Die Eichen-Titanen von Krügersdorf / Wenn der Häher schimpft

Der Eichelhäher - das ist vielleicht ein komischer Vogel. An einem Herbsttag sitzt Garrulus glandarius, sein lateinischer Name,
Krügersdorfer Eiche
Die "Dicke Eiche" von Krügersdorf im
Brandenburger Landkreis Oder-Spree.
Sie gehört zu fünf Steileichen,
die das Naturdenkmal Krügersdorfer Eichen bilden.
- Foto © -wn-
unsichtbar im Geäst der ältesten Eiche in Krügersdorf im Landkreis Oder-Spree, nicht weit hinter Beeskow. Er bleibt unsichtbar und hält den Schnabel als hätte er einen "operativen Vorgang" zu verfolgen.
Dabei hat er eine solche Zurückhaltung gar nicht nötig, könnte ganz offen von Ast zu Ast springen und auch mit schönen Tönen von sich hören lassen.
Andere Vögel machen es doch auch. Überdies ist er imposant in seinem rotbraunen Federkleid mit den kontrastierenden hellblauen, schwarzgebänderten Flügeldecken. Aber er verlegt sich auf verdeckte Ermittlung. Mit stechenden Augen mustert er stumm, was sich unter ihm tut. Da - auf einmal - sieht er den nichtsahnenden Verfasser dieses Textes heran laufen; da gibt der Häher alle Konspiration auf, fliegt heftig hoch, was nicht der Rede wert wäre. Aber aus dem flüchtenden Vogel bricht nun ein unverhofftes lautes Räätsch, Räätsch, Räätsch heraus, das einen erschreckt, auch weil man in diesem Moment nicht weiß, ob das höchst unangenehme Gekreische alarmierend, mahnend oder sogar höhnisch ist.
Schimpfend fliegt der Häher in ein benachbartes Waldstück, das zwischen zwei Teilen des Dörfchens liegt. Und weg ist er.
Zurück bleibt der wieder ruhig gewordene Eichenhain längs eines Seitenweges, der nahe der Gaststätte Germanisches Langhaus mit ihrer mittelalterlich akzentuierten Erlebnisgastronomie von der Bundesstraße B246 hinein in die Feldflur führt. Die hier wachsenden Sommer- oder Stieleichen (Quercus robur), die bis zu 40 Meter hoch werden können, sind um diese Zeit ohne Laub. Erreicht eine von ihnen tatsächlich das bisher festgestellte Höchstalter von 1400 Jahren, wäre ein solcher Baum so alt wie heute die islamische Weltreligion. Verzückt von solchen bejahrten Riesen war 1797 der Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843).
In seinem Gedicht "Die Eichbäume" nennt er sie "ein Volk von Titanen".
(Ihr) "gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt' und erzog,
und der Erde, die euch geboren".
Keine von ihnen sei "in die Schule der Menschen gegangen".

Eichen ticken anders als Menschen


Je älter Eichen werden, umso würdiger und erhabener erscheinen sie uns Menschen.
Sommereiche / Stieleiche in Krügersdorf
Eine der alten Sommer- oder Stieleichen in Krügersdorf
- Foto © -wn-
Man spürt auch, dass die Spezies eine andere Zeitrechnung hat als wir - eben weil diese Bäume länger zu leben haben, weil ihr Geburtskeim, der Beginn ihrer Fähigkeit zum Vermehren, die Phase energischen Wachstums und der beginnende Verfall sehr, sehr weit auseinander liegen. Zwischen solchen Lebensphasen stiegen Weltreiche auf und gingen wieder unter. Die Krügersdorfer Eichen, von denen einige schon zu beiden Seiten der Anfahrtsstraße stehen - sie ticken anders als unsereins. In ihrem Lebensgang haben Begriffe wie "damals", "vor längerem", "unlängst" oder "vor kurzem" einen anderen semantischen Sinn als wenn diese Wendungen im menschlichen Dasein Ereignisse zeitlich verorten.
Die Zeitstationen eines Baumlebens dehnen sich bei einigen Eichen von Krügersdorf auf bis zu geschätzten 700 Jahren. Wer anschaulich spüren will, wie klein und kurz das eigene Leben im großen Fluss der Zeitläufte ist, der fahre mal hin zu den steinalten Veteranen der Brandenburger Flora und setze sich zu ihnen in ein Verhältnis. Vielleicht kommt man sogar etwas lebensfroher und demütiger von dort wieder zurück. An dem Rastplatz am Landweg steht die dickste im Bundesland vermessene Eiche. Deshalb nennt man sie die "Dicke Eiche". Ihr Stammumfang misst 10,22 Meter (2014). Das Alter wird auf bis zu 700 Jahre geschätzt. Wie eine Schwurhand ragen Stamm und die kräftigen Seitenäste gegen den Himmel auf. Das sieht gewaltig aus. Würde jetzt der Obergrantler des Grimmschen Märchenschatzes, der langbärtige Zwerg aus "Schneeweißchen und Rosenrot" aus dem Knieholz hervortreten oder gar der Holländer Michel aus dem Märchen "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff (1802-1827) - das romantisch-schaurige Ambiente jedenfalls ist vorhanden.
Eichen sind in Deutschland nicht selten.
Stammabschnitt der Krügersdorfer Dicken Eiche.
Stammabschnitt der Krügersdorfer "Dicken Eiche".
In ihrer Jugend war die Rinde glatt und
grau-grün glänzend, später - wie hier -
bildete sie eine dicke graubraune Borke mit langen Rissen.
- Foto © -wn-
Im Flach- und Hügelland haben sie einen Anteil von neun Prozent am Baumbestand und sind nach den Buchen die verbreiteteste Laubbaum-Gattung. Im literarischen Leben erscheinen sie als Inbegriff von Standfestigkeit, Kraft und Stärke, und sie gingen deshalb in die deutsche Mythologie und in den Volksglauben ein. Auch im trivialen Schriftgut ist von ihnen oft die Rede. "So fest wie Deutschlands Eichen steh'n, / Steh'n wir bis wir zu Grabe geh'n!" heißt es 1848 in einem der meist in Stammtischnähe hergesagten Verse. Diese anhaltende Zuneigung hielt in den vorigen Jahrhunderten die deutsche Waldwirtschaft nicht davon ab, zu Lasten von Buche und Eiche schnellerwüchsige Nadelbäume aufzuforsten. "Und während im Kernland der altdeutschen Wälder ausgedehnte, profitable Tannen- und Lärchenforste heranwuchsen, wurde (hingegen) Deutschlands kulturelle Phantasie intensiv mit den Eichenhainen der fernen Vergangenheit aufgeforstet", schreibt mit ironischem Unterton der britische Professor für Kunstgeschichte Simon Schama (geb. 1945) in seinem Buch "Der Traum von der Wildnis". Auch der Schriftsteller Hermann Hesse (1877-1962) hält am Mythos der Eiche fest. Ja, er sah in alten Bäumen sogar "die eindringlichsten Prediger". Gerade das entrückte Alleinsein mancher Eichen beeindruckte ihn sehr. So formulierte er: "Und noch mehr verehre ich sie, wenn sie einzeln stehen. Nicht wie Einsiedler, welche aus irgendeiner Schwäche sich davon gestohlen haben, sondern wie große vereinsamte Menschen, wie Beethoven und Nietzsche. In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen; allein sie verlieren sich nicht darin, sondern erstreben mit aller Kraft ihres Lebens nur das Eine:
ihr eigenes, in ihnen wohnende Gesetz zu erfüllen, ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen."

Eichenverehrer Friedrich II. lobt seinen Vater


Nichts anderes tut sich in Krügersdorf. Die "Dicke Eiche" ist ein solcher Einzelgänger, ein sogenannter Überhälter, wie der Wald-, Feld- und Wiesen-Poet Hermann Löns (1866-1914) die vor dem Holzeinschlag bewahrten und alt gewordenen Bäume nannte.
300jähriger Olivenhain
Ein 300jähriger Olivenhain im Garten des
Wohnhauses des französischen Malers
Pierre-Auguste Renoir (1841-1919) in
Cagnes sur Mer in der südostfranzösischen
Region Provence-Alpes-Côte d'Azur
- Foto © -wn-
Die Einsamkeit hat sicher dazu beigetragen, dass dieser größte und stärkste Baum des Waldes mit seinen oft von Misteln umrankten Ästen auch heute noch ein Symbol deutscher Nationalität ist. Es sind die Reste früherer massiver Verzückung, die von solchen Baumgreisen ausging. Ja, sie wurden sogar als heilig verehrt und angebetet. Bei den alten Germanen war die Eichenverehrung bis zur Christianisierung besonders verbreitet. Der Literarhistoriker August Henneberger (1821-1866) beschreibt eine "große Eiche" in Grunow im Landkreis Märkisch-Oderland, "wo die heidnischen Preußen ihren Götzendienst (hatten)".
Man liest: "Diese teuflische Eiche ist gewesen 6 Ellen (ca. 4 Meter) dik oben sehr breit und so deicht (dicht), dass weder Regen noch Schnee hat hindurch kommen können.
Denn sie hat auch im Winter ihr Laub behalten und ist grün geblieben". Bereits in der Zeit Karls des Großen (747 od. 748-814), der den christlichen Glauben im Fränkischen Reich verbreiten und festigen wollte, wurde es in den Königsgesetzen (Kapitularien) bei Strafe verboten, imposante Baumriesen, reißende Flüsse oder Steine größeren Ausmaßes anzubeten. Verboten war an diesen Orten das Opfern von Tieren oder Aufstellen geweihter Kerzen. Solcher "Eichbaum-Frevel" wurde sogar mit dem Tode bestraft. Aber als Lieblingsbaum des deutschen Volkes überdauerte die Eiche bis heute. Die Verehrung spielte sich allerdings meist im Bereich des Metaphorischen ab. Von der Verbundenheit mit diesem Baum war selbst Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) erfasst. Er bringt seinen Vater Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) überaus liebedienerisch mit dem Baum in Verbindung - also den Vater, der ihn so oft prügelte, in jeder Weise beleidigte und ihn nach dessen Fluchtversuch sogar aufs Schafott bringen wollte. In den "Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg" schreibt der alt gewordene Fritz in epochaler Selbstverleugnung: "Wenn es wahr ist, dass wir den Schatten der Eiche der Kraft der Eichel verdanken, die den Baum sprossen ließ,
toter Baum
Tod eines Baumes im Buchenwald am
Ostufer des Großen Stechlin - Foto © -wn-
so wird die ganze Welt darin übereinstimmen, dass in dem arbeitsreichen Leben dieses Fürsten (seines Vaters, des "Soldatenkönigs") und in der Weisheit seines Wirkens die Urquellen des glücklichen Gedeihens zu erkennen sind, dessen sich das königliche Haus nach seinem Tode erfreut hat."
Es ist auch aus anderem Grund beeindruckend, heute vor den zeitgereiften Baumriesen im Landkreis Oder-Spree zu stehen und dabei zu bedenken, dass etwa 25 Menschengenerationen vergingen, seit jene Eicheln zu Boden fielen, aus deren Keimen schließlich die Bäume bis zur heutigen Größe heranwuchsen. Wann aus einer windbefruchteten weiblichen Blüte jene keimende Eichel wurde, die ihr Würzelchen ins Erdreich stieß, und aus der sich über die Jahrhunderte die Krügersdorfer "Dicke Eiche" hervortat - das lässt sich erst sagen, wenn man eines Tages die Jahresringe zählen kann. Annehmen kann man, dass der Keim der Krügersdorfer "Dicken Eiche" begann, die die Höhe zu wachsen
  • als sich der venezianische Reisende und Kaufmann Marco Polo (1254?-1324) - jedenfalls nach eigener, letztlich unbewiesener Darstellung - am Hof des Mongolenherrschers Kubilay Khan (1215-1294) aufhielt,
  • als in Europa das Schießpulver bekannt wurde. In einer englischen Handschrift von 1326 aus Oxford ist eine solche damals neuartige Waffe abgebildet.
  • als der tschechische Prediger und Universitätslehrer Jan Hus (geb. 1415) am 6. Juli 1415 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde,
  • als der italienische Dichter und Humanist Giovanni Boccaccio (1313-1375) seine ausgedachten oder tatsächlichen Amouren mit Frauen erlebte und aufschrieb,
  • als die französische Nationalheldin Jeanne d'Arc (Johạnna von Orléans, Jungfrau von Orléans 1412-1431) lebte,
  • als Johannes Gutenberg (zwischen 1397 und 1400-1468) den Buchdruck erfand,
  • als der genuesischer Seefahrer Christoph Kolumbus (1451-1506) Amerika entdeckte und
  • als der Reformator Martin Luther (1483-1546) am 31. Oktober 1517 mit seinen 95 Thesen zum Ablass an die Öffentlichkeit trat. Er schlug den Text, heißt es, an die Tür der Wittenberger Schlosskirche an und löste damit ein europaweites religiöses Umdenken aus, das man seitdem die Reformation nennt.
  • Verkehrsinformation:
    Von Berlin aus fährt man mit dem Auto auf der Autobahn A10 zum Abzweig zur Autobahn A12 Richtung Warschau (Warszawa) und biegt in diese ein. Die Autobahn A12 verlässt man an der Abfahrt Storkow und befährt die Landstraße L23. In Storkow biegt man links in die Bundesstraße B246 ein. Die Route verläuft auf dieser Bundesstraße durch Beeskow in Richtung Krügersdorf. Zu den alten Eichen muss man im Ortsbereich Krügersdorf auf einen Wegehinweis achten und links abbiegen. Es gibt einige Parkmöglichkeiten. Text: -wn- / Stand: 19.02.2016


  • Ausflugstipps für den Landkreis Oder-Spree
  • Tempelberg in der Gemeinde Steinhöfel
  • Panzerfahren in Steinhöfel
  • Wandern im Schlaubetal
  • Gewässer
  • Seen

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