Mieraus munteres Mirakulum: Das Böse ernsthaft verlachen

Lebt denn der alte Spaßvogel noch? Ja, er lebt noch! Der Kasper mit dem hakennasigen Grinsegesicht und der roten Zipfelmütze hat in der mittlerweile fast 17 Jahre alten Berliner Puppenkomödie des studierten Puppenspielers Thomas Mierau (geb. 1951) in der Brunnenstraße eine seiner sicheren Bleiben in der Stadt.
Das Theater Mirakulum in Berlin
Der Eingang des Puppentheaters - Foto © -wn-
Seit seinem literarischen Auftritt vor 130 Jahren als Tendlerscher Haupt- und Prinzipalskasperl in Theodor Storms Novelle "Pole Poppenspäler" erwuchs dem Bajazzo - damals im gelben Nankinganzug - beachtenswerte Konkurrenz: etwa im rotzfrechen Pumuckl oder dem schwejkischen Hurvinek aus der tschechischen Schelmentradition einschließlich seines Vaters Spejbl. Selbst gegen das auf scheinfreche Artigkeit angelegte, eher altklug statt ausgelassen-fröhliche Puppenkollektiv Pittiplatsch & Co. im Adlershofer Fernsehen hatte Kasper wenig Chancen.

Im Theater Mirakulum


Zwar nennt sich Mieraus Bühne nicht Kaspertheater, aber der Spaßvogel ist in den aufgeführten Stücken mit dabei, nicht - wie früher als ein Trunk und Völlerei
ergebener Taugenichts, der seine Frau Gretl traktiert und dabei zotige Witze reißt. In Miraus munterer Mirakelbühne treffen wir ihn als syndromfreien Nothelfer, der in die klassischen oder anderen Märchen eingebaut ist. Im Puppenspiel "Kasper und der kleine Eisbär" rettet er pfiffig und zeitgerecht ein Eisbärbaby, in der Geschichte "Prinzessin Marzipan und König Schokolade" entlarvt er investigativ nach Columbo-Art den Zauberer Beulenzopf als Heiratsschwindler und bewahrt die Königstochter vor einem machtpolitisch kalkulierten Ehebund. In das turbulente Hin und Her sind die Kinder immer einbezogen: Sie warnen, wenn es auf Messers Schneide steht, und schreien emphatisch, wenn ein Coup des Kaspers gelingt und die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt. Mieraus Kasper erinnert überdies an die lustige Person, als die der Schauspieler Fritz Genschow (1905-1977) alias "Onkel Tobias" im Sender RIAS zu hören war. Genschows Kasper mit seiner aufgeweckten, häufig in die obere Stimmlage ausbrechenden Stimme war der aufgeräumte, sich in Wortspielen ergehende frohsinnige Anarchist - ein unbezweifelter Freund der Kinder.

Aber auch auf die brutalen Vorkommnisse in deutschen Volksmärchen wie "Rotkäppchen und Geißlein gefressen", "Hexe im Ofen verbrannt" und "Kinder im Wald ausgesetzt" muss sich ein flexibler Kasper einstellen. In Mieraus Schneewittchen-Aufführung auf zwei Schauplätzen, einer Guckkasten- und einer Paraventbühne, deren Hintergrund ein Gobelin mit Waldlandschaft und Platzhirsch bildet, hat Kasper eine Art Ein-Euro-Job; und das ausgerechnet in jener Schlossverwaltung, in der die vom Schönheitswahn erfasste Königin obwaltet, welche mit einer Mordanstiftung und drei eigenen Mordversuchen ins Märchenbuch der Rekorde einging. Trotz Lohnabhängigkeit von dieser Dame mit dem chirurgisch entmenschten Gesicht bestärkt Kasper den gutmütigen Förster in der Verweigerung des Auftragsmordes an Schneewittchen. Als das nun geistig auch nicht gerade sehr fix gewesene Mädchen mit dem vergifteten Apfel leblos im Sarg liegt, wird Kasper tollpatschig zum Dẹus ex Mạchina, kollidiert mit der Totenkiste, so dass die Scheintote den Apfel erbricht, erwacht und unter allgemeiner Erleichterung dem bereitstehenden Verehrer in die Arme sinken kann.

Bei solchen Szenen müssen Mieraus Hände immer wieder blitzschnell in andere Puppen hineinfahren. Mitspielende Helfer kann er sich in seinem Ein-Mann-Theater nicht leisten; die Mirakel für Kinder und abends für Erwachsene in der ehemaligen Ladenwohnung werden von ihm allein in Szene gesetzt. Er kassiert den Eintritt, verkauft flüssige Schanktischware, ist Verkünder gescheiter einführender Publikumsansagen, als Inspizient seiner selbst verantwortlich für Geräusche, Glocken und Glühbirnen. Vor allem ist er derjenige, der die Marionetten, Handpuppen oder Schattenfiguren zu belebten Wundern macht, und der dabei, wenn nötig, die Mundharmonika im Gestell bläst. In die deutsche Puppentheatergeschichte könnte eingehen, wie der Prinzipal die sieben Zwerge als Einhand-Puppe auf die Bühne bringt: Schorsch der Lustige, Knut, der Fleißige, Purzel, der Geschickte, Arribald, der Starke, Willibald, der Hübsche, Lupi, der Jüngste, und Richard, der Älteste sind zu einer Gesamtpuppe zusammengenäht, die durch die Bewegung von Mieraus geschickter Hand wie einzeln geführte Puppen wirken. Schließlich individualisiert er sie gekonnt mit eigenen Stimmen; die Zwergen-Dialoge erinnern an Otto Waalkes Bravourstück "Großhirn an Kleinhirn".

Man verlässt - als Erwachsener - die Stätte erheitert statt kathartisch belehrt. Denn bewiesen wird hier, wie lebenswichtig das Trachten der Puppenspieler ist, das Böse ernsthaft zu verlachen. Der Kasper jedenfalls hilft dabei nach Kräften, gehört er doch zu den stehenden Figuren einer großen Lachtradition, die im Leben der Gesellschaft ihre Aufgabe erfüllt, vermerkte 1983 der Philosoph Peter Sloterdijk (geb. 1947) in seiner "Kritik der zynischen Vernunft". Sloterdijk meint sogar, dass Klassengesellschaften - möglichst nicht in der Exekutive - ohne Narren, Harlekine und Hanswurste überhaupt nicht auskommen. Und solange uns ein Kasper noch lachen machen kann, ist noch nicht alles verloren.

Wie man zur Puppenkomödie Mirakulum kommt:
U8, Bhf. Bernauer Straße, S-Bahn 1+2 Nordbahnhof; Bus 245, 247, Tram M1, M8, M10

Adresse:
Theater Mirakulum in Berlin
Brunnenstraße 35
in 10115 Berlin-Mitte;
Telefon: 030-449 08 20
Spielplaninformationen über www.mirakulum.de
( Text: -wn- )


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