Karl-Marx-Str. & Karl-Marx-Allee in Berlin

Karl-Marx-Allee in Berlin
Blick von Nordosten in die Karl-Marx-Allee - Foto: © -wn-

Berlin: Zweimal Marx im Straßennetz - Mohr im Osten Opfer eines bösen Enkeltricks

"Wenn ein Mensch stirbt, fragt sich die Welt / Was nimmt er mit und was bleibt / Geht er zu früh oder wurde es Zeit ..." So fragt ein Lied der ehemaligen deutschen Rockband Puhdys. Getextet und komponiert hat es deren Sänger Dieter Birr (geb. 1944). Lebensgefährlich wäre es im Frühjahr 1953 in der Sowjetunion gewesen, hätte man den nachdenklichen Kantus dort angestimmt. Denn soeben war Josef Wissarjonowitsch Stalin (1879 od. 1878-1953) einsam entschlafen, und die Frage nach dem Charakter des Ereignisses stellte sich mit Nachdruck. Nach dem Hinscheiden des gefürchteten, orgiastisch bejubelten und bedichteten Diktators herrschten zunächst Molltöne tiefer Trauer vor. Verbreitet war die Fiktion, dass der Verstorbene viel Gutes und Bewahrenswertes hinterließ. Als unbestreitbar galt: die Rote Armee hatte unter seiner Führung an dem Sieg über den deutschen Faschismus maßgeblichen Anteil. Der damalige USA-Bürger und Mitglied der "Ritchie Boys", einer Einheit für Psychologische Kriegführung, der später weltbekannte Schriftsteller Stefan Heym (1913-2001) zitiert sich in seiner Autobiografie "Nachruf" mit den Worten: "Es starb Genosse Stalin. Trauer befiel S.H. (Stefan Heym) Diese Trauer war echt: wäre Stalin nicht gewesen, Hitler hätte gesiegt." Vermutlich würde Stefan Heym seine aus der Zeit heraus erklärbare Aussage auch heute nicht korrigieren wollen.

Marx-Engels-Forum in Berlin
Das Marx-Engels-Forum an der Karl-Liebknecht-Straße nahe dem Roten Rathaus und dem Spreeufer (Ausschnitt). Die überlebensgroßen, dunkel patinierten Bronzefiguren stammen aus der Werkstatt des Bildhauers Ludwig Engelhardt (1924-2001). - Foto: © -wn-
Kein Gedanke aber daran, dass die postmortale Verherrlichung Stalins einmal in eine drakonische Verurteilung umschlagen würde. Doch zunächst ist Seelennot verbreitet. Am 7. März 1953 erscheint im "Neuen Deutschland" die Mitteilung, wonach "Josef Wissarionowitsch Stalin am 5. März um 21.50 Uhr nach schwerer Krankheit verschieden ist. Das Herz des Kampfgefährten und genialen Fortsetzers der Sache Lenins, des weisen Führers und Lehrers der Kommunistischen Partei und des Sowjetvolkes ... hat aufgehört zu schlagen. Der Name Stalin ist unserer Partei, dem Sowjetvolk und den Werktätigen der ganzen Welt unendlich teuer." Pompös und schmerzensreich das Begräbnis am 9. März 1953. Moskau, Roter Platz. Von irgendwo her erklingt der zweite schicksalsschwere Satz Andante con moto aus Beethovens Fünfter mit seinem trotzigen Fortissimo aus Paukenschlägen und Trompetenstößen, im Gedränge des Trauerzuges sinken Menschen tot aufs Pflaster nieder, klagende Dampflokpfeifenpfiffe gellen über den Platz, in den Straßen ringsum steht der Verkehr, zutiefst gerührte Frauen weinen Taschentücher nass, kurz, eine apokalyptische Stimmung schien sich zu verbreiten. Denn es stand die Frage: Wie weiter?

Letzte Traueroden an den Generalissimus

Obwohl Stalins Gewaltherrschaft zu Ende ging, musste aus Sicht der Staatspartei der Schein einer Kontinuität gewahrt werden; es durfte nicht der Eindruck aufkommen, dass der Sozialismus infolge Personalausfalls ins Rutschen kommen könnte. Denn auch nach dem Übergang der Sowjetunion in eine zumindest gewaltfreiere Herrschaftsform ("Tauwetterperiode") galt die altbekannte Losung "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht". Mit ihr hatte weiland auch der preußische Minister Wilhelm Graf von der Schulenburg (1742-1815) im Jahre 1806 den Berlinern die Niederlage in der Schlacht von Jena und Auerstedt verklickerte. Da die Verurteilung Stalins wegen schwerwiegender Verbrechen noch ausblieb, gab es im Land weiter die üblichen unterwürfigen Elegien und Oden auf den Verblichenen.

Von keinen Zweifeln belastet griff in der DDR deshalb auch der Dichter Johannes R. Becher (1891-1958) unentwegt in die Worthülsenkiste der Politlyrik. In einer seiner religiös verbrämten Hymnen heißt es:

"Und als verhaucht seine letzter Atemzug,
Da hielt die Taube ein auf ihrem Flug
Und legte einen gold'nen Ölzweig nieder.
Die Völker sangen alle stille Lieder.

Den Namen Stalin trägt die neue Zeit.
Lenin, Stalin sind Glückunendlichkeit.
Begleitet Stalin vor die Rote Mauer!
Erhebt Euch in der Größe Eurer Trauer!"


Wie bescheiden ging es doch im Vergleich dazu nach dem Ableben des nicht weniger geschichtsbekannten israelischen Königs und Gottesknechtes David (1042-965 v. Chr.) zu. Obwohl es in den Büchern des Alten Testaments der Bibel keineswegs an ausschweifenden Huldigungen fehlt, nicht an ekstatischem Bekennen, Beten und Bitten und an kultischen Totenklagen, geht doch Davids Grablegung prunklos über die Bühne. "Also legte sich David zu seinen Vätern und wurde begraben in (Jerusalem) der Stadt Davids", heißt es im 1. Buch der Könige 2, 10. Punkt. Man sieht: Stalin war Gott, David nur König von Zebaoths Gnaden.

Und Johannes R. Becher hatte Glück. Wegen seines eigenen inzwischen eingetretenen Ablebens blieb ihm die schmerzliche Erkenntnis erspart, dass er sich hätte mit seinen euphorischen Stalin-Gesängen von einem Tag auf den anderen abseits der Partei-Schlangenlinie befunden. Mit dem Oktober 1961 kam nämlich des toten Stalins endgültiges Aus. In einem zögerlichen, aber nun Fahrt aufnehmenden Prozess hatte sich die einstige Trauer nordkoreanischen Ausmaßes in eine maliziöse Anklage des Diktators gewandelt. Nachdem bereits auf dem XX. Parteitagtag der KPdSU im Februar 1956 der Personenkult um ihn gebrandmarkt worden war, ging ein XXII. Parteitag im Oktober 1961 dazu über, den Generalissimus aus der sowjetischen Öffentlichkeit zu tilgen.

Nun war auch in Ostberlin Schluss mit den Oden. Es gab anderes zu tun. Denn immer noch durchzog ein Verkehrsweg namens Stalinallee die Stadtbezirke Friedrichshain und Mitte. Das Schlimmste: zwischen Koppen- und Andreasstraße stand noch das 4,80 Meter hohe Bronzestandbild des ehemaligen Vaters der Völker. Von seinem Sockel blickte dieser in Feldherrenpose herab, und in der linken Hand hielt er eine Schriftenrolle, auf der man die Namen der nächstens zu erschießenden "Volksfeinde" hätte vermuten können. Statue und Sockel verschwanden mit unbekanntem Ziel geräuschlos in der Nacht. Am Dienstag, den 14. November 1961, veröffentlichte die "Berliner Zeitung" auf der ersten Seite eine "Mitteilung des Magistrats von Groß- Berlin". Man las: "Nach Kenntnisnahme der Materialien des XXII. Parteitages der KPdSU hat der Magistrat von Groß-Berlin in seiner Sitzung vom 13. November 1961 in Bezug auf die in der Periode des Personenkults Stalins erfolgten Verletzungen der revolutionären Gesetzlichkeit und der daraus entstandenen schweren Folgen nachstehende Maßnahmen beschlossen: Der Teil der bisherigen Stalinallee vom Alexanderplatz bis zum Frankfurter Tor wird in Karl- Marx-Allee umbenannt, der Teil der Stalinallee vom Frankfurter Tor in östlicher Richtung erhält den Namen Frankfurter Allee (und) das Denkmal J. W. Stalins wird entfernt." Mehr Infos über die Karl-Marx-Allee

Karl Marx wäre heute Empfänger einer Grundsicherung

Karl-Marx-Straße in Berlin
Blick auf das Rathaus Neukölln in der Karl-Marx-Straße - Foto: © -wn-

Ab dann gab es nun einen zweiten Verkehrsweg in Berlin, der nach Karl Marx (1818-1883) benannt war. Bei der 14 Jahre zuvor ausgerufenen Neuköllner Karl-Marx-Straße liegen die Dinge anders. Sie benennt heute kein Teilstück einer Straße; sie vereint zwei frühere anderslautende. Denn der gesamte Straßenzug hatte seit 1874 zwei Namen und erhielt am 31. Juli 1947 auf gesamter Länge seine neue Benennung. Bisher hatte die Karl-Marx-Straße vom Hermannplatz bis auf Höhe des Richardplatzes "Berliner Straße" und ab dort in Richtung Rudow "Bergstraße" geheißen. Auch der anliegende frühere Hohenzollernplatz in der Nähe der Thomashöhe wurde nach dem Londoner Privatgelehrten benannt. Hintergrund für die Umbenennung war eine alliierte Anordnung und eine "Anregung des Magistrats von Groß-Berlin", die bereits 1945 verfügt hatten, dass Straßen mit nationalsozialistischen oder wilhelminischen Namensanteilen umbenannt werden müssen. Am 9. April 1946 nahm der Magistrat und die in ihm wirkenden Parteien SPD, SED, CDU und LDPD den Vorschlag "Karl-Marx-Straße" an. Karl Marx galt zu diesem Zeitpunkt im Westen der Stadt als einer von vielen bedeutenden Denkern des 19. Jahrhunderts. Die Menschen hatten einen klugen Mann vor Augen, der hinter die Kulissen des Kapitalismus zu blicken fähig war und dessen Mechanismen bloßlegen konnte. Man anerkannte seine wissenschaftliche Leistung und würdigte auch die Tatsache, dass er, der die Lebenslage der Menschen in den unteren Klassen verbessern wollte, sein Leben lang ein mittelloser Mann blieb; obwohl ungemein fleißig, war er erwerbsunfähig. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte ihm der Freund Friedrich Engels (1820-1895) nicht immer ein paar Pfund Sterling mit in die Briefe gelegt. Und heute bezöge er Grundsicherung. Er liebte seine Frau, die furchtlose und hochgebildete Johanna Bertha Julie Jenny Marx (1814-1881) und seine drei (das Kindesalter überlebenden) Kinder. Trotz aller Sensibilität war er auch ein Choleriker, der sich gelegentlich einer derben Sprache bediente, wenn er Dummköpfe verspottete. Wehe, wer mit ihm überkreuz lag. Einen "dummen Wilhelm" nannte er Wilhelm Liebknecht (1828-1900), Herausgeber des sozialdemokratischen Parteiorgans "Der Volksstaat". Marx, der für das Blatt schrieb, ärgerte sich über den saumseligen Liebknecht, der vergaß, ihm Belegexemplare zu schicken. Den - nach seiner Meinung - "Vulgärmaterialisten in bonapartistischem Sold" Karl Vogt (1817-1895), belegte er mit der unerfreulichen Verbalinjurie "das Schwein".

Marx' kreativer Zweifel am Bestehenden wird verboten

Wohl niemand konnte damals ahnen, dass das landläufige Bild vom "Westberliner Karl Marx" der Wirklichkeit näher kam, als das des angeblich hochgelobten, tatsächlich aber geplünderten und um einen Großteil seiner Erkenntnisse gebrachten Mannes. Seit dem 13. November 1961 muss er in Ostberlin als Aushängeschild für ein Stück einer zentralen Straße herhalten.
Denn mit der Hergabe seines Namens hatte Mohr (Marxens Spitzname) schon seine Schuldigkeit getan. Dieser östliche Marx glich einem einsamen und auf das Altenteil gesetzten Witwer, dem die Nachfahren alles Erarbeitete aus den Händen genommen hatten - nicht um Kapital daraus zu schlagen, sondern um es zu einem erheblichen Teil wegzuschließen. Nur der Name - der sollte klingen.
Es vollzog sich einer der frechsten politischen Enkeltricks des 20. Jahrhunderts. Das Schlimmste, was die Marx-Verfälscher ihm und Friedrich Engels antaten, war die Abschaffung des stetigen kreativen Zweifels am Bestehenden. Dieser Zweifel war eines der von Marx erkannten dialektischen Grundgesetze des irdischen Lebens überhaupt - die Negation der Negation.
Von ihr war keine Rede mehr. Überraschend war das nicht, wenn eine Funktionärskaste stur auf ihren unverrückbaren Irrtümern und Fehleinschätzungen besteht und Kritiker mit maßlosem Hass verfolgt. Die ungebildeten Funktionäre verhielten sich übrigens wie zuvor das Bürgertum, das ebenso die Dialektik scheute. In seinem Buch "Das Kapital" schreibt Karl Marx, die Dialektik sei auch "dem Bürgertum ein Ärgernis und Greul gewesen, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden einschließt, jede gewordene Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffasst". Karl Marx ahnte nicht, dass es auch im späteren Sozialismus einen solch schalen Blick auf die Dialektik geben und diese Haltung anstehende gesellschaftliche Veränderungen - zum Beispiel eine überfällige Demokratisierung - verhindern würde.

Aus eigenem Interesse machten die pseudomarxistischen Apologeten aus dem Rabbisohn Karl Marx einen eingefleischten Atheisten, weil er die Religion als Opium für das Volk bezeichnete. Zwar war er nicht religiös, aber kein Religionshasser. Gern wollten die falschen Enkel das "Kommunistische Manifest" missverstehen, in dem es ja tatsächlich heißt: "Der Kommunismus ... schafft die ewigen Wahrheiten ab, er schafft die Religion ab". Karl Marx hielt jedoch nicht mit der Feststellung hinter dem Berg, dass er die menschenfreundliche christliche Ethik (Bergpredigt) wohlweislich - wenn auch ohne göttliches Wesen - in sein System aufgenommen hatte. Sah er doch gerade den atheistischen und demokratischen Staat als dasjenige Gemeinwesen an, in dem der "menschliche Hintergrund der christlichen Religion in wirklich menschlichen Schöpfungen sich ausführen kann". Ach, hätte er es doch noch lesen können, was der in Cambridge lebende Philosoph und Kulturkritiker Francis George Steiner (geb. 1929) etwa 165 Jahre nach dem Erscheinen des Manifestes aufzuschreiben sich veranlasst sah: "Der kollabierende Kommunismus ist in eine oft fanatische Religiosität zurückgetorkelt." Die hinterhältigen Lobpreisungen des kaltgestellten Karl Marx erinnern an eine bissige Bemerkung von Friedrich Engels im Brief vom 16. Oktober 1862 an den Freund Mohr: "Diese armen verlogenen Preußen, die sich stets blamieren, sowie sie was Schriftliches von sich geben."
(Siehe auch den Beitrag "Marx-Engels-Denkmal: Mohr und Fred verschoben und gedreht".)

Verkehrshinweise:

Die Karl-Marx-Straße erreicht man mit der U-Bahn U7 (Station Karl-Marx-Straße)
Die Karl-Marx-Allee erreicht man mit der U-Bahn U5 (mehrere Stationen). Die Allee ist vom Alexanderplatz zu Fuß zu erreichen.
Text: -wn- / Stand: 25.03.2017

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