könnten Berliner und Auswärtige sonntags entspannt shoppen gehen oder Besorgungen machen und die Händler könnten ebenfalls von dem zusätzlichen Verkaufstag profitieren.
Eine grundsätzliche Änderung hin zu generellen Sonntagsöffnungen ist nicht in Sicht. Hier ist die Politik gefragt. Allerdings geht Verdi gegen jeden verkaufsoffenen Sonntag vor. Ob sich hier über kurz oder lang etwas ändert, bleibt abzuwarten. Händler haben diese Zeit jedoch nicht und müssen deshalb nach anderen Wegen suchen, sich selbst für Kunden attraktiver zu machen und dem Online-Handel die Stirn zu bieten.
Strategien für den stationären Handel: Online-Shop, lokale Werbung und WhatsApp
Einfach so weitermachen und versuchen durch Einsparungen am Personal, Produkt oder Service über die Runden zu kommen, ist für Händler keine gute Idee und führt oft zu noch mehr Problemen. Viel wichtiger ist es, die Situation wie sie ist, anzunehmen und sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen bzw. richtig darauf zu reagieren.
Eigenen Online-Shop eröffnen
Wer als Berliner Händler noch keinen Online-Shop hat, sollte spätestens jetzt darüber nachdenken. Dazu muss man es nicht mit Amazon oder dem chinesischen Versandriesen Temu aufnehmen und seine Produkte deutschlandweit versenden. Diesen Kampf kann man als kleiner Händler nur verlieren. Viel besser und günstiger ist es, lokal zu denken und dem Kunden aus Mitte oder Prenzlauer Berg, der abends vom Sofa aus shoppen möchte, eine Online-Bestellmöglichkeit anzubieten. Vielleicht sogar mit eigenem Versand ins Büro und nach Hause oder einer Click & Collect-Option. Letztere bringt den Kunden als Bonus in den Laden, wo sich zur bestellten Jeans vielleicht noch ein Gürtel oder T-Shirt gesellt. Lesen Sie dazu auch: Berliner Firmen gehen ins Internet
Lokale (Online-)Werbung schalten
Klassische Zeitungsanzeigen sind tot und Flyer im Briefkasten landen oft ohne Umwege im Papiermüll. Was dem stationären Handel bleibt, ist Online-Werbung. Ein effektiver Weg ist ein eigenes Profil auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder Facebook anzulegen, dieses mit zur jeweiligen Zielgruppe passenden Inhalten zu bespielen und es mit lokalen Anzeigen zu bewerben. Google, TikTok, Meta & Co. bieten hierfür Targeting-Optionen an, mit denen sich Kunden im Umkreis von einem oder wenigen Kilometern ansprechen lassen. Wichtig ist, die Kunden nicht mit generischer Werbung anzusprechen, sondern nach Möglichkeit eine Story zu erzählen, die sich auf das Kiez oder aktuelle Ereignisse bezieht.
Eine weitere Werbemöglichkeit bieten lokale Facebook-Gruppen. Was hier jedoch nicht gerne gesehen wird, ist Spam. Besser ist es deshalb nicht direkt mit der Tür ins Haus zu fallen ("Kauf bei mir!"), sondern sich dezent in Diskussionen einzubringen. Fragt zum Beispiel jemand, wo er guten Wein bekommt, kann man schreiben: "Ich habe im Laden gerade einen Primitivo offen. Komm doch vorbei und probier mal, ob er dir schmeckt."
WhatsApp als Marketingkanal nutzen
Klassische Newsletter landen oft im Spam oder werden wie Werbeflyer einfach ungesehen gelöscht. Eine Alternative bietet der Messenger WhatsApp. Die Nachrichten werden in über 80 Prozent der Fälle gelesen - meistens innerhalb von 5 Minuten nach dem Versand. Für den stationären Handel ergeben sich daraus große Chancen. Sie können zum Beispiel:
- Kunden per Notification über aktuelle News und Deals informieren.
- Beratung via WhatsApp-Chat anbieten (wahlweise mithilfe von KI-Chatbots).
- Aufträge oder Termine über WhatsApp abstimmen (ebenfalls per KI-Chatbots).
- einen eigenen WhatsApp-Kanal starten und via Feed über Aktionen informieren.
Achtung: DSGVO-Falle vermeiden
Einfach so vom privaten Smartphone alle Kontakte anschreiben ist keine gute Idee. Das ist erstens illegal (Datenschutz) und zweitens von WhatsApp nicht gern gesehen. Händler sollten sich deshalb immer einen WhatsApp-Business-Account anlegen und vor dem Versand von Nachrichten darauf achten, dass sich die Empfänger per Double-Opt-In zum Empfang von Werbung oder Infos bereiterklärt haben. Tools, mit denen sich der Account auch für kleine Händler gut managen lässt, gibt es wie Sand am Meer und oft schon für wenige Euro.
Service optimieren und Aktionen planen
Online-Marketing ist wirksam, oft lohnt es sich aber, zuerst bei den Basics wie dem Service anzusetzen. Der sollte freundlich, kompetent und bei jedem Besuch eines Kunden sofort präsent sein, inklusive persönlicher Begrüßung und kleinen Extras wie einem Espresso oder Kaltgetränk. Bei beratungsintensiven Produkten, vor allem im Bereich Mode, sollte auch an den Partner gedacht werden. Eine kleine Lounge-Ecke mit Zeitschriften und Getränken im Modeladen für den Mann oder die Freundin ist heute schon fast Pflicht.
Neben dem Service können Händler auch mit Aktionen punkten. Ein Late-Night-Shopping mit Snacks und Drinks ist zum Beispiel eine gute Idee oder ein Workshop im Fahrradladen, in dem Kunden vom Profi erklärt bekommen, wie sie ihre Gangschaltung richtig einstellen oder ihr Bike fit für die neue Saison machen. Ebenfalls eine gute Idee: Kooperationen mit anderen Läden aus dem Kiez. So wirbt einer für dnr anderen und alle profitieren.
Weiterführende Informationen und Quellenangaben:
- Wer sich grundsätzlich informieren möchte wie man zum Beispiel WhatsApp im Marketing zielführend einsetzt, kann sich auf den Hilfeseite von WhatsApp Business einlesen:
https://faq.whatsapp.com/641572844337957/?locale=de_DE - Auf zum Beispiel https://chatarmin.com/blog/whatsapp-marketing-software-vergleich erhalten Geschäftsleute einen Überblick über moderne WhatsApp Marketing Software.
- Der Handelsverband Deutschland prognostiziert für 2026 für den stationäre Einzelhandel im Vorjahresvergleich ein nominales Umsatzplus von 1,6 Prozent. Für den Onlinehandel rechnet er mit einer Umsatzsteigerung um 4,4% wie diese Grafiken verdeutlichen:
https://einzelhandel.de/presse/zahlenfaktengrafiken/1022-konjunktur/3314-umsatzentwicklung-im-einzelhandel Sicher wird in einigen Branchen der Umsatz im stationären Einzelhandel aber eher rückläufig sein. Der Trend zum Online Shopping wird sich sicher weiter fortsetzen.