Friedhof Grunewald (Forst) in Berlin

Text: -wn- (Journalist aus Berlin) / Letzte Aktualisierung: 03.02.2021

Eingang Friedhof Grunewald (Forst)
Eingang zum Friedhof Grunewald-Forst - Foto: © -wn-

Der Friedhof Grunewald (Forst) befindet sich am Schildhornweg im Grunewald und wird auch Friedhof der Namenlosen oder Selbstmörderfriedhof genannt. Warum? Das erfahren Sie in diesem Artikel:

Vormaliger Selbstmörderfriedhof im Grunewald - O süßer Tod - O Lebensqual

Die Havel ist eine slawische Schöne, eine märkische Krasnolinka, was sorbisch ist; auf diese Sprache geht der Flussname zurück. Voll Leidenschaft ist sie, wenn sie Fahrt aufnimmt und in ihren imposanten Großmäander einströmt, bis sie einen distinguierten Anschein erweckt angesichts ihrer späteren seehaften Weite und ihres beruhigten Fließens. 334 Kilometer sind es von der Quelle östlich der Müritz bis zur Elbmündung nahe Havelberg. Etwa am Kilometer 120 erreicht sie das Berliner Urstromtal, später die Endmoränen der Nauener Platte. Anzunehmen ist, dass "der Mann der märkischen Gedichte, der märkischen Geschichte" (Thomas Mann), dass Theodor Fontane (1819-1898) die Havel gerade hier zwischen Spandau im Norden und dem südlichen Potsdam im Blick hatte, als er 1872 im Havelband der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" reimte:
"Und an deinen Ufern und an deinen Seen, / Was, stille Havel, sahst all du geschehen?!" Sie sei, findet er schließlich, "ein aparter Fluss; man könnte ihn seiner Form nach den norddeutschen oder den Flachland-Neckar nennen". Viel Schönes bietet die Havel dem Auge - ein anziehendes Umfeld aus dem, was die glazialen Gewalten an Bodenformen einst zusammenschoben, stauchten und vertieften. Eine Gegend entstand, die - wie man sieht - auch Zweisamkeiten günstig ist. Schon Heinrich Heine (1797-1856) gibt sich in seinen "Reisebildern" davon entzückt, dass "dieselbe Sonne, die im Niltal Ägyptens Krokodileneier ausbrütet, zugleich zu Potsdam an der Havel die Liebessaat in einem jungen Herzen zur Vollreife bringen kann". Die sommerliche Heiterkeit des geruhsamen Flusses und seiner Gestaden, und auch wenn es winterlich still dort ist, all diese Sinneswahrnehmungen lassen im Regelfall jene "liebende Verbundenheit" entstehen, wie der indische Gelehrte Sudhir Kakar (geb. 1938) seelenvolles Zueinanderkommen von Mensch und Natur beschreibt. Gut und gerne hätte der Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890-1935) sein Rheinsberger "Bilderbuch für Verliebte" ebenso hier aufschlagen können. Auch in einem Havel-Boot hätte Claire dem Wölfchen die Fragen aller Fragen stellen können: "Glaubssu, dass es hier Bärens gibs?"
[Mehr Informationen über die Havel]

Wichtige Infos für Ihren Besuch

Adresse:
Friedhof Grunewald (Forst)
Havelchaussee 92 B
14193 Berlin
Tel: 030/ 90 29 18 570

Anfahrt:
Mit dem Auto aus der Berliner Innenstadt kommend benutzt man die Bundesstraße B2/B5 Richtung Westen. Am Britischen Soldatenfriedhof biegt man rechts in die Glockenturmstraße ein, fährt bis zur Angerburger Allee vor, auf der man links bis zur Havelchaussee weiterfährt, dann erneut links abbiegen. Sobald auf der Havelchaussee das bekannte Gasthaus Schildhorn (mit Parkplätzen) rechts passiert ist, gibt es wenige Meter später links eine eher unauffällige Auffahrt zur Försterei Saubucht. Dort befindet sich ein kleiner Parkplatz. Zu Fuß ist man nach ca. 15 Minuten am Friedhofseingang.

Grabstätten bekannter Persönlichkeiten auf dem Friedhof Grunewald (Forst):

  • Minna Braun (Krankenschwester)
  • Horst Kudritzki (Komponist)
  • Heinrich Eduard Linde-Walther (Maler)
  • Nico - Christa Päffgen (Fotomodell, Schauspielerin)
  • Willi Schulz (Oberförster im Grunewald)
  • Götz Clarén (Rundfunksprecher)
  • Clemens Laar (Schriftsteller)
  • Immanuel Meyer-Pyritz (Maler)
  • Harald Sawade (Schauspieler)
  • Willi Wohlberedt (Heimatforscher)

Rund um den Grunewald

Schild zum Friedhof Grunewald (Forst)
Der Weg zum Friedhof ist ausgeschildert. - Foto: © -wn-

Aber der Fluss und seine Seen bieten dem Blick auch Lokalisationen, an denen heiteres Erleben nicht nur zum Erliegen kommt, sondern sogar die Erkenntnis befördert, dass selbst ein Idyll zu Hülle und Symbol des Bösen werden kann. Flussabwärts kommt ein Haus in Sicht, in dem Deutsche 3000 Jahre nach ihrem ersten geschichtlichen Erscheinen (zunächst als eisenzeitliche Germanen) einen gigantischen zivilisatorischen Rückfall vollzogen, indem sie einen singulären Völkermord zu verüben und zu verwalten begannen. In der Mitte eines zweieinhalb Hektar großen Seegrundstückes gegenüber der Insel Schwanenwerder taucht eine fast hundertjährige, sachlich-bürgerlichen Stolz verkündende Zwei-Stock-Villa auf, mit Zufahrt und Vorplatz, Blumenparterre hinten und Waldgarten vorn. Hier wurde während der berüchtigten Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 der bereits im Gange befindliche Holocaust buchhalterisch durchgeplant. Ein Weltereignis, dessen geistiger Ort von havelländischer Natur verziert und umrankt wird. Ein paar Kilometer südlich, schon vor den Toren Potsdams liegt der heutige Stadtteil Sacrow, ein Dörfchen ehemals, in dem einer der ersten Dichter der deutschen Romantik neun Kindheitsjahre verbrachte: Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué (1777-1843), Autor des bekannten Undine-Märchens von 1811. Die Beschreibung seines Lebens im Dorf schließt er mit dem herzlichen Wunsch "Seegen immerdar über dir, du liebes Sacrow!" Der Segen blieb aus. Er hätte die Heilandskirche in Sacrow vor größerem Schaden bewahren sollen - doch vergeblich. 1844 hatte König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) diese Kirche in italienischem Stil mit einem in die Landschaft eingepassten Campanile errichten lassen. Da das Gotteshaus ab 1961 im Bereich der Berliner Mauer liegt, wird sie zum Objekt einer der zahlreichen staatssozialistischen Kirchenschändungen. Nach Kirchen- und Schlosssprengungen 1950 in Berlin, 1968 in Leipzig und 1985 wieder in Berlin wird die Heilandskirche nach dem Mauerbau das Opfer "nur" einer Entweihung - einer "Umnutzung" durch die DDR-Grenztruppen. Der Kirchenkörper verwahrlost, bleibt aber stehen. Auf dem Campanile sitzen Soldaten und überwachen die Grenze. Nach ihrer Wiederherstellung wird die Kirche heute zum Weltkulturerbe gezählt. [Mehr Informationen über die Heilandskirche in Sacrow]

Der einsame Friedhof Grunewald-Forst im Jagen 135

Zu den Orten der Vernichtung und Schändung, an denen die Havel gelassen vorbeifließt, zählt ein Ort der Schwermut und der Bekümmernis, dem man anfangs verwehrte, ein Gottesacker zu sein. Es ist der heutige Friedhof Grunewald-Forst im Jagen 135. Es gibt kaum einen einsameren, entrückteren, aber auch keinen idyllischeren Platz für eine solche Anlage. 1878/79 geschaffen, wurde sie zunächst "Friedhof der Namenlosen" genannt, auch "Selbstmörderfriedhof", er blieb der einzige seiner Art in Deutschland. Die Überreste von mehreren Tausend Menschen liegen inzwischen hier in der Erde. Eine unbekannte Zahl von ihnen hatte den Tod freiwillig gesucht, und das zu einer Zeit, in der in Deutschland ernsthaft die Frage erörtert wurde: "Kann und soll der Leiche eines Selbstmörders, oder (eines) ähnlichen Verbrechers (!), nach Kirchen- und Civilgesetzen das kirchliche Begräbnis verweigert werden?". Die Frage wird 1830 im Traktat eines Kölner Anonymus gestellt - und mit glasklarem Ja beantwortet. Der Suizid wird als strafwürdige Handlung begriffen, nur dass sie ungesühnt bleiben muss, da der "Täter" naturgemäß für eine Anklage nicht mehr zur Verfügung steht. Deutlich separiert und ohne rednerischen Aufwand sollten die Leichen bestattet werden. Auch die deutsche Dichterin Magdalene Philippine Engelhard (1756-1831) macht aus ihrer Kritik am Suizid keinen Hehl. Im Gedicht "Der Selbstmörder" weist sie auf einen Grund einer Lebensverweigerung hin:

Schild am Friedhofseingang
Hinweisschild am Friedhofeingang - Foto: © -wn-
"Die (Kinder) müssen durch den Vater dulden;
Faul war er - trank doch gerne Wein.
Auf Einmal hatt' er viele Schulden,
Und wußte weder aus noch ein!

Vor Angst schnitt er mit einem Messer
Den Hals sich ab - Wie schaudert mir!
Recht fleißig werden war viel besser,
Doch was kann Weib und Kind dafür?"

Von selbst bestimmtem Freitod (mit oder ohne Suchthintergrund) ist nicht die Rede. Der Vorgang bleibt verwerflich und kriminell. Das belegt auch das Schicksal des Mittdreißigers Heinrich von Kleist (geb. 1777), der - nicht allzu weit vom Friedhof entfernt - einen weiteren traurigen Ort an der Havel begründet: am Ufer des Kleinen Wannsees. Im Obergeschosszimmer der nahen Gaststätte "Stimmings Krug" schreibt von Kleist am 21. November 1811 - "am Morgen meines Todes" - an seine Schwester Ulrike: "... die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war ... möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen gleich". Bei ihm ist die todkranke und bis zur Abgabe des auf sie gerichteten Schusses wie er heiter gestimmte Freundin Henriette Vogel (geb. 1780). Man begräbt beide nächsten Tags gleich an Ort und Stelle.

Warum aber findet man den früheren Selbstmörderfriedhof ausgerechnet oberhalb des markanten Schildhorns am Ostufer der Havel? Diese in den Fluss hineinragende Landzunge ist nicht nur eine geografische Besonderheit - sie hat eine "sammelnde" Funktion. Gleich, wo man sich oberhalb des Schildhorns mit einer Sterbeabsicht dem Wasser übergab, die Leiche landete aufgrund unterirdischer Strömungen oft in der schmalen Schildhornbucht. Fünf mannshohe russisch-orthodoxe Kreuze gleich am Friedhofstor erinnern an Gegner der Russischen Revolution von 1917. Irgendwann zwischen 1917 und 1919 nahmen sie sich in der Havel das Leben und wurden am Schildhorn tot aus dem Wasser gezogen. Wasserleichen aller Art trieben hier an und wurden mit wenig Aufwand bestattet. Nicht selten handelte es sich um Dienstmädchen, die von ihren Dienstherren geschwängert worden waren. Man ging, heißt es in einer Quelle, selbst zum Erhängen in den Grunewald, um dem Friedhof nahe zu sein. Zu den wenigen Überlieferungen von Menschen, die Hand an sich legten, gehört das irdische Ende eines Justizangestellten aus Insterburg (heute Tschernjachowsk in der russischen Exklave Kaliningrad), der sich einer aufkommenden Geisteskrankheit ausgeliefert sah. "Nicht meinem Eide kann ich gerecht werden - denn der Kopf schwärmt, stockt, wenn er seinen Pflichten nachgehen soll", schreibt er im Abschiedsbrief. Das "Magazin zur Erfahrungsseelenkunde" dokumentierte den Ablauf seines Freitodes: "Der Unglückliche ... schickte Sonntags den 18ten May 1783 seine Frau in die Kirche, schrieb den Schluss seines ... Vermächtnisses, schnitt sich in den Hals, und verfehlte den Tod. Er öffnete sich die Handadern, und verfehlte ihn noch; darauf trat er ans Fenster, sah seine Gattin aus der Kirche kommen, floh zurück, nahm einen Hirschfänger und durchstieß sich die linke Herzkammer. Da lag er noch blutend, als seine Frau zu ihm ins Zimmer trat, sah sie an und verschied." Der Berichterstatter enthält sich der üblichen Verbrechens-Unterstellung. Es heißt: "Er hatte - was jeder vernünftige Selbstmörder hat - Stolz! Aber nicht den Stolz eines Federnhutes (als Symbol des Gecken gemeint), den Stolz des Geldkastens, des Patents oder Diploms, nicht einmal den Stolz der Gelehrsamkeit, sondern den Götterstolz der Selbstkraft, des Verstandes und der Rechtschaffenheit." Starke Worte für diese Zeit! Auch ein Cousin von Gerhart Hauptmanns Ehefrau Marie nahm sich in Friedhofsnähe das Leben. Er schoss sich am 4. Mai 1886 in den Mund. Gerhart Hauptmann (1862-1946) schreibt später das Gedicht "Am Grabe eines, der durch Selbstmord geendet hatte", in dem es heißt: "Du warst der Ringer und der Dulder einer, / die nach dem Lichte ohne Ende streben".

Eine "niedrige dreistellige Zahl an Gräbern"

Bereits 20 Jahre nach der Gründung des Friedhofes schreibt Theodor Fontane: "Inzwischen hat sich die stille Gemeinde von Jahr zu Jahr vermehrt und mancher Lebensmüde hat hier unter dem Schatten der immergrünen Föhren die Ruhe gefunden, die er im Leben vergeblich suchte." 1928/29 ändert sich die Situation im Grunewald. Um den fast 5000 Quadratmeter großen Friedhof wird eine Mauer gezogen - nicht zuletzt, um dem Gräberfeld den Nimbus des Normalen und Geschützten zu verleihen. Ab diesem Zeitpunkt ist es nicht mehr der Ort diskriminierender Bestattungen, sondern ein Friedhof für jedermann. Eine "niedrige dreistellige Zahl an Gräbern" gibt es derzeit hier nach Schätzungen des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf. Hat man heute an der Havelchaussee den Abzweig zur Försterei Saubucht gefunden und geht von dort weiter zu Fuß in den Wald hinein, wird man von Schildern geleitet. Zu beiden Seiten des Pfades ist der Waldboden von Wildschweinen wild durchfurcht. Nach kurzer Zeit gibt der Wald Raum frei für eine schmale Lichtung mit herangewachsenen Eichen und Föhren. Man ist da. Das Innere des Friedhofes zeigt sich mit schmalen Pfaden. Grabsteine verstecken sich hinter herabhängenden Ästen. Andere haben Aufschriften, die nur aus Vornamen bestehen. Es ist eine wahrlich "bunte Gesellschaft", die hier auf den Weg ins Ewige ist. Der Schauspieler und Regisseur Harald Sawade (1914-1967) ließ sich hier beisetzen. Unweit davon der SA- und SS-Führer Helmut Wähmann (1901-1964). Im März 1921 beteiligte er sich als Angehöriger von Freikorps an der Niederschlagung der kommunistischen Aufstände in Mitteldeutschland und im Mai des Jahres in Oberschlesien. "Jagd vorbei", heißt es beziehungsreich auf dem Grabstein des früheren Oberförsters Willi Schulz (1881-1928). Als das prominenteste Grab gilt das von Nico alias Christa Päffgen (1938-1988), einer in Köln geborenen Schauspielerin und Sängerin. Mit Heroin und Alkohol habe sie ihren Suizid auf Raten eingeleitet, heißt es im Nachruf. Auf dem Grabstein eines anonymen 19 Jährigen, der willentlich aus dem Leben ging, ist zu lesen:

"Geliebt - beweint
Mein frühes Grab, mein frühes Grab
drum Mutter ruf mich nicht zurück
ich lebe noch und liebe Dich
in diesem schönen Himmelslicht."

Auch der Tod des Schriftstellers und bedeutenden Vertreter des Expressionismus Georg Heym (1887-1912) ist mit dem Wald-Friedhof verbunden. Am 16. Januar 1912 trifft er sich mit Freunden zu einer Schlittschuhpartie auf der Havel. Einen Kilometer südlich der Insel Lindwerder bricht er ein und ertrinkt. Aufgebahrt wird er zunächst im niedrigen Leichenraum des Friedhofes. Wie sein Biograf, der Journalist Helmut Greulich, schreibt, sei er hier in eine Örtlichkeit gekommen, "wie er sie in seinen grausigsten Visionen geschaut hatte". Im Raum hätten auf Bestattung gewartet "ein im Dienst umgekommener Eisenbahner, schrecklich verstümmelt; Selbstmörder, eine in einem Eisblock eingefrorene Gestalt, die durch das Eis vollkommen konserviert war, nur der Kopf ragte heraus und war von den Ratten vollständig abgenagt worden". (Am 24. Januar 1912 wird die Leiche Georg Heyms auf dem Friedhof der Luisenkirchen-Gemeinde am Fürstenbrunner Weg in Charlottenburg beigesetzt.) Alle, die hierher gebracht wurden, hatten es sich zumeist so ausgesucht - entweder hatten sie auf einen "süßen Tod" (Johann Sebastian Bach) warten können oder sie hatten sich das Recht genommen, einer Lebensqual ein Ende zu setzen.

Friedhöfe in Berlin: