Das Kloster-Stift Neuzelle an der Oder: Ziemlich frühe Ökumene

Die Gewissheit des israelitischen Königs und vormaligen Steinschleuder schwingenden Goliath-Besiegers David in einem alttestamentarischen Psalm,
Stiftskirche St. Marien in Neuzelle
Die Stiftskirche St. Marien in Neuzelle (Aufnahme vom
Frühjahr 2012); die Restauration ist noch nicht abgeschlossen.
Foto © -wn-
wonach der christliche Gott "mein Schutz (ist), dass ich nicht fallen werde", wird von der an blutigen Umstürzen reichen Geschichte des Kloster-Stifts Neuzelle an der Oder nicht bestätigt. Zu sehr haben Krieg und Mord und Totschlag dieser Abtei auf ihrem der Oderniederung zugewandten Plateau zugesetzt, ohne dass dem göttlicherseits Einhalt geboten worden wäre. Geschichte war auch hier, was sie immer war: eine kaum wägbare Abfolge friedlicher Verrichtungen unterbrochen von unerwartet grauenvollen Ereignissen. Attacken und Plünderungen brachen über das Kloster in den Jahrhunderten seines Bestehens herein. Als die Niederlausitz schließlich durch Beschluss des Wiener Kongresses 1815 preußisch geworden war, und als es in der Zeit der Stein-Hardenbergischen Reformen wieder mal spürbar friedlich wurde, kam für diese Insel des Katholizismus nach - sage und schreibe - fast 550 Jahren das Aus, zumindest für den Betrieb des Klosters. Zwei Kirchen blieben offen, die größere für die Katholischen, die kleinere für die Protestanten.
Adresse:
Stiftung Stift Neuzelle
Stiftsplatz 7
15898 Neuzelle
Telefon: 033 652/ 81 40

Führungen im Klosterstift Neuzelle:


Samstags, Sonntags um 14 Uhr

Preise für Führungen im Klosterstift Neuzelle:


Unter 11 Personen = 60 EUR
Ab 11 Personen = 6 EUR/Person / ermäßigt 5,50 EUR/Person
Ab 21 Personen = 5 EUR/Person / ermäßigt 4,50 EUR/Person
Ab 31 Personen = 4 EUR/Person / ermäßigt 3,50 EUR/Person

Weitere Führungen:
Kreuzgangführung, Kirchenführung, Gartenführung

Die Geschichte des Kloster-Stift Neuzelle


Das spielte sich ab zwischen dem heutigen Eisenhüttenstadt im Norden und dem südlichen Guben. 1987 schreibt ein Reporter: "Man ist fast an der polnischen Grenze,
aber nicht ganz. Dort, in einer sanften, vergessenen Hügellandschaft, … dort also ist Neuzelle gelegen." Der katholischen Stiftskirche, ein dreischiffiger Hallenbau, der evangelischen Pfarrkirche "Zum Heiligen Kreuz", eine dreischiffige Pfeilerhalle, dem Klausurgebäude sowie der Orangerie im barocken Klostergarten sieht man heute das Auf und Ab der Geschichte nicht an - zumal gerade (2012) eine auf beeindruckende Renaissance angelegte Restauration sichtbare Formen annahm. Das von weißen Flächen durchsetzte dunkle Honiggelb der Gebäudewände leuchtet besonders an Sonnentagen wie ein toniges van-Gogh-Gemälde gegen den blauen Himmel und verbreitet eine Stimmung wie sie etwa Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) in seiner gefühligen Farbenlehre diesem Kolorit beimisst. Es führe in "höchster Reinheit immer die Natur des Hellen mit sich und besitzt eine heitere, muntere, sanft reizende Eigenschaft". Und so wie es Goethe empfindet, so ist es selbst wenn dicke Wolken die Oder verdüstern. So heiter und einnehmend das katholische Gotteshaus auch wirkt - Gottes Wohlgefallen bekommt man Berichten zufolge in seinem Inneren kaum geschenkt, weil hier nicht Martin Luthers (1483-1546) Denkart vorherrscht, die jedem Menschen die Gnade des obersten Weltenschöpfers vorbehaltlos zusichert, ohne dass man dafür bezahlen oder sich in den Staub werfen muss. Im Breslauer "Schlesischen Kirchenblatt" berichtet am 15. Januar 1853 der langjährige Neuzeller Dekanatserzpriester Florian Birnbach (1801-1873) von einer Pilgerfahrt von 36 Kindern aus dem umliegenden Oderland, die am Dreikönigstag (6. Januar) "auf sandigen Wegen (und) durch öde Kiefernwälder, durch Städte und Dörfer" nach Neuzelle gewandert waren. Der Priester will die Seelenlage der Kinder so wahrgenommen haben: "Am liebsten gehen sie in die Kirche, liegen dort Stunden lang auf ihren Knien, beten den an, welchen ihre Seele liebt, und beschämen durch ihre tiefe kindliche Frömmigkeit so Manchen, … der vergessen hat, vor Jesus seine Knie zu beugen". Es darf bezweifelt werden, dass hier eine Aufwuchs junger Menschen gelang, denen späterhin die "Freiheit eines Christenmenschen" (Marin Luther) etwas bedeutete.

Zurück in die Geschichte: Heinrich III., Markgraf von Meißen, den man den Erlauchten nennt (1216-1288),
Barock-Garten Neuzelle
Blick auf einen Teil des um 1760 errichteten Barock-Gartens.
Seine Wiederherstellung wurde 1997 von der Stiftung Stift
Neuzelle in Angriffgenommen. Die Wege- und
Wasseranlagen, die steil abfallenden Terrassen, die
Orangerie sowie Teile des historischen
Pflanzenbestandes konnten erhalten werden.
Foto © -wn-
hatte den benediktinischen Reformorden der Zisterzienser mit ihrem neuartigen Wahlspruch Ora et Labora (Bete und Arbeite) dafür interessiert, sich am Ufer der Oder anzusiedeln. Stifter Heinrich wollte die von ihm finanzierte Klostergründung von 1268 seiner verstorbenen zweiten Frau, der böhmischen Premysliden-Tochter Agnes von Böhmen (1230-1268), widmen. Der Grundgedanke des Neuzeller Projektes war eher wirtschaftlicher Natur. Heinrich baute auf die benediktinische Verbindung von geistlichem Leben und praktischer Arbeit, bei der ein landwirtschaftlicher Musterbetrieb entstehen sollte. Dabei war klar: Es würde um wesentlich mehr zupackendes Labora als um kontemplatives Ora gehen, denn die unwirtliche Gegend bedurfte eines mühseligen Urbarmachens. Der Chronist und Apostolische Vikar Laurentius Mauermann (1780-1845) schreibt in seiner 1840 erschienenen Chronik "Das fürstliche Stift und Kloster Neuzell", die Klosterbrüder und ihre bäuerlichen Untertanen hätten "Berge und Hügel geebnet, sandige und unfruchtbare Gegenden urbar gemacht, Moräste und Sümpfe ausgetrocknet, (diese) zu schönen Wiesenfluren umgewandelt, und so das Besitzthum der Stiftung nach und nach zu einer der schönsten und angenehmsten Gegenden der Niederlausitz (umgeschaffen)". Die Mönche hätten überdies den Bauern, die "während des durch die Kreuzzüge emporgewachsenen Faustrechts nirgends mehr eine Scholle fanden, die (sie) in Ruhe bebauen konnten, ganze Walddistrikte zur Urbarmachung" bereit gestellt. Man ging auch daran, etwas gegen die regelmäßigen Überschwemmungen zu tun und ließ stattliche Uferdämme errichten. Denn man hatte die Gefährlichkeit der Oder erkannt. In einer Urkunde heißt es: "Leider hatte bisher dieser Strom in älteren Zeiten einen ganz wilden, unbegränzten Gang angenommen, der theils durch die Wehre, theils durch die angelegten Mühlen, bei kleinerem und mittlerem Wasser so eingeschränkt (verlangsamt) war, dass die Niederung bei dem Stifte Neuzell … bei anwachsendem Wasser allen Ergießungen desselben bis an die Anhöhen der Berge ausgesetzt war."

Das Leben im Kloster-Stift Neuzelle:


1429 kommt es zur ersten Zäsur im Klosterleben: Die in die Lausitz eingefallenen Hussiten ermorden aus religiösem Hass die meisten Geistliche des Klosters.
Barock-Garten Neuzelle
Blick auf die barocke Stiftskirche St. Marien
vom Neuzeller Brauhausplatz aus gesehen.
Seit der Auflösung des Klosters 1817 wird
die Stiftskirche als Katholische Pfarrkirche genutzt.
Foto © -wn-
Es wird ausgeraubt und verwüstet. Schwer zu begreifen ist bis heute diese hussitische Grausamkeit und Plünderungswut und andrerseits das eigentliche hussitische Ansinnen, das Streben nach einem gerechten, dem Urchristentum anverwandten Leben ohne eine aufgeblähte Kirchenhierarchie. Die nächste reformerische Bewegung geschichtlichen Ranges, die auf das Kloster trifft, ist - zumindest hier - friedlicher Art: Die von Martin Luther ausgelöste Reformation, mit der der Reformator alles andere als eine Kirchenspaltung auszulösen beabsichtigt hatte. Kloster Neuzelle bleibt konfessionell was es war, und die Berichte sprechen dafür, dass religiöse Kämpfe mit den im Umland wohnenden Protestanten nicht ausbrachen. Trotz der unterschiedlichen Glaubensbekenntnisse nimmt das alljährliche Neuzeller Fronleichnamsfest am ersten Sonntag nach Pfingsten und die Prozession um den Stiftsteich mit geweihter Hostie in der mitgeführten Monstranz nachgerade vorökumenische Züge an. "Dieses Fest war, bis zur Aufhebung des Klosters, ein wahres Nationalfest, an welchem selbst die protestantischen Unterthanen des Stifts warmen Antheil nahmen", heißt es in der Chronik. Mehr noch: Unter dem Baldachin, welchen die protestantischen Rathsherren der Stadt Fürstenberg (Eisenhüttenstadt) zu tragen sich's zur Ehre rechneten, schritt … der (katholische) Prälat langsam einher". Alle hätten sich "mit Ruhe und Anstand (bewegt), wie dieses gesittete Menschen wohl stets zu thun pflegen, die auch den Glauben Anders-Gesinnter zu würdigen verstehen". Für die geistige Weite unter den Neuzeller Klosterleuten spricht auch, dass z.B. der Stifts-Kanzler (oberster Verwalter) Anton Hochauf (gest. 1808) "als großer Kenner und Verehrer der Cabala (der jüdischen Mystik Kabbala) in der ganzen Gegend bekannt war" und bei jedermann Ansehen genoss, besagt die Quelle.

Auch der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) setzt dem Kloster wiederum zu. Als 1652 der zuvor geflüchtete Abt Bernardus ins Kloster zurückkehrt,
Putte an der Stiftskirche Neuzelle
Eine der Putten an der Stiftskirche
Foto © -wn-
findet er "alle Stiftsbesitzungen in einem sehr zerrütteten Zustande" vor. In den Dörfern im Umkreis kamen viele Menschen ums Leben. In der Stiftskanzlei listen die Mönche später auf: "In Summa also (gibt es nach dem Krieg) 257 Bauern, 339 Koßäten (Nebenerwerbslandwirte) und 23 Häusler (Kleinstbauern mit eigenem Haus) weniger".

Genau 300 Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag an der Tür der Wittenberger Schlosskirche, erscheint am Mittag des 26. Februar 1817 eine Kommission der preußischen Provinzialregierung Frankfurt/Oder unter Leitung des Regierungsrates Friedrich Bernhard Freiherr von Seckendorf (1772-1852) und verkündet den Zisterziensern die Aufhebung des Klosters. Bereits 1810 hatte der preußischen König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) entschieden, "dass alle Klöster und Stifte nunmehr als Staatsgüter zu betrachten seien". Doch Friedrich Wilhelm, bekannt für Ängstlichkeit und Vorsicht, hatte nicht vor, den Neuzeller katholischen Geistlichen abrupt den Stuhl vor die Tür zu setzen. Die Schließung des Klosters vollzog sich, indem der letzte Abt Paul Optatus (1746-1819) dem Regierungsrat von Seckendorf Ring, Brustkreuz, Siegel und Schlüssel aushändigte. Er bekam Ring und Kreuz jedoch sofort zurück mit dem Bemerken, dass "des Königs Majestät dem Abt vergönne, diese Zeichen seiner persönlichen Würde lebenslänglich zu tragen". Die Mönche erhielten Handgelder, um sich "bürgerliche Kleidung" zu beschaffen. Paul Optatus wurde mit einer jährlichen Pension von 3000 Talern bedacht. Die Stiftskirche stand den katholischen Gläubigen weiter zur Verfügung. Dem König, der gerade die evangelischen Christen der lutherischen und der reformierten (calvinistischen) Richtung zu den unierten "Evangelischen Kirchen in Preußen" zusammengezwungen hatte, wurde später mitgeteilt, die Neuzeller Geistlichkeit habe beim Säkularisieren keine Schwierigkeiten gemacht. Das neu gebildete preußische Stift Neuzelle, in das der Klosterbesitz aufging, bestand bis 1955 als Forst- und Domänenverwaltung und wurde schließlich verstaatlicht.

Es kommt zu einer erstaunlichen Mehrfachnutzung des ehemaligen Klosters. Nun residiert hier ein Institut für Lehrerbildung sowie eine Ausbildungsstätte
Klosterbrauerei Neuzelle
Ein Gebäude der Neuzeller Klosterbrauerei
am Brauhausplatz / Foto © -wn-
für Parteikader höherer Ränge. Nebenan wird auf kleinerer Fläche im katholischen Seminar Priesternachwuchs ausgebildet, und in Paul Optatus' ehemaligem Quartier wohnt der evangelischen Pfarrer des Ortes. Im Haus zieht eine Gedenkwand mit dem Bild des ermordeten KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann (1886-1944) die Blicke der Eintretenden auf sich. Die von oben angeleuchtete und mit Blumen geschmückte Installation ist flankiert von einer roten und einer schwarz-rot-goldenen Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Davor steht ein mit blauem Tuch gedeckter Tisch, auf dem eine Zeit lang ein Foliant liegt, in dem Studenten nicht nur ihre Liebe zum pädagogischen Beruf bekunden, sondern sich verpflichten, im Thälmannschen Geist höchste Studienergebnisse anstreben zu wollen. Ein ZEIT-Reporter, den es 1990 an die Oder verschlug, nannte die noch nicht entfernte Installation den Neuzeller Ernst-Thälmann-Hausaltar. Das schien etwas weit hergeholt. Aber je länger man es bedachte, umso plausibler erschien die zugespitzte Wortwahl. Mit größer werdendem Zeitabstand zum Herbst 1989 erschien es immer naheliegender, endlich zu begreifen, dass die Theorien des bedeutenden deutschen Philosophen und Privatgelehrten Karl Heinrich Marx (1818-1883) nicht von einer "führenden Partei", sondern von einer sich atheistische gebärdenden pseudoreligiösen Organisation zur Grundlage staatlichen Handelns gemacht worden waren. Und wahrlich: Es gab das gedruckte Heilige Wort der Partei, die zu Apokryphen erklärten, verschwiegenen Texte, die von der Parteilinie abwichen, es gab kultisch verehrte Führer, Mahnreden in Richtung der Zweifler, einen versprochenen paradiesischen Endzustand, zehn Gebote und Strafen bei sündhaftem Verhalten. Das im ideologischen Kampf gegen die Christen aller Couleur absichtsvoll verkürzt benutzte Marx-Zitat von der Religion als "Opium des Volks" wurde unter solchen "religiösen" Umständen mit einem Mal in den Rang einer bedenkenswerten Erkenntnis erhoben.

Wie man nach Neuzelle kommt:
Mit dem Auto ist es von Berlin aus naheliegend, die Autobahnen A10 und später A12 Richtung Frankfurt/Oder zu benutzen. An der Abfahrt Frankfurt/Oder Süd fährt man auf die Bundesstraße B112 (Eisenhüttenstädter Chaussee), durchfährt Eisenhüttenstadt und ist nach weiteren neun Kilometern in Neuzelle.
Alles Nähere kann man unter der Internet-Adresse www.stift-neuzelle.de erfahren.
Text: –wn- / Stand: 19.05.2014



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