Der Russisch-Orthodoxe Friedhof Tegel / Russisch Land auf märkisch Sand

"Der Sargmacher" heißt die Erzählung des russischen Dichters Alexander Puschkin (1799-1837), in der der Leichenbestatter
Tafel am Eingang vom Russisch-Orthodoxe Friedhof in Berlin Tegel
Die Tafel am Friedhofseingang verweist auf den Heiligen
Konstantin (288-337), den ersten christlich-römischen
Herrscher, der 313 die Christenverfolgung aufhebt.
Helena ist Konstantins Mutter. / Foto © wn
Adrian Prochorow bei einer feucht-fröhlichen Feier von den Nachbarn damit aufgezogen wird, dass seine Kunden die auffallende Eigenschaft haben - tot zu sein. Der so gefoppte Prochorow findet das nicht lustig und hält die uneigennützige Wohltätigkeit dagegen, mit der er dann und wann seinen Beruf auszuüben gezwungen ist - nämlich wenn ein Verblichener kein Geld zum Bezahlen des Sarges hinterließ. Prochorows Logik: "Wenn der Lebende kein Geld hat, um sich Stiefel zu kaufen, so muss er barfuss laufen doch der tote Bettler kriegt seinen Sarg umsonst", denn "der Tote kann ohne Sarg nicht leben" (Deutsch: Alexander Eliasberg). Obwohl er mit diesem Selbstlob die Spaßvögel durchaus zum Schweigen gebracht hatte, überkam ihn nach ausgiebigem Champagner-Genuss später im Bett ein bizarrer Traum. Um den spottsüchtigen Nachbarn die Prosperität seiner Sargtischlerei und die krisenfeste Kundennachfrage nachdrücklich zu beweisen, verfestigte sich in seinem von Alkohol und Stumpfheit entrückten Bewusstsein die Idee, seine bisherigen Kunden zu einem Fest zu laden. Und der Traum nahm seinen Lauf: Menschen tauchten auf - Gestalten mit eingefallenen, ja mit skelettierten Körpern. Die meisten erkannte er wieder - hatte er sie doch selbst zum Empfang des letzten Segens eingesargt und kurz darauf bestattet; und tatsächlich in einigen Fällen, ohne einen Gewinn erzielt zu haben. Seine durchweg dankbaren Gäste umringten ihn - so Puschkin weiter - "mit Verbeugungen und Komplimenten, mit Ausnahme eines Bettlers, der vor kurzem unentgeltlich begraben worden war und der, sich seiner Lumpen schämend, nicht näher kam und bescheiden in einem Winkel stand". Wie erleichtert war Adrian Prochorow, als er morgens erwachte und feststellte, dass er das von den Witzeleien der Nachbarn ausgelöste nächtliche Bacchanal mit Toten nicht hatte ausrichten müssen.

Einem ähnlichen, wenn auch ungleich massiveren Zwang zu sozialem Handeln sah sich am Ende des 19. Jahrhunderts der in Deutschland
lebende russisch-orthodoxe Erzpriester und Theologe Alexei Petrowitsch Malzew (1854-1915) ausgesetzt. Der Geistliche war 1886 zum Vorsteher der russischen Botschaftskirche des Heiligen Wladimir in Berlin Unter den Linden ernannt worden und fungierte gleichzeitig als Vorsitzender des "St. Wladimir-Wohltätigkeitsvereins Bratstwo". Der Verein war eine von Spenden lebende Bruderschaft, die soziale, geistliche und bauliche Ziele verfolgte. Die Körperschaft unterstützte in Berlin lebende bedürftige und kranke russische Emigranten aller christlichen Bekenntnisse. Eine der Haupttätigkeiten der Bruderschaft war das Requirieren von Geldern für einen Kirchenbau auf dem heutigen Tegeler Friedhof der Berliner Russisch-Orthodoxen Gemeinde. Alexei Petrowitsch Malzew ist in dieser Angelegenheit das leibhaftige barmherzige Gegenstück zu jenem Popen, vor dem im "Brief eines Landadligen" des sozialkritischen Publizisten Nikolai Nowikow (1744-1818) gewarnt wird. Seinem Sohn Falalej Trifonowitsch schreibt der Gutsbesitzer Trifon Pankratjewitsch: "Du mein lieber Falalej, pflege wohl mit Popen Umgang, aber hüte dich vor ihnen. Ihr Gebet dringt zwar zu Gott, (es) ist aber auch mit Unkosten verbunden." (Deutsch: Klaus Müller) Und Falalej Trifonowitsch wird daran erinnert, dass der Beichtvater des Großvaters für einen billig gedruckten Heiligenkalender mit "einer Wagenladung Mehl, zwei ausgeschlachteten Schweinen und einem Rind" entlohnt werden wollte. "Wenn der Verstorbene (Großvater) weniger mit Popen Umgang gepflogen hätte, wäre uns mehr (Geld) geblieben", schreibt Trifon Pankratjewitsch warnend seinem Sohn.

Malzews Verein war es hingegen nicht darum gegangen, gegen klingende Münze Seelenheil zu vermitteln.
Denkmal für den russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka
Ein Denkmal für den in St. Petersburg bestatteten
russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka
(1804-1857). Das Denkmal wurde 1947 von der
Kriegskommandantur des sowjetischen Sektors in Berlin
auf dem Tegeler Friedhof errichtet. / Foto © wn
Vielmehr sollte verstorbenen Angehörigen der damals noch kleinen russischen Gemeinde in Berlin, die bisher auf protestantischen Friedhöfen bestattet wurden, nunmehr ein eigener Gottesacker und eine Friedhofskapelle zur Verfügung stehen, damit die Begräbnisse nach russisch-orthodoxem Ritus vollzogen werden konnten. Dafür bestanden ab dem 2. Juni 1894 alle Voraussetzungen. Es war dem Erzpriester gelungen, dem Dalldorfer Bauern Robert Jahn für den Friedhof an der Wittestraße etwa 19000 Quadratmeter märkisches Weideland zum Preis von 30000 Mark abzukaufen. Nach dem einjährigen Bau der neuen Kirche (1893-1894) brauchten die orthodoxen Totenfeiern nicht mehr in Provisorien wie z.B. in Sarggeschäften abgehalten werden. Die neue Friedhofskapelle der Heiligen Apostelgleichen Konstantin und Helena soll an die Basilius-Kathedrale am Südostende des Moskauer Roten Platzes erinnern. Ihr kegelförmiger Turm mit der Zwiebelkuppel und dem Andreaskreuz mit doppeltem Querbalken verbreitet seitdem in Tegel russisches Flair. Der Gang der Trauergemeinde um die Kirche, das von Gebeten begleitete Beweihräuchern des gewaschenen Leichnams und schließlich das Gewähren einer ewigen Friedhofsruhe zählen zu den Besonderheiten des orthodoxen Begräbnis-Ritus. "Die letzte merkwürdige Ceremonie bey den Begräbnissen ist der Kuß: wenn die Priester zuerst, sodann die Anverwandten und Freunde des Verstorbenen ihren letzten Abschied von ihm nehmen, wobey einige den Todten, andere aber den Sarg küssen", heißt es in einer alten orthodoxen Begräbnis-Ordnung. 1896 entstand ebenfalls auf Malzews Initiative direkt gegenüber dem Friedhof das Kaiser-Alexander-Heim. Es war eine Wohnstätte für betagte Russen mit einer angegliederten Bildungsstätte. 1975 wurde es abgerissen.

Mit der Aktion "Russisch Land auf märkisch Sand" erhielt der angekaufte märkische Boden letzte vaterländische Weihe: durch die Anlieferung von 4000 Tonnen russischer Erde. Das Erdreich wurde auf dem Friedhofsareal verteilt. Heimaterde - ist es doch ein umso emotionaleres Wort, je weiter entfernt man von ihr lebt. In seinem Lied "Sehnsucht nach der Heimat" erhebt sie der russisch-sowjetische Lyriker Jewjenij Aronowitsch Dolmatowski (1915-1994) in die Höhen mütterlicher Mystik: "Auf der ganzen, großen weiten Erde, / Ist das Schönste für uns Sowjetrussland. / Unsre Mutter bist du, Heimaterde, / Wo wir spielten als Kinder im Sand." Das Pathos des Großen Vaterländischen Krieges (1941-1945) tritt hier zutage. Ganz anders, nämlich völlig unfeierlich fällt die Deutung der Heimaterde im Gedicht den Lyrikerin Anna Achmatowa (1889-1966) aus. Bei ihr heißt es 1922: "Wir tragen sie nicht in geheiligten Medaillons auf der Brust, / wir schreiben nicht schluchzend Gedichte über sie, / sie stört unseren bitteren Schlaf nicht, / sie erscheint uns nicht als das verheißene Paradies. Ja, für uns ist (sie) Schmutz an den Überschuhen, / ja, für uns ist (sie) das Knirschen auf den Zähnen Aber wir legen (uns als Tote) in sie hinein und werden eins mit ihr, / deshalb nennen wir sie auch so freimütig unser eigen." (Deutsch: Lydia Titowa)

Nach seiner Einweihung wurde der Tegeler Friedhof zunächst letzte Ruhestätte für Mitglieder des russischen Hochadels, ranghohe Offiziere, Künstler und Intellektuelle. Bis heute erinnern prachtvolle Erbbegräbnisse an adlige Bestattete, aber auch schlichte Holzkreuze zeigen an, dass die Fürsorglichkeit eines Adrian Prochorow aus Puschkins Erzählung hier nicht fremd ist. Man findet Seite an Seite die Armen-Gräber von Kindern internierter russischer Zwangsarbeiterinnen, Grabstellen von Rotarmisten und Generalen der weißgardistischen Wrangelarmee. Voluminöse Grabmale koexistieren mit einfachen Gräbern, deren Blickfänge die orthodoxen Schrägbalken-Kreuze sind. Zu den Ruhestätten der anspruchsloseren Art zählen die Gräber von Vätern zweier berühmter Russen: Der eine Stein trägt den Namen Wladimir Dimitrijewitsch Nabokow (1870-1922). Es ist der am 28. März 1922 bei einem Attentat in Berlin ums Leben gekommene Vater eines der bedeutendsten Erzähler des 20. Jahrhunderts, Wladimir Wladimirowitsch Nabokow (1899-1977). Sein größter Erfolg ist der Roman Lolita. Am ersten Todestag seines Vaters besuchte der Sohn das Grab auf dem Tegeler Friedhof und blieb dort bis zum Abend.
Die unter Denkmalschutz stehende Friedhofskirche des Russisch-Orthodoxen Friedhofs in Berlin Tegel
Die unter Denkmalschutz stehende Friedhofskirche des
Russisch-Orthodoxen Friedhofs in Berlin Tegel.
Sie soll an die Mitte des 16. Jahrhunderts
gebaute Moskauer Basilius-Kathedrale erinnern.
/ Foto © wn
Unweit davon befindet sich das Grab von Michail Ossipowitsch Eisenstein (1867-1921), Vater des bekannten sowjetischen Filmregisseurs Sergei Michailowitsch Eisenstein (1898-1948), dessen bekanntestes Werk der Film "Panzerkreuzer Potemkin" ist.

Es ist ein geschichtlicher Zufall, dass die Exklusivität des Tegeler Friedhofes nicht auch noch mit den Namen Tolstoi vervollkommnet wurde. 1921 siedelte ein Verwandter des russischen Schriftstellers Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828-1910) aus politischem Grund nach Berlin über: Es ist der Schriftsteller Alexei Nikolajewitsch Tolstoi (1883-1945). Nachdem er sich vom einstigen Gegner der Russischen Oktoberrevolution der Sowjetliteratur angenähert hatte, kehrte er 1923 in die Sowjetunion zurück. Der Name Tolstoi steht aber auch für eine der "unrussischsten" Bestattungen, die sich je an einem russischen Begräbnisort vollzog. Der gottgläubige Autor von "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina", Lew Nikolajewitsch Tolstoi, war aus der russisch-orthodoxen Kirche ausgeschlossen worden - nachdem ihm ein naturverbundenes Leben immer wichtiger und seine Kritik an der extremen sozialen Ungleichheit der russischen Gesellschaft lebensbestimmend geworden waren. Folglich musste er zwei Tage nach seinem Tod am 20. November 1910 in ungeweihter Erde im Wäldchen seines Gutes Jassnaja Poljana unweit des Flüsschens Woronka beerdigt werden. Seine Frau Sofija Andrejewna hatte jegliche Grabrede untersagt. "Kein Geistlicher (sollte) die üblichen Worte sagen. Es (sollte) ohne jede Zeremonie vor sich gehen. Sogar im Tod wies Lew Nikolajewitsch den Weg zu einer neuen Welt - einer Welt ohne falsches Lob, leere Zeremonien und törichte Verstellung. Er bedurfte nicht des Segens einer Autorität" - so der Tagebucheintrag seines Privatsekretärs, des Autors Walentin Fjodorowitsch Bulgakow (1886-1966).

Der Gebrauchswert des russischen Friedhofes geht weit über die Zweckbestimmung eines Gottesackers hinaus. In der Erzählung des Schriftstellers Wassili Makarowitsch Schukschin (1929-1974) "Auf dem Friedhof" sagt jemand: "Mich persönlich zieht es aus einem ganz bestimmten Grund auf den Friedhof: Ich sitze dort gern und grüble. Zwischen den Gräbern kann man frei denken, und es kommt einem Überraschendes in den Sinn." (Deutsch: Helga Thiele) Wer heute den Tegeler Friedhof besucht, trifft auf Menschen jeden Alters. Manche stehen eine Stunde am Grab oder sitzen daneben, andere knien davor. Diesen intensiven Kontakt zu den Verstorbenen nennen manche "typisch russisch". Deutsches scheint sich einzumischen. Ein Prikas (Order) der Friedhofsverwaltung ist plakatiert. Er untersagt, an den Gräbern Lebensmittel und Getränke jedweder Art zu sich zu nehmen. Der russische Charakter dieses Gottesackers, der die Berliner Kultur bereichert, bleibt dennoch erhalten.

Wie man zum Russisch-Orthodoxen Friedhof kommt:
Vom U-Bahnhof Holzhauser Straße (U6) sind es bis zum Friedhof in der Wittestraße 37 ca. 500 Meter Fußweg.
Text: -wn-



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