Als Medial-Claqueur im Café mo:ma / Beim Zweiten klatscht man besser

Zwischen dem fröhlichen "Applaus, Applaus, Applaus!" des Frosches Kermit aus der Muppet Show
Das ZDF-Morgenmagazin im Zollernhof
Eingang zum Zollernhof
Foto: © wn
und dem beseelenden Aufruf Edith Piafs (1915-1963) im Song "Bravo Pour Le Clown", die Zuschauer mögen den Spaßmacher in der Manege mit hinreichend Beifall belohnen - zwischen diesen beiden Gelegenheiten enthusiastischen Flachhandklatschens liegen Welten. Denn Applause klingen verschieden - meist jedoch sind sie eine "innige Anerkennung von dem Werth eines Gegenstandes, verbunden mit Interesse an demselben", erläutert schon die "Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste", Leipzig 1822.
Beispiel: Da beendet eine der besten Geigerinnen der Gegenwart (wenn nicht die beste),
Anne-Sophie Mutter (geb. 1963), mit zwei kräftig-gefühligen Strichen Beethovens geniales Violinkonzert D-Dur. Zurück bleibt im Publikum eine schweigende Seelenlage aus Freude und Frohmut, der Sekunden später massiv aufrauschender Beifall folgt, untermischt mit Bravo-Rufen - keinen affirmativen Pfiffen; die sind hier nicht üblich - so wie es hierzulande ebenso verpönt ist, eine Sinfonie nach jedem Satz zu "zerklatschen". Pfiffe der Lust gibt es, wenn die Entertainerin Andrea Berg (geb. 1966) in großer Halle ihre soundsovielte Zugabe abgesungen hat. Hier gibt es tosenden, tobenden Beifall, begleitet von Rufen, Pfiffen, Jauchzern. Man sieht nasse Augen. Szenen spielen sich ab, die mit freundlichem Tumult nur ungenau beschrieben sind. Nur Ohnmächtige hat es wohl noch nicht gegeben. Kurt Tucholsky (1890-1935) macht sich im März 1930 - als Peter Panter - in der Weltbühne einen Spaß daraus, die "Beifälle" in Theater und Konzert zu spezifizieren. Es erhielten Bassisten einen "mittleren, wenn auch riesigen Beifall; Sopranisten (einen) stürmischen Originalbeifall".
Altistinnen würden mit gewissem Jubel bedacht, Koloratursängerinnen "mit nicht-enden-wollendem Applaus" und Tenöre mit dem "aus Damenkehlen scharf ausgestoßenen Rufe: ‚Nimm mich hin beziehungsweise her!'"

Letztlich ist das alles Beifall aus eigenem Entschluss. Es gibt aber auch die erwartete, die bestellte Ovation, den organisierten Einsatz des Claqueurs.
Zu den berühmt-berüchtigtsten Claqueurs der europäischen Geschichte zählen die "Strickweiber Robespierres" - Megären mit jakobinischem Hintergrund. Strickend saßen sie auf der Empore des Pariser Nationalkonvents und beklatschten die Reden Robespierres (1758-1794), eines der Führer der radikalen Bergpartei.
Selbst vor der Guillotine auf dem Place de Grève jubelten sie frenetisch, wenn die abgetrennten Köpfe vermeintlicher Gegenrevolutionäre in den Halbkorb fielen. Der Schriftsteller Edward Stilgebauer (1868-1936) beschreibt sie als "junge und alte, hübsche und hässliche" Frauen in "rote Männerhosen, (sie) hatten die Trikolorenschärpen um ihre Brüste geschlungen und auf ihren unfrisierten Haaren wippten die roten (kegelförmigen) phrygischen Mützen." Die lautstarken "Strickweiber" unterscheiden sich sehr erheblich etwa von den devoten, normierten Gestalten auf den Parteitagen der ostdeutschen SED, von denjenigen Delegierten, die dort angespannt mit Zettelchen in den Händen saßen und während eines der ermüdenden Referate auf eine festgelegte Stelle warteten, um dann plötzlich auszurufen: "Unsere Genosse Erich Honecker - er lebe hoch" oder ähnliche Elogen von sich zu geben wie sie eben Autokraten mögen.

Beifall üben im mo:ma-Café des ZDF


Wie frei von solchen Pflichten ist man hingegen - so denkt man jedenfalls - als morgendlicher Gast im mo:ma-Café des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Die Lokalität befindet sich im Berliner Zollernhof Unter den Linden, in jenem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude, in dem zufällig eben jener Erich Honecker (1912-1994) 1946 seine politische Karriere als Mitbegründer der ostdeutschen Freien Deutsche Jugend (FDJ) beginnt.
Im mo:ma-Café ist von diesen Zeiten nichts mehr zu spüren. Hier hat man die einzigartige Möglichkeit, das Produzieren einer aktuellen Fernseh-Live-Sendung aus nächster Nähe zu verfolgen und dabei selbst, wenn auch schweigend, in Zwischenschnitten oder als zufälliger Teil des Hintergrundes auf dem Bildschirm zu erscheinen. Das kann einerseits persönliche Eitelkeit befriedigen, aber auch klar machen, dass man, zumindest am frühen Morgen, im Fernsehen so ziemlich sch… aussieht. Gebucht hat man für die Zeit von 8.25 Uhr bis 10.00 Uhr (siehe unten). "Sie werden plaziert", heißt es am Eingang des Cafés, das um diese Zeit zu einem temporären Studio umgebaut ist. Die Gäste kommen aus nah und fern. Eine Großmutter und der Enkel kamen mit einem Frühzug aus Fürstenwalde; um vier Uhr mussten sie aufstehen.
Das Ehepaar aus Charlottenburg kennt die Usancen im Studio, war schon einmal hier. Beide finden Moderator Wulf Schmiese so toll. Eine vierköpfige Frauengruppe wartet auch auf Einlass; man ist auffallend lustig - na, die werden doch wohl nicht.... In kleinen Gruppen wird man schließlich hineingeführt; jetzt geht es um die Farbe der eigenen Kleidung. Man wird im Studio mit seinem dominierenden orangenen Ton so verteilt, dass ein farbiges Ganzes entsteht und nicht schwarze oder rote Konzentrationen das Bild verwischen. Bald ist die Gesellschaft kameragerecht platziert. Die meisten Gäste wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie nicht nur dem öffentlichen Teil des ZDF-Morgenmagazins beiwohnen werden - sogar versorgt mit Kaffee, Saft und Happen. Sie erfahren nun aus dem Mund eines jungen Akklamations-Beauftragten des ZDF, dass sie einer von ihm liebenswürdig angemahnten applaudierenden Mitwirkungspflicht unterliegen.

Als Gegenleistung für das freundliche Willkommen bittet er um eine angemessene Probe gemeinschaftlichen Beifalls.
Man klatscht - vielleicht wie man es im Flieger nach glücklicher Landung höflicherweise tut oder wenn man sich beim Physiotherapeuten für die eben beendete Stunde mit angeleiteter Gymnastik bedankt.
Den ersten Klatschversuch lässt der junge Mann nicht gelten. "Ach, ich höre ja kaum was! Bitte noch einmal - und stärker!" Alle versuchen es erneut. Ein bisschen vernehmbarer war es schon. Nie und nimmer jedoch hat dieser Probebeifall etwa die frenetische Wucht der Beifallsstürme etwa in der ZDF-heute-Show. "Na, gut", sagt der Applaus-Trainer nachsichtig, "so machen wir das dann." In Rede steht die Beifallsbezeugung von soeben eingewiesenen Medial-Claqueuren, die jedoch - und das ist das Besondere - in Vorleistung treten müssen, denn noch hat sich nichts zugetragen, dessentwegen man in Jubel ausbrechen müsste.

Mit Dunja Hayali und Wulf Schmiese durch den mo:ma-Morgen


Die Uhr geht auf 8.28 Uhr. Und es öffnet sich die Tür des großen ZDF-Studios nebenan. Herein schiebt sich eine Studiokamera auf massivem Fahrstativ. Gleich dahinter kommt der Mann mir der Steadicam, die in einem Träger-System hängt, das auf seinen Hüften lastet. Die Kamera ist frei beweglich und überträgt verwacklungsarme Bilder. Auf einem der Bildschirme laufen jetzt digital angezeigte Sekunden auf null. Und dann geht es los. Wir sind im Fernsehen. Mit dem Beifall wird es nun ernst. Begrüßt werden die beiden Moderatoren der zweiten Schicht, die durch die zweite Hälfte des dreieinhalbstündigen Morgenmagazins führen. Das sind Dunja Hayali (geb. 1973), seit 2007 im Team, souverän und freundlich in Ansage und Gespräch, ja sogar noch ein bisschen mädchenhaft, und der erwähnte Wulf Schmiese (geb. 1967).
Man nimmt sie gerne an die beiden; sind sie doch weit davon ab, zu schwatzen und zu schwafeln und versuchen nicht,
mit sinnfreiem Dauergrinsen und flachen Witzen die Leute am Bildschirm anzubaggern. Und außerdem glotzt einen keine sabbernde Bulldogge an. Wulf Schmiese, Historiker und Journalist, wirkt vielleicht etwas betulich. Aber er ist klug, welterfahren und gehört zu den Journalistentypen, die fest daran glauben, dass ihre Botschaften die Welt retten werden. Natürlich weiß er, dass dieses Ansinnen wenig real ist - dass man aber ohne diese ungestillt bleibende Leidenschaft zu keiner nennenswerten journalistischen Leistung kommt. Es ist ihm in den Gesprächen darum zu tun, durch Erfragen und durch Sagen Licht in verworrene politische Verhältnisse zu bringen, bewusst im Hintergrund gehaltene Interessanlagen aufzudecken, damit es den Leuten möglich wird, das schwer Durchschaubare des politischen Lebens - wie Friedrich Hölderlin (1770-1843) im "Hyperion" sagt - "nach menschlicher Weise zu verstehen". Wulf Schmiese weiß auch, dass aller Anfang schwer ist. Als Neuling in der Sendung interviewte er 2010 in betont investigativer Manier den Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker (geb. 1920) zu geschichtlichen Fragen, und der Gefragte begann jede Antwort mit dem immer unwirscheren Vorbemerken "Ja, so war das aber nicht …" Die "Neugiersünden" (Goethe) des damaligen Newcomers sind überwunden. Das wichtige investigative Drängen hat sich bei ihm auf ein kluges Maß eingependelt. Neben der Fernseharbeit schreibt er jeden zweiten Mittwoch bei CICERO ONLINE, einem meinungsstarken Magazin für politische Kultur, "über politische Wünsche wie Warnungen, die leicht gesagt, aber nur schwer umzusetzen sind". Man gewinnt den Eindruck, dass dieses Morgenmagazin - wie das der ARD - auch Journalistenschulen sind. Immer nach den Nachrichten aus Mainz tritt der Diplom-Meteorologe Ben Wettervogel (geb. 1961) auf den Plan. In Wetterdingen ist er Profi. Wenn er auf die hohen und tiefen Druckgebiete, auf die Fronten, Wetter und Wolken zeigt, schnellt seine Rechte mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die Karte, als ob er dorthin schösse. Auch ist er kein Mann übersprühenden Humors und wagt sich schon gar nicht an Fachvokabel wie "arschkalt" und "flöckeln", die man weiland aus dem Mund des Tragikers Jörg Kachelmann (geb. 1958), damals ARD, vernahm.

Und immer wieder: "Es war nicht alles schlecht" in der DDR


Das Morgenmagazin dient auch der Programmwerbung des ZDF. Am Abend desselben Tages gibt es zwei Fernseh-Premieren.
Es läuft ein zweiter Teil der Sendung über die DDR mit einem Titel, den man als ironisch, verbissen verteidigend oder auch einfach als abgenutzt empfinden kann:
"Es war nicht alles schlecht". Der Wert der Sendung wird sich in Grenzen halten; neue Erkenntnisse brachte sie kaum. Eher schon das morgendliche mo:ma-Gespräch mit der Historikerin Dr. Anna Kaminsky. Die Wissenschaftlerin, die mit Publikationen zu Alltags- und Konsumkultur sowie zu Fragen der Erinnerungspolitik auf sich aufmerksam macht, hält nichts vom Aufrechnen guter und schlechter Seiten der DDR. Wulf Schmiese gießt ein bisschen Öl ins Feuer und bringt einen zunächst irritierenden Ausspruch des heutigen Leiters der Stasiunterlagenbehörde BStU Roland Jahn (geb. 1953) ins Gespräch. Im August 2011 hatte dieser erklärt: "Ich weiß, dass es auch ein schönes Leben in der DDR gab." Und das aus dem Munde jenes Mannes, den man 1983 hinterhältig aufs Wohnungsamt bestellt, wo ihn ein Stasi-Kommando festnimmt, in Knebelketten zum Grenzbahnhof Probstzella bringt und in das letzte Abteil des nächsten Interzonenzugs nach Bayern einschließt. Dr. Kaminsky bestätigt Roland Jahns Erinnerung, wonach es natürlich in der DDR gelegentlich auch ein "richtiges Leben im Falschen" gab - was bekanntlich der Philosoph Theodor W. Adorno (1903-1969) generell bestritt. Die positiven Erinnerungen an die DDR, sagt sie, bezögen sich auf privates Leben, auf Urlaub und sonstige Freizeit. Oder wie es Michael "Micha" Ehrenreich in Leander Haußmanns (geb. 1959) Film "Sonnenallee" von 1999 kurz vor dem Abspann erklärt: "Es war meine schönste Zeit, es war meine Jugend; wir waren glücklich und waren verliebt." Dr. Kaminsky warnt nicht, aber macht klar, dass Nostalgiker und ähnlich Zurückgewandte aus solchen schönen Erinnerungen kein ideologisches Kapital schlagen können. Die Dame erhält, was ihr zusteht: uneingeübten spontanen Beifall.

Schließlich wird noch "Die Anstalt" beworben, die Nachfolgesendung des Formats "Neues aus der Anstalt", die 2013 eingestellt wurde, nachdem sich auch bei ihr ein "Wetten-dass-Effekt" leise andeutete. Bereits 2010 hatte der beste deutsche Kabarettist Georg Schramm (geb. 1949) die Sendung verlassen, dessen bitter-schöne Repliken als Rentner Lothar Dombrowski und Oberstleutnant Sanftleben zum Kern des Ganzen gehörten. Die Masse der im alberner werdenden Angela-Merkel-Witze aus dem Munde von "Chefarzt" Urban Priol (geb. 1961) haben das Format nicht retten können. "Die Anstalt" wird nun von den Kabarettisten Max Uthoff (geb. 1967) und Claus von Wagner (geb. 1977) betrieben. Max Uthoff war oft in "Neues aus der Anstalt", Claus von Wagner ist aus der Heute-Show bekannt. Man hofft auf einen Erfolg der beiden Männer.

Und dann geht die Uhr auf 9.00 Uhr. Schluss. Die Musiker legen die Instrumente weg. Aus dem Hintergrund tauchen Techniker auf und bauen Geräte ab, rollen Kabel ein und verstauen sie in Kisten. Eines der Mädchen hinter dem Tresen legt die schwarze Bistro-Vorbinder-Schürze ab und räumt in Jeans das Geschirr von den Tischen.
Nach etwa einer Stunde ist wieder Ruhe im Zollernhof.
Das war das ZDF-Morgenmagazin vom 4. Februar 2014.
"Applaus, Applaus, Applaus".

Wie man Gast im ZDF-Morgenmagazin wird:


Bestellungen für das mo:ma-Café über ticketservice.zdf.de
Die Buchung ist verbunden mit einer Besichtigung des ZDF-Hauptstadt-Studios nach der Sendung.

Wie man zum Zollernhof kommt:
Der Zollernhof hat die Adresse Unter den Linden 36-38.
Bus:
Unter den Linden/Friedrichstr. (Berlin): 100, 147, 200, N2, N6, TXL Brandenburger Tor/Glinkastr. (Berlin) (S+U): 147, 200 Friedrichstr. Bhf (Berlin) (S+U): 147, N6
S-Bahn:
Friedrichstr. Bhf (Berlin) (S+U): S1, S2, S25, S5, S7, S75
U-Bahn:
Friedrichstr. Bhf (Berlin) (S+U): U6
Tram:
Friedrichstr. Bhf (Berlin) (S+U): 12, M1 Universitätsstr. (Berlin): 12, M1 Georgenstr./Am Kupfergraben (Berlin): 12, M1
Text: wn / Stand: 02.06.2014

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