Berliner Einzelhandel im Wandel
Wer heute durch die Friedrichstraße flaniert, die Schlossstraße in Steglitz entlangbummelt oder einen Abstecher in die Seitenstraßen des Kurfürstendamms macht, merkt: Das Gesicht Berlins verändert sich. Traditionsnamen verschwinden von den Fassaden, Schaufenster sind mit Packpapier zugeklebt, Schilder mit "Räumungsverkauf" und "Wir schließen" sind allgegenwärtig.
Warum der Berliner Einzelhandel in der Krise steckt - und was er jetzt tun kann
Überall wird deutlich, dass der Einzelhandel in Berlin und Brandenburg knietief in der Krise steckt. Die Gründe sind vielfältig und reichen von den gestiegenen Kosten für Mieten und Personal über schrumpfende Umsätze bis zur ständigen Konkurrenz durch große Ketten und den Online-Handel. Um zu überleben, muss sich der Handel an die heutigen Gegebenheiten anpassen. Doch auch die Politik ist in der Pflicht, wenn die Berliner Einkaufsmeilen nicht aussterben sollen.
Auf einen Blick
- Der stationäre Handel in Berlin steckt in einer tiefen Krise und wird von immer neuen Insolvenzmeldungen erschüttert.
- Gründe sind die teils exorbitant hohen Mieten, die gestiegenen Personal- und Energiekosten und die allgemeine Kaufzurückhaltung.
- Sonntagsöffnungen, die für mehr Umsatz sorgen könnten, sind durch den Widerstand von Verdi & Co. in absehbarer Zeit kein Thema.
- Statt den Laden zu öffnen und auf Kunden zu warten, müssen Händler aktiv werden: Online-Shop, digitale Kanäle wie Instagram und WhatsApp und clevere Aktionen holen neue Kunden in die Läden.
Das große Ladensterben: Der Berliner Handel steckt in der Krise
Im Berliner Einzelhandel kriselt es an allen Ecken. Betroffen sind längst nicht mehr nur die kleinen Boutiquen, die ohnehin ums Überleben kämpfen. Auch weit über Berlins Stadtgrenzen hinaus bekannte Namen, die Einheimische wie Touristen in die City zogen, haben heute zu kämpfen, stehen vielfach vor dem Aus oder mussten bereits dauerhaft schließen.
Eines der prominentesten Opfer sind die Galeries Lafayette an der Friedrichstraße. Das französische Luxuskaufhaus schloss bereits Ende Juli 2024 die Pforten seines 1996 von Stararchitekt Jean Nouvel entworfenen Glaspalastes. Das Problem: Mit dem Lafayette verloren auch viele kleine Einzelhändler in der Nähe einen wichtigen Frequenzbringer.
Auch in der City West macht sich die Krise bemerkbar. Hier traf es mit Möbel Hübner kürzlich eine echte Institution. Nach 117 Jahren gehen in dem 14-stöckigen Möbelhaus in der Genthiner Straße, wo schon Generationen von Berlinern ihre erste Couch gekauft haben, die Lichter aus. Grund auch hier: sinkende Umsätze, gestiegene Energiekosten und die immer stärkere Konkurrenz durch den Online-Handel.
Dieses Bild setzt sich quer durch alle Branchen fort. 2025 traf es den seit über 100 Jahren bestehenden Charlottenburger Feinkosthandel Rogacki, aktuell den auch mit einer großen Berliner Filiale vertretenen Modehändler Wormland. Und auch für 2026 erwarten Wirtschaftsexperten eine Fortsetzung der Insolvenzwelle.
Einnahmen, Ausgaben: Die Rechnung geht für den Einzelhandel nicht mehr auf
Händler müssen Gewinne erwirtschaften, um Mieten und Mitarbeiter zu bezahlen und selbst zu leben. Über viele Jahrzehnte war das möglich. Heute geht die Rechnung in vielen Fällen nicht mehr auf und zwingt einst florierende Unternehmen in die Knie. Verantwortlich sind vor allem diese Faktoren:
- Explodierende Mieten: Für Händler ist Berlin zu einem teuren Pflaster geworden. Die Mieten für Gewerbeobjekte sind regelrecht explodiert - und das nicht nur in 1A-Lagen wie am Tauentzien, wo der Quadratmeter bis zu 300 Euro kostet. So mancher Händler zahlt für seinen vergleichsweise kleinen Laden 4.000 Euro und mehr Miete pro Monat, die erst einmal erwirtschaftet werden müssen.
- Hohe Energiekosten: Für Strom und Gas zahlen Berliner im Vergleich zum Niveau vor dem russischen Angriffskrieg rund 124 Prozent mehr. Allein diese Steigerung frisst bei vielen Händlern die ohnehin knappe Marge komplett auf.
- Gestiegene Personalkosten: Der Anstieg des Mindestlohns kommt zu den anderen Kostensteigerungen hinzu. Von 9,50 Euro im Januar 2021 ist er im Januar 2026 auf 13,90 Euro gestiegen - rund 40 Prozent mehr. Die nächste Steigerung auf 14,40 Euro steht im Januar 2027 an.
- Konsumflaute und Online-Handel: Wegen gestiegener Miet-, Energie- und Lebensmittelkosten sitzt das Geld bei vielen Berlinern nicht mehr locker. Besonders Mode-, Sport- und Freizeitartikel bleiben liegen. Hinzu kommt der Online-Handel: Von Elektronik über Bücher und Möbel bis zu Kosmetik und Lebensmitteln lässt sich heute alles vom Sofa bestellen - oft günstiger und noch am selben Tag geliefert.
Politik: (Mehr) Sonntagsöffnungen müssen her
In fast allen internationalen Großstädten sind die Geschäfte auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet. In Berlin ist das - bis auf wenige Ausnahmen wie den verkaufsoffenen Sonntag in Berlin - undenkbar. Berliner und Touristen, die sonntags durch die City flanieren oder dringend etwas besorgen müssen, stehen vor verschlossenen Türen. Das Geld fließt so nicht in die Kassen der Berliner Händler, sondern wird gespart oder online ausgegeben.
Der Handelsverband Berlin-Brandenburg (HBB) setzt sich deshalb seit Langem für einen selbstbestimmten Sonntag ein: Händler sollen sonntags öffnen dürfen, wenn sie möchten, und Verkäufer selbst entscheiden, ob sie an Sonntagen arbeiten und sich die Zuschläge sichern.
Eine grundsätzliche Änderung hin zu generellen Sonntagsöffnungen ist jedoch nicht in Sicht - Verdi geht gegen jeden verkaufsoffenen Sonntag vor. Händler haben diese Zeit nicht und müssen andere Wege finden, um attraktiver zu werden und dem Online-Handel die Stirn zu bieten.
Strategien für den stationären Handel: Online-Shop, lokale Werbung und WhatsApp
Einfach weitermachen und durch Einsparungen bei Personal, Produkt oder Service über die Runden zu kommen, führt oft zu noch mehr Problemen. Wichtiger ist, die Situation anzunehmen und sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen.
Eigenen Online-Shop eröffnen
Wer als Berliner Händler noch keinen Online-Shop hat, sollte spätestens jetzt darüber nachdenken. Dazu muss man es nicht mit Amazon oder Temu aufnehmen - diesen Kampf verliert ein kleiner Händler ohnehin. Besser und günstiger ist es, lokal zu denken und dem Kunden aus Mitte oder Prenzlauer Berg eine Online-Bestellmöglichkeit anzubieten, vielleicht mit eigenem Versand oder einer Click-&-Collect-Option. Letztere bringt den Kunden als Bonus in den Laden, wo sich zur bestellten Jeans vielleicht noch ein Gürtel gesellt. Lesen Sie dazu auch: Berliner Firmen gehen ins Internet.
Lokale (Online-)Werbung schalten
Klassische Zeitungsanzeigen sind tot, Flyer landen oft im Papiermüll. Was dem stationären Handel bleibt, ist Online-Werbung. Ein eigenes Profil auf Instagram, TikTok oder Facebook, bespielt mit zur Zielgruppe passenden Inhalten und beworben mit lokalen Anzeigen, ist ein effektiver Weg. Google, TikTok, Meta & Co. bieten Targeting-Optionen, mit denen sich Kunden im Umkreis weniger Kilometer ansprechen lassen. Wichtig: nicht generisch werben, sondern eine Geschichte erzählen, die sich auf den Kiez oder aktuelle Ereignisse bezieht.
Eine weitere Möglichkeit bieten lokale Facebook-Gruppen. Nicht gern gesehen wird dort Spam. Besser, als direkt mit der Tür ins Haus zu fallen ("Kauf bei mir!"), ist es, sich dezent in Diskussionen einzubringen. Fragt jemand, wo er guten Wein bekommt, kann man schreiben: "Ich habe im Laden gerade einen Primitivo offen. Komm doch vorbei und probier mal, ob er dir schmeckt."
WhatsApp als Marketingkanal nutzen
Klassische Newsletter landen oft im Spam oder werden ungesehen gelöscht. Eine Alternative ist der Messenger WhatsApp: Die Nachrichten werden in über 80 Prozent der Fälle gelesen, meist innerhalb von fünf Minuten nach dem Versand. Für den stationären Handel ergeben sich daraus große Chancen. Sie können zum Beispiel:
- Kunden per Notification über aktuelle News und Deals informieren.
- Beratung via WhatsApp-Chat anbieten (wahlweise mithilfe von KI-Chatbots).
- Aufträge oder Termine über WhatsApp abstimmen (ebenfalls per KI-Chatbots).
- einen eigenen WhatsApp-Kanal starten und über den Feed über Aktionen informieren.
Achtung
DSGVO-Falle vermeiden
Einfach vom privaten Smartphone alle Kontakte anzuschreiben, ist keine gute Idee - das ist illegal (Datenschutz) und von WhatsApp nicht gern gesehen. Händler sollten immer einen WhatsApp-Business-Account nutzen und vor dem Versand darauf achten, dass sich die Empfänger per Double-Opt-In zum Empfang von Werbung oder Infos bereiterklärt haben. Passende Tools gibt es wie Sand am Meer, oft schon für wenige Euro.
Service optimieren und Aktionen planen
Online-Marketing ist wirksam, oft lohnt es sich aber, zuerst bei den Basics wie dem Service anzusetzen. Der sollte freundlich, kompetent und bei jedem Besuch sofort präsent sein - inklusive persönlicher Begrüßung und kleiner Extras wie einem Espresso oder Kaltgetränk. Bei beratungsintensiven Produkten, vor allem im Bereich Mode, sollte auch an die Begleitung gedacht werden: Eine kleine Lounge-Ecke mit Zeitschriften und Getränken ist heute fast Pflicht.
Neben dem Service können Händler mit Aktionen punkten. Ein Late-Night-Shopping mit Snacks und Drinks ist eine gute Idee, ebenso ein Workshop im Fahrradladen, in dem Kunden vom Profi erklärt bekommen, wie sie ihre Gangschaltung einstellen oder ihr Bike fit für die Saison machen. Ebenfalls sinnvoll: Kooperationen mit anderen Läden aus dem Kiez - so wirbt einer für den anderen und alle profitieren. Einen Überblick über die Einkaufsmöglichkeiten in Berlin finden Sie auf der Hauptseite von unserem Shoppingbereich.
Weiterführende Informationen und Quellen
- Grundlagen dazu, wie man WhatsApp im Marketing zielführend einsetzt, erklären die Hilfeseiten von WhatsApp Business:
https://faq.whatsapp.com/641572844337957/?locale=de_DE - Einen Überblick über moderne WhatsApp-Marketing-Software bietet zum Beispiel:
https://chatarmin.com/blog/whatsapp-marketing-software-vergleich - Der Handelsverband Deutschland prognostiziert für 2026 im stationären Einzelhandel ein nominales Umsatzplus von 1,6 Prozent, im Onlinehandel von 4,4 Prozent:
https://einzelhandel.de/presse/zahlenfaktengrafiken/1022-konjunktur/3314-umsatzentwicklung-im-einzelhandel - Auch 2026 haben einige Berliner Einzelhändler aufgegeben - so hat das große Flamme Möbelhaus in Berlin-Spandau im Juni 2026 geschlossen.
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