Hans Wurst Nachfahren: Fünf Burkas mit Gentrifizierungs-Hintergrund

Das wollte Allah nicht. Nie befahl der muslimische Gott den Frauen, übergeworfene Burkas öffentlich zu tragen.
Theater Hans Wurst Nachfahren
Blick auf das Theater Hans Wurst Nachfahren
am östlichen Rand des Winterfeldtplatzes
in Berlin-Schöneberg Foto / Foto © -wn-
Es sind jene tieffallenden, hierzulande oft Unwillen erregenden, weil konspirativ wirkenden Capes mit engen Sichtnetzen vor den Augen. In keiner der einhundertvierzehn Koran-Suren ist davon die Rede, dass Frauen Gesicht und Augen vergeheimnissen sollen. Mehr noch: Der Koran kennt die Burka gar nicht. Den einzigen Fall eines verhüllten Gesichts erwähnt die Sure 2:7. Allah, heißt es, habe den Ungläubigen "das Herz und das Gehör versiegelt, und ihr Gesicht ist verhüllt". Im Übrigen hätten die Gottlosen wegen ihrer säkularen Weltsicht "(dereinst) eine gewaltige Strafe zu erwarten".
Das Verdikt hat man als so Angefeindeter hinzunehmen, und man muss fest an die Plausibilität der Devise des preußischen Königs Friedrich II. (1712-1786) glauben: "Post mortem nihil est" (Nach dem Tod kommt das Nichts). Eine glaubhafte Bestätigung dafür gibt es freilich nicht.

Überraschend nun, in Berlin von Zeit zu Zeit gleich fünf Burkas samt Trägerinnen und Träger (!) in gemeinsamer Aktion zu sehen - und zwar keineswegs im Menschengewühl des multikulturellen Kreuzberg,
sondern in Schöneberg, und auch nicht auf der Straße, sondern auf einer Bühne. Von Religionen ist dort nicht die Rede. Niemand denkt an Koran, Kalif und Konversionen. Der Zuschauer betrachtet eine ungewöhnliche Szenerie, ohne thematisieren zu müssen, wie fremd unserer Zivilgesellschaft die menschenunfreundliche Gesichtslosigkeit dieser Oberbekleidung für Damen ist. Im Gegenteil: Weltliche Heiterkeit kommt auf, ja herzhaftes Lachen, allerdings später auch solches, das in Sarkasmus übergeht. Das alles trägt sich zu im Theater Hans Wurst Nachfahren am Winterfeldtplatz. Dort hatte im November 2014 das Stück "Gelackt und gemeiert" aus der Feder der Theatergründerin Barbara Kilian (geb. 1966) Premiere, und es wird seitdem vor gut gefülltem Haus gespielt. Es ist ein heiter angehendes, hoch aktuelles Bühnenwerk. Die sich dramatisch steigernde Handlung hat, wie man bald erkennt, einen existenziellen Hintergrund. Zwei Frauen und drei Männer im fortgeschrittenen Alter sind dabei, im Mietshaushof in der Sonne sitzend den Einkaufszettel für ein Hoffest zu erstellen. Wollen einfach mal was anderes erleben als nur die oft so schmalzigen Fernsehserien zu beglotzen und die Talkshows mit immer wieder denselben Gästen und deren eitlen Sprechblasen und gespielten Lachern.

Eintrittskarte vom Theater Hans Wurst Nachfahren
Hier gibt es die Eintrittskarte noch von der Rolle / Foto © -wn-

Die Puppenspieler sitzen in Burkas auf der Bühne


Von Nachfahren des Hanswurst, die auf ihrer Bühne etwas inszenieren, erwartet man zu Recht, dass dort zum Leben gebrachte Puppen agieren - etwa Marionetten von oben geführt oder Handpuppen von unten gespielt. Ganz anders im Stück "Gelackt und gemeiert". Da sitzen die Puppenspieler überraschend direkt auf der Bühne. Sie stecken in engen Burkas und sehen das Bühnengeschehen durch eingenähte enge Netze. Mit den linken Händen halten sie wie Schilde die Oberteile der unterleibslosen Senioren-Puppen vor sich. Die rechten Arme sind Puppenarme; mit ihnen wird gestikuliert, etwas aufgeschrieben, werden Kreuzworträtsel gelöst, wird sich gekratzt oder auf das Kinn gestützt. Der schwarz drapierte Hintergrund hat die ebenso schwarz verhüllten Puppenspieler zwar nicht wie in einer Zaubershow illusionistisch total verschwinden lassen. Aber die Puppen führen wie von selbst menschliche Bewegungen aus und nehmen die verschiedenartigsten Posen ein. Es entsteht der Eindruck, dass die Puppen wirklich leben. Das Stück ist allerdings nach einer halben Stunde nicht mehr zum Lachen - keineswegs weil die Professionalität der Puppenspieler plötzlich zu wünschen übrig ließe. Es ist vielmehr das Stichwort, das sich mit einem Mal nach vorn schiebt: Gentrifizierung. Dabei geht es - laut Wikipedia - um jenen "sozioökonomischen Strukturwandel bestimmter großstädtischer Viertel im Sinne einer Abwanderung ärmerer und eines Zuzugs wohlhabenderer Bevölkerungsgruppen". Die fünf anfangs so frohgemuten Leutchen werden immer wieder beim Abfassen der Einkaufsliste fürs Hoffest gestört, weil beunruhigende Nachrichten über ein Baugeschehen ganz in ihrer Nähe eintreffen. Im Fortgang der Handlung stellt sich heraus, dass die gentrifizierende Walze auch vor ihren Wohnquartieren nicht Halt machen wird. Aus anfangs aufgeschreckten Nachbarn werden erschrockene Betroffene, für die es schließlich ums Ganze geht. Sie sollen ausziehen, werden auch mit Abfindungen gelockt. Im Programmblatt zur Inszenierung wird dargestellt, wie im realen Leben die Lust zu gentrifizieren auf Kosten von Anwohnern entsteht.
Da sagt einer im Vorrübergehen:
"Was reden die immer von Gentrifizierung? Weiß gar nicht, was das sein soll. Halt da, da drüben! Herrlicher Altbau. Der ganze Straßenzug ist außerordentlich. Charmante Lage, lebendiges Umfeld, angenehmer Preis, um nicht zu sagen: überaus günstig. Also kaufen. Entkernen, modernisieren. … Was, da wohnen noch welche? Die kann man doch umsetzen. Die können sich doch nicht gegen den Fortschritt stellen. …
Das ist der Lauf der Dinge - ist doch ganz normal."

Und was nun das Schlimme ist: Den fünf Leutchen, die plötzlich ihre Siebensachen packen sollen, kommt kein Hanswurst zuhilfe,
Katholische Kirche St. Matthias am Winterfeldtplatz
Die Katholische Kirche St. Matthias am
südlichen Ende des Winterfeldtplatzes Foto © -wn-
kein Kasper hält als Deus ex machina die schlimme Entwicklung auf. Wo ist er eigentlich in diesem Stück? Wo zumindest kann man hier seinen Geist erahnen? Eine klassische Hanswurstkomödie, in der die lustige Person die Hauptrolle spielt und die Interessen der Allgemeinheit im Auge behält, ist das Ganze nicht. Während man das noch bedenkt, überschlagen sich die Ereignisse auf der Bühne, wird das Mietshaus, in dessen Hof man eigentlich bald Erdbeerbowle trinken und Hackepeter-Brötchen essen wollte, vollends zur Baustelle. Und am Schluss gibt es einen Stromausfall mit Knall und Explosion. Als das Licht wieder angeht, ist Mauerwerk beschädigt und hat Löcher, Sprengmüll liegt herum, ja sogar Teile von Körpern. Ein Verdacht kommt auf. Ist der (unsichtbare) Hanswurst vielleicht auch einmal böse? Dass er das sein kann, kennt man seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Die 1796 im Leipziger Literaturverlag Georg David Meyer erschienene Schrift "Nützliche Sachen für den lieben Bürgers- und Bauersmann um Betrüger zu entlarven" zeigt, dass Hanswurst auch auf Seiten der Geschäftemacher stehen kann - ja, mit ihnen im Bunde steht. Die Schrift warnt vor herumziehenden Quacksalbern, die vorgeben Ärzte zu sein und ihre Tinkturen mithilfe von Hanswursten zu verkaufen suchen.
"Diese Leute bauen ihr (geschäftliches) Glück auf die Thorheit der Menschen, die sie nur allzu gut kennen. Ohne ihren Hanswurst wären sie ein Baum ohne Saft. … Seine Gauckelein locken die Menge herbei, und unter einer großen Menge Menschen finden sich immer einige leichtgläubige Hilfsbedürftige." Schließlich warnt der Autor: "Seht liebe Leute, so betrügt man Euch, und je mehr Hanswurst Sprünge und Zoten macht, desto mehr opfert ihr!"

Der neue Vermieter kündigte dem Theater Hans Wurst Nachfahren


Alle bekannten Kasper-Figuren, die auch im Theater Hans Wurst Nachfahren auf die Bühne kommen, lassen heute kaum mehr ahnen, dass das Kasperl,
Logo des Theaters Hans Wurst Nachfahren an der Hauswand
Das Logo des Theaters Hans Wurst Nachfahren
Foto © -wn-
das die Kinder so uneingeschränkt lieben, eine grandiose Metamorphose hinter sich hat. Die Figur durchlief eine seltene Umwandlung aus einem ehemals verheerenden Image hinein in ein positives Ansehen. Denn mit ihr stand es anfangs gar nicht gut. In der 1777 in Leipzig und Frankfurt (Main) erschienenen Posse "Hans Wurst Doktor nolens volens" beklagt sich Kolumbine lautstark über ihn. Sie ist seine Ehefrau, denn "dasz hanswurst seine hochzeit hält, / und sich eine hanswurstin zugesellt" (Goethe), das ist ein häufiges Sujet auf den Vagantenbühnen des 18. und 19. Jahrhunderts. In diesen Haupt- und Staatsaktionen geht es auch um die krisenhaften Ehejahre dieser beiden. In der Posse nennt Kolumbine ihn einen "Kerl, der mich an (den) Betelstab bringt, einen lüderlichern Hund, einen Schelm, der all mein Hab und Gut verfrist. Mir das Bett unterm Leibe wegnimmt … Und von Morgen bis auf'm Abend auf der Welt Gottes nichts thut, als sich die Nase (zu) begiessen". Er hingegen sieht sich davon unbeeindruckt als die "lustige Person", tritt auf als ein Geselle, der sich nicht nur absichtsvoll Begriffe sinnwidrig benutzt, sondern auch mit üblen fäkalen Ausdrücken und sexuellen Anspielungen seine Späße treibt. Zum Gaudi der Zuschauer bringt er seine erotischen Anspielungen zur Wirkung, wie etwa dass sein "Mastbaum wird endlich dass Gräntzl auch wieder finden", dass sein "Scepter … zu steten Diensten" stünde oder dass sich die Damen neben "Glück und Seegen" auch an einem "steiffen Degen" freuen dürfen - usw. usw. In ihrem 2003 erschienenen Buch "Hanswurst, Bernardon, Kasperl. Spaßtheater im 18. Jahrhundert" fällt die Grazer Germanistik-Professorin Beatrix Müller-Kampel (geb. 1958) ein drastisches Urteil über diesen Ur-Kasper: Ihn präge "namentlich Feigheit, Fressgier, Sauflust, Gewitztheit, Verschlagenheit, Unterwürfigkeit und zugleich eine abstruse Respektlosigkeit gegenüber gängigen Konventionen und Tabus". (Bernardon: komische Figur des Wiener Volkstheaters.)

Und als ob das Stück im Theater Hans Wurst Nachfahren nicht schon dramatisch genug wäre!
Die Inszenierung "Gelackt und gemeiert" verwandelt sich im Jahre 2014, ohne dass man es geplant hatte, in eine ernste Erklärung in eigener Sache. Hatten die Theatermacher vom Winterfeldtplatz ursprünglich noch mitgeteilt, sie widmeten "dieses Stück allen Leidtragenden einer schonungslosen Immobilienpolitik" - da wurden sie nun selbst Opfer eines solch rabiaten Vorgehens meist im Hintergrund bleibender Finanziers. Vor Beginn der Spielzeit 2014/15 und nach 33jährigem Spielbetrieb, davon 22 Jahre im Haus am Winterfeldtplatz, erklären die Puppenspieler ihrem Publikum: "Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass diese Spielzeit unsere letzte sein wird." Das Haus sei von der bisherigen Vermieterin, der TFG Treuefonds Verwaltungs GmbH, verkauft worden. Zu Pfingsten 2014 habe der neue Besitzer die Theatermacher wissen lassen, er wolle die Immobilie im Verlaufe des Jahres 2015 "anderweitig" nutzen. Damit sei zum Beispiel neben dem über viele Jahre aufgeführten Stück "Kaspars schönstes Weihnachtsfest" auch "Schluss mit dem Stück ‚Der Teufel mit den drei goldenen Haaren', der seit 30 Jahren gespielt wird, mit dem ‚Gestiefelten Kater', der seit einem Vierteljahrhundert im Repertoire ist." Jetzt - am Beginn des Jahres 2015 - könne nur noch ein Wunder geschehen.

Peng! Kasper und Hanswurst scheinen am Ende zu sein. Es helfen weder Wortgewalt, Witz und Wagemut.
Kasper als Handpuppe
Der Kasper als Handpuppe
Foto © -wn-
Guter Rat ist teuer.
Tatsächlich ist ein Wunder vonnöten, dieses in der kommerzialisierten Gesellschaft höchst seltene Ereignis. Es fällt einem ein, was Heinrich Heine (ca.1800-1856) ins "Buch der Lieder" schrieb, als er sich einmal vorstellt, amtierender Gott zu sein. Er weist den Erzengel Gabriel an, sofort seinen polnischen Freund aus Berliner Studientagen, Eugen von Breza (1802-1860), ins Himmlische zu holen, damit dieser ihm die Langweile vertreibe. Als der Pole oben ankommt, erklärt Heinrich stolz dem Freund: "Und Wunder tu ich alle Tag', / Die sollen dich entzücken, / Und dir zum Spaße will ich heut / Die Stadt Berlin beglücken." Schön formuliert. Auf den Puppenbühnen der letzten beiden Jahrhunderte nahm tatsächlich ein großes Wunder seinen Lauf: der grandiose Übergang von einer primitiven Bespaßung von Zuschauern mit meist einfach gestrickten Gemütern und starker Happy-End-Erwartung hin zu einer intelligenten spaßvollen Unterhaltung von alt und jung. Bei dieser Aufwertung des Theatralischen auf der Puppenbühne hat sich das Theater Hans Wurst Nachfahren mit in die Berliner Theatergeschichte eingeschrieben. Und nun bedarf diese traditionsreiche Bühne selbst eines Wunders von außen, wenn sie am Ort oder vielleicht woanders fortbestehen will. Bisher lässt das Wunder auf sich warten.
Heinrich, mach hinne!

Im Februar 2016 teilte das Theater mit, dass der ursprünglich vom neuen Besitzer des Hauses gekündigte Mietvertrag nunmehr bis zum Sommer 2018 verlängert wurde.

Wie man zum Theater Hans Wurst Nachfahren kommt.


Das Theater liegt an der östlichen Seite des Winterfeldtplatzes.
Adresse:
Theater Hans Wurst Nachfahren
Gleditschstraße 5
10781 Berlin
Telefon: 030 / 216 79 25
Zu erreichen ist der Winterfeldtplatz mit der U-Bahnlinie U2 (Station Nollendorfplatz) und nach einem Fußweg von 400 Metern Länge
Theatercafe:
Jeweils eine Stunde vor Beginn der Vorstellung, zusätzlich während der Marktzeiten des Winterfeldtmarktes (Sa. 10-15.30 Uhr) und auch sonst bei schönem Wetter vor dem Haus Im Internet ist das Theater über www.hans-wurst-nachfahren.de zu erreichen. Text / 18.03.2015



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