Wassersuppe im Havelland - unweit von Kotzen und Ohnewitz

Es sei "alles Witz und Geist" gewesen damals im Schlosse Sanssouci zu Zeiten Friedrich Zwo's. So behauptet es jedenfalls dessen Biograph Franz Kugler.
Wassersuppe im Havelland
Wassersuppe im Havelland - Foto © -wn-
Zum mitunter gewöhnungsbedürftigen Humor des an Charakterfacetten reichen "Philosophen von Sanssouci" gehörte es auch, dass sich Majestät zwar gern mit gescheiten Gesprächspartnern umgab, aber auch einen Faible dafür hatte, sich auf Kosten Untergebener lustig zu machen. Seinen Günstling und Chef eines Infanterie-Regiments Oberst Karl Gottlieb (Theophil) Guichard, einen hoch gebildeten Mann hugenottischer Herkunft, verhohnepipelte er als "Baron von Wassersuppe". Das Demütigen Guichards erinnert an das Erniedrigen des Historikers Jacob Paul Freiherr von Gundling, den Friedrichs Vater Friedrich Wilhelm I. in Personalunion als Hofgelehrten und als einen manchem gewalttätigen Spaß ausgesetzten Hofnarren beschäftigte. Auch Guichards Baron-Rang war ein schlechter königlicher Witz. Tatsächlich aber war der Verspottete Besitzer eines Gutes in einem Dorf nördlich Rathenows, das noch heute Wassersuppe heißt. Der Flecken liegt nahe von Gemeinden mit nicht weniger frappanten Namen: Nach Kotzen sind es 24, nach Ohnewitz nur zwölf Kilometer.

Guichards Erwerb des Landgutes in Wassersuppe geht eine weniger lustige, eher nachdenklich machende Geschichte voraus. Der belesene, kultivierte Oberst, der
syrisch, chaldäisch und arabisch sprach und in der römischen Geschichte zu Hause war, bewies seiner Umgebung und uns, der Nachwelt, dass hohe Bildung nicht zwangsläufig zu einem hohen moralischen Anspruch führt. Im Gegenteil: Guichard war sich nicht zu schade, Friedrich II. einen dringenden fragwürdigen Wunsch zu erfüllen: die Plünderung des mit zahlreichen Kunstschätzen ausgestatteten sächsischen Schlosses Hubertusburg im heutigen Landkreis Torgau-Oschatz. Nachdem sächsische Truppen im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) das Berliner Schloss Charlottenburg demoliert hatten, befahl Friedrich 1762 aus Rache "das … Lustschloss Hubertusburg von seinen Zierrathen zu entblößen". Diesen Befehl hatte zunächst der General und Kriegstheoretiker Friedrich Christoph von Saldern erhalten. "Aus Gründen der Ehre" widersetzt sich dieser der Order - ein seltener Vorgang im preußischen Militärwesen. Saldern fiel für einige Zeit in Ungnade. Der Vorgang beweist jedoch, dass das Prinzip "Mannesstolz vor Fürstenthron" in Preußen nicht ganz unbekannt war. Guichards Soldaten führten den Verheerungs-Befehl mit Gründlichkeit aus, so dass Schloss Hubertusburg fast zur Ruine geworden sei, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Offensichtlich hatte sich Friedrich das in solcher Konsequenz nicht vorgestellt. "Seine Offiziere haben wie die Raben gestollen", hielt der König nun dem verunsicherten Feingeist Guichard vor. Trotzdem schenkte der Monarch ihm gnädig das demolierte Schloss, und Guichard, nun ein Kriegsgewinnler, machte es zu Geld. Wieder belustigte sich der Potsdamer Hof, denn jetzt hieß es: "Nachdem er … von dem Erlös 100000 Taler an die Lazarettkasse abgeführt hatte, blieb ihm noch soviel, daß er sich dafür eine ‚Wassersuppe' kaufen konnte." Man sieht, dass sich hinter einem zum Lachen reizenden Ortseingangsschild menschliche Abgründe auftun können.

Über den Ursprung des außergewöhnlichen Ortsnamen gibt es unterschiedliche Deutungsversuche. Der glaubwürdigste bezieht sich darauf, dass hier im Elbe-Havel-Einzugsbereich, wo vor 18 000 Jahren die äußersten Zungen weichsel-eiszeitlicher Gletscher zur Ruhe kamen, mehrere Urstromtäler zusammentrafen. Deshalb entstanden hier beim Abschmelzen der Gletscher nasse Bereiche mit zwischengelagerten trockenen Inseln. So liegt der Gedanke nahe, dass Wassersuppe die Verballhornung eines noch unbekannten Begriffes ist, mit dem in früheren Zeiten dieser Ort wegen seines feuchten Untergrundes bezeichnet wurde. Der vor über 550 Jahren urkundlich erstmals erwähnte Fleck liegt am Nordufer des elf Kilometer langen, aber schmalen Hohennauener Sees, der sich, von oben betrachtet, wie ein Seeungeheuer in der Gemarkung aufbäumt. Ein Kanal verbindet ihn mit der Havel. Es gibt einen Bootsverleih und einen Wasserwanderrastplatz. Die Dorfkirche ist ein sehenswerter Backsteinbau mit Fachwerktürmchen. Blickfang des Innenraumes ist ein Kanzelaltar aus der Barockzeit, der 1703 von dem Künstler Johann Christof Richter aus dem Dorf Cammer bei Lehnin geschaffen wurde. Pausbäckige Barockengel blasen kraftvoll Posaune zwischen stilisierten mittelmeerischen Bärenklau-Gewächsen, sogenannten Akanthuswangen. In die Kanzelfelder sind Schnitzfiguren der Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes eingefügt, die angesichts ihrer überschwänglichen Demut aus der Zeit vor Luther stammen dürften.

Nicht selten lassen sich Auto- und Fahrradfahrer am Dorfeingang zu einem Stopp anregen, um das kuriose Ortseingangschild abzulichten. Auch der deutsche Schriftsteller Willibald Alexis (1798-1871) hatte seinen Spaß an dem gemeindlichen Kuriosum. In seinem Roman "Isegrimm", in dem er die märkische Landschaft und die Eigenarten ihrer Bewohner eindrucksvoll und mit Liebe zum Detail schildert, reimt er humorig: "Karpfen reiben ab die Schuppe - / Schwimmen sah man eine Truppe / So zur stillen Dörfergruppe / Hundeluft und Wassersuppe." (Hundeluft liegt rund 100 Kilometer südlich.) Auf Anfrage erklären zu müssen, Einwohner von Wassersuppe zu sein, oder in Husten (im Oberbergischen Kreis) oder in Niesen (bei Höxter) zu wohnen, mag launige Rückfragen einbringen, mit denen man leben kann. Die Adressenauskünfte Leichendorf (bei Nürnberg) oder Sargleben (nahe Ludwigslust) mögen die Befragten vielleicht nicht so ohne weiteres über die Lippen bringen.

Wie man nach Wassersuppe kommt:
Den Ort Wassersuppe, der zur Gemeinde Seeblick gehört, und den Hohenauer See erreicht man von Berlin aus über die Bundesstraße B5. Hinter dem Dorf Pessin beginnt links die Bundesstraße B 188, die fünf Kilometer zu befahren ist. Danach sind die ausgeschilderten Ortslagen Görne und Witzke zu durchfahren. Von Wassersuppe ist der Gülper See im Naturpark Westhavelland ca. zwölf Kilometer entfernt.
Text: -wn- / Stand: 21.06.2014




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