Cafe Sibylle in Berlin

Cafe Sibylle in Berlin
Straßenansicht des Cafes Sibylle in der Berliner Karl-Marx-Allee - Foto: © -wn-

Das Café wurde dauerhaft geschlossen!

Das Cafe Sibylle in Berlin hat eine lange und interessante Geschichte. Natürlich kann man im Cafe in der Karl-Marx-Allee auch gut essen.

Das Cafe "Sibylle": Als Mutti früh zur Arbeit ging, wo blieb denn da das Kind?

Das Lied hört sich nach Aschenputtel an, zumindest nach Vernachlässigung der elterlichen Aufsichtspflicht. Was mag sich der renommierte deutsche Komponist Kurt Schwaen (1909-2007; 1999 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse) mit seinem 1951 selbst gedichteten und dann vertonten Lied für Singstimme und Klavier "Wenn Mutti früh zur Arbeit geht, dann bleibe ich zu Haus ..." gedacht haben? War er von der (ökonomisch unumgänglichen) Gleichberechtigung der Frau in der DDR so beeindruckt, dass er sich das sechszeilige Liedchen einfallen ließ, in dem nun allerdings die Mutti zugunsten des Jobs ihr Kind eines Tages allein in der Wohnung zurücklässt? Das vor Jahren beliebte Lied wirft bei genauem Hinhören die Frage auf: Was wird mit dem Kind, nachdem sich Mutti auf den Weg machte? Was wäre, käme es im Haus zum Brand? Oder das Kind stolperte, schlüge hin und bliebe hilflos liegen? "Ich binde eine Schürze um und feg die Stube aus", erklärt der anstellige Sprössling, obwohl er offenbar noch gar kein zur Hilfsbereitschaft vergatterter Thälmannpionier ist. Das Kind ist überdies ein Mädchen. Denn es heißt in der dritten Strophe: "Ich habe auch ein Puppenkind, das ist so lieb und fein. / Für dieses kann ich ganz allein die richt'ge Mutti sein." Wo aber ist Vati? Gibt es überhaupt einen? Ließ sich die emanzipierte Mutter scheiden? Oder muss der Gatte am Morgen ganz früh raus? Ging er auf Dienstreise, wurde er eventuell zu einer mehrtägigen Übung der "Kampfgruppe der Arbeiterklasse" eingezogen (1953 gegründet)? Zumindest kann vermutet werden, dass Kurt Schwaens putzige Schöpfung mit der ausgerufenen "Gleichberechtigung der Frau" in einem Zusammenhang steht, die zum Gründungmythos der DDR gehört.

Die Frauen des Landes waren gegenüber den Männern gleichberechtigt und frei in vielen ihrer Entscheidungen. Obwohl es den meisten Damen kaum an weiblicher Schönheit mangelte, war nun Schluss mit dem ehemals minnehaften Lobpreis des "schwachen Geschlechts". Gar in der jüdisch-christlichen Bibel, in der die Frau mit einer "lieblichen Gazelle und einem holdseligen Reh" verglichen wird, an deren Anmut der Mann sich "allzeit sättigen und ergötzen" soll (Sprüche Salomos 5,18). Heute würde der David-Sohn Salomo (989 bis 931v.Chr.) staunen wahlweise darüber entsetzt sein, wie Frauen ihr Tun und Treiben in der Gesellschaft begreifen. Schrieb doch 2016 die Autorin Cathrin Gilbert (geb. 1985) in couragiertem Ton - und nicht für die Kleinkunstbühne, sondern in der ZEIT: "Jüngere Frauen setzen heute bewusst ihren Charme ein, auch daran finden wir nichts Verwerfliches. Wir spielen mit einer Mischung aus Naivität, Verletzbarkeit und Härte. Geben wir in einem Moment noch das Püppchen, werden wir im nächsten zum Raubtier."

1879: August Bebel publiziert sein Buch "Die Frau und der Sozialismus"

So locker und lustig konnte auch der "Frauenkenner" August Bebel (1840-1913) das Tun und Lassen der Damen nicht betrachten. Im Alter von 39 Jahren steht der spätere "Vater der deutschen Sozialdemokratie" auf einem ersten Höhepunkt seines politischen Lebens. 1879 nämlich erscheint sein bald berühmt werdendes und inzwischen in mehr als 20 Sprachen übersetztes Buch "Die Frau und der Sozialismus". Schade, dass der Autor den emanzipatorischen Aufbruch der ostdeutschen Frauen nicht erleben konnte. Denn einiges von dem, was er in seinem Buch prognostiziert, trat tatsächlich ein. So schrieb er: "Die Frau der neuen Gesellschaft ist sozial und ökonomisch vollkommen unabhängig, sie ist keinem Schein von (männlicher) Herrschaft und Ausbeutung mehr unterworfen, sie steht dem Manne als Freie, Gleiche gegenüber und ist Herrin ihrer Geschicke." Wenn nun die ostdeutschen Frauen schon keine bürgerlichen Muttels und Puttels mehr waren und meist wie ihre männlichen Partner einer Arbeit nachgingen, so blieb ihnen aber doch die Belastung einer "zweiten Schicht" zu Hause. Und es wurden ihnen noch weitere Felder schöpferischen Tuns angetragen. 1962 etwa wird in Berlin die Mode-Zeitschrift Sibylle mit dem Hintergedanken gegründet, dass sich Frauen aufgrund der schwierigen Lage in der Textilindustrie Teile ihrer Oberbekleidung selbst herstellen. Vermutlich blickte man dabei auch nach Polen, wo es eine regelrechte Selbstnähbewegung unter den Frauen gab. Das was viele Polinnen auf der eigenen Nähmaschine herstellten, konnte man unbedingt elegant nennen. So versteht sich auch der bekennende Ausruf des "Bettelstudenten" Symon Rymanowicz in der gleichnamigen Oper des österreichischen Komponisten Carl Joseph Millöcker (1842-1899): "Der Polin Reiz bleibt unerreicht!" Und es ist wohl auch dabei geblieben.

Die von Anfang an Aufsehen erregende Sibylle war das Gegenstück zur illustrierten Zeitschrift "Die Frau von heute", die von 1946 bis 1962 erschien. Diese publizierte Porträts von Frauen, die sich nach dem propagandistischen Slogan "Seht, was aus uns geworden ist!" als fortschrittliche Zeitgenossinnen in Szene setzen. Die Sibylle hingegen enthielt sich weitgehend eines so plakativen Patriotismus' und punktete eher mit schönen Frauen und pfiffig-eleganter Fashion. Die sechs Ausgaben pro Jahr (je 200 000 Exemplare) verkaufen sich deshalb schnell. Den Namen hat die Zeitschrift von ihrer Gründerin, der Kostümbildnerin, Malerin und Modejournalistin Sibylle Boden-Gerstner (1920-2016). Keine fünf Jahre vergehen, bis die banausischen Genossen des Zentralen Wächterrates am Berliner Werderschen Markt ein erstes Veto einlegen: Sibylle Boden-Gerstner wird vorgeworfen, in den Modefotos der sozialistischen Lebensart nicht genügend Raum zu geben und auf einigen Bildern sogar ins "unpolitisch Französisierende" abzuweichen. Angesichts dieses orthodoxen, nicht korrigierbaren Blödsinns verlässt die aus einer jüdischen Familie stammende Frau 1961 und im Alter von 41 Jahren die Redaktion. Diese muss nun ein paar intelligente Kompromisse machen, um weiter zu bestehen. Man zeigte nun hin und wieder Fotos von Frauen, die der "Frau von heute" entnommen schienen.

Geschichte des Cafe Sibylle - Aus einer "Milchtrinkhalle" entsteht das bis heute geöffnete Cafe

Sechs Jahre nach ihrem ersten Erscheinen wird in Berlin ein Cafe gleichen Namens eröffnet. In seinen Räumen im Erdgeschoss des Hauses Stalinallee 72 befand sich ab 1952 zunächst eine "Milchtrinkhalle" nach dem Vorbild einer solchen Verkaufseinrichtung in Warschau. Am 11. Mai 1952 schrieb das Neue Deutschland freudig: "Eine weitere Neuheit für Berlin ist die Milchtrinkhalle, eine Einrichtung, die der Warschauer Bevölkerung als Milchbar bekannt und nicht mehr wegzudenken ist aus ihrem täglichen Leben. Hier (in Berlin) gibt es Milchgetränke aller Art: Frischmilch, Kefir, Yoghurt, Kakaomilch, Schokolade, Buttermilch, Sahne, Milch mit Honig, Zitrone und mit Fruchtsaft." Später wird die "Milchtrinkhalle" in den Rang einer Milchbar erhoben. (Nicht zu verwechseln mit der Mokka-Milch-und-Eis-Bar im Haus Karl-Marx-Allee 35 neben dem Kino International.)

Anfang der 1960er Jahre wandelt sich die Halle zum Cafe Sibylle, so wie wir es heute kennen. Das Internetportal "Geschichtswerkstatt Stalinallee" weist auf glückliche bauliche Umstände hin: "Durch die sensible Sanierung der Karl-Marx-Allee Ende der 90er Jahre blieb die Kombination aus Gemütlichkeit und sachlicher Strenge, die den Charme des Cafes ausmacht, erhalten." Der eintretende Gast findet dies bestätigt, hat er doch angesichts des Buchangebotes und der gut bestückten Zeitungsständer den Eindruck, in ein Lesekaffee gekommen zu sein. Warmfarbiges braunes Gestühl an kombinierbaren quadratischen Tischen füllt den länglichen Raum, in dem sich auch eine Theke befindet. Nebenan gibt es eine Ausstellung aus der Zeit der 1950er Jahre, in denen die Stalinallee gebaut wurde. Das originellste Exponat der Ausstellung ist ein Brocken vom Schnurrbart Stalins, dessen Statue in der Nacht vom 13. auf den 14. November 1961 heimlich geschleift wurde. Die Ausstellung zeigt weiter die Kopie eines Protestbriefes, den der Vorsitzende der Betriebsgewerkschaft der Baustelle des nahen Krankenhauses Friedrichshain, Max Bruno Fettling (1907-1974), an den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl (1894-1964) richtete und auch persönlich überbrachte. In dem für ihn verhängnisvollen Schreiben heißt es: "Unsere Belegschaft ist der Meinung, dass die zehnprozentige Normerhöhung für uns eine große Härte ist. Wir fordern, dass von dieser (angekündigten) Normerhöhung Abstand genommen wird." Der Brief trug ihm eine zehnjährige Zuchthausstrafe ein - "wegen lange organisierter Agententätigkeit"; nach vier Jahren wurde er "auf Bewährung" entlassen. Der Platz vor dem Krankenhaus trägt seit 2011 seinen Namen.

Im Cafe sollten damals werktätige Frauen mit eigenen Modeschöpfungen auftreten. Zum Beispiel am Vorabend des alljährlichen Frauentages. 1969 findet im Cafe eine Modenschau statt, über die die Berliner Zeitung berichtet: "Hier konnten Frauen ihr Selbstgeschneidertes einer kritischen Jury vorführen. ... Vorgeführt wurden Abendkleider, Tageskleider und Hosenanzüge aus den verschiedensten Materialien." Es gab als ersten Preis einen Mantelwollstoff im Wert von 125 Mark. Ihn erhielt die Berlinerin Irene Fischer für ein Abendkleid aus knitterarmem Wollgeorgette mit Perlenstickerei. Margit Broy, eine Schülerin der 8. Oberschule Pankow, beeindruckte die Jury mit einem selbstgeschneiderten jugendlichen Tanzkleid aus weißer Spitze. Das war noch nicht alles zum Thema Freizeitgestaltung der emanzipierten Frauen. Von ihnen wurde die Teilnahme an weiteren politischen Kampagnen erwartet. Sie sollten das sozialistische Leben in selbst verfassten Werken beschreiben. Dazu gab es die im chronischen Dilettantismus verfangenen "Zirkel schreibender Arbeiter". In einer Text-Anthologie eines solchen Aufschreib-Klubs im ehemaligen Berliner Kabelwerk Oberspree schreibt die Autorin Ursula-Maria Hanisch über die Schwierigkeiten beim Abfassen von Texten: "Wo schreibt nun heute eine schreibende Arbeiterin? Während der Arbeitszeit ist nichts drin. Einmal wärs unmoralisch, zum anderen unmöglich. Während (abends in der Wohnung) alles mit Tee, Keksen und "Goldy" (Weinbrand Goldkrone oder Hundefutter) versorgt ist, erledige ich die bunte Wäsche, koche für den nächsten Tag einen Eintopf vor ... Immer noch auf ein stilles Stündchen hoffend, um die Schreibmaschine in Gang setzen zu können... An meiner größeren Erzählung kann ich vielleicht heute Abend weiterschreiben, denn übermorgen ist Zirkel und ich will nicht mit leeren Händen dort erscheinen." So sollte große Literatur entstehen.

Die Mode-Photographien der Sibylle sind deutsches Kulturgut

Wer in den Jahrgangsbänden der Sibylle blättert, wird vermutlich erkennen: Mit ihrer qualifizierten Modefotografie erfüllte die aparte Zeitschrift die ihr zugewiesene Funktion des Entfachens einer Selbstnähbewegung kaum. Liest man doch heute auch über sie, ihre Darstellungen hätten wenig mit der Wirklichkeit der DDR zu tun gehabt. Und tatsächlich: Sie entpuppte sich vielmehr als ein Periodikum, das weit über eine Anleitung zum Gebrauch von Nadel und Faden hinausging. Der Betrachter erkennt in den Bildern zwar diesen oder jenen einfallsreichen modischen Effekt - die Fotos spenden aber vor allem das Verlangen aus nach Individualität und selbstbestimmtem Leben - nach Freiheit. Man sieht, was sonst, schöne Frauen und Mädchen, deren Gestus zuweilen ernst scheint, der gelegentlich verhalten lächelnd ist, fragend auch, in sich ruhend, gescheit und ironisch; mitunter glaubt man den Anklang dieses verfemten "französisierenden" Verlangens zu spüren - das die verklemmten Zentralen Wächter inkriminierten. Es tritt uns eine mit ungekünstelter Eleganz verwobene weibliche Anmut entgegen, die sich von der Einfalt des Püppchens wie auch von der Gefühlskühle der Amazone eindringlich unterscheidet. Die Photographien gehören deshalb zum deutschen Kulturgut. Über dessen Wirkungen schrieb einst Friedrich Schiller (1759-1805), dass die "Lust am Schönen, am Rührenden, am Erhabenen unsre moralischen Gefühle (stärkt), wie das Vergnügen am Wohltun, an der Liebe ... alle diese Neigungen stärkt." Man kann ihm dies wohl glauben.

In der ersten Hälfte der 1970er Jahre wird eine Frau bekannt, die ein Leben lang von ihrem Recht auf Arbeit Gebrauch gemacht hat. Sie ist zu sehen auf dem berühmten Bild "Die Ausgezeichnete" des Malers der Leipziger Schule Wolfgang Mattheuer (1927-2004). Das Gemälde zeigt eine vereinsamte Frau am Ende ihres Arbeitslebens. Sie sitzt mit bleichem verhärmten Gesicht und streng gekämmten Haaren an einem langen leeren weiß bespannten Tisch; die Hände liegen auf dem unsichtbaren Schoß. Vor ihr ein magerer Tulpenstrauß. Dass dieses Bild für eine Kunstaustellung zugelassen wurde, mag daran liegen, dass man es verschiedenen lesen kann. Die Zulassungskommission erblickte eine Frau nach einem erfüllten Leben für den sozialistischen Aufbau, wo hingegen es doch offensichtlich ein gescheitertes Leben zeigt. Man kann daraus lernen, dass die emanzipatorischen Forderungen August Bebels im Buch "Die Frau und der Sozialismus" wichtige - aber letztlich nur Unterwegs-Ziele waren.

Im Februar 1995 erscheint die Sibylle zum letzten Mal. Sie sei "zu schön zum Überleben" gewesen, schrieb damals mit bitterer Ironie die ZEIT.

Wichtige Informationen über das Cafe Sibylle

Adresse:
Cafe Sibylle
Karl-Marx-Allee 72
10243 Berlin
Tel.: 030/ 29 35 22 03
E-Mail: info@cafe-sibylle.de

Verkehrsinformation:
Vom U-Bahnhof Strausberger Platz ist es wenigen Minuten zu erreichen.

Öffnungszeiten vom Cafe Sibylle

Montag: 11:00 Uhr - 18:00 Uhr
Dienstag - Sonntag: 10:00 Uhr - 18:00 Uhr

Es gibt freies Wlan
Das Cafe verfügt über einen Veranstaltungsservice u.a. für private und Firmenfeiern, für Jugendweihen sowie für Trauerfeierlichkeiten.
Text: -wn- / Stand: 18.05.2019

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