Kirche St. Peter und Paul / Wilhelm, der Warmduscher unterm Ledersack

Eher oft als selten werden Berater der Public Relations gebraucht. Die auch auf persönliche Ansehensverluste spezialisierten PR-Mentoren zeigen Prominenten
Sankt Peter und Paul Kirche in Potsdam
Die Potsdamer katholische Kirche St. Peter und Paul
am östlichen Ende der Brandenburger Straße
Foto: -wn-
- oder solchen, die dafür gelten möchten - wie man einen beschädigten Leumund saniert, der durch öffentliche Albernheit, durch Suff oder durch schwache Leistung entstand. Ein Beispiel für eine offenbar gelungene Restauration eines ehemals schlechten Rufes bietet der derzeitige (2013) deutsche Außenminister Guido Westerwelle (geb. 1961). Wie man beobachten kann, überwand er bei seinen öffentlichen Abkündigungen die frühere gereizte Bockigkeit zugunsten einer zur Schau gestellten neuen Bestimmtheit und Würde. Andererseits war es stets unterhaltend zuzuhören, wenn der frühere Minister "Westerwave" auf pfiffige Aufreizungen aus den Reihen der Medienmeute patzig ansprang. Ein anderer Fall: Im Fokus einer teils belustigten teils Kopf schüttelnden Öffentlichkeit steht der Südtiroler Fernsehmoderator Markus Josef Lanz (geb. 1969), inzwischen ein medialer Tragiker von hohen Graden. Hilfreiche PR-Konsultationen stehen offenbar noch aus, so dass er dereinst - wie zu hoffen - davon ablassen wird, sich über Gebühr als weltläufigen coolen Expeditionstyp zu gerieren. Sicher werden ihm die Mentoren nahelegen, beim nächsten Besuch irgendeiner Wüstensteppe nicht - wie damals in der Mongolei - auf jeden Zauberpriester hereinzufallen. Auch sein todesmutiges Nippen an der (schmackhaften) gegorenen Stutenmilch Airag (Kumys) löste beim Zuschauer Häme aus. Landeskundige konnten sich nicht genug wundern, als sie aus dem Mund des Vaganten hörten, die mongolischen Viehzüchter würden sich auf ihren Weiden gelegentlich verlaufen. Einen solchen Fall hat es dort seit Dschịngis Khan (1155 od. 1162 od. 1167-1227) wohl nicht gegeben.
1241 fanden die Mongolen ohne Navigationsgeräte sogar den Weg nach Schlesien und Ungarn. Wetten, dass einer mit solchen Räuberpistolen tatsächlich seinen Ruf ruiniert?

In der preußischen Geschichte kennen wir das Beispiel eines Mannes aus dem Hause Hohenzollern, der sich im Frühjahr des revolutionären Jahres 1848 auf eine überaus reaktionäre Position begab. Die Rede ist vom Bruder des damals regierenden Königs Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861). Es ist der Prinz von Preußen (1797-1888), der spätere deutsche Kaiser Wilhelm I. In seinem Buch "Die deutsche Revolution" beschreibt der Historiker Wilhelm Zimmermann (1807-1878) die tragisch-dramatischen Ereignisse des 18. März, als das preußische Militär nahe dem Berliner Königsschloss beginnt, auf Teilnehmer einer Bürger-Kundgebung zu schießen. Prinz Wilhelm, Berater seines zögerlichen Bruders, rät dringend ab, angesichts der massiven Proteste das Militär zurückzuziehen. Verbürgt ist sein Statement: "Nein, das soll nicht geschehen! Eher soll Berlin mit allen seinen Einwohnern zu Grunde gehen. Wir müssen die Aufrührer mit Kartätschen zusammenschießen." Fortan wird er der "Kartätschenprinz" genannt. Am Abend des 18. März eskaliert die Lage; es beginnt ein vierzehnstündiger blutiger Kampf zwischen den Barrikadenkämpfern und dem Militär. Der Prinz flieht bald darauf nach Großbritannien; in Berlin ist er nicht mehr sicher. Später höhnt man in seine Richtung:
"Schlächtermeister Prinz von Preußen
komm doch, komm doch nach Berlin!
Wir woll'n dir mit Steinen schmeißen
und auf die Barrikaden ziehn."
Der Adressat dieses Liedes ist damit auf dem niedersten Level seines öffentlichen Ansehens angelangt. Erst nach Monaten wagte er sich zurück.
Campanile an der Westfassade der Kirche St. Peter und Paul
Der 64 Meter hohe Campanile an der Westfassade
der Kirche St. Peter und Paul.
Er ist dem Glockenturm der Kirche San Zeno
Maggiore im italienischen Verona nachempfunden.
Foto: -wn-
Zehn Jahre nach der Revolution wird er Regent in Preußen; sein Bruder erlitt mehrere Schlaganfälle und ist auf Dauer regierungsunfähig. Nach dessen Tod im Jahre 1861 wird der Regent König von Preußen und 1871 erster Deutscher Kaiser. Jetzt ist er 74 Jahre alt. Man kennt ihn als den gealterten Monarchen mit dem herkulischen Backenbart zu beiden Seiten des ausrasierten Kinns. Und man mag es kaum glauben, was der Historiker Christopher Clark (geb. 1960) in seinem Buch "Preußen - Aufstieg und Niedergang 1600-1947" schreibt. Wilhelm I. sei vom Volk als "ein ehrbarer und weithin bewunderter Mensch (und als) eine Persönlichkeit mit der Würde eines biblischen Patriarchen" angesehen worden. Selbst seinen Eigensinn findet man amüsant. Als man ihm vor seiner Krönung zum König von Preußen in Königsberg probeweise die Krone aufsetzen will, erklärt er: "Man nehme an meiner Mütze oder an meinem Helm Maß." Sein Haupt werde die Krone nicht eher berühren, "bis ich sie vom Tische des Herrn nehme". Die Propyläen-Weltgeschichte schildert ihn allerdings auch als einen Mann mit "beschränktem, aber festen und klaren Geist, nüchtern, soldatisch und ehrenhaft". Möglicherweise lag es gerade an dieser intellektuell gebremsten Prägung, dass er es einem seiner Vorgänger, Friedrich II. (1712-1786), auf dem Gebiet des Städtebaues nicht gleichtun konnte - wollte er doch auch Grandioses bauen. Wenige Jahre nach seiner Inthronisation als König schiebt er in Potsdam das Projekt der katholischen Kirche St. Peter und Paul an. Er finanziert es auch. Zwischen 1867 und 1870 baut der deutsche Architekt und preußische Baurat Wilhelm Salzenberg (1803-1887) nach Plänen des zwischenzeitlich verstorbenen thüringischen Schinkel-Schülers Friedrich August Stüler (1800-1865) das Gotteshaus am Bassinplatz auf. Vor der Kirchentür beginnt heute die Brandenburger Straße, an deren anderem Ende das Potsdamer Brandenburger Tor mit seinem augenfreundlichen teegelben Kolorit steht.

Die Kirche St. Peter und Paul - ein eklektisches Bauwerk


Die Kirche St. Peter und Paul ist in eklektischer Manier gebaut. Ein Gebäude so zu klassifizieren, kam bis in die 1960er Jahre einer Abwertung gleich.
Potsdamer Brandenburger Tor am westlichen Ende der Brandenburger Straße.
Das Potsdamer Brandenburger Tor am westlichen Ende
der Brandenburger Straße. / Foto: -wn-
Heute betrachten die Baukünstler das Ineinandergehen unterschiedlicher Baustile im preußischen Bauwesen nicht als Kitsch, sondern als "stilpluralistischen Historismus der Wilhelminischen Zeit". Inzwischen sieht man in diesem Eklektizismus den Versuch, Geschichte zu bewahren. Dafür steht St. Peter und Paul ausdrücklich. So ist der doppeltürmigen Westfassade der Kirche ein 64 Meter hoher Glockenturm beigegeben, der dem Campanile der Kirche San Zeno Maggiore im italienischen Verona nachempfunden ist. Der Chorabschluss des Langhauses (Apsis) mit seinen drei Konchen (Wölbungen) lässt den Betrachter an die Istanbuler Hagia Sophia denken, an das bedeutendste Bauwerk der byzantinischen Kunst. Und schließlich steht die Kirche, in der sich byzantinische und romanische Stilelemente mischen, auf einem Grundriss, der die Form eines griechischen Kreuzes besitzt. Im hellfarbigen, klassizistisch geprägten Innenraum herrscht überdies keine "ehrwürdige Nacht", wie es in Goethes Osterspaziergang generalisierend heißt. Trotz der heutigen Akzeptanz des Eklektischen kommt der Historiker Armin Hanson nicht umhin festzustellen, dass "insbesondere Wilhelm I. kaum gestalterische Ambitionen (zeigte) und keinen erkennbaren eigenen Stilwillen (entwickelte)". Zu den wenigen für Potsdam wichtigen Bauten dieser Zeit gehört zweifelsohne die Kirche St. Peter und Paul. In den Jahrzehnten vor Wilhelms Lebenszeit sei jedoch bereits "ein Ensemble von seltener Geschlossenheit und hoher künstlerischer Qualität" entstanden. Zu den städtebaulichen Konstanten habe "die bewusste Hereinnahme architektonischer Anregungen aus ganz Europa" gehört. Hanson nennt das Holländische Viertel, die Kolonie Alexandrowka oder die Schweizerhäuser in Klein-Glienicke.

Und so ließ uns der architektonisch ambitionierte, aber wenig wirksame Wilhelm I. nichts zurück, was dem zeitlos schönen Forum Fridericianum des "Philosophen von Sanssouci" am Beginn der Straße Unter den Linden in Berlin vergleichbar wäre.
Alexander Newski Kirche
Die 1829 eingeweihte Alexander Newski Kirche
für die russische Gemeinde auf dem Potsdamer Kapellenberg.
Sie wurde von Friedrich Wilhelm III. nach einem Entwurf von
Karl Friedrich Schinkel in Auftrag gegeben.
Foto: -wn-
Mag es auch erheiternd wirken, aber so war es: Zum Bleibenden aus der Ära Wilhelm I. zählt etwas ganz anderes - fernab aller Baukunst: eine nahrungspolitische Maßnahme von hohem Rang, eine Erfindung sogar, mit der die Truppenernährung gesichert wurde: Die Erbswurst aus einem Gemisch von Erbsenmehl, Speck, Gewürzen und Salz, die der Konservenfabrikant und Koch Johann Heinrich Grüneberg (1819-1872) erfand. Nach einem vom Kaiser angeordneten strengen Eignungstest wurde die Dauerkonserve in die Truppenversorgung eingegliedert. Den aus unbedeutenden Gründen ausgebrochenen Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 begleitet deshalb das politisch-satirische Wochenblatt Kladderadatsch mit dem Vierzeiler: "Mit Deutschem Commißbrot und Rauchspeck / Versorgt euch das siegreiche Heer, / Theilt brüderlich mit euch die Erbswurst - / Pariser, was wollt ihr mehr!" Die Erfindung der Erbswurst kam Wilhelms Sinn für allseitige Sparsamkeit entgegen. So habe er auch nicht von den "knauserigen Gewohnheiten eines ostelbischen Junkers gelassen" und sich zum Beispiel dagegen gewehrt, dass im Berliner Schloss ein Bad mit fließendem heißen Wasser installiert wurde. Er habe stattdessen einmal in der Woche einen mit warmem Wasser gefüllten Ledersack aufhängen lassen und sich unter diesem vom Schmutz der Woche befreit, schreibt Christopher Clark. Auch diese Marotte scheint seinem Ruf eher genutzt als geschadet haben. Und er konnte öffentlich sogar selbstkritisch sein. Seit er 1862 Otto Graf von Bismarck (1815-1898) zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt hatte und dieser 1871 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches geworden war, sprach Wilhelm I. einen Satz für die Geschichtsbücher: "Es ist schwer, unter Bismarck Kaiser zu sein". Offen gestand er, dass Otto Graf von Bismarck "wichtiger für das Reich (ist) als ich". Der so freimütige Monarch akzeptierte, dass die Politik des neu geschaffenen Deutschen Reiches maßgeblich von Bismarck bestimmt wurde. Zumindest aber wurde Wilhelm damit in Verbindung gebracht, dass nach 1871 Kriege zunächst ausblieben, nicht zuletzt weil Bismarcks Außenpolitik defensiv ausgerichtet war. Nach seinem Tod im Jahre 1888 wurde - neben den unumgänglichen Traueroden - der Ruf laut: "Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben!" Dass diesem Satz die Melodie des 1875 komponierten, fanfarengestützten "Fehrbelliner Reitermarsches" des deutschen Tonkünstlers Richard Henrion (1854-1940) unterlegt war, unterstreicht wie trotzig-freundlich das Ansinnen gemeint war. Aus der Sicht der Public Relations war dies ein - 1848 von niemandem für möglich gehaltener - Prestige-Wandel hin zum Guten. Dabei war im Denken des 19. Jahrhunderts ein solcher Wandel wenig vorstellbar. Ein in Königsberg erschienenes "Preußisches Wörterbuch" führt unter dem Stichwort "Klaks" an, diesen habe "einer weg", der "nun einmal in einen üblen Ruf gekommen" sei. "Klaks" war etwas Dauerhaftes.

Auch der zweite Name Paul, nach dem die Potsdamer Kirche zusammen mit dem Jesus-Jünger Simon Petrus (gest. um 67 n.Chr.) bezeichnet wird, erinnert an eine in der Weltgeschichte exorbitante Ansehensvermehrung. Das heute sprichwörtliche, damals folgenreiche "Damaskus-Erlebnis" des Saulus aus Tarsus (5 n. Chr.-60 od.62), einem südtürkischen Örtchen nahe dem Golf von Iskenderum, ließ diesen Saulus nach einer religiösen 180-Grad-Wende zum Paulus werden. Es ist die Zeit des römischen Statthalters von Syrien Publius Sulpicius Quirinius (um 45 v. Chr. - 21 n. Chr.), der auch in der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas ("Es begab sich aber zu der Zeit…") erwähnt wird. Saulus, der gelernte Zeltteppichweber, dann erster Theologe der Christentumsgeschichte und eigentlicher Gründer des Christentums - hatte in seinem ersten Leben alles andere als ein hohes Ansehen - vielmehr wurde er gefürchtet. Allein schon sein unangenehmes Äußere! Der französische Historiker und Essayist Gérald Messadié (geb. 1931) beschreibt ihn in seinem Roman "Ein Mann namens Saulus" als "ungewöhnlich klein, spitzknochig, und seine großen, runden, oft starr blickenden Augen (hätten) ihm einen weniger menschlichen als vielmehr hundeähnlichen Gesichtsausdruck" verliehen. Schwerer wiegt, dass er als jüdischer Mann mit römischem Bürgerrecht Aufseher des Katasteramtes war. Dieses Amt setzte Geld abschöpfende "Einkommenserhebungen" in den jüdischen Haushalten durch. Deshalb war Saulus verhasst. In der jüdischen Bevölkerung sei er nicht selten als "Hundesohn, … Judenverräter und bezahlter Handlanger der Gottlosen" beschimpft worden. Er nenne sich Jude, wenn es gälte, den Hohepriester um eine Gunst zu bitten, und römischer Bürger, wenn Statthalter Quirinius gefragt sei. Saulus habe etwas von einem Chamäleon gehabt. Nachweislich war er auch an der Verfolgung von Judenchristen beteiligt. Laut Apostelgeschichte des Neuen Testamentes ist er zugegen bei der Steinigung des christlichen Märtyrers Stephanus (ca. 1 n.Chr.-36/40 N. Chr.) aus der Jerusalemer Urgemeinde. Sie "stießen (den Verurteilten) zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Und die Zeugen legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines jungen Mannes, der hieß Saulus", beschreibt die Bibel abschließend den jüdischen Trauerritus. Wie Saulus letztlich der Übergang vom Christenverfolger hin zur Nachfolge des Jesus Christus (4 v. Chr.-30 oder 31 n.Chr.) und zum Religionsgründer gelang - das können auch die Public Relations heute nicht klären. Warum es so kam - weiß wohl nur allein der Himmel.

Adresse:
Katholisches Pfarramt St. Peter und Paul
Am Bassin 2
14467 Potsdam
Telefon: 0331 / 230 799-0

Anfahrt - Wie man zur Kirche St. Peter und Paul in Potsdam kommt:


Vom Potsdamer Hauptbahnhof kann man die Straßenbahnen 92 und 96 bis zum Bassinplatz bzw. zur Brandenburger Straße benutzen.



Kirche St. Peter und Paul auf einer größeren Karte anzeigen


Öffnungszeiten Pfarrbüro:


Montag u. Donnerstag 8-13 Uhr
Dienstag 8-13 und 15-18 Uhr.
Im Internet: www.peter-paul-kirche.de
Text: -wn- / Stand 27.02.2014

Auch in Berlin gibt es viele schöne Kirchen.

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