Der Berliner Klub "Helle Panke": Mit dem Freimut des Speakers' Corner

Gut und gerne könnte der englische Philosoph und Historiker David Hume (1711-1776) ostdeutschen Nostalgikern eine schillernde Galionsfigur sein. Vorausgesetzt, sie würden von seinem gerade erst (2015) ins Deutsche übersetzten Reisejournal aus dem Jahr 1748 erfahren. Es ist gefüllt mit Lobeshymnen auf die Deutschen. Auf der Reise in einer ungeheizten und kaum gefederten Postkutsche von England nach Österreich quert David Hume den süddeutschen Raum. Von unterwegs berichtet er Bruder John, was er sieht und hört. Und er ist des Lobes voll. Die Elogen ähneln der Parole "Es war damals nicht alles schlecht!" wie sie heute manche Zeitgenossen ausbringen, wenn sie Sehnsuchtsblicke in die jüngere deutsche Vorwelt werfen. Begeistert schreibt er: "Deutschland ist ein sehr schönes Land, voller fleißiger und ehrlicher Menschen ... Die einfachen Leute werden hier fast überall viel besser behandelt, und sie leben zufriedener als in Frankreich; und sie stehen den Engländern kaum nach, trotz des Getues, das Letztere machen." Ihm als Menschenfreund bereite es "große Freude, zu sehen, dass ein so bedeutender Teil der Menschheit wie die Deutschen es sich so gut eingerichtet hat". In Bonn lobt er gar das deutsche Federbett und selbst den deutschen Ofen - im Gegensatz zum qualmenden Kamin daheim. (Übersetzung Gerhard Streminger)

Eingang Helle Panke
Der Eingang zum Klub "Helle Panke" in der Kopenhagener Straße 9 im Berliner Prenzlauer Berg / Foto: © wn

Den nachdrücklichen Widerspruch zu seinen getrosten Wahrnehmungen erlebt er nicht mehr.
Ein halbes Jahrhundert später wird der Dichter Friedrich Hölderlin (Hölder, 1770-1843) in seinem berühmten Briefroman "Hyperion" den Deutschen gar nichts Gutes nachsagen: "Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls ... in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Sache".
Und weiter: "Wenn doch einmal diesen Gottverlassenen einer sagte, dass bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, dass bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten". O ja, nicht schlecht formuliert!

Hume oder Hölder? - Die Frage wird in einem Klub im Berliner Prenzlauer Berg oftmals ventiliert: Nämlich: War die DDR nun ein Staat Hölderlinschen Schreckens oder derart menschenfreundlich wie es David Hume in Anschlag bringt. Die Örtlichkeit in der Kopenhagener Straße nennt sich "'Helle Panke' zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur e.V.". Sie gehört zur parteinahen Stiftung der Partei DIE LINKE. Rosa-Luxemburg-Stiftung Gesellschaftsanalyse und politische Bildung e. V. Die Stiftung ist ein eingetragener Verein mit anerkanntem gemeinnützigem Charakter. Sie will laut Satzung einen Beitrag leisten zur Entfaltung freien und mündigen Denkens und solidarischen Handelns im humanistischen, demokratischen und weltoffenen Sinne. Das Anliegen der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt - sieh' an - der bürgerliche Rechtsstaat, indem er ihr jährlich 47 Millionen Euro aus Steuergeldern (2014) überweist. Wie dumm wäre es deshalb, ihn abzuschaffen.

Die "Helle Panke" - kein Sehnsuchtsort für Nostalgiker

Starken Zulauf hat der Klub, weil dort fast alles erlaubt ist - selbst das Tragen ideologischer Scheuklappen, wenn man sich denn unverzagt energischer Widerrede oder zumindest lautem Kopfschütteln aussetzen will. Die "Helle Panke" ist deshalb auch kein Sehnsuchtsort für (wie gesagt: letztlich geduldete) Nostalgiker, umso mehr für hoffnungsstarke linke Suchende, von denen kein Umsturz, aber neue Gedanken über den Fortgang der Gesellschaft zu erwarten sind. Es obherrscht der Freimut des Speakers' Corner, die Kultur des freien Wortes - auch wenn die Redner hier nicht auf Obstkisten stehen. Verwirklicht wird die seinerzeit sehnsuchtsvolle Vision des französischen Dichters und Philosophen François Marie Voltaire (1694-1778), der meinte: "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Und wen es ferner nicht stört, zufällig neben einem ehemaligen DDR-Minister zu sitzen, der nachweislich das Erscheinen von kritischen Romanen und Erzählungen zu verhindern wusste oder neben einem Theologen und ehemaligen Hochschullehrer, der später als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit erkannt wurde - der bekommt es mit einer DDR-Realität zu tun, die hier auch personell nicht weggedrängt, sondern bewusst ertragen wird. Nachbar kann ein freundlicher, wenn auch selbstverliebter Romanist mit nicht abgesetzter Baskenmütze sein, der eigensinnig behauptet, in der DDR seien die Arbeiten des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) ausreichend publiziert worden, obwohl es nachweislich nicht der Fall war. Bekanntlich wurde Rousseau in der DDR - wenn schon nicht verschwiegen - so doch mit spitzen Fingern angefasst. Allein mit seinem gefährlichen Aufruf "Zurück zur Natur" wurde er zum Schmuddelkind der DDR-Philosophie. Referent Dr. Andreas Heyer (geb. 1974) hatte es als recht wahrscheinlich bezeichnet, dass Rousseau in der DDR zur Opposition gehört hätte. Der Mann mit der Baskenmütze kann dafür kein Verständnis aufbringen.

Das "gemischte Publikum" in der "Hellen Panke" legt die Frage nahe, was es denn für Menschen waren, die in diesem Land lebten, in dem Erstklässler Schilder trugen mit Aufschriften wie "Es ist keiner zu klein, ein Friedenskämpfer zu sein", um Jahre später die Tagwerke nach dem Motto "Mein Arbeitsplatz - mein Kampfplatz für den Frieden" zu verrichteten? 1985 versucht der Lyriker Heinz Kahlau (1931-2012) im Gedichtband "Lob des Sisyphus" eine diversifizierende Antwort. Er führt Kategorien des damaligen gesellschaftlichen Spektrums auf - wie er es sah. Unter einer "hoffnungsvollen Idee" seien nach seiner Wahrnehmung versammelt

"Märtyrer und Heilige,
Alleswisser
und Pragmaten,
kleine Gauner und
große Schurken,
Pflichtbesessene und
Pflichtvergessene,
Wahrsager,
Rechthaber,
Vorschreiter,
Mitläufer und
sehr viele Leute -
die einfach da wohnen."

Es fällt auf, dass in der Listung sogenannte in andere Richtungen Denkende und "feindlich-negative Kräfte" fehlen. Und vermutlich wollte der Autor die Agents Provocateurs, die Denunzianten und Horcher des Dienstes mit dem Schild und dem Schwert unter "große Schurken" und "kleine Gauner" subsumiert sehen. Man weiß es nicht; Heinz Kahlau bleibt die Antwort schuldig. Er stirbt verbittert und enttäuscht auf Usedom an den Gestaden des Baltischen Meers. Gleichwohl gehört er nicht zu denen, die sich nach 1989 ihr Mittun am "verdeckten Aushorchertum, (an) der Botengängerei, Zuträgerei und (am) höheren Meldewesen" (Thomas Mann) von Behörden und Presse erst aus der Nase ziehen ließen. Offensiv gibt er bekannt, dass Lyrik und Kundschafterei in der DDR nicht so weit entfernt lägen, wie man dächte, ja dass sogar geistige Nachbarschaft bestand. Von 1956 bis 1964 habe er als Geheimer Informator (GI) des Apparates des ab 1957 berufenen Ministers Erich Mielke (1907-2000) gewirkt. Andererseits konnte er geltend machen, dass er in den 70er Jahren "staatsfeindlicher Tätigkeit" verdächtigt ist, deshalb stante pede - mielkisch formuliert - vom GI zum OV, zum Operativen Vorgang wurde. Bleibt die Frage, wo die von Heinz Kahlau ausgemachten Kreise in den heutigen Zeitläuften abblieben, nachdem die "hoffnungsvolle Idee" ihren schönen Schimmer verlor. Man hat sich die Sisyphus-Leute als inhomogene Menschengruppe vorzustellen, in der wohl sogenannte "Linke" eine Mehrheit bilden. Heute treten sie auf als Verfechter der Interessen kleiner Leute und sozial Benachteiligter; ihre Vision ist die Aufhebung der Ungleichheit unter den Menschen. Ihr Ansinnen verbreiten die parlamentarisch Gewählten von ihnen natürlich nicht für ein Null ouvert; die finanzielle Entschädigungen etwa der Parlamentsabgeordneten sind so einträglich, dass man sich als Empfänger dieser Diäten an den bürgerlichen Rechtsstaat gut gewöhnen und dennoch kräftig "links" sein kann. Aber lieber beißen sich die "ganz Linken" unter ihnen ihre Zungen ab, als dass sie den Rechtsstaat (mit allen seinen Schwächen und krisenhaften Zuständen) als das anerkennen würden, was er ist: eine historische Errungenschaft. Betrachtet man die Besucher und Diskutanten in der "Hellen Panke", ließe sich - frei nach Heinz Kahlau - sagen:

Unter jeder stark beschädigten Idee
sammeln sich
Flott Gewendete
Lernbereite
Unbelastet Forschende
Pfründe-Verlierer
Starrköpfige
Dem Schicksal Dankbare
Empörte Arbeitslose
"Straf-Rentiere"
Nostalgiker
Hoffnungsvolle
Apokalyptiker
und viele nachdenklich gewordene Leute.

Die zahlreichen jungen Linken, die zu den thematisch breit gefächerten Veranstaltungen des Klubs kommen, suchen Antworten auf die Frage, was die Gründe für den Niedergang des Sozialismus sind und ob er Überlebenschancen hat. Da steht eines Abends im Mittelpunkt das Andenken an den Physikochemiker Robert Havemann (1910-1982) mit seinem Konzept des demokratischen Sozialismus. Er entwickelte es aus der Erfahrung der Diskrepanz zwischen seinem kommunistischen Ideal und der von ihm mitgestalteten und mitverantworteten gesellschaftlichen Realität der DDR. Sein Nachdenken darüber wurde durch die von ihm erlittenen Repressionen intensiviert und radikalisiert. Referent war der bekannte Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Hubert Laitko (geb. 1935) - ein Mann, den man nach der Wende erfolglos mit Altersübergangsgeld ruhigstellen wollte. Hubert Laitko ist Mitglied der Leibniz-Sozietät, die von ehemaligen Mitgliedern der Ostberliner Akademie der Wissenschaften (AdW) gegründet wurde. Gemeinsam mit dem Archivar, Historiker und langjährigen Direktor des Archivs der Max-Planck-Gesellschaft Eckart Henning (geb. 1940) begründete er die viel beachtete Reihe "Dahlemer Archivgespräche".

Politische Rechthaberei ist durchweg geächtet

Marx-Engels-Denkmal
Das Berliner Marx-Engels-Denkmal (Ausschnitt) des Bildhauers Ludwig Engelhardt (1924-2001) zwischen der Spandauer Straße und der Spree, nahe dem Roten Rathaus.
Foto: © wn

Aufsehen erregende Überlegungen stellt der Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Jörg Roesler (geb. 1940) zur Diskussion. Nach Gastprofessuren in Montreal und Toronto sowie einem Lehrauftrag an der Portland State University in den USA verfolgt er in Deutschland seine Schwerpunkte Geschichte der DDR und ihre Ökonomie, Sozialgeschichte der Arbeit sowie Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit der DDR-Planwirtschaft. Sein Vortrag in der "Hellen Panke" führt in einen relativ neuen Zweig der Geschichtswissenschaft, in die Counterfactual History, ein. Es ist das Nachdenken über Alternativen zur geschehenen Geschichte. Seine These: Aus der Beschäftigung mit Ungeschehenem erwachsen neue Einsichten. Diese bisher gering geschätzte Denkart lässt erkennen, dass unser bisheriges Bild von der DDR-Geschichte unfertig bleibt, wenn die unverwirklichten Alternativen unberücksichtigt bleiben.

Und niemand nimmt im Klub das Recht für sich in Anspruch, die Wahrheit gepachtet zu haben. Auf der Gründungsversammlung der "Hellen Panke" im Jahre 1991 erklärte der deutsch-jüdische Schriftsteller und ehemalige kommunistische Funktionär Jan Koplowitz (1909-2011) mit Blick darauf, wie in der DDR mit Parteibeschlüssen Wahrheiten nicht erkannt, sondern herbeigeführt wurden: "Wir haben, überzeugt davon recht zu haben, anderen Unrecht getan." Obwohl die Abende in der "Hellen Panke" zeigen, dass Diskussionen tatsächlich wogen können und gelegentlich schwer zu beenden sind - so kann die einst erlebte Art der Rechthaberei hier als durchweg geächtet gelten. Sie ist definitiv ausgeschlossen in diesem Klub, in dem Zuhören und Eingreifen, Mit- und Nachdenken durchaus ein Ahnen und neues Hoffen begründen.

Wie man zum Klub "Helle Panke" kommt:
Die "Helle Panke" befindet sich in der Kopenhagener Str. 9 in 10437 Berlin. Vom U-Bahnhof Schönhauser Allee (Linie U2) sind es nur wenige Gehminuten zum Klub.

Das Veranstaltungsprogramm ist über die Adresse www.helle-panke.de zu erfahren. Text: -wn-

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Stand: 15.07.2019